1966

Alte Riehener Namen

Werner Schär

Viele alte Sitten und Gebräuche sind in Vergessenheit geraten. So mag es uns heute unbegreiflich erscheinen, daß, besonders in bäuerlichen Gebieten, die Familiennamen, obschon seit dem 14. Jahrhundert nachweisbar, wenig gebräuchlich waren. Es konnte vorkommen, daß ein alphabetisches Register der Zinsbauern eines Beraines nach den Vornamen der Betreffenden erstellt worden ist. Zwecks Unterscheidung der zahlreichen gleichen Taufnamen wurde der ortsübliche Zuname beigefügt, der entweder vom Vornamen des Vaters oder Großvaters, vom Geschlechtsnamen der Mutter, von einem ausgeübten Berufe oder von irgendeiner Begebenheit abgeleitet wurde. Solche Zunamen, die anfänglich einzelne Personen erfaßte, wurden später oft auf ganze Familien übertragen. Als Beispiele mögen dienen: «s Fritzihanse, Nobbisimmi (Jakobs Simon), Itiruedi (Rudolf, Sohn des Itin), s Hansjörge Marie (Marie von Hans Georg).»

Aus frühester Zeit sind uns nur wenige Namen von Riehener Einwohnern erhalten geblieben. Im Jahre 1247 wird ein «Heinricus in smidegassen de riehein» erwähnt. 1267 erscheint ein «Heinricus in der Gassen», vermutlich derselbe, aber mit abgekürztem Namen; 1286 «Johannes genannt in der Smidegassen». Auf diese Namenträger geht vielleicht das Geschlecht Gasser in Riehen zurück, wovon im Jahre 1461 ein Pantleon Gasser genannt wird.

Aus dem 14. Jahrhundert datieren die Namen Schmid, Asang oder Onsang, Römer oder Romer, Hagist oder Hagast. Ein Rudolf Hagast wird im Jahre 1346 angeführt. Aus dem gleichen Jahrhundert werden folgende Bauern erwähnt: Gisi Traten (1343), Harst Heinrich (1344), Flach Johann (1322), Wölfflin Rudolf, Jeger Ulrich (1313), Burggi Fässi, Hans-Heiri Fricker der Küffer, Claus Frioss, Lienhard Keller, Hans Klopfer, Hans Meiger, Heini Nortswoben, Claus Tratwis, Wernli Ueringer, Wernli Vischer, Hans Volstuk, alle 1396. Der Petriweg im Schlipf hat seinen Namen von einem Rebstück, das einst «im Petris» hieß. Sein Besitzer, «Petri genannt Scherer», hatte dort im Jahre 1380 Güter in der Gegend «zem sod». Der Name «Bosse» geht aus Urkunden aus den Jahren 1335 und 1337 hervor als «Bosse von Wenkon». Im Riehener Bann ist das Geschlecht im Flurnamen «Bosenhalden», früher, d. h. im Jahre 1569, «Bossenhalden», erhalten geblieben.

Eine beachtliche Anzahl Familiennamen datieren noch aus dem 15. Jahrhundert, so Jecki Bapst (1453), nach welchem eine Lokalität im Jahre 1490 «by den bepstern» oder «bey den vier päbstlenen» und 1797 «in der höll (Hell)» genannt worden ist; dann Hensslin Bieler (1413), Hans Brunner (1470), Hans Eger (1461), Heinzi Götti (1451), Hans Has (1451), Jecklin Kirslin (1461), Heinzi Knebli (1461), Rudi Meyer (1444), Hans Müri, geschworener Richter am Dinghofgericht (1424), Clevi Scherer (1470), Bürkli Schlupp (1413), Hans und Cuni Strumpff (1461), nach welchem Geschlecht das Sternengäßchen, einst die Strumpffengasse bezeichnet wurde, Rudi Senn (1453), Bürklin Schöni (1424), Heini Vögtlin (1413), Lienhardt Zimmermann (1413).

Im 16. Jahrhundert finden wir auch Flurbezeichnungen, die an ehemalige Eigentümer erinnern, wie «Lamperstal (1569 Lampertstall), dem Lambertus (Villicus 1241) gehörend», «Humbelsgraben (1511 Humpoltsgraben), früherer Besitzer Humbolt», «Küngelinsrein (1535 Kingoltsrain), dem Küngolt zu eigen». Im Oberdorf befand sich eine Römergasse und ein Romersgut, dessen Eigentümer «Kuntzi Romer» war.

Kurz vor übergang von Riehen an Basel, d. h. unter der Herrschaft des Bischofs, konnten um die Zeit von 1510 noch folgende Familiennamen festgehalten werden: Boner, Brotbeck, Datt, Felgenhauer, Fritschi, Fuchs, Gresger, Gugelmann, Gütli, Haberer, Hauinger, Hauswirth, Hüssler, Küng, Lapp, Link, Lüdin, Mettler, Müller, Oertlin, Orab, Pfuss, Ruch, Scherer, Schupfli, Schnider, Sturm, Schultheiss, Stuwen, Schwaller, Widerlin. Die Namensbezeichnung «'s Mettler's» geht auf eine Linie «Martin» zurück, deren Ahnin im 16. Jahrhundert gelebt hatte und Mettler hieß.

