1965

Mit Otto Roos im Schlipf

Bernhard Schmidt-Schaller

Erinnerungen an den vor zwanzig Jahren verstorbenen Bildhauer und Maler

Es war in der Zeit, in der ein Weiler Bauer, der aus der braunen Flut bei ihnen drüben in den «Wiesengarten» entschlüpft war, um in Frieden seinen Abendschoppen zu genehmigen, auch hier in die unvermeidliche politische Unterhaltung verstrickt den Schmerzensschrei ausstieß: «O ihr Schweizer mit euerm Scheiß-Hitler!»

Trotz der Unrast der Zeit waren wir in Verhandlungen um den Kauf eines der beiden Wohnhäuser «im vorderen Schlipf» eingetreten und hatten mit dem derzeitigen Bewohner die Liegenschaft noch einmal eingehend besichtigt, ihre Vor- und Nachteile noch einmal sorgfältig erwogen und mit der Weltlage konfrontiert. Entgangen war uns bei diesem Rundgang ein akustisches Phänomen: daß nämlich jedes auf der Terrasse des zu erwerbenden Hauses gesprochene Wort beim Nachbarn jenseits des behäbigen Rebberges abgehört werden konnte, wie die Stimme des Sprechers auf der Flüstergalerie von Saint Paul's in London. Wir waren darum nicht wenig erstaunt, einige Tage später von Bildhauer Otto Roos im Schlipf einen Brief zu erhalten, in dem er uns mitteilte, er habe gehört..., und seine Frau und er lüden uns auf nächsten Sonntag ein zu einem Hammelgigot und zur Erörterung unserer Pläne. Das Gigot war dann vortrefflich und die Unterhaltung gipfelte in der Erklärung des Gastgebers, es könne einem im Schlipf nicht gleichgültig sein, wen man zum Nachbarn bekomme; uns kenne er und möchte uns darum bei der Verwirklichung unserer Absichten in jeder Beziehung bestärken, unterstützen und behilflich sein. Und Otto Roos hat Wort gehalten, auch nachdem wir im Frühjahr 1939 Nachbarn geworden waren.

Er hatte sein Anwesen zwölf Jahre zuvor übernommen, um hier nach dem Vorbild französischer Berufsgenossen in ländlicher Abgeschiedenheit seiner Kunst zu leben und gleichzeitig seiner Familie die Möglichkeit zu bieten, sich in einer gesunden Umgebung frei zu entfalten. Wer in der Hutgasse aufgewachsen ist, rühmt sich dessen nicht nur in Fasnachtstagen; man ist im Herzen der Stadt geboren und folglich Ur-Basler. Für Otto Roos war indessen der Schlipf zur zweiten Heimat geworden; hier war es ihm wohl und auf dem Heimweg von irgendwelchem erregenden Geschäft in der Stadt fiel schon in der Weilstraße (noch ohne Autos LOE—L—CK 15 ...) aller Kummer Schupp' auf Schupp' von ihm ab im selben Maße, wie er sich dem heimischen Herd näherte — an seinem Besitztum war alles gut. Im Gegensatz zu den Produkten neuerer Baumethoden, das war seine feste überzeugung, sei sein Haus außerordentlich solide. Es sei noch von einem Maurermeister gebaut, der vom hintersten Stein gewußt habe, wie man ihn setzen müsse. Natürlich habe es auch seine Fehler; welches Haus habe keine solchen: «Aber es isch im Kärn gsund.»

