1967

Riehener Schmuggel- und Grenzgeschichten

Niggi Basler

Zeichnungen von E. Giese

Das Loch im Stacheldraht Rangrangrang... tönte es in gleichmäßigem Takt von weither durch die nächtliche Stille. Man merkte es schon am Lärm, daß die Wiesentalbahn mit ihrer rostigen und «klepprigen Loki» Mühe hatte, vorwärtszukommen. Es war gut, daß der Fahrplan während der ersten Nachkriegsjahre nur eingeschränkt funktionierte, sonst wären die Anwohner der Bahn und die Patienten des Diakonissenspitals allzu oft in ihrer Nachtruhe gestört worden.

Dieser Bahnlärm verursachte jedoch nicht nur ärger, er war auch für ein gewisses Vorhaben willkommen; das langanhaltende Gerumpel vom Rankhof bis gegen Stetten war gerade die richtige Tarnung für andere Geräusche, welche genau zur gleichen Zeit beim Grenz-Stacheldraht entstanden - nicht jede Nacht, sondern nur in dunklen Neumondnächten.

Sie erinnern sich doch jenes Grenz-Stacheldrahtes, welcher stellenweise bis drei Meter hoch und entsprechend tief unsern Riehener und Bettinger Bann gegen Deutschland hin radikal abriegelte. Er war perfid - jener Hag. Obwohl der Krieg schon etliche Monate der Vergangenheit angehörte, existierte dieses rostige Stacheldrahtgewirr immer noch — vom Hörnli über den Lenzen zur Chrischona und von da zur Eisernen Hand, den Stettengraben hinunter und hinüber rund um den Schlipf, um dann längs der Langen Erlen beim Otterbach zu endigen.

Wenn es auch während des Krieges hieß, daß schon allein die Berührung des Zaunes nicht ratsam sei,weil viele mit Giftstoff übermalte Drähte beim kleinsten Kratzer eine tödliche Blutvergiftung nach 9ich zögen... jetzt, im Herbst 1945, glaubte man an dieses Gerücht nicht mehr so recht. Item — auch zwei Riehener Burschen, Männi und Joggi, gruselte es nicht vor dieser stachligen Barriere. Im Gegenteil — sie fanden, daß sie an diesem Objekt ihren Mut und ihre Geschicklichkeit ausprobieren könnten und daß zudem noch ein gutes Geschäft zu machen sei — nämlich ein Schmuggelgeschäft.

Geschäftspartner auf der Gegenseite waren bald gefunden, denn Männi verfügte über eine Grenzkarte — und so konnte er seine Absichten dem alten Freund Heinz von drüben mitteilen und erfuhr dabei, daß Kaffee am rentabelsten sei. Aber Rohkaffee müsse es sein und ja nicht etwa gerösteter, sonst könne ein verflixter Grenzwächter durch den Geruch aufmerksam werden.

Zuerst wurde ein Durchschlupf geschaffen — einer, welcher ermöglichte, daß die herausgeschnittenen Drahtstücke mit wenigen Griffen wieder eingesetzt werden konnten. Der Ort war dem Vorhaben besonders günstig: auf der Riehener Seite befand sich ein großer Holunderbusch, der ihn völlig verdeckte.

Wenn man seine Zweige zurückbog, gelangte man zum Stacheldraht und zum Einschlupf in das Gewirr des stachligen Netzes. Aber alles mußte schnell geschehen — während der kurzen Zeitspanne des Zuglärmes zwischen dem Rankhof und Stetten. Zwei Säcke zu je fünfundzwanzig Kilo waren schon eine Stunde vorher in die Nähe geschafft worden.

