1965

Wandlungen im reformierten Kirchenbau in den letzten hundert Jahren

Werner M. Moser

Der Kirchenbau scheint sich in unserm Jahrzehnt in einem Stadium besonders umwälzender Neuerungen zu befinden. Wer die unter Theologen mit großer Offenheit und tiefem Ernst diskutierten Probleme des heutigen kirchlichen Lebens verfolgt, versteht, daß diese selbst die biblischen Grundlagen berührenden Auseinandersetzungen sich auch im Kirchenbau widerspiegeln.

Es wäre aber nicht richtig zu glauben, die Kirche hätte in den vorhergehenden Jahrzehnten in der Auffassung über ihre Stellung im Leben, über die Form des Gottesdienstes und als Folge auch über die Kirchenarchitektur keine Entwicklung durchgemacht. Es ist eigentlich selbstverständlich, daß die dominierenden Naturwissenschaften, der Einbruch der industrialisierten Produktion um 1850, die Technisierung und Spezialisierung das Leben ganz allgemein sowie die Einstellung zur Kirche tiefgreifend beeinflußt haben. Einen aufschlußreichen Anschauungsunterricht, wie stark sich der Kirchenbau in den letzten hundert Jahren gewandelt hat, liefern uns vier reformierte Kirchen unter Einschluß einer katholischen Kirchenbaute im lokalen Bereich von Basel, die verschiedene charakteristische Merkmale ihrer jeweiligen Zeitepoche aufweisen. Es sind dies: 1865 Elisabethenkirche 1901 Pauluskirche 1926 Antoniuskirche 1936 Johanneskirche 1964 Kornfeldkirche Riehen (Arch. Riggenbach, nach Plänen von Arch. Ferdinand Stadler) (Arch. Curjel und Moser) (Arch. Karl Moser und Gebr. Doppler) (Arch. Burckhardt und Egender) (Arch. Haefeli, Moser, Steiger, Mitarbeiter: André Studer) Es folgt hier zur Verdeutlichung der Unterschiede eine kurze Charakteristik der Kirchen: Elisabethenkirche Die Elisabethenkirche, eine neugotische dreischiffige Hallenkirche mit Chorpolygon, ist ein typischer Vertreter jener Periode der Stilimitation in der zweiten Hälfe des letzten Jahrhunderts, in der alle Stilformen von der Romanik über Gotik, Renaissance bis zum Klassizismus durchgespielt wurden. Mit dem neugotischen Stil wurden aber auch alle Merkmale einer katholischen Kirche übernommen, insbesondere der deutlich abgesetzte Chor, der in scharfer Trennung vom Besucherteil des langen Hauptschiffes die geheimnisvolle Sakralität ausstrahlt, die eigentlich das Vorhandensein eines Hochaltars voraussetzen würde. Die Kanzlei ist dabei isoliert von der Gemeinde an einem Pfeiler im übergang vom Kirchenschiff zum Chor in der Höhe angebracht, d. h. der Raum ist nicht als Predigtkirche entworfen, wie es eigentlich dem reformierten Gottesdienst entsprechen würde.

Die dominierende Lage im Stadtbild, das hohe Kirchenschiff und der sehr hohe Spitzhelm des Frontturmes sind charakteristisch für die damalige selbstbewußte Haltung der staatlich gesicherten Institution der Kirche, die den Anspruch auf eine primär dominierende Funktion im geistlichen und geistigen Leben erhebt.

Pauluskirche
Die 36 Jahre später erbaute Pauluskirche am Steinenring zeigt schon Merkmale des gerade einsetzenden Jugendstils, der noch aufbauend auf Elementen früherer Stile interessante neuartige Materialverwendung und Flächenstruktur aufweist.

Wie bei der Elisabethenkirche ist auch hier der erste Eindruck des Betrachters ein stark ausgeprägtes, fast trotzig zur Schau gestelltes Selbstbewußtsein, womit mehr die Macht über als der Dienst am Menschen zur Darstellung kommt. Isoliert in eine spitzwinklige Straßengabelung gestellt, ist auch nicht die leiseste Andeutung einer Eingliederung in das damals noch reine Wohnquartier zu spüren. Der fast symmetrische Zentralkreuzbau mit quadratischem Turm über dem Kirchenraum ruht vielmehr in sich selbst. Dies alles besagt nichts gegen die auch heute noch kraftvolle und einheitliche Architektur dieses Bauwerks. Was nun als entscheidender Schritt zu einer neuen Auffassung gewertet werden kann, ist jedoch die ausgesprochen zentrale Form des Kirchenraums, durch welche die Gemeinde von drei Seiten zur Kanzel hin gerichtet ist. Die Kirchenbesucher scharen sich gleichsam um die in der Mittelachse aufgebaute Kanzel; damit wird der reformatorische Gedanke des Predigtgottesdienstes und die aktive Teilnahme der Gemeinde durch die Raumform in eindeutiger Weise zum Ausdruck gebracht. Diese Tendenz äußert sich auch noch in der Stellung des Abendmahltisches unter der stark erhöhten Kanzel.