Im 17. Jahrhundert müssen sich nachstehende Familien in Riehen niedergelassen haben: Basler, Breitenstein, David, Eisenegger, Fäsi, Guttendorfer, Gyr, Höhner, Horn, Jung, Keller, Köbelin, Martin, Mukkenfuss, Rohrer, Rüttner, Rynacher, Schäublin, Seckinger, Seidenmann, Sieglin, Siegwald, Suter, Wackerneil. Im Jahre 1603 erscheint die Familie Wenk mit «Philipp Wenck, Hufschmied von Homburg, der thurgauisch-murischen Herrschaft Klingenberg oder Klingenzell und dessen Sohn Martin». In der gleichen Zeit finden wir die ersten Sulzer aus Hettlingen, Kanton Zürich, als Hörige des Klosters St. Blasien. In das Jahr 1609 fiel das Verlangen der Gemeinde nach einem eigenen Gemeindehaus, da «es nicht mehr angehe, Gericht und Sitzungen in einem Wirtshaus abzuhalten». Am 7. August 1609 richteten der Untervogt Paul Bucherer und die vier Geschworenen von Riehen, Claus juscher^ Fridli und Simon Eger und Jakob Stüren, an den Rat von Basel ein Gesuch um Erbauung eines «Gemeinhauses». Es wurde 1694 «von nüwen außgebauwen» und die Inschrift angebracht: «Die Gemein hat die Wachtstube gebauen unter Philipp Wenk, Untervogt, Simon Fischer, Jakob Fäsi, Jacob Hauswirth und Simon Meyerhofer, Geschworene».

Im Jahre 1680 wird der erste Singeisen und der aus Riesbach (Kanton Zürich) stammende Unholz erwähnt. Aus Horgen kamen die Götschi, aus Wintersingen die Rohrer und aus Füllinsdorf die Hähner. Schäublin stammten aus Bennwil, Möhler aus Bubendorf und Peter aus Hailau. Von Oedingen siedelte sich Thomas Stücklin, der «Krummholz», d. h. der Wagner, in Riehen an, von Pratteln Marx Löliker, der Schuster, von Reigoldswil Christof Vögelin, der Schäfer. Um 1700 figuriert in Riehen das Geschlecht Stump mit Jakob Stump, aus der Gegend von Schopfheim kommend. Aus Rechberg, Kreis Waldshut, erscheint der erste Weissenberger.

Schon beim übergang Riehens an Basel war die Einwohnerschaft der Gemeinde sehr gemischt, was auf im Dorfe ansässige fremde Hörige zurückzuführen war. Der Zuwachs aus dem Wiesental und der badischen Markgrafschaft war zu jener Zeit sehr groß, nahm aber seit der Zeit der Reformation stark ab. Es zogen vermehrt Männer aus dem Baselbiet und der übrigen Schweiz zu. Immerhin blieb der Prozentsatz der Frauen aus der badischen Nachbarschaft noch beträchtlich. Dies war schon daraus ersichtlich, daß die weiblichen Einwohner meistens den «Markgräfler Lätsch» trugen, weshalb die Frage nicht unberechtigt sein dürfte, ob die frühere Riehener Volkstracht diejenige des Wiesentales war?

Einen konservativen Zug verfolgte man bei uns bis um die Wende des laufenden Jahrhunderts bei der Namensgebimg. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts blieben die alten katholischen Namen bestehen wie Chrischona, Veronica, Ambrosius, Bartlome, Fridlin, Märcell, Wendelin, oder die altmodischen wie Abraham, Balzer, Marx, Samuel, Simon, Wernhard.

Verschiedene Namen gehen auf Berufsbezeichnungen zurück. So weist die Bezeichnung «s Ochsehans» auf eine Linie der Familie Wenk hin, deren Ahne, Hans Wenk, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Wirt im Gasthof zum Ochsen war; «s Weibelhanseli's» stammt von einer Linie Wenk ab, die um 1700 einen Weibel in Riehen stellte, und «s Metzgerhans'»» deutet auf die Linie Wenk hin, deren Ahne um 1750 dem Metzgerberufe oblag. Hans Jakob Schultheiss, der im Jahre 1880 verstorben ist, trug den Zunamen «Weibelbobbi's». Dieser stammt von seinem Großvater, dessen Name Jakob war und um 1730 das Amt eines Weibels ausübte. Ein anderer Zweig Schultheiss war als «s Brunneputzer's» bekannt, weil Martin Schultheiss um 1750 in Riehen Brunnmeister war.

