1967

Spielzeug, Kinderbeschäftigung und Jugenderinnerung, kulturhistorisches Gut und Sammelobjekt

Robert Schiffmann

Spielzeug als Kinderbeschäftigung
Unsere Überlegungen gehen vom Spielzeug aus, fassen dann seine kleinen Besitzer ins Auge und schließlich die Art und Weise, wie sie damit spielen.

Spielzeug ist für Kinder die Welt im Kleinen oder eine kleine Welt um sie herum. Beinahe jeder Gegenstand der Großen taucht hier en miniature auf, sei es als getreue Kopie, dem sogenannten «Modèle réduit», sei es in stilisierter Verkleinerung, farbenfroh und leicht zu handhaben. In der Beschäftigung mit seinem Spielzeug setzt sich das Kind mit seiner Umwelt auseinander, entwickelt Verstand und Gemüt und findet Trost in seinen kleinen Kümmernissen. Kein Wunder, daß die Psychologen das Spielzeug in ihre Betrachtungen einbeziehen.

Wir Eltern wissen alle, daß es gutes und weniger geeignetes Spielzeug gibt. Manchmal wird dies beim Kauf zu wenig berücksichtigt; enttäuscht sehen wir dann einen teuren Gegenstand nach kurzem Gebrauch beiseite gelegt und die Beschenkten zu den abgenutzten Spielsachen zurückkehren, die wir gerade zu ersetzen hofften. Was bevorzugt wird, sind durchwegs Dinge, die die kindliche Phantasie anregen. Den Knaben fesseln Baukästen mit Elementen aus Holz oder Stein, Metall oder Plastik. Es fällt auf, daß die reich illustrierten Vorlagen bald von eigenen Entwürfen verdrängt werden. Statt Häuser und Dörfer entstehen Autobahnen, statt Türme und Brücken gar Imitationen bekannter Bauwerke, des Basler Münsters etwa. Eine solche Nachbildung durften wir vor einiger Zeit besichtigen. Der junge Baumeister war oft auf den Münsterhügel gepilgert, um dem Original möglichst viel abzusehen.

Als Ergebnis stand ein großes Gebäude vor uns. Die Steine hatten nicht ausgereicht, der Bau blieb unvollendet; um so mehr erzeugte er die Illusion, eine Phase vom Wiederaufbau des Münsters nach dem großen Erdbeben von 1356 wiederzugeben. Ist der Holz- oder Steinbaukasten verhältnismäßig konservativ, so wecken Metall oder Plastik eher das technische Verständnis. Was ist nicht schon alles von Knaben aus diesen gelochten Stäben und den dazu passenden Rädern und Stangen angefertigt worden! Kran und Rennwagen, Flugzeuge und Raketen sind nur Beispiele für ihre Versuche, den Fortschritt um sie herum nachzuahmen - oder vorwegzunehmen. In gleicher Richtung wirkt die Beschäftigung mit der Modelleisenbahn. Die Zauberwelt des noch immer wichtigen Verkehrsmittels hat Kinder - und nicht nur sie - von jeher begeistert.

Als noch die große Spur I (4,5 cm) üblich war, entzündete sich das Interesse vor allem daran, neue Schienenwege zusammenzustellen. Im Vergleich zu den heutigen HO-Sortimenten boten die altmodischen Bahnen vom Zubehör her nur wenig Möglichkeiten. Da mußte schon improvisiert werden, um die gewünschte Abwechslung zu erzielen. Mit unterlegten Bauklötzen wurde versucht, die maximale Steigung herauszufinden. Kaum hatte der Zug dieses Hindernis überwunden, verschwand er in einem herrlich langen Tunnel, dem freien Raum unter den Betten der Eltern, der bis auf Ein- und Ausgang mit Tüchern abgesperrt wurde. Am schönsten war es aber, wenn die Anlage im Freien aufgestellt werden durfte. Wer eine mit Spiritus betriebene Dampflokomotive besaß - ein seltenes Glück für Knaben —, erlebte etwas ganz Besonderes. Bis heute sind uns die Sonntage unvergeßlich, an denen wir unsere Bahn im Wald neben einem kleinen Bach in Gang setzten. Ein Brett diente als Brücke, die Schienen waren rasch montiert. Man stelle sich das Bild unseres Zuges vor, wie er schnaufend und zischend über den gestauten «Strom» fuhr, vorbei an moosbedeckten Bäumen. Verbrannte Finger wurden da gern in Kauf genommen. Leider gehört diese Romantik weitgehend der Vergangenheit an. Der technische Fortschritt hat auch vor der Spielzeugeisenbahn nicht haltgemacht. Was heute auf diesem Sektor angeboten wird, spiegelt möglichst getreu die großen Vorbilder wider. Modelle europäischer und amerikanischer Luxuszüge fahren auf schmalen Schienensträngen durch vorfabrizierte Landschaften und künstliche Berge, vorbei an fertiggekauften Dörfern, über eingebaute Straßen mit Autos und Trams. Ferngesteuerte Signale und vollautomatische Barrieren sichern ihren Weg von Station zu Station. Hinter Schaufenstern und in so manchem Kinderzimmer feiert der Perfektionismus Triumphe. Soll man diese Entwicklung bedauern?

