1967

Das Sanatorium La Charmille und sein Begründer

Nicolas Jaquet-Dolder

Im Sommer 1967 sind 60 Jahre verstrichen, seitdem das von Alfred Jaquet-Paravicini, Dr. med. und Professor der Pharmakologie an der Universität Basel, begründete Sanatorium «La Charmille» seine Pforten geöffnet hat. Wenn ein im besten Mannesalter von vierzig Jahren stehender Arzt den Entschluß faßte, seine Ersparnisse mit der Unterstützung eines älteren Bruders für den Bau einer privaten Krankenanstalt einzusetzen, waren bestimmt nicht der wirtschaftliche Nutzen oder die Sicherung eines ruhigen Wirkungsfeldes Beweggrund hiefür. Der Gedanke, seine ärztliche Tätigkeit mit der Betreuung von Patienten in eigenem Heime zu verbinden, beruhte unter anderem auf der um die Jahrhundertwende immer deutlicher zu Tage tretenden Erkenntnis über Zusammenhänge von Atmung und Kohlensäurespannungen im Blut. Die Einwirkungen des Höhenklimas auf die Zunahme von roten Blutkörperchen wurden unter Leitung des hervorragenden Physiologen Miescher von einer Gruppe junger ärzte in Basel zum Ziel der Forschung erwählt. Neben Alfred Jaquet wirkten die beiden in Riehen bestens bekannten Mediziner Dr. E. Veillon und Dr. J. Karcher in den Jahren 1897/98 an diesen Untersuchungen mit. Ein guter Teil der Experimente beruhte auf Versuchen am eigenen Körper, und zu diesem Zweck wurden Märsche unternommen und Messungen von Blutdruck und Blutuntersuchungen in einem primitiv eingerichteten Laboratorium auf dem Chasserai durchgeführt. Die auf diese Weise gewonnenen Erkenntnisse wollte Alfred Jaquet in den Dienst des kranken Menschen stellen, und nachdem bei den damaligen Spitalverhältnissen in den Städten die notwendigen Voraussetzungen fehlten, faßte er den Entschluß, sich in einer eigenen Anstalt mit der Behandlung von Paüenten zu befassen, deren Gesundheit durch Erscheinungen auf dem Gebiet des Stoffwechsels und der Herztätigkeit gefährdet war.

Zunächst ging es darum, einen geeigneten Standort für das Unterfangen zu finden. Der Platz durfte von Basel nicht allzuweit entfernt sein, um so mehr als man auf bestehende Bahnverbindungen angewiesen war. Vor allem aber mußten die klimatologischen Vorbedingungen den Anforderungen des Kurerfolges möglichst nahe kommen. Nach eingehender Prüfung der verschiedensten örtlichkeiten außerhalb des Raumes zwischen «Wiese und Birs» fiel der Entscheid für Riehen. Ob es die frühen Riehemer Kirschen waren, welche für ein bevorzugtes Klima Zeugnis ablegten, oder ob die stille Liebe, welche man in Basel stets für Riehen hegte, den Ausschlag gab, läßt sich nicht mehr feststellen. Wer in der Dorfgeschichte von Pfarrer Iselin zu erforschen sucht, was Riehens Klima bietet, findet folgenden Bescheid: «Gegen Süden und besonders gegen Westen ist die Gegend offen, und wenn der Sturm im Sundgau entfesselt ist, stürzt er sich wohl mit peitschenden Güssen über die schutzlose Halde, aber meist für kurze Zeit, und nachher ist die Luft erfüllt mit Frische und Erdgeruch. Sonst ist es gerade der weite Westhimmel, der wunderbar frei in die Höhe steigt und durch die verschwebenden Formen der Vogesen eine besondere Tiefe erhält von eindrucksvoller Schönheit. Sein Anblick am Abend im Glanz des sinkenden Gestirns bringt dem Gemüt Befreiung und wohltuende Ruhe.»

Dies war es wohl, was Alfred Jaquet für seine künftigen Patienten vorschwebte, und er hat sich wahrlich nicht getäuscht. Was heute unter der Bezeichnung der Managerkrankheit bekannt ist, hat zweifelsohne schon vor einigen Jahrzehnten bestanden, und die Loslösung vom Getriebe der Stadt, verbunden mit der Sehnsucht nach Ruhe und Einsamkeit, ist ein Kennzeichen für den Erholung suchenden Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts.