Als Riehen vor dem Ersten Weltkriege keine 4000 Einwohner zählte und zum großen Teile Bauerndorf war, waren die alten Dorfnamen noch einem jeden derart geläufig, daß man sofort erfaßte, um wen es sich im einzelnen Falle handelte. Jeder kannte jeden, und die Dorfgemeinschaft war erfreulich, wenn es auch nicht immer sehr sanft zuging. Emil Wenk-Weissenberger, langjähriger Gemeinderat, verfaßte zu jener Zeit ein leider in Verlust geratenes Gedicht zuhanden «seines» Gesangvereins «Liederkranz», mit dem er sich als dessen Ehrenpräsident stets eng verbunden fühlte. In diesem Gedicht waren die alten Dorfnamen zusammengefaßt, die unsern ältern Bürgern und Einwohnern heute noch geläufig sind. Mit Hilfe dieser ältern Garde wurde versucht, diese Namen ebenfalls in Versform festzuhalten, wobei gewisse Unebenheiten entschuldigt werden müssen:

«Becke, David, Stümpli Sämi, Hähner, Meyer, Wagner Sämi, E Löliger drzue. Baier, Eger, Meyer Migger, Möhler, Wenk und Stehli Migger, Die hän jetz ihri Rueh.
Folge tuet dr Bärtschma Schangi, Lüscher und dr Möhler Schängeli, Au Hein sinn no do. Bärtschma, Bad und Grofe Heiri, Meyer und au Schäubli Heiri, Jetz mien no d'Böbbi cho.
Vögeli und Stümpli Böbbi, Gysi und dr Rullo Bobbi, Dr Bämmertli Jerg drby. Glürli und dr Röschert Simy, Ochse, Fritzy, Chalbeli Hans, Dr Heuel muess no sy. Beibber und dr Schnyder Fritzli, Sure, Dölder, Löliger Chlaus, Dr Schnyder Adem no. Schutzma und dr Chohle Meyer, Fürbacher und Händsche Meyer, Dr Lymer fehlt no do.mKanebee und Golde Basler, Schefert Fritzy, Stäphy Dölfy Und s Home Meye, d'Frau.mBahlum, Ches und Basler Lugger, Leuchliruedy, Blettlipfyfer, Und d'Sammelhanse au. Vögeli und Sure Lippy, Ysenegger, Chiefer Lieny, Und denn no s Botte Vreny. Kaffy- oder Meierbäsy, Gottebäsy, Sehwobe-n-Anny, Drzue s Stump Hanse Leny. Und am Wyssebärger David Folgt e Wyssebärger Fridy Und s Goschar Anny noo; s Hätzle Meye, Pfizänz Fridy, s Chleebethy und dr Grasser Hans Dr Grässerli Jokeb no. s Löliger Sämis Annemeili, Sydema und Hüsler Bäbeli Und s Gyger Roseli. s Fritzihanse Meieli, dr schön Fritz und dr Ytyruedy, Gar alles isch drby. Wysschopf Fritz und Wysschopf Simi, Marti Schangi, Phiggel, Ernstli Und denn dr Brosi Böbbi. Ihm folgt sofort s Brosi Meye, Wägeli und Fricker Lugger, Dr Dolgge au no noo. Scharfschütz und dr Schwyzer Bobbi, Galle Sämi, s Geisse Marie, Die mien jetz au no cho.»

Die Riehener Dorfvereine waren in frühern Jahren ganz allgemein bestrebt, an alten Traditionen festzuhalten. So blieben zu jener Zeit der Bevölkerung die überlieferten Namen geläufig. Allein für die Familien Meier und Meyer kursierten zur Unterscheidung derselben über zwanzig Dorfnamen. Diese wurden in dem für den Musikverein Riehen um die letzte Jahrhundertwende komponierten «Meier-Marsch» festgehalten, der bei Ständchen oder bei Dorfumgängen vorgetragen wurde. Melodie und Takte wurden unterbrochen, und singend gaben die Musikanten die verschiedenen Meiernamen zum besten.

Verschiedenen altern Riehenern sind noch folgende Namen geläufig: Brand Otti dr Bader, dr Brütsch Joggi, dr Eifel Fritz, s Goggäggerli, dr Gülle Tschörtschi, dr Stückli Voppel, s Stump Schiffers und s Stump Hanse. D Gräuin vo Rieche war eine Margaretha Vögtlin, die anfangs des 17. Jahrhunderts als «der Ausübung böser Künste» eingeklagt worden ist. Die Untersuchungsrichter, die noch vielfach dem Aberglauben unterlagen, zogen einen regelrechten Hexenprozeß auf. Nur dem Einfluß der fortschrittlich gesinnten Herren der Universität Basel war es zu verdanken, daß Schlimmstes vermieden wurde. Der Name «Grässerli» hängt mit einer Linie Schmid zusammen, deren Ahne, der Webermeister Hans Ulrich Schmid, um 1720 eine Grasser geheiratet hat. Der Zuname «Schlempis» für eine Familie Jung weist auf die Herkunft einer Ehefrau des Schlossers Marceli Jung hin, die aus Schalampi im Elsaß (im Volksmund «Schlempis» ausgesprochen) stammte.

Wie mit dem alten Bauerndorf Riehen wird es auch mit den alten Namen heute endgültig vorbei sein. Eine Siedlung von über 20 000 Einwohnern wird kaum auf Familiennamen verzichten können!

Quellen: Staatsarchiv Basel-Stadt; G. Linder, Geschichte der Kirchgemeinde Riehen-Bettingen; L. E. Iselin, Geschichte des Dorfes Riehen; Aufzeichnungen und überlieferungen von Riehener Bürgern.

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