Aus der Welt des «männlichen» Spielzeuges führt meist nur ein kleiner Schritt in die «frauliche» Welt, in die der Puppen. Sie erfreut sich bei den Mädchen großer Beliebtheit, einmal, weil man da so schön «Muetterlis» spielen kann, dann, weil sie zahlreiche Kombinationen und Improvisationen erlaubt. Auch hier gelten also die Feststellungen, die wir unseren Ausführungen vorangehen ließen. Je feiner der Gegenstand, desto weniger Interesse erweckt er auf die Dauer. Der vom «Zahn der Zeit», vielleicht auch vom Hund, angenagte Teddybär wird häufig der prachtvollen Puppe mit glänzendem Porzellankopf und beweglichen Augen vorgezogen. Die «schöne» Puppe ist zu schön für das kindliche Spiel. ähnliche Reaktionen zeigen sich gegenüber dem reichen Angebot an Zubehör. Was aus dem mütterlichen Haushalt an Stoffresten in die Puppenstube wandert, was das Mädchen selbst daraus anfertigt und dem Puppenkind anzieht, wird mehr geschätzt. Der mit Spiritus oder mit kleinen Holzscheiten, ja sogar mit Leuchtgas betriebene Kochherd durfte einst in keinem Kinderhaushalt fehlen. Wenn er seit geraumer Zeit nicht mehr so häufig angetroffen wird, so mag das daher rühren, daß er - wie die Dampfmaschine des Knaben — nicht ungefährlich ist. Ebenso sehr dürfte aber der Wandel des Geschmackes mitspielen. Das zeigt sich nicht nur in der Welt der Puppen, die wir jetzt verlassen wollen. Denken wir etwa an die Aufklebebilder, die noch vor wenigen Jahrzehnten ein begehrtes Tauschobjekt der Kinder waren. Wie eifrig bemühten sich die Mädchen, kleine Alben mit diesen Bildern zu füllen — welch schöne Zusammenstellungen von Blumen, Engeln und Tieren wurden so geschaffen. Heute ist dieser Zeitvertreib kaum noch anzutreffen.

Dagegen haben Buntstifte, Zeichen- und Malgerät allgemein die Zeiten besser überstanden. Nach wie vor sind sie ein treffliches Mittel, Kinder sinnvoll zu beschäftigen. Es soll hier nur das Beispiel einer Mutter erwähnt werden, die ihrer Tochter ein leeres Buch übergab und sie aufforderte, die 7 Streiche von «Max und Moritz» in Tusche zu zeichnen, mit Wasserfarbe auszumalen und die passenden Verse hinzuzuschreiben. Das Mädchen schuf mit viel Geschick und Ausdauer ein kleines Kunstwerk und offenbarte hier erstmals eine starke Begabung, die in ihrem späteren Leben im Dienste der Kranken sinnvolle Anwendung fand.

Nicht aus der Welt des Kindes sind die Kinderbücher wegzudenken, obwohl sie nicht eigentlich als Spielzeug betrachtet werden können. Sie sind ein unschätzbarer Beitrag zur Beeinflussung des Kindes und werden gerne zu seiner Erziehung herangezogen.

Den leicht verständlichen «Helgenbüchern» für die ganz Kleinen und den mit Versen versehenen bildlichen Darstellungen vorwiegend aus der Natur, folgen dem Alter des Kindes entsprechend Märchen und Erzählungen sowie Tierfabeln. Weit verbreitet sind auch die vielfach moralisierenden Kinderbücher in der Art des «Struwwelpeters» von H. Hoffmann oder der altbekannten Bilderbogen eines W. Busch und anderer. Diese Kinderbücher liegen wie die Bücher für Erwachsene in einfachen wie auch in kostbaren, kolorierten Ausgaben vor.