Es klappte auf die Minute genau; die beiden schafften ihre Lasten unter den Holunderstrauch und schoben sie dann in die Stacheldrahtlücke hinein zu ihren bereitstehenden Partnern von der Gegenseite, dem Heinz und seinem Kollegen Fred. Diese balancierten die Säcke sorgfältig zwischen den letzten auseinandergestemmten Stacheldrähten hindurch; die andere Seite wollte man möglichst intakt lassen, damit die deutsche Grenzwacht diesen Durchschlupf nicht entdeckte. Während Heinz und Fred mit dem Kaffee sofort landeinwärts verschwanden, setzten unsere beiden Riehener das herausgeschnittene Drahtstück auf ihrer Seite wieder ein und machten sich ebenfalls auf den Heimweg. Der Austausch vollzog sich rasch — das «Rangrangrang» der Wiesentalbahnloki übertönte die allfällig bei diesem nächtlichen Tun entstandenen Geräusche — und als der Zug endlich im Stettener Bahnhof anhielt, waren auch unsere vier Schmuggler wieder in Sicherheit.

Das gute Gelingen und der dabei erzielte ansehnliche Gewinn veranlaßte die vier zu baldiger Wiederholung — ja, sie betrachteten das Unternehmen direkt als Sport. Sie beobachteten die Gepflogenheiten der deutschen Grenzwächter, um dann — zusammen mit der «Rangrangrang»-Lärmtarnung — um so sicherer ihren Coup zu lancieren.

Unter den deutschen Zöllnern gab es jedoch einen, der etwas merkte. Er saß eines Tages stundenlang in seinem Versteck, als sein Blick zufällig auf eine einzelne Kaffeebohne fiel, welche vor ihm auf der Erde lag. Zweifellos — es war eine rohe Kaffeebohne! Wäre sie mit der gewölbten Seite nach oben gelegen, dann hätte man sie von einer Erdkrume oder von einem Steinchen kaum unterscheiden können. Wenn man aber die Pflicht hat, während Stunden und Stunden die nähere und weitere Umgebung zu beobachten, dann sieht so ein Grenzwächter allerhand. Schließlich hängt sein späterer beruflicher Aufstieg von möglichst vielen Erfolgsrapporten ab, sie beweisen seinen Vorgesetzten, daß er ein tüchtiger Aufpasser ist.

Die einzelne Kaffeebohne versetzte also unsern Gefreiten Ziegelbäuerle in eifrige Spannung. Wie ein Sherlok Holmes suchte er die ganze Umgebung ab, unter jedem Grasbüschel und jedem Kraut samt Unkraut, jedes Flecklein Boden genau inspizierend. über eine Stunde wühlte er in den Pflanzen mit dem Eifer eines Forschers und mit der überzeugung, daß sich zum gefundenen A unweigerlich auch das B geselle. Und wirklich, etwa drei Meter vom ersten Fund entfernt entdeckte er die zweite Bohne! Nun konnte er die Laufrichtung des Schmugglers konstruieren. Bald fand er noch einige weitere Spuren, welche ihn an den Stacheldraht führten, dort, wo der Holunderbusch auf Riehener Boden stand.

Auf seiner Seite schienen ihm die Drähte intakt zu sein, bloß die Erde darunter sah etwas zertreten aus. Als er jedoch auch das Innere des Holunderbusches untersuchte, wurde er des eingesetzten Drahtstückes gewahr.

Nun wußte er Bescheid; offenbar hatte man hier Kaffee durchgeschleust, wobei einer der Säcke von einem Drahtstachel geritzt worden war, was dann die Kaffeebohnenspur verursachte.

Der Rapport, den der Gefreite Ziegelbäuerle seinen Vorgesetzten erstattete, bewirkte, daß man die Stelle mit dem Holunderbusch Tag und Nacht überwachte. Als die beiden Weiler zum vereinbarten nächtlichen Zeitpunkt auftauchten, wurden sie verhaftet und abgeführt; zwei weitere Grenzer blieben am Ort, um der Riehener Partner habhaft zu werden.