Dieser Bewunderung des bodenständigen Handwerks begegnete man bei Otto Roos immer wieder. Bei einem befreundeten Schreiner hatte er ein massiv eichenes Wohn- und Eßzimmermobiliar herstellen lassen und die schwungvollen Ornamente dafür selbst geschnitzt; es liebevoll betrachtend, meinte er, man müsse Beziehungen unterhalten zu solchen Handwerkern vom alten Schrot und Korn, die ein eigenes Holzlager pflegten und solches Mobiliar noch machen könnten, was ein Fachwissen voraussetze, das dasjenige manchen renommierten Wissenschaftlers in den Schatten stelle. — Mit gleicher Begeisterung konnte er die Fassung der Sonnenbrunnenquelle rühmen, 500 m weiter oben am Berg auf Weiler Boden, und dabei den Kummer ganz vergessen, den das daraus durch allerlei verrutschte und verrostete Leitungen ihm zufließende kümmerliche und trübe Naß seiner Gemahlin bereitete. (Der Anschluß an das Netz des Basler Wasserwerks erfolgte erst 1952.) Niemand, auch diese gewiß realer denkende Frau, wagte es, den Künstler aus solchen idealisierenden Vorstellungen herauszureißen, von denen Roos selbst wußte, daß sie die Voraussetzung für jedes künstlerische Schaffen bilden: niemand, so meinte er, könnte heute noch ein Sankt Jakobs-Denkmal konzipieren; das gewaltige nationale Pathos der Zeit von dessen Entstehung sei uns abhanden gekommen.

Frau Roos, die ihrer Ehe Lehrerinnenberuf, Wissenschaft und Musik opferte, nahm auch den Verzicht auf viele Annehmlichkeiten der Zivilisation in der Abgelegenheit des Schlipfs mit Gleichmut hin; und wenn sie mühsam die Lebensmittel aus dem Dorf heranschleppen mußte, so krönte sie dies Werk sogar samstags durch die sagenhaften Markknochen, die sie auch in den folgenden Mangelzeiten für ihren Mann aufzutreiben wußte. Mit der Welt blieb man in Verbindung durch zahlreiche Verwandte und Freunde, die auf den Sonntag eingeladen wurden, oder indem man an diesem Tage wenigstens in Hut und Mantel im Schlipf promenierte.

An den mit Beginn des Krieges wachsenden Haushaltslasten beteiligte sich auch ihr Mann. Auf einem mit Freundeshilfe gebastelten mechanischen Sägewerk zerkleinerte er für die öfen die Wellen aus dem vorsorglich angelegten Lager. Er erweiterte, als dies verlangt wurde, seine Gemüsepflanzungen und seine einschlägigen Kenntnisse. Diese fragte er sich zusammen bei seiner neuen Nachbarin (die er bewunderte, weil sie sie schon früher auf gleiche Weise zusammengefragt hatte), von einem Gärtnermeister (mit dem er gelegentlich im «Tramstübli» zusammentraf) oder, als oberster Instanz, von seinen Vettern Haubensak, Samenhändlers (die ihn veranlassen konnten, von einer Saison auf die andere eine bewährte Stangenbohnensorte aufzugeben, weil sie nicht fadenlos und nicht mehr fein genug sei, oder ihm einen Spinat nennen konnten, der mit Stickstoff gedüngt zu wahren Gebüschen heranwuchs und vor dem man in Andacht versank).

Wochen wurden dem Dörren von Bohnen, Zwetschgen und äpfeln gewidmet und dem Trotten und Sterilisieren eines naturtrüben Süßmostes und ebensolchen Traubensaftes von den Amerikaner Reben. Es war ausgemacht, daß nichts über diese Naturprodukte gehe. Kein Wort gegen ein gutes Glas Wein, das die Zungen der Männer zu lösen vermag; aber sein Süßmost war entschieden ein ganz besondrer Saft, Noch sehe ich Otto Roos mit einem Krüglein von diesem Getränk zwischen streitende Männer treten und zum Frieden reden.

Roos brauchte Geselligkeit, wollte hören und gehört werden, haschte begierig nach den Meinungen kompetenter Persönlichkeiten zu der kritischen Lage, und nicht zuletzt wußte er, daß man von zu vergebenden Kunstaufträgen rechtzeitig erfahren mußte und Beziehungen besitzen, um sich einzuschalten, wollte man als Künstler weiterexistieren. Was davon auf den vorderen Schlipf entfiel, wickelte sich zum guten Teil am Telephon ab. Beim Zeitaufwand, den ein Besuch in der Stadt erfordert, ist der Anwohner zum vorneherein entschuldigt, wenn er versucht, ein Traktandum, das eigentlich einen Besuch erfordert, telephonisch zu erledigen; und stößt er dabei auf ein geduldiges Opfer, so freut sich der von der Vereinsamung bedrohte Schlipfer der Gelegenheit zur Aussprache. Die Telephonanschlüsse im Schlipf sind darum oft über Stunden belegt.