Haben wir das Spielzeug auf seine Eignung hin untersucht, es dem technischen Fortschritt angepaßt und der Mode unterworfen gesehen, soll uns nun das Kind stärker interessieren, das sich mit ihm beschäftigt. Von jeher versuchten die Fabrikanten, der Eigenart ihrer kleinen Kunden entgegenzukommen. Der technisch interessierte Knabe oder das mehr auf die Welt der Mutter ausgerichtete Mädchen steht ihnen vor Augen. Daß auch der kleine Junge die Puppe manchmal in sein Spiel einbezieht oder die Schwester die Eisenbahn erobert und für einige Zeit eifrig benutzt, mag nur ein Hinweis sein, daß die beiden Welten in Wirklichkeit nicht so streng getrennt sind. Viel stärker drükken sich die Charaktere im Spiel aus.

Da finden wir das Kind, dem erst ein vollständig zerlegtes Spielzeug — sei es ein Auto, eine Dampfmaschine oder eine Puppe — richtige Befriedigung gibt, obwohl diese Objekte gar nicht zum Auseinandernehmen bestimmt sind. Im günstigen Falle besitzt unser «Anatomiestudent» Geschwister, die dem entgegengesetzten Typus angehören und die Einzelteile wieder zusammenfügen.

Der Bastler freut sich, wunderbare Modelle aus Karton oder Plastik oder zu vorhandenen Bildchen den fehlenden Guckkasten anzufertigen. Auf seiner Linie liegen die Konstruktionen, von denen wir eingangs gesprochen haben.

Häufig unter den Bastlern, daneben aber auch als Sondertypus, treffen wir Kinder, die mit Spielsachen besonders sorgfältig umgehen. Man kann ihnen alles anvertrauen, die hauchdünnen Zinnfiguren oder feines Porzellangeschirr, kurz Objekte, die sonst nur durch die Hände Erwachsener gehen.

Es ist nicht unsere Aufgabe, allen Ausprägungen des menschlichen Charakters bei Kindern nachzugehen. Wichtig scheint uns viel mehr der Hinweis, daß sie sich im Spiel enthüllen und bis zu einem gewissen Grade auch durch Spielen beeinflußt werden können, weniger im Sinne des Unterdrückens unerwünschter, denn in der Förderung guter Eigenschaften. Deshalb sollen wir das Spiel unserer Kinder ernst nehmen. Intensive Beschäftigung mit Spielzeug entspricht konzentrierter Arbeit bei Erwachsenen. Von der «Arbeit» von einem Augenblick auf den andern weggerufen zu werden, ist für jeden Betroffenen ärgerlich, also auch für das Kind.

Auch haben es die Kinder, welche nie richtig spielen gelernt haben, sich also nicht auf diese natürliche Art und Weise in Ausdauer und Konzentration üben konnten, später schwerer als andere, die sich diese Voraussetzung erfolgreichen Arbeitens beim Spielen aneigneten.

Spielzeug als Jugenderinnerung
Wenn mit Spielsachen Jugenderinnerungen verbunden sind, liegen ganz andere Bindungen vor, als es bei Kindern der Fall sein kann. In den Jahren zwischen Kindheit und Gründung der eigenen Familie verblaßt zunächst die Erinnerung an das, was einem damals so sehr beschäftigte. Spielen als «Arbeit» weicht der Arbeit für Schule und Beruf, die durchaus nicht immer spielerisch gemeistert wird. Die kostbar gewordene Freizeit gehört neuen Interessen. Unter ihnen taucht von einem gewissen Alter ab der Zug zum anderen Geschlecht auf, der allmählich in den Vordergrund rückt und dafür sorgt, daß wir früher oder später wieder mit Spielzeug zu tun bekommen. Zuerst steht man gerührt am Bett des Buschis und sieht es zu seinem und unserem großen Vergnügen eine Rassel betätigen. Bald aber geht der Sprößling zu andern Gegenständen über.

Vielleicht sind es die eigenen Spielsachen, die lange Jahre auf dem Estrich verstaubten und nun wieder zu Ehren kommen, vielleicht Geschenke, die nur den Kindern Freude machen sollten und die uns unwillkürlich zu einem Vergleich herausfordern; es mag auch die Frage der Kleinen sein, womit wir denn gespielt hätten, oder der Zufall, der uns in eine Ausstellung von altem Spielzeug geführt hat.