Ihre Ausdauer wurde belohnt; plötzlich bemerkten sie - kaum hörbar beim Lärm der Wiesentalbahn - drüben im Holunder ein leises Knacken... dann löste sich nach einigen Augenblicken eine Gestalt aus dem Dunkel des Busches und hob einen Sack in die soeben geöffnete Stacheldrahtgasse.

«Bisch do, Heinz?»

«Jo! Kumm, läng' mer der Sack!»

Unser Männi kroch mit seiner Last etwas vorwärts; auf einmal fühlte er sich von vier Händen gepackt und wurde vollends hinübergezerrt, derweilen Joggi hinter ihm sofort zurückschloff und sich schleunigst in die Riehener Sicherheit brachte.

Männi kam in jener Nacht nicht heim, auch am nächsten Tage nicht. Die Untersuchungshaft dauerte jedoch nicht lange; am Ende der gleichen Woche verhängte das Gericht in Lörrach eine derart gesalzene Strafe, daß Männi und Joggi samt dem Heinz und Fred heute noch, nach vielen Jahren an ihrem damaligen Sport keinen Gefallen mehr finden.

Der Gefreite Ziegelbäuerle wurde zum Obergefreiten befördert unter gleichzeitiger Versetzung an einen recht entfernten Ort. Die Grenzwachtoberen wußten wohl, daß sonst ihr eifriger Beamter von Weiler Bauernburschen zum mindesten in einem ihrer Dorfbrunnen getauft worden wäre.

Ein Schächtelchen Sacharin
Es war soweit - ich bekam wieder die Grenzkarte «zur Vornahme landwirtschaftlicher Arbeiten» in meinem Garten im Weiler Schlipf. Während des Krieges durfte ich nicht hinüber. Doch jetzt - auf Anordnung der französischen Besatzungsbehörden - konnte man seine vier Zwetschgenbäume und sieben Beerensträucher wieder abernten, ohne spionageverdächtig zu sein.

Neben dieser gärtnerischen Tätigkeit hatte man noch die Möglichkeit, dank der «landwirtschaftlichen Grenzkarte» jedesmal ein Liebesgabenpäckli mitzunehmen. Das bedeutete sehr viel; das eigentliche Liebesgabengeschäft spezialisierter Firmen existierte im Sommer 1945 noch nicht. So kam es, daß ich bei jedem Gang über die Grenze - alle 14 Tage einmal - ein Pfundpäckli mitnahm, etwa für meine Bekannten in Weil. Aber nicht nur für mich, sondern auch für andere besorgte ich hie und da diese Kommission.

So kam eines Tages Freund Reini mit einer adressierten Schachtel. «Würdest du dieses Paket für meine Tante Euphrosina in Emmendingen durch die Weiler Post aufgeben? Es sind 200 Gramm Kakao, 50 Gramm Tee und ein halbes Pfund Haferflocken drinnen. Und hier noch ein Schächtelchen Sacharin dazu, denn die Tante ist zuckerkrank und hat mich sehr um etwas Sacharin gebeten.»

Guten Willens nahm ich die Sache entgegen. Als ich beim Schweizer Zoll an der Weilbrücke vorbeiging, streckte ich dem Zöllner die Schachtel hin mit der Bemerkung «Liebesgaben». «Ist schon gut», antwortete er, ohne hineinzusehen (denn dazu war er ja gar nicht verpflichtet) — «wenn nur kein Sacharin dabei ist, denn der ist drüben streng verboten.» Ich antwortete nichts, sondern ging weiter, an der Badanstalt vorbei, der Grenze zu. Was hatte die Tante meines Freundes geschrieben? Sie müsse unbedingt Sacharin haben wegen ihrer Zuckerkrankheit. — Nun ja, dann würde ich den Sacharin einfach aus der Schachtel nehmen und ihn in die innere Kitteltasche links stecken; sie war besonders tief — dort würde er gut versorgt sein.

Unterdessen kam ich zum deutschen Zoll. Dem Chef, einem französischen Besatzungssergeanten, zeigte ich meine Grenzkarte und das geöffnete Paket.