War einmal der Entschluß gefaßt, sich in Riehen niederzulassen, ging es darum, den richtigen Platz für die Erstellung einer Krankenanstalt ausfindig zu machen. Der Sorge, in Riehen geeignetes Land erwerben zu können, war die damalige Generation enthoben, und im Raum, der schon auf alten Plänen die Flurbezeichnung «im hinteren Engely» trägt, wurde ein passendes Grundstück angekauft. In dieses Gebiet mit dem wohlklingenden Namen führte seit jeher die Inzlingerstraße. Zwischen dem Bahnübergang und der Landesgrenze vor dem Dorfe Inzlingen standen damals nur zwei Häuser. Das eine auf der Paßhöhe, das dem Landwirt Karth gehörte, und das andere, das sich im Eigentum eines Rentners namens Altherr befand, der sich einer ausgedehnten Hühnerzucht widmete. Dieser Betrieb grenzte immittelbar an das Areal, auf welches das Sanatorium erstellt werden sollte und zum Schutze der Patienten gegen den Hahnenschrei am frühen Morgen wurden kleine Tannen gepflanzt, die inzwischen zu einem Wald geworden sind.

Der Landerwerb scheint keine Schwierigkeiten gebracht zu haben. Ein hochbetagter Bauer stellte als einzige Bedingung, daß er einmal Gelegenheit haben wolle, sich die Bädereinrichtungen im Sanatorium anzusehen, da er seit seinem in die Knabenzeit zurückgehenden Besuch im Eptingerbad nie mehr etwas derartiges zu Gesicht bekommen habe. Das Areal bestand aus äckern und aus Rebland. Wer bezweifelt, daß auf dem Boden der Charmille einst Weinbau betrieben worden ist, sei darauf verwiesen, daß noch auf dem Dorfplan des Baudepartementes von 1923 der von der Inzlingerstraße gegen das Aubachtälchen abfallende Hang die Flurbezeichnung «Hinterengelireben» trägt. Unbekannt ist allerdings, unter welcher Marke die Erzeugnisse dieses Weinbaus seinerzeit abgesetzt worden sind.

Das Sanatorium wurde nach den Plänen von Architekt Bernoulli erbaut, der ein großes Einfühlungsvermögen an den Tag legte. Er war mit den Vorbesitzern der späteren Firma Burckhardt & Wenk assoziiert; Otto Wenk-Faber war damals schon in diesem Bauunternehmen tätig, und seine Wahl zum Gemeindepräsidenten im Jahre 1906 fiel in die Bauzeit des Sanatoriums. In der räumlichen Einteilung wurde auf wirtschaftliche Abwicklung des Betriebes in einem Krankenhause recht gut Rücksicht genommen. Gewisse neuzeitliche Errungenschaften wurden aber nicht als zwingend betrachtet. So gab es keinen Lift für Personen, und es scheint sich damals niemand daran gestoßen zu haben. Glücklicherweise war die Versorgung mit elektrischem Strom schon 1901 bis Riehen vorgedrungen; da aber das elektrische Licht bei Gewittern regelmäßig ausfiel, wurde im Speisesaal und in anderen Aufenthaltsräumen die Gasbeleuchtung eingerichtet. Der Druck der öffentlichen Wasserversorgung reichte nur bis zur Kote des Kellers des Hauptgebäudes und allabendlich mußte der Wasserbedarf für den nächsten Tag in das auf dem Estrich eingebaute Reservoir gepumpt werden. Daß eine Kanalisation anfänglich fehlte, wurde nicht als störend empfunden; wenn man sich vergegenwärtigt, daß es nach dem Zweiten Weltkrieg in Riehen noch Liegenschaften gab, welche dieser Errungenschaft der Zivilisation noch nicht erschlossen waren, so darf man die Einrichtung der Charmille von 1907 insgesamt betrachtet als weitsichtig und als durchaus fortschrittlich bezeichnen.

Eine besondere Aufmerksamkeit wurde auf die Anlegung eines ausgedehnten Gemüsegartens gerichtet, weil für die Einfuhr von frischem Gemüse alle Voraussetzungen fehlten. Die von Alfred Jaquet verfolgten Grundsätze im Hinblick auf die Heilung der verschiedensten Krankheiten verlangten eine wohlabgewogene Verpflegung unter besonderer Berücksichtigung einer großen Auswahl von Gemüse. Die Anleitungen für den Anbau wurden vom leitenden Arzt selbst getroffen, nachdem er sich weitgehende Kenntnisse auf diesem Gebiet angeeignet hatte. Gemüse, im Freien und in Treibkästen gepflanzt, gewährleisteten eine reichliche und vielfältige Ernährung. Manche Gemüsearten, deren Anbau hierzulande noch unbekannt war, wurden angepflanzt, so z. B. Artischocken, Aubergines und Cardons. Ein besonderer Stolz des Hauses bildeten die ausgedehnten Spargelfelder, die ein Erzeugnis lieferten, das nach Qualität und Ausmaß auf höchster Stufe stand. Es ist wohl das erste und letzte Mal, daß Klima und Boden von Riehen für den Spargelbau ausgenützt worden ist. Das rasche Verschwinden des landwirtschaftlichen Areals und die heutigen Bodenpreise schließen solche Kulturen für alle Zeiten aus.