Ein weiterer prinzipieller Unterschied zur Elisabethenkirche besteht im totalen Fehlen einer Chorpartie. Die Kanzelrückwand begrenzt in halber Höhe den Zentralraum. Darüber, entsprechend den ringsumlaufenden Emporen, befindet sich die Orgel- und Chorempore. Die Galerien betonen verstärkt die Gemeinschaft der Gottesdienstbesucher, ganz im Gegensatz zum Längsschiff der Elisabethenkirche. Diese Anordnung ist auch heute noch günstig. Wenn aber schon die Kanzel der Schlußstein im Kreise der feiernden Gemeinde bildet, empfinden wir heute die anspruchsvolle Detailausbildung derselben, mit Goldmosaik ausgelegter Nische für den Pfarrer und darum herum kostbares Material wie nirgends sonst in der Kirche, befremdend. Der Prediger will sich heute einfach als berufener Sprecher der Gemeinde und in engem Kontakt mit ihr, denn als Abgesandter Gottes fühlen.

Antoniuskirche
25 Jahre später ereignete sich ein totaler, sehr bedeutungsvoller Umbruch in der Architektur. Man empfand die sich wiederholenden Neuauflagen früherer Stilepochen als unehrliche Attrappen, zumal sie mit den neuen Konstruktionsmethoden der eigenen Zeit in Widerspruch standen. Die Architekten prägten ihre Bauten in ehrlicher Nüchternheit, ein sicherlich hoch zu bewertendes Unterfangen. Sie waren aber so sehr von der Suche nach dem Stil ihrer eigenen Zeit absorbiert, daß die erst im Keime vorhandenen untergründigen theologischen Reformbestrebungen im Formwillen noch nicht zur Auslösung kommen konnten. Es galt ihnen, mit Eisen, Beton und Glas zu bauen und Backstein und Holz als echtes Naturmaterial unverkleidet zu zeigen.

In jene Zeit fällt der Bau der katholischen Antoniuskirche von Karl Moser, etwas später als die ebenfalls katholische Betonkirche der Gebrüder Perret in Raincy (Frankreich). Es waren die ersten Kirchen in Europa, die konsequent und konstruktiv logisch in Beton und Glas erstellt waren. Daß mit diesen im Kirchenbau neuen Materalien eine bis anhin bezweifelte, nicht nur würdige, sondern darüber hinaus intensive kirchliche Atmosphäre geschaffen werden konnte, war ein großes Erlebnis für Laien und Architekten. Diese überaus mutigen Schöpfungen sollten gemeinsam mit wenigen anderen den Auftakt zu einer nicht nur den Kirchenbau sondern alle Architekturbereiche erfassenden Welle neuer Ausdrucksformen geben. Es würde zu weit führen, hier die gleichzeitigen und sogar früheren, damals stark bekämpften Pionierleistungen auf andern Gebieten der Architektur einzubeziehen.

Besonders beachtenswert ist bei der Antoniuskirche, daß sie, ganz im Gegensatz zur Elisabethen- und Pauluskirche, in die Straßenfront der Mietshäuser eingereiht ist, ein erstes Symptom des Willens zur Eingliederung in die Umgebung und damit zur intensiven Teilhaftigkeit am Quartierleben.

Johanneskirche
Die erste im gleichen Sinne zehn Jahre später ausgeführte protestantische Kirche ist die Johanneskirche an der Mülhauserstraße. Sie zeigt sehr betont das Material Eisen im konstruktiven Skelett des Turmes und einer in Glas aufgelösten Längswand der Kirche. Im Innern sind die Tragelemente als sichtbare Stützen und Deckenbalken in Eisenprofilen ausgebildet. Diese Kirche verkörpert stark das rein architektonische Anliegen, wobei das primäre Problem, wie eine dem reformierten Gottesdienste adäquate Raumatmosphäre erzeugt werden könnte, kaum angetastet wurde. Indes ist auch hier mit dem einladenden Vorhof die sich vom umgebenden Quartier isolierende Absetzung der Kirchen der Jahrhundertwende entscheidend aufgegeben.

Es sind nun etwa zwanzig Jahre her, daß eine intensive Besinnung auf die historischen Grundlagen des reformierten Gottesdienstes in theologischen Kreisen eingesetzt hat. Frühzeitig hat der Basler Architekt Otto Senn jene ursprünglichen Neuordnungen aus der Reformationszeit in ehemaligen katholischen Kirchen wieder aufgedeckt und von den Anfängen bei Luther und Zwingli über die Hugenottenkirchen Frankreichs und die zentral geformten Barockkirchen bis zu den Breitsaalkirchen des 17. und 18. Jahrhunderts verfolgt. Diese verdienstvollen Untersuchungen haben einen klärenden Einfluß ausgeübt.

Kornfeldkirche Riehen
Als letztes Beispiel soll die 1964 eingeweihte Kornfeldkirche in Riehen angeführt werden, die mit den zwei anderen, fast gleichzeitig erstellten kirchlichen Bauten in Basel, der Geliertkirche und der Tituskirche, einen den heutigen Bestrebungen conformen Typus repräsentiert.