«Une livre de denrées alimentaires.»

«C'est tout?»

— «Oui»..

«Alors...» Er gab dem deutschen Hilfszöllner ein Zeichen, daß er mich im Kämmerlein nebenan genau durchsuchen solle.

Dort kehrte ich gründlich die Hosensäcke um, rechts, links und hinten. Dann kam der Kittel dran, mit seinen äußeren Taschen, links und rechts. Im Moment, da er auch in die linke Innentasche langen wollte, in deren untersten Tiefe das Sacharinschächteli ruhte, zog ich aus der gegenüberliegenden rechten Innentasche eine Nummer der «NationalZeitung» und fragte, ob es seit Kriegsende wieder erlaubt sei, diese Zeitung mitzunehmen (vorher war das strikte verboten!)... Interessiert zog er seine Hand vom Rand meiner linken Tasche zurück, betrachtete das Datum und die Titel der Zeitung. «Doch — das ist jetzt erlaubt», murmelte er und untersuchte nachher noch, ob in dieser rechten Tasche außer der Zeitung wirklich nichts zu finden wäre. Dann konnte ich wieder ins Chefbüro gehen, wo mir der Sergeant die Grenzkarte mit einem «C'est en ordre» zurückgab.

Schnell lief ich zur Post, grübelte unterwegs in einem stillen Winkel das Sacharinschächtelchen hervor, schob es in das Paket und übergab dann die Sendung dem Posthalter im alten Rathaus von Weil zur Weiterleitung.

Beim Rückweg beichtete ich dem Schweizer Postenchef, daß ein Schächtelchen dieser süßen Tabletten doch mitgerutscht sei. «Da haben Sie unverschämt Glück gehabt», meinte er — «wenn Sie geschnappt worden wären, dann hätten Sie Ihre Grenzkarte endgültig verloren. Und zudem wäre Ihnen eine Buße von zwanzig Märkern aufgebrummt worden — zwanzig Mark zum Devisenkurs von Einsfünfundzwanzig.»

Ich selber fand nachher, daß sich die Tante meines Freundes mit diesem einen Sacharinschächteli begnügen müsse — ich wollte inskünftig Risiken dieser Art vermeiden.

Das Opfer
Vor einigen Jahren zog es mich an einem schönen Herbsttag wieder einmal auf den Tüllinger Hügel. Da seine Westseite der reifenden Reben wegen fast überall gesperrt war, wählte ich diesmal den mehr ostwärts gelegenen Weg von Untertüllingen nach Obertüllingen. Kurz vor meinem Ziel sah ich zur rechten Hand am Hang den kleinen, von einer Mauer eingefaßten Tüllinger Gottesacker. Ich besuche solche Friedhöfe auf dem Lande gerne, denn man spürt hier viel eher als in der Stadt etwas vom Vergänglichen und vom Unvergänglichen, etwa so, wie ich einmal an einer alten Gottesackerkapelle im Sundgau las: «Wenn Du hier stehst, o Wanderer, So bete für mich. Denn später kommt ein Anderer und betet für Dich!»

So trat ich durchs offene Gatter, durchmaß die wenigen Grabreihen und fand zuhinterst, dort, wo dunkle Lebensbäume den Abschluß bildeten, ein sauber gepflegtes Grab mit einem Kreuz, wie ich es eigentlich bloß von alten Bildern aus östlichen Ländern her kannte. Von der verwitterten Inschrift entzifferte ich noch die Worte JAROSLAW ... Febr. 1945 Richtig, ich erinnerte mich an jenen kalten Wintermorgen! Damals, als es gewiß war, daß der Krieg für die Deutschen verloren sei und daß es nur noch darum gehe, sein Ende möglichst unbeschadet zu erleben. Es war jene Spannung — etwa bei jenem Grenzer am Weiler Zoll, wel cher sozusagen täglich während der Freizeit auf seiner Handorgel nur einen einzigen Schlager zu spielen pflegte: «Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei...»

