1966

Leonhard Euler

Hansfranz Stohler

Am «Klösterli» in Riehen ist folgende von Frl. Brateier ausgeführte Tafel zu finden: Leonhard Euler, Mathematiker, Physiker, Ingenieur, Astronom und Philosoph verbrachte in Riehen seine Jugendjahre. Er war ein großer Gelehrter und ein gütiger Mensch.

Die meisten Leser werden sich erinnern, daß wir in Basel eine Eulerstraße besitzen, so daß es sich wohl lohnt, im Riehener Heimatbuch etwas über diesen derart geehrten Gelehrten und über seine Vorfahren zu veröffentlichen.

Versetzen wir uns zunächst in das alte Basel am Ende des 16. Jahrhunderts. Hans Georg Euler aus Lindau erhielt am 10. April 1594 das Basler Bürgerrecht. Kurz darauf trat er in die Safranzunft ein. Er gilt als der Stammvater der Mathematikerfamilie und trug noch den früheren Beinamen «Schölpin» (von schelb = schief, verwandt mit scheel, schielen). In Basel betrieb er das Geschäft eines «Strälmachers», heiratete am 17. Juni 1594 Ursula Ringsgewandt, die Tochter eines Zunftbruders. Sie starb 16 Jahre später, worauf er 1611 oder 1612 Eva Reck heiratete, die schon 1627 aus dem Leben schied. Er wurde über 90 Jahre alt, hatte aus der ersten Ehe neun Kinder, aus der zweiten sechs (total elf Söhne und vier Töchter). Aber nur vier Söhne pflanzten das Geschlecht weiter fort.

Am 24. August 1631 finden wir seinen Sohn Hans Georg und dessen Vetter Paul Ringsgewandt als Kläger gegen zwei seiner Brüder und den eigenen Vater. Sie beklagten sich, daß der Vater Hans Georg mit seinen beiden Söhnen «sie der Ehren angezogen und geschulten und ihnen das Handwerk nidergelegt und den Gesellen verbotten, daß sie ihnen nicht meer arbeiten sollen». Es erfogte natürlich prompt eine Gegenklage des Vaters und seiner beiden Söhne: «Daß sie, die zwei Kläger, wider ein ehren Handwerk handeln, sie kaufen in der Metzg die Horn auf, ziehen junge Knaben täglich zu sich, die ihnen die Horn in die Häuser bringen, ja lesens auf uff der Gassen, wie die Bettler». Schmunzelnd lesen wir die salomonische Entscheidung der Zunftherren: «Nachdem m. gn. Herrn Klag und Antwort der Lenge nach angehört und befunden, daß es nicht rümblich sei, daß Vater und Sohn also miteinander Strutten, weswegen Ihnen mit allem Ernst zugesprochen worden und hierüber Erkant, daß sie allerseitz zufrieden sein sollen und soll dies eine aufgehebte Sach sein und kann eim an seiner Ehren nicht schaden». Aus der ganzen Auseinandersetzung kann wohl geschlossen werden, daß Hans Georg mit seinem Vetter Paul offenbar auf unrechtem Weg um jeden Preis Geschäfte machen wollte, die den Zunftsitten nicht ganz entsprachen.

Noch Leonhards Großvater war «Strälmacher» und Mitglied der Safranzunft, doch dessen Sohn Paulus verließ das Handwerk und studierte Theologie. Am 9. November 1688 wurde er in die Matrikel der theologischen Fakultät eingeschrieben. Er studierte nicht bloß Theologie, sondern unter Bernoullis Leitung auch Mathematik. Von 1701 bis 1703 war er Pfarrer am Waisenhaus und von 1704 bis 1708 Pfarrer zu St. Jakob; hier verheiratete er sich 1706 mit Margaretha Bruckner. Am 27. Juni 1708 wurde er zum Pfarrer nach Riehen gewählt und blieb hier bis zu seinem am 11. März 1745 erfolgten Tode. Die Familie hatte damals nur ein Studierzimmer und ein Wohnzimmer zur Verfügung. Sein Vorgänger war sogar gezwungen gewesen, mit neun Kindern in einem Raum zu leben, nachdem er einen Schlaganfall erlitten und sein Studierzimmer seinem Vikar hatte überlassen müssen. Es ist uns auch überliefert, daß Margaretha Bruckner einer Familie entstammte, in der «Gelehrsamkeit heimisch war». Pfarrer Euler nahm es mit seinem Amte sehr ernst. Er führte die öffentliche Konfirmation ein, auch die Vorkinderlehre, eine Art Jugendgottesdienst. Margaretha Euler-Bruckner lebte nach dem Tode ihres Gatten bei ihrem Sohne Leonhard in Berlin und starb dort 1761.