Auf einmal fühlen wir uns in die eigene Kindheit zurückversetzt. Erinnerungen an längst vergessene Dinge und Begebenheiten werden wach. Empfindungen regen sich, die wir in unserem Alter nicht für möglich gehalten hätten. Wir sehen uns wieder im verdunkelten Zimmer an der Laterna magica hantieren, die kleinen Glasbilder zweimal verkehrt und endlich richtig vor das Licht der Kerze schieben, die Linse verstellen, um dann auf der Leinwand eine Szene aus Dornröschen zu bewundern, meist in Gemeinschaft mit Nachbarkindern. Wie beneideten wir den Freund um sein Stereoskop mit Photos von längst umgebauten Stadtteilen, in denen noch das Pferdetram verkehrte; wie freuten wir uns über den großen Guckkasten, in dem plötzlich Neapel handkoloriert auftauchte, wie über das Schattentheater, mit dem uns die Schwester «Die Prinzessin auf der Erbse» vorführte, oder über das Kasperletheater, an dem wir uns selbst versuchten.

Da fällt uns die Arche Noah ein mit ihren holzgeschnitzten Tieren, die wir so oft ein- und ausmarschieren ließen, jeweils paarweise, wie es die Bibel berichtet; sie war schwimmfähig — wir hatten es am heimischen Brunnentrog ausprobiert, und sie überstand auch mehrere Zusammenstöße mit unserem rot-schwarz lackierten Dampfer. — Waren wir der schwimmenden Vehikel überdrüssig, ließen wir die Bleisoldaten aufmarschieren; Uniformen und Schlachtordnungen bildeten dann Gegenstand leidenschaftlicher Auseinandersetzungen mit den Schulkameraden. An den langen Winterabenden kamen die Puzzles zu ihrem Recht, dazu die vielseitigen Gesellschaftsspiele, wie Lotto, Glocke und Hammer, das Gänsespiel und das Belagerungsspiel, um nur einige zu nennen.

Wenn der Besuch einer Sonderausstellung in einem Museum zu dieser Reise durch ferne Kindheitstage anregt, können wir leicht beobachten, daß wir auf ihr nicht allein sind. Ganze Familien reisen in die Vergangenheit; Mütter und Großmütter erwärmen sich am Anblick alter Puppen mit großen Hüten und überlangen Kleidern, dem «dernier cri» von anno dazumal, erkennen die Wagen aus Rohrgeflecht wieder, in denen sie einst ihre «Kinder» ausgeführt, knien wieder in Gedanken vor dem Kochherd der Miniaturküche und bereiten Lieblingsgerichte zu. Der Großvater entdeckt die Wundertrommel aus seiner Jugend, deren lange, farbige Bildstreifen beim Drehen lebendig wurden. Sohn und Großkinder trifft man bei der Dampflokomotive und den großen Dampfmaschinen, die alle Männerherzen höher schlagen lassen. Vor den Vitrinen mit Holzschnitzwerk aus dem Grödner Tal, aus Berchtesgaden oder dem Erzgebirge wird von der guten alten Zeit erzählt, als man noch mit dem Bauernhof spielte, mit Hirt und Schafen, Wald und Jäger, Zirkus und Menagerie. Wie weh tat es damals, wenn das bewegliche Holzspielzeug oder die Ankleidepuppe zerbrachen. Daß sie im Interesse der Spielzeugindustrie nicht ewig halten durften, tat nicht nur dem Kinde leid, sondern bedauert heute auch der Sammler. Die strammen Nußknacker- und Räuchermänner besaßen schon eine längere Lebensdauer. Ihr Erscheinen bedeutete meist, daß Weihnachten nicht mehr fern war.

Es sei uns gestattet, wenn wir an dieser Stelle unsere Beobachtungen abbrechen, die sich mit Dutzenden weiterer Beispiele hätten fortsetzen lassen. Ihr Fazit wäre stets das gleiche geblieben; Spielsachen vermögen in die glücklichen Tage der Kindheit zurückzuführen. Deshalb werden zahlreiche Besucher jeden Alters von Ausstellungen in SpielzeugMuseen angezogen. Ihr Erfolg spricht für sich und läßt uns den Wunsch äußern, daß auch in unserem Kanton ein Spielzeugmuseum Wirklichkeit werde. Was bis jetzt in den Magazinen von Basler Museen lagert, in Privatsammlungen oder gar auf Estrichen ruht, könnte — unter fachkundiger Leitung aufgebaut — zu einer Sehenswürdigkeit ersten Ranges werden, die in kurzer Zeit weit über unsere Grenzen hinaus berühmt würde.