Aber nicht alle waren derartige Gemütsathleten — viele liefen mit trotzigem Gesicht umher und andere wieder hatten Angst vor dem letzten Sturm oder vor dem, was nachher folgen würde.

Auch im Lager der polnischen Gefangenen drüben in Tumringen wuchs die Unruhe. Man mußte damit rechnen, daß fanatische SS im letzten Moment unter ihnen ein Massaker anrichten würden. Deshalb beschlossen die neunzehn Polen in jener Februarnacht, aus dem nicht sonderlich bewachten Lager zu entweichen, um dem Hang entlang in Richtung Riehener Schlipf zu fliehen. Das Vorhaben gelang. Unbemerkt kamen die neunzehn Mann bis zum fast drei Meter hohen Stacheldrahtzaun vor der Grenze. Drahtscheren hatten sie keine bei sich — deshalb mußte dieses Hindernis überstiegen werden.

Lagerkoch Jaroslaw, von etwas kleinerem, jedoch kräftigem Körperbau, schlug vor, daß jeder einzelne auf seine Schultern steigen möge. Von hier aus könne man sich dann schon über den oberen Rand hinaus schwingen.

Mann für Mann überwand so den stachligen Berg mit mehr oder weniger Kratzern. Schon waren fünfzehn drüben — unser Jaroslaw wurde mit seiner Hilfeleistung müde und müder. Beim siebzehnten ging es fast nicht mehr und der achtzehnte überkletterte nur noch mit Hilfe seiner Kameraden von drüben die obersten Stacheldrähte ...

Jaroslaw aber war dieser Weg verwehrt. Mit letzter Kraft versuchte er, unten die Drähte auseinander zu zerren, um sich einen Durchschlupf zu bahnen — allerdings ein langwieriges Unternehmen bei einer zwei Meter tiefen Stacheldraht-Wirrnis. Schon begann es über dem Chrischonaberg zu tagen. Seine Kameraden wollten ihm von der Riehener Seite her helfen, als plötzlich eine deutsche Patrouille auftauchte und sie zu eiliger Flucht in Richtung Weilbrücke veranlaßte.

Eine Stunde später mußten drei Volkssturmleute den Leichnam des erschossenen Jaroslaw aus seinem stachligen Gefängnis befreien, kaum einen Meter vom Grenzstein mit dem Baslerstab entfernt. «Schade, dies wäre wirklich nicht notwendig gewesen, so vor dem Ende des Krieges», murmelte einer der ziemlich bejahrten Männer.

Fast wie im wilden Westen
Es war ebenfalls in den ersten Nachkriegsjahren — so zwischen 1946 und 1950. Die Weiler begannen da und dort, ihre Stacheldrahtgrenze abzubauen, damit die Bauern wenigstens auf bestimmten, wenn auch streng überwachten Wegen mit ihren Pflügen und Güllenwagen zirkulieren konnten.

Mit einem solchen Feldweg über die «grüne Grenze», wie es in der Zöllnersprache so sinnig heißt, hatte ein gewisser Helmut K. besonderes vor. Im Basler Adreßbuch figurierte dieser Herr als Vertreter. Mag sein, daß er in diesem Beruf hie und da Geschäfte tätigte — sein Hauptverdienst stammte jedoch aus dem illegalen Grenzverkehr. Schmuggel war für ihn kein Sport, bei dem man durch persönlichen Einsatz gewissermaßen Haut und Haare riskierte; das überließ er lieber anderen. Es ging ihm vielmehr um das Geschäft, das sich dabei machen ließ — bei Transaktionen nicht nur da und dort ins Badische, sondern auch gleichzeitig ins Elsaß. Alles, was er benötigte, war ein kleiner Lagerraum irgendwo in der Stadt—wohlgefüllt mit Zucker, Kaffee, Kakao und Rauchwaren. Seine nächste Beschäftigung bestand in Planungsarbeit, wie es ein richtiger Boß auch macht, wenn er auf Grund von umsichtig aufgebauten Beziehungen Geschäfte tätigen will. So erfuhr unser Schmugglerboß, daß im Schlipf der Schlipfweg und der Eglingerweg bewachte «grüne» Grenzübergänge geworden seien. Er wählte letzteren, weil er seinen Absichten günstiger schien; auf der badischen Seite gab es im weiten Umkreis keine Häuser. Das wichtigste war jetzt nur, den richtigen deutschen Grenzwächter zu finden, welcher präzis jenen übergang zu bewachen hatte.