Am 15. April 1707 wurde Leonhard geboren, der seine Jugend in dem damals sehr ländlichen Riehen verbringen durfte. Sein Vater erteilte ihm persönlich Unterricht. Da er selbst nicht nur Theologe, sondern als Schüler des berühmten Johannes Bernoulli auch ein guter Kenner der Mathematik war, konnte er seinem wissensdurstigen Sohn gute Grundlagen vermitteln. Später wurde Leonhard an die Universität Basel gesandt, wo er wie sein Vater Theologie studieren sollte. Er beschäftigte sich aber nicht nur mit seinem Fach, sondern befaßte sich auch sehr eifrig und erfolgreich mit Mathematik, ebenfalls unter der Leitung von Johannes Bernoulli. Im Jahre 1723, also 16jährig, erhielt er die Magisterwürde, bei welcher Gelegenheit er in lateinischer Rede einen Vergleich zwischen der Newtonschen und Cartesischen Philosophie anstellte. Dem 19jährigen wurde im Jahre 1727 von der Pariser Akademie der Wissenschaften ein Preis zuerkannt, den sie für die beste Abhandlung über die Bemastung der Schiffe ausstellte. In Basel befreundete sich Leonhard mit Hermann und Daniel Bernoulli, den Söhnen des Johannes, die ebenfalls zu den besten Mathematikern gehörten. Als die beiden von der Kaiserin Katharina I. bei der Stiftung der Akademie nach Petersburg berufen wurden, erging der Ruf auf ihre Veranlassung hin auch an Leonhard, dem er Folge gab, nachdem ihm sein Vater widerstrebend gestattet hatte, das Theologiestudium aufzugeben. In Petersburg wurde er 1730 zum Adjunkten der mathematischen Klasse der Akademie ernannt und erhielt 1733 die Professur für Physik. Im gleichen Jahre verheiratete er sich mit der Tochter eines Malers in St. Gallen, Katharina Gsell, die ihm 13 Kinder schenkte.

Während seines Aufenthaltes in der damaligen russischen Hauptstadt veröffentlichte er zahlreiche Werke und Abhandlungen. Aber da er sich nicht schonte, ergriff ihn im Jahre 1735 ein hitziges Fieber, das ihn an den Rand des Grabes brachte. Ein Abszeß raubte ihm das rechte Auge, was ihn jedoch keineswegs veranlaßte, seine Arbeit aufzugeben. Arbeit war ihm zum Bedürfnis geworden, wobei er oft Nahrung und Schlaf vergaß. Das erste seiner größeren Werke, eine klassische Mechanik, erschien kaum ein Jahr nach seiner Genesung. Die Pariser Akademie verlieh ihm zehnmal Preise, z. B. 1740 für seine Abhandlung über Ebbe und Flut.

1741 erhielt Euler einen Ruf, in die Dienste Friedrichs des Großen, des damaligen Königs von Preußen, zu treten, der der alten, von Leibnitz gestifteten Königlichen Gesellschaft um diese Zeit neue Kräfte zuführte. Im Juni 1741 verließ Euler daher Petersburg mit seiner Familie. In Berlin eingetroffen, erhielt er sofort ein schmeichelhaftes Zeichen der Achtung des Königs, der ihm aus dem Lager von Reichenbach ein Schreiben zukommen ließ. Euler fand leider die Königliche Akademie der Wissenschaften in den letzten Zügen. Im Jahre 1744 wurde sie wieder hergestellt und Euler zum Direktor der mathematischen Klasse ernannt. Friedrich der Große, der viele Teile der Mathematik als einen Luxus des menschlichen Verstandes bezeichnete, schätzte Euler besonders deswegen, weil dieser die Lehren der Mathematik für praktische Zwecke, wie die Schiffbaukunst und Artillerie verwendete.

25 Jahre bis 1766 blieb Euler in Berlin, wo er sich recht wohl befand. Doch mußte er für eine große Familie sorgen, so daß er sich entschloß, nach Petersburg zurückzukehren, wo ihm eine Stelle mit bedeutend höherem Einkommen angeboten wurde. Friedrich erteilte ihm nach vielen Schwierigkeiten seinen Abschied, doch mußte der jüngste Sohn, der Leutnant bei der Artillerie war, zurückbleiben. Nun konnte Euler im Juni 1766 Berlin verlassen und traf am 17. Juli, nachdem er noch zehn Tage am Hofe des Königs von Polen verbracht hatte, wieder in Petersburg ein. Er wurde sofort der Kaiserin vorgestellt und zur Tafel geladen. Doch kaum hatte er sein Haus bezogen, zu dessen Ankauf ihm die Kaiserin großmütig 8000 Rubel geschenkt hatte, wurde er von einer schweren Krankheit befallen, die ihm auch das andere Auge raubte.

Euler blind! Man stelle sich vor, was das für einen Mann bedeutete, dessen Lebensinhalt Arbeit war. Doch Euler trug sein Schicksal mit männlichem Mute, wozu ihm sein ausgezeichnetes Gedächtnis half. Das erste, was er unternahm, war die «Vollständige Anleitung zur Algebra». Er diktierte das Buch einem Diener, den er aus Berlin mitgenommen hatte. Dieser, ursprünglich ein Schneidergeselle von nur geringen Rechenkenntnissen, soll als Folge des Eulerschen Vortrags, den er niederschreiben mußte, zum vollständigen Verständnis der Algebra gelangt sein. Das Buch zeichnet sich durch seine außerordentliche Klarheit und Deutlichkeit der Darstellung aus. Selbst in diesem für Anfänger bestimmten Lehrbuch zeigt sich der erfinderische Geist des Verfassers durch Auffindung neuer Rechenmethoden. Das Buch erschien zuerst in russischer Sprache, dann auf vielseitiges Verlangen in französischer übersetzung. Heute kann man sagen, daß Eulers Algebra in alle bedeutenden Sprachen übersetzt ist.

Eulers Gattin starb im Jahre 1776, worauf der bald Siebzigjährige deren Halbschwester Salome Albigael Gsell heiratete. Sein Sohn aus erster Ehe, Johann Albert, wurde russischer Staatsrat; er war ebenfalls ein vorzüglicher Mathematiker, der seinem Vater vorzügliche Dienste leistete. Nach unsern Quellen verlief Leonhards Lebensabend ruhig und heiter, wobei er sich im großen ganzen einer guten Gesundheit erfreute. Bis zu seinem Tode am 7. September 1782 lebte er glücklich im Schöße seiner Familie.

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