Für den Bedarf an Früchten sorgten die alten Kirschbäume; neue Spalieranlagen wurden gezogen und erstmals in Riehen wurden niederstämmige Apfelbäume gepflanzt. Der Pfarrer des Dorfes, Emil Iselin, der weitherum als bester Kenner des Obstbaus bekannt war, unterstützte seinen Freund auf der Charmille dabei mit manchem guten Rat. Alle diese den neuen Erkenntnissen des Bodenanbaus angepaßten Kulturen fanden in Fachkreisen große Beachtung, um so mehr als jeder Luxus vermieden wurde und der Gartenbetrieb nach streng wirtschaftlichen Grundsätzen geführt wurde. überschüsse über den eigenen Bedarf wurden auf dem Markt in Basel abgegeben, und da das Zeitalter des Motors kaum angebrochen war, wurde die Verbindung mit der Stadt durch ein kleines, von einem Esel gezogenes Fuhrwerk aufrecht erhalten; wenn der Kanton Basel-Stadt bei den eidgenössischen Tierzählungen, bei einem ohnehin geringen Stand an landwirtschaftlichen animalischen Einheiten, während Jahren ein bis zwei Esel aufzuweisen hatte, so war dies der Charmille zu verdanken.

Die Verbindungen von der Charmille zur Außenwelt waren anfänglich nicht einfach. Man hatte im Badischen Bahnhof, wo jetzt die Mustermesse steht, mit der Großherzoglich Badischen Eisenbahn nach Station Riehen zu fahren, welche damals ein beachtenswertes Verkehrszentrum bildete. Von dort war den Patienten empfohlen, mit einem von der Fuhrhalterei Karlin gestellten Zweispänner die Bergfahrt anzutreten. Die Inzlingerstraße war schmal, und vom Bahnübergang bis zur Abzweigung des Hohlweges war sie von einem mit schweren Steinen gepflasterten Bachgraben eingesäumt. Alle fünf Meter war ein Randstein angebracht, der den müden Wanderer zum Ausruhen einlud. Der Verkehr auf dieser Straße beschränkte sich weitgehend auf altmodische, schwere Pferdefuhrwerke, welche von Inzlinger Steinbrüchen Kalksteine nach Weil verbrachten. Die Verhältnisse änderten mit Eröffnung der Tramlinie nach Riehen im Jahre 1908 und mit der Korrektion der Inzlingerstraße, welche den oberen steilen «Stutz» und den Bachgraben zum Verschwinden brachte.

Im Sanatorium war neben dem leitenden Arzt jeweils ein Assistenzarzt als Gehilfe tätig. Es bot für 25 bis 30 Patienten Raum; bewußt wurde darauf verzichtet, die Zahl zu steigern, um die individuelle Behandlung des einzelnen Krankheitsfalles nicht zu gefährden. Unter den Patienten, die Aufnahme suchten, waren die Diabetiker zahlreich, weil solche Fälle damals einzig auf dem Wege einer Ernährungstherapie geheilt werden konnten. Von weit her, aus Skandinavien, Deutschland und Italien kamen an solcher Krankheit Leidende, um bei Alfred Jaquet als bekanntem Spezialisten Heilung zu suchen. Tatkräftige Hilfe fand der Leiter des Sanatoriums bei seiner Gattin, die es sich nicht nehmen ließ, den Kranken durch tägliche Besuche den Spitalaufenthalt zu erleichtern. Die meisten waren aber nicht ans Bett gebunden; sie wurden vielmehr auf Wanderung über Felder und in die Wälder der unmittelbaren und weiteren Umgebung geschickt, um auf diese Weise, verbunden mit zielbewußter Ernährung, den menschlichen Organismus unter ärztlicher überwachung wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Die Tätigkeit von Alfred Jaquet erschöpfte sich nicht in der Leitung seines Sanatoriums. Bis in seine alten Tage hielt er am Nachmittag regelmäßig ärztliche Sprechstunden in Basel ab. Darüber hinaus war er rastlos um seine wissenschaftliche Weiterbildung bemüht und diente der schweizerischen ärzteschaft während langen Jahren als Redaktor des «Korrespondenzblattes für Schweizer ärzte», welches damals die einzige Fachzeitung in unserem Lande war. Es ging ihm stets darum, praktische und sinnvolle Lösungen zu finden. Wenn einer seiner Patienten seine Gesundheit durch allzu hohen Alkoholgenuß gefährdet hatte, verbot er ihm das Trinken nicht; er setzte ihn aber auf halbe oder Viertelration und auf solche ärztliche, menschliche Autorität gestützt wurde der Weg zur Heilung vielfach erleichtert.

