1967

Der Spittelhof in Riehen

Werner Schär

Dieses unscheinbare Landgut, das bereits in dem letztes Jahr im Verlag A. Schudel & Co. AG erschienenen Büchlein über «Höfe und Landgüter in Riehen» kurz beschrieben wurde, kann auf eine interessante Vergangenheit zurückblicken. Voraussichtlich hat es der am 28. Dezember 1684 geborene und am 18. März 1740 verstorbene Emanuel Burckhardt schon am 8. Dezember 1727 erworben. Er war ein Nachkomme von Christof Burckhardt, der im Jahre 1490 in Britznach im Ober-Münstertal geboren und am 6. Oktober 1578 in Basel verstorben war. Der ersten Ehe des Stammvaters mit Ottilie von Mechel entstammten neun Kinder, die indessen in Basel keine Nachkommen hinterlassen haben. Eine zweite Ehe ging Christof Burckhardt am 29. Juli 1539 mit der Tochter des spätem Basler Bürgermeisters Theodor Brand, Gertrud, ein, die 1516 geboren und am 3. Januar 1600 verschieden war. Dieser zweiten Ehe entsprossen 13 Kinder, sechs Mädchen und sieben Knaben, von denen zwei in jugendlichem Alter starben. Der dritte Sohn Theodor, geboren am 5. September 1549 und gestorben am 18. Februar 1623, heiratete am 18. Juni 1582 seine Base, Maria Oberried, Tochter von Bürgermeister Jakob Oberried und der Ursula Frobenius. Er war Seidenhändler, 1586 Mitglied des Großen Rates, 1595 Gerichtsherr, 1618 Mitglied des Kleinen Rates, 1611 Xlller und 1618 Hier Herr und wohnte im Flachsländerhof. Aus dieser Linie stammt in vierter Generation der am 17. September 1692 geborene Samuel Burckhardt, der sich am 15. September 1715 mit Anna Maria Zäslin verehelichte. Er war Handelsmann, Mitglied des Großen- und des Rechenrates und u. a. Besitzer des Wenkenhofes in Riehen. — Ebenfalls aus dieser Linie stammte als Sohn von Christof Burckhardt (geb. 13. Juni 1631, gest. 24. Juli 1705) und der Judith Burckhardt, Bonifacius Burckhardt (geb. 12. Januar 1656, gest. 2. Juni 1708), der sich am 9. Juli 1683 mit A. Margaretha Stöcklin aus Oltingen verheiratete und im September 1684 Pfarrer in Riehen wurde.

Der eingangs erwähnte Emanuel Burckhardt war mit Susanna Felber verheiratet und betätigte sich 1709 als Unterschreiber und 1719 als Oberschreiber im Spital bis zu seiner im Jahre 1739 erfolgten Entsetzung. Das Landgut in Riehen lag am damaligen Inzlingerweg im Oberdorf (heute Oberdorfstraße 47/49) und ist unterm 21. Februar 1713 als der «Edlen Fraw Anna Margreth von Rotberg, der Witwe des Junkers H. Draisen von Saurbronn» gehörend eingetragen. Der Inzlingerweg, die heutige Oberdorfstraße führte bei der Abzweigung bei der ehemaligen Engelikapelle durch die Au nach Inzlingen, währenddem links der Kapelle, der heutigen Bäumligasse, der nach Stetten führende Stettenweg seinen Anfang nahm.

Der Sohn von Emanuel Burckhardt, der den Vornamen seines Vaters führte, wurde am 31. Januar 1719 geboren und starb am 26. August 1765. Er verehelichte sich am 16. Mai 1740 mit A. Maria Linder und wir finden ihn später als Eigentümer des Riehemer Gutes. Er war Gerichtsmann, Lieutenant in französischen Diensten (Regiment SalisSamaden) und starb in Riehen. Er wird im Grundbuche am 5. Mai 1744 erwähnt und hat durch Zukauf einer anstoßenden Parzelle den Spittelhof arrondiert. Emanuel Burckhardt-Linder war Spitalmeister, weshalb sein Landgut in Riehen im Volksmund «Spittelhof» genannt worden ist. Er zeugte elf Kinder, drei Mädchen und acht Knaben. Seine älteste Tochter Susanna (geb. 28. November 1741, gest. 22. April 1817) heiratete am 18. August 1766 Hans Jakob Stump von Riehen, was zu jener Zeit als mésalliance galt. Der Sohn Emanuel (geb. 25. September 1744, gest. 21. Mai 1820 in Palermo) war Hauptmann in französischen Diensten (Regiment Salis-Samaden), wurde 1787 Ritter des Militärverdienstordens von Wilhelm Ludwig, Instruktor der neapolitanischen Armee, 1787 Oberstlieutenant in neapolitanischen Diensten, 1790 Oberst, 1798 Inspektor der Infanterie, Generalmajor, 1799 Generallieutenant, 1800 Generalinspektor der leichten Truppen, 1801 Militärkommandant von Apulien, 1802 Vice-König und General-Heereskommandant von Sicilien, 1809 Generalinspektor der Infanterie und Kavallerie, 1815 GeneralKapitän sämtlicher neapolitanischen Truppen, Präsident des obersten Kriegsgerichtes, 1820 Ritter des Großkreuzes des St. Georgordens, 1815 in den Grafenstand erhoben.

Der zweite Sohn Nikolaus (geb. 17. April 1746, gest. 14. Oktober 1818 in Riehen) stand in französischen Diensten als Aide-Major, Hauptmann, Ritter und war 1805 helvetischer Oberst.