Es fällt auf, daß bei diesen drei Bauten der Eindruck kirchlicher Zentren entsteht. Alle wichtigen Räume und die Pfarrhäuser bilden eine eng miteinander verflochtene Gruppe. Eine überragend das Quartier beherrschende Silhouette wie etwa bei der Elisabethen- und der Pauluskirche ist nicht angestrebt worden. Die Kirche ist ein organischer Bestandteil des Quartiers geworden, dem sie dient. Ihr Maßstab ist bescheiden, zurückhaltend, jedoch einladend. Die Kornfeldkirche ist eine der Erde verhaftete Anlage. Dies kann verhaltene Kraft bedeuten. Welcher Gegensatz zur burgähnlichen Pauluskirche ! Der schlanke Glockenturm allerdings strebt als Wahrzeichen in die Höhe, die vertikalen Elemente der Glockenstube werden nicht durch ein Dach in ihrer Höhenentwicklung gehemmt. Vom Vorhof aus gelangt man durch eine geschützte Vorhalle in den Empfangsraum, an dem alle Räume anliegen. Es ist der Ort der Begegnung.

In dieser architektonischen Haltung dokumentiert sich der Wille der Kirche, keinen Machtanspruch an die Menschen zu stellen, jedoch denen, die es wünschen, das Wertvolle zu bieten, was eine echte kirchliche Gemeinschaft zu geben imstande ist. Der Kirchenraum ist eher als Wohnstube der Gläubigen oder derjenigen, die den Glauben suchen, aufgefaßt. Als Raum soll er die innere Sammlung des Einzelnen fördern als auch seine Zugehörigkeit zur Gemeinschaft, die den Gottesdienst feiert, zum Ausdruck bringen. Die Kanzel ist nicht als Prunkstück ausgesondert und überhöht wie etwa in der Pauluskirche. Sie schließt den Kreis der feiernden Gemeinde, so daß ein enger Kontakt zwischen dem predigenden Pfarrer und den Gottesdienstbesuchern besteht. Der Abendmahltisch steht im Schwerpunkt des Raumes. Die Sitzreihen sind zu ihm hin abgetreppt. Es sind Gesichtspunkte der heutigen theologischen Auffassung, die den Raum bestimmen. Eine würdevolle einheitliche Raumwirkung ist angestrebt, jedoch ist eine «sakrale» Stimmung vermieden. Die Verantwortung für das Erlebnis des Gottesdienstes liegt in jedem Einzelnen. Allzu geheimnisvolle Lichtführung oder dekorative bildliche und figurale Darstellungen, die mystische Bezüge einführen wollen, lenken oft mehr ab, als daß sie die Mitverantwortung des Kirchenbesuchers fühlbar machen.

Als wichtiges Element ist der Gemeindesaal noch anzuführen, insbesondere in seiner räumlichen Beziehung zum Kirchenraum. Beide Säle werden des öfteren sowohl beim Gottesdienst als auch für Abendveranstaltungen gemeinsam benützt. Das Problem, den Gemeindesaal nicht irgendwo als Anhängsel sondern vollwertig in der Nähe der Kanzel anzuschließen, hat dazugeführt, beide Räume in solcher Weise auszubilden, daß sie bei geöffneter Schiebewand ineinander überzugehen scheinen.

Mit dieser lückenhaften, an einigen Beispielen aus Basel dargestellten historischen Abfolge sollte es deutlich werden, daß die Kirchenbauten während der letzten hundert Jahre sich stetig nach neuen Gesichtspunkten abgewandelt haben. Damit soll beileibe keine Kritik an den verschiedenen, heute kaum mehr geltenden Auffassungen geübt werden. Im Gegenteil, die immerwährende Neueinstellung auf die veränderten Umweltsfaktoren ist ein Zeichen lebendiger Kraft.

Heute in unserer pluralistischen Zivilisation finden wir sogar nebeneinander ganz verschiedene Tendenzen. Allen ist der Versuch gemeinsam, die Kirche in möglichst engen Kontakt mit dem heutigen Leben zu bringen, was auch nötig ist, wenn sie sich den Menschen hilfreich erweisen will.

Zwei konträre Arten des architektonischen Ausdrucks dieser Tendenz lassen sich erkennen. Die einen Bauwerke suchen durch interessante, meist aber sensationelle und theatralische Formen die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, d. h. sie wirken eigentlich nur äußerlich. Die anderen, zu denen die Geliert-, die Titus- und die Kornfeldkirche zu zählen sind, wollen ihrer Beziehung zum Menschen durch den maßstäblich räumlichen Zusammenhang mit der Umgebung und durch ein harmonisches Gefüge der Innenräume Ausdruck geben. Diese letztere Art scheint der heutigen kirchlichen Situation in der Kongruenz von Form und Inhalt besser gerecht zu werden.

Trotz dieser Relativierung auf den Menschen muß die Architektur so kraftvoll und kompromißlos sein, daß sich darin auch ein starker Glaube und die Wahrheitssuche im weitesten Sinne des Wortes spüren läßt.

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