In zahlreichen Vorträgen und Schriften hat Alfred Jaquet die von ihm als richtig erkannten Grundsätze zur Erhaltung und Hebung der Gesundheit seiner Mitmenschen in eine breite öffentlichkeit getragen.

Immer wieder stand dabei der Appell an die Vernunft des Patienten im Vordergrund. Hiefür spricht ein Merkblatt mit dem Titel «Die zehn Gebote des Zuckerkranken», das als erste Vorschrift festhält: «Klage nicht über Dein Schicksal! Die Notwendigkeit einer Einschränkung der Tafelgenüsse ist noch lange kein Unglück. Tausende von Menschen sind durch ihre Gesundheit genötigt, ihre Lebenshaltung einzuschränken. Das Ziel, gesund und arbeitsfähig zu sein, ist sicher eines kleinen Opfers wert.»

Seiner Einstellung zur ethischen und praktischen Aufgabe des Arztes hat Alfred Jaquet in seinem Werke «Ein halbes Jahrhundert Medizin» Ausdruck gegeben. Die Zeit des überganges von der hergebrachten, individuellen Betreuung durch den Hausarzt zum System des ärztlichen Spezialistentums hat ihm viel zu denken gegeben und manche Sorge bereitet.

Die Kriegsjahre 1914—1918 brachten schwere Rückschläge. Zunächst blieben die Patienten aus dem Ausland aus und viele Schweizer betrachteten ihre persönliche Sicherheit auf dem rechtsrheinischen Ufer in Riehen als gefährdet. Als der Friede zurückkehrte, ging Alfred Jaquet mit ungebrochenem Mute daran, den guten Ruf seines Hauses erneut unter Beweis zu stellen, und er war unermüdlich bis zu seinem 1937 im 72. Altersjahre erfolgten Tode tätig.

In den Jahren des Zweiten Weltkrieges herrschte in den Gebäulichkeiten der Charmille kein Leben mehr und die Türen des Hauses waren verschlossen. Als die Waffen ruhten, verkauften die Witwe und die Söhne des Begründers die Charmille 1946 an das von Herrn Dr. L. Levaillant ins Leben gerufene Jüdische Heim in Basel. Alfred Jaquet hatte sechs Söhne. Er hat ihnen zu verstehen gegeben, daß ein jeder den Beruf ergreifen könne, der ihm am besten zusage; für die notwendige Ausbildung werde er besorgt sein. Sollte aber einer den des Arztes wählen, so dürfe er nie damit rechnen, die Charmille zu übernehmen. Der ärztliche Beruf sei Berufung und die Stätte des Wirkens könne nicht wie eine Fabrik vom Vater auf den Sohn vererbt werden. Die hohe ethische Gesinnung und das Maß von Einsatzbereitschaft, das Dr. L. Levaillant bei der Gründung und beim Ausbau des jüdischen Heimes an den Tag gelegt hat, ist der Gesinnung des Gründers der Charmille sehr verwandt. Ihm war der Dienst an Leib und Seele des kranken Menschen einzige Lebensaufgabe. Wenn die Charmille heute zu einem Heim für alternde Menschen geworden ist, so bleibt die Tradition des Gründers dieser Stätte aufs schönste gewahrt. Die Be Zeichnung «Charmille» ist geblieben. Wer hat aber den Erbauer des Hauses veranlaßt, diesen Namen zu wählen, der schon seines welschen Klanges wegen auf keine einheimische Flurbezeichnung schließen läßt? In einem einsamen Tal an der Juragrenze stand einst das Kloster Lützel. Nach der Französischen Revolution ging die ehemalige Klosterliegenschaft in den Besitz der Basler Familie Paravicini über, die dort während Jahrzehnten eine Eisengießerei betrieb. Dieser Familie entstammte die Frau von Alfred Jaquet, und sie hatte in Lützel einen Teil ihrer Jugend verbracht. Heute noch kann man im einstigen Klostergarten einen von uralten Hagenbuchen umrahmten Weg erkennen, welcher von Buschwerk eingefaßt eine Allee, d. h. eine «charmille» bildet. In Anlehnung an dieses Bild des alten Klostergartens wurde im Jahre 1907 beim Bau des Sanatoriums längs der Inzlingerstraße ein mit Hagenbuchen umsäumter Wandelweg geschaffen, der heute zum großen Teil noch vorhanden ist. Wenn ein Mönch, ein Kranker oder ein alternder Mensch im Schatten einer Hagenbuchenlaube schreitend Erholung sucht und seinen Gedanken freien Lauf läßt, so wird ihm eine solche Abgeschiedenheit von der Unruhe des Alltags allezeit Kraft und neuen Lebensmut verleihen, und das ist der Gedanke der Charmille.

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