Der jüngste Sohn J. Rudolf (geb. 6. Januar 1764, gest. 5. Oktober 1841) stand seinerzeit ebenfalls in französischen Diensten und wurde 1799 General der helvetischen Truppen und 1814 Kantonal-Oberstlieutenant.

Nach dem 1765 erfolgten Tode von Emanuel Burckhardt-Linder dürfte das Landgut vorerst durch dessen Witwe A. Maria Burckhardt verwaltet worden sein; sie starb am 19. Januar 1787. Von dieser Zeit an muß eine Erbengemeinschaft unter Leitung des am 14. Januar 1748 geborenen und am 4. März 1812 verschiedenen dritten Sohnes Heinrich bestanden haben, welch letzterer den Sitz im Namen der «Emanuel Burckhardt sel. Erben» in den Jahren 1806/07 in getrennten Teilen verkaufte. Die Bezeichnung «Burcketegäßli» für den auf der nördlichen Seite des Gutes hinziehenden Fußweg, der die Oberdorfstraße mit dem Stettenfeld verbindet und heute als Bäumligäßchen bekannt ist, war noch anfangs dieses Jahrhunderts allgemein in Gebrauch. Nun begann eine neue Aera für dieses alte Landgut. Die heutige Liegenschaft Oberdorfstraße 47, also den vorderen Teil, erwarb Johannes Bergmann aus Zürich. Im Jahre 1830 erfolgte ein Verkauf an J. L. Hagmann, Posamenter, der noch 1849 als Inhaber auftritt. Nach dieser Zeit erscheint ein Achs. Uegerer, Hafner, und ab 1859/64 Johannes Schaub, Posamenter. Bis 23. Mai 1872 befindet sich das Gut im Besitze der Erbengemeinschaft Friedrich Carl Bolliger-Ulmer, Beinknopfmacher, aus Basel, Daniel Gysin-Plattner von Lauwil, Baselland, und Johann Mohler-Dickemann von Riehen.

Der erstere übernahm den Hof mit seiner Frau Karoline am 23. Mai 1876 und verkaufte ihn am 31. Oktober 1885 an Rudolf Mathias Stückelberger, welcher wahrscheinlich Gütermakler war. Ein Weiterverkauf fand bereits am 27. November 1885 statt an Wilhelm und Magdalena Martin-Sumsander und Gottlieb und Maria Martin-Maurer.

Nach dem Tode ihres Gatten erbte dessen Witwe Magdalena MartinSumsander dessen Gutsanteil und nach ihrem Hinschied fiel die ganze Liegenschaft ab 2. Januar 1894 an die Eheleute Martin-Maurer. Gottlieb Martin verstarb im Jahre 1900 und seine Frau überlebte ihn noch bis im März 1951. Seit 21. März 1951 befindet sich die Liegenschaft Oberdorfstraße 47 je zur Hälfte im Besitze der beiden Schwestern Maria Luise und Emma Margaretha Martin. — Die heutige Oberdorfstraße 49, den hinteren Teil des frühern Landgutes, verkaufte die seinerzeitige Erbengemeinschaft Burckhardt im Jahre 1807 an Martin Sulzer. In den Jahren 1814 bis 1830 erscheint als Besitzer Johannes Wegmann, Landmann. Ob dieser die Liegenschaft noch weitere Jahre sein eigen nannte, ist nicht ersichtlich. Auf alle Fälle wird in den Jahren 1834 bis 1859 ein Jakob Meyer, Wegmacher, aufgeführt, 1860 bis 1864 Heinrich Meyer, 1869 Samuel und Salome Meyer-Eger, die das Gut am 1. März 1884 an Johann und Anna Bertschmann-Martin verkauft hatten. Schon im Herbst des gleichen Jahres verschied Johann Bertschmann und dessen Witwe verwaltete den Hof ab 3. Oktober 1884 bis 28. Juni 1897. Ab diesem Datum bis zum 2. Juni 1908 werden als neue Besitzer erwähnt: Ernst und Elise Meyer-Wagner, ab 2. Juni 1908 bis 6. Juli 1921 Elise Meyer-Wagner, Witwe, und ab 6. Juli 1921 bis 1. Oktober 1964 Ernst Meyer-Rüsch. Am 1. Oktober 1964 übernahmen die Liegenschaft je zur Hälfte Ernst Krebs-Bauer und Heinrich Büchel-Spaini. — Blicken wir nach dieser Betrachtung zurück auf die Zeit vor nur 50 Jahren, müssen wir uns eingestehen, daß sich die damalige Oberdorfstraße gewaltig geändert hat. Verschwunden ist der offene Aubach, der auf der linken Straßenseite dem Dorfe zugeflossen ist, verschwunden die verschiedenen Brücklein, die die Straße über den Bach mit den dort liegenden Häusern verbunden hatte, verschwunden das alte heimelige Oberdorf, das eine sozusagen geschlossene Siedlung darstellte und noch während langer Zeit seinen Bauerndorfcharakter erhalten konnte. Auch den Familiengliedern der Herren von Rotberg scheint es vor Jahrhunderten dort oben noch gefallen zu haben, ansonst sie nicht ausgerechnet die eben beschriebene Liegenschaft zu eigen gehabt hätten. Heute aber ist alles im Umbruch und das Alte macht dem Neuen Platz!

Quellenverzeichnis : Grundbuchamt Basel-Stadt; Staatsarchiv Basel-Stadt; Fritz Lehmann, Historisches Grundbuch Riehen; L. E. Iselin, Geschichte des Dorfes Riehen; Erinnerungen und überlieferungen von verschiedener Seite; L. Saeuberlin, Stammbaum der Familie Burckhardt.

Illustration zum Spittelhof siehe Jahrbuch «z'Rieche 1964», Seite 80.

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