Spielzeug als Kulturgut
Unsere Forderung nach einem eigenen Museum für Spielsachen wird durch die Bedeutung betont, die ihnen als Kulturgut zukommt. Die Welt «en miniature» stellt eine vorzügliche Quelle für die Kenntnis vergangener Zustände dar. Wer einmal im Estrich des Kirschgartenmuseums in Basel ein Puppenhaus aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts betrachtet hat, wird eine bessere Vorstellung von der Basler Wohnkultur des Biedermeier gewinnen als aus einer noch so guten Beschreibung. Bei der Herstellung solcher «Doggete-Känsterli» war man stets darauf bedacht, den Stil der Zeit bis in alle Einzelheiten nachzuahmen. Vom Keller bis zum Estrich sind die Räume mit zeitgenössischem Mobiliar und Gegenständen des täglichen Gebrauches angefüllt. Alles ist wirklichkeitsgetreu geschaffen und bewundernswert.

So ist es leicht verständlich, daß Kulturhistoriker dem Spielzeug ihre besondere Aufmerksamkeit schenken.

Neben den bereits erwähnten und den vielen nicht genannten Spielsachen sollen in diesem Zusammenhang noch die Anschauungsbücher angeführt werden. Was ist darin nicht alles von den Sitten und Gebräuchen der Vorfahren festgehalten worden. Selbst Schrift und Verzierungen spiegeln die Kultur vergangener Epochen wider. ABC-Bücher z. B. bilden zusammen ein Bilder-Lexikon, das um so wertvoller ist, als die meisten abgebildeten Gegenstände längst außer Gebrauch gekommen sind.

Noch ein paar Gedanken zu den Zinnfiguren.

Dem kulturhistorisch Interessierten sind sie in ihrer Aussage über frühere Zeiten von Bedeutung. Außer dem altvertrauten «Zinnsoldaten» gibt es noch Figuren des «zivilen» Lebens. An einem der Zentren der «Freunde historischer Zinnfiguren», auf der Plassenburg bei Kulmbach, sind in über 200 großen und kleineren Dioramen Ausschnitte aus der Geschichte und dem Leben der Völker von der Steinzeit bis zur Gegenwart zusammengestellt.

Landschaften und Bauten sind das Werk bastelfreudiger Schüler — Geistesverwandte jenes Knaben, der in Basel eine Nachbildung des Münsters schuf.

Das Spielzeug als Sammelobjekt
Das Sammeln aller möglichen und — wie man manchmal sagen könnte — unmöglichen Objekte ist eine charakteristische Erscheinung unserer Zeit. Wie sollte da das Spielzeug ausgelassen werden, das den Menschen von seiner frühesten Kindheit bis zu den Jünglings- und Jungmädchenjahren und darüber hinaus begleitet. Das Goethe-Wort, daß jeder Sammler ein glücklicher Mensch sei, dürfte in besonderem Maße auf den Liebhaber alter Spielsachen zutreffen. Wieviele Kindheits- und Jugenderlebnisse werden beim Umgang mit seinen Schätzen lebendig, die er an seine Familie, an die eigenen Kinder, weitergibt. Seine Sammlung ist damit nicht nur persönliches «Hobby», sondern wird auch zum Anliegen, ja manchmal geradezu zur Herzenssache der Angehörigen. Mit Eifer und Vergnügen beteiligen sie sich am Aufspüren neuer Gegenstände, helfen sie mit bei der Wiederinstandstellung, bei deren Katalogisierung und Aufstellung.

Falls unser Sammler nicht den Ehrgeiz hat, ein «Spezialist» zu werden oder sich auf besonders seltene Stücke konzentriert, braucht er nicht an teure Auktionen zu gehen — in dunklen Estrichen und verstaubten Winkeln warten noch manche unscheinbare Schätze darauf, gehoben zu werden und Entdeckerfreuden zu vermitteln. Dank der Tatsache, daß das Verständnis für altes Kulturgut im weitesten Sinne wieder am Wachsen ist, entgehen auch auf unserem Gebiet viele Gegenstände der Vernichtung und kommen in den Händen ihrer Freunde und Liebhaber zu neuem Leben.

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