K. war bekannt, daß damals kaum ein Grenzer an seinem Beruf Gefallen fand; während der ersten Nachkriegsjahre wurden diese Beamten schlecht bezahlt; oft mußten sie zusehen, wie die vielen Grenzgänger in der nahen Stadt erheblich mehr verdienten. Die Voraussetzungen waren also durchaus gegeben, daß ein solcher Grenzer gegen entsprechende Gewinnbeteiligung Schmuggeltransporte an einem von ihm bewachten Punkt durchlassen würde.

K. zog einen Freund ins Vertrauen, der damals in einem Grenzkiosk tätig war.

So ein Grenzkiosk oder Grenzlädeli ist ein Ort von erstaunlicher Betriebsamkeit. Vom frühen Morgen an, bevor die andern Läden im Dorf oder in der Stadt geöffnet sind, bis zum Ladenschluß abends um halb sieben ist hier ein ständiges Kommen und Gehen. Es sind fast immer die gleichen Menschen, die ihre Rauchwaren oder Lebensmittel holen und etwa noch Geld wechseln. Man kennt einander mit Namen, manchmal seit Jahrzehnten. Die meisten Kunden wechseln ihr Lädeli nicht, trotzdem deren vier, fünf nebeneinander bestehen. Dies aus dem einfachen Grunde, weil sie anno 1945 und auch schon vorher von den Ladenbesitzern allerlei willkommene Hilfe und Vermittlungen empfangen durften. Der erste Nachkriegs-Liebesgabendienst hatte hier seinen Anfang genommen; trotz der intensiven Arbeitsbelastung nahm der Verkäufer an den persönlichen Sorgen seiner badischen Kunden teil und konnte sich sehr oft in ihre naheliegenden und auch geheimen Wünsche einfühlen.

So war es auch mit unserem Händler, nur machte er dabei einen grundlegenden Fehler. Er wies die Anfrage Ks nicht zurück, die kein Anliegen, sondern ein Anstiften zu etwas Unerlaubtem war. Der Hinweis, daß er für eine erfolgreiche Vermittlung Prozente erhalte, bewirkte, daß er sich seine Grenzer-Kunden durch den Kopf gehen ließ. Den Muther? Nein — der hatte gewöhnlich Dienst in Richtung Otterbach. Den Ziegelbäuerle etwa? Nein — der schien ihm für sein Vorhaben zu unsicher. Blieb noch der Schmitt, von dem er wußte, daß er Wache in dem von K. anvisierten Abschnitt stand. Er wußte auch, daß der seit einem Jahr verheiratete Schmitt, wenn er sein Päckli Zigaretten und seine 48 Gramm Kaffee bei ihm kaufte, nicht besonders gut bei Kasse war. «Unser Gehalt ist weniger als mager», waren seine Worte, als er beim letzten Besuch einen geringen Kauf bezahlte.

Dieser Hilfsgrenzwächter Schmitt erhielt also beim nächsten Kauf vom Händler das Angebot, wie er sein Einkommen entscheidend aufbessern könne. Er müsse bloß angeben, in welcher Nacht und um welche Stunde er am Eglingerweg Wache stehe. Alles übrige würde durch einen beladenen Jeep besorgt, welcher auf das dreifache Lichtsignal seiner Taschenlampe hin die Grenze rasch passieren und innert 20 Minuten leer zurückkehren werde.

Nach kurzer Überlegung sagte Schmitt zu und gab zugleich auch seine nächsten nächtlichen Wachttermine bekannt.

Alles klappte, genau nach dem Plan, den der Schmugglerboß K. ausgeheckt hatte. Der Jeep pirschte sich fast lautlos heran, passierte die Grenze, nachdem von drüben die Taschenlampe dreimal kurz aufgeblitzt hatte — und setzte seinen Weg fort, Richtung Lörrach, wo er in einem Schopf eines Nebensträßchens sich seiner Ladung entledigte und dann sofort über die Grenze zurückkehrte.

Das Unternehmen wurde bald wiederholt, und alle Beteiligten freuten sich ihrer Prozente.

Lange allerdings währte die Freude nicht; denn ein Hilfsgrenzwächter, besonders ein frischgebackener wie Schmitt, wird von seinen Dienstvorgesetzten hie und da überwacht. So kam es, daß der Inspektor einmal zu nächtlicher Stunde den Jeep in jener Grenzgegend beobachtete. Da es dort auf seiner Seite keine Wohnhäuser gab, konnte er sich den Zweck leicht ausmalen.

Beim nächsten Nachtdienst von Schmitt schlich sich der Vorgesetzte mit einem Gehilfen in die Nähe. Ihre Absicht war, den Jeep ungehindert über die Grenze zu lassen, um ihn auf ihrem Gebiet um so besser packen zu können.

Was sie vermuteten, passierte tatsächlich. Sie sahen den Jeep ohne Lichter daherkommen, beobachteten das Signal ihres Grenzers — und schon rollte das Vehikel ziemlich schnell auf sie zu; der Inspektor, der auf dem Wege stand, konnte sich nur durch einen raschen Sprung seitwärts retten, sonst wäre er überfahren worden.

«Halt! Halt!» schrien nun die beiden hinter dem Jeep her. Doch das Fahrzeug verdoppelte seine Geschwindigkeit — nicht zurück, denn da war der Weg versperrt. Der Jeeplenker kannte die Wege nach Lörrach gut; instinktiv hoffte er, durch eine rasche Zickzackfahrt ins Landesinnere am ehesten entkommen zu können. Doch die beiden Verfolger gaben nicht auf. Sie verfügten ebenfalls über ein Auto, welches sie in der Nähe abgestellt hatten, und machten sich damit auf die Jagd nach dem Ausreißer.

Dank seiner besseren Geländegängigkeit hatte der Jeep einen Vorsprung bis zum Tüllingersteg über die Wiese. Dann aber holten die Verfolger auf, als es geradeaus, rechtsherum und linksherum durch Lörrachs Straßen ging. Schüsse wurden auf die hinteren Pneus gezielt - der Jeep machte einen Stop und sein Lenker versuchte, durch einen Sprung seitwärts in die Dunkelheit zu verschwinden. Doch es half ihm nichts. Durch die nächtliche Schießerei waren die beiden Verfolger nicht mehr allein; aufgeschreckte Passanten halfen ihnen beim Suchen und Festnehmen des Entflohenen.

Das Gerichtsurteil war für den Jeepfahrer und für den Grenzwächter Schmitt sehr drakonisch. Der Händler und K. leisteten dem Aufgebot zur Gerichtsverhandlung in Lörrach keine Folge; sie zogen es vor, auf Schweizer Boden zu bleiben. Ungeschoren kam eigentlich nur der Basler Schmugglerboß davon. Der Riehener Händler mußte bald seinen Beruf wechseln, weil er durch seine Anstiftertätigkeit dem ehrenwerten Stande der Grenzkrämer zur Unzierde gereichte und demzufolge von ihnen nicht mehr geduldet werden konnte.

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