Solchen Gesprächen verdankten wir den ersten Teerbelag auf dem Schlipfweg. Daß aber damals am Telephon vielleicht doch nicht immer der Mahnfinger auf allen Plakatwänden der Schweiz «Könne Sie derzue stoh?» genügend Beachtung fand, sei durch folgenden Vorfall illustriert. Erreichte da anfangs 1940 Otto Roos durch den Draht «von kompetenter Seite» die Nachricht, Deutschland sei dabei, über die Schweiz herzufallen, und habe schon..., und der Bundesrat tage in Permanenz. Ein auf Urlaub heimkommender Grenzschützler fand darum den vorderen Schlipf schon fluchtbereit vor den Häusern. Eine eilige Rückfrage in Bern ergab, die Herren Bundesräte säßen daheim bei ihren Frauen und ihrer Rösti; worauf sich auch der Schlipf erleichtert aufatmend hinter seine Rösü machte. Es müsse sich um einen Hörfehler des Vorgesetzten der kompetenten Seite am Telephon gehandelt haben, wurde man später aufgeklärt.

Eine andere Möglichkeit zum Gedankenaustausch zur Dämmerstunde: «Guete-n-Obe Herr Nochber. I ha numme wolle froge...» Die Sitzgelegenheiten auf der Terrasse werden zurechtgerückt, der Mond geht auf und (würde Eduard Wirz wohl formulieren) der edle Schlipfer perlt in den Bechern. Auf diesem Weg erfuhren wir von den Zuständen an der Gewerbeschule zur Zeit von Otto Roosens ersten Gehversuchen in der Kunst, vom Lehrer Holubetz und dessen Unvermögen, seine Arbeiten zu würdigen, von seiner Ausreise nach Canada, von den Schönheiten dieses unendlichen Landes, vom rauhen Betrieb auf der Ranch, wo er arbeitete, von der auch vor den Winterstürmen Schutz bietenden Bauart der Blockhäuser, von seiner schweren Erkrankung dort und elenden Heimkehr, von Jahren der Ausbildung in Paris und seiner entscheidenden Begegnung mit Aristide Maillol. Dann glitt wohl auch hier das Gespräch auf die Vorgänge in Deutschland ab, das uns durch die Evakuierung der Bevölkerung von Weil und durch den Grenzhag so weit weg gerückt schien. Roos hatte von Handelsherren gehört, die sich tagelang vergeblich bemüht hatten, den Verkehr mit Deutschland wieder in Gang zu bringen. Es mehrten sich die Nachrichten über Judenverfolgungen und Konzentrationslagergreuel. Roos wehrte sich hartnäckig, ihnen Glauben zu schenken; sie waren mit seinen Vorstellungen von Deutschland unvereinbar. Als sie sich doch bestätigten, litt der sensible Künstler offenbar schwer unter dem Gedanken an die Folgen dieser Verirrungen. Man trennte sich meist nach Mitternacht, trotz allem erleichtert, weil man seinem zerrissenen Herzen wieder einmal hatte Luft machen können.

Gelegenheit zum Gegenbesuch gab die Suche nach einem Handwerkszeug, von dem Roos eine majestätische Sammlung unterhielt. Den Atelierbau, in dem es zu finden war, hatte er sich selbst oben am Wohnhaus errichten lassen. Beim Betreten atmete man gleich die feuchte nur spärlich erwärmte Luft ein von Tonmodellen, die sich unter nassen Tüchern verbargen und auf den Moment der Inspiration beim Meister warteten, um der Vollendung entgegengeführt zu werden. Die Gespräche, die sich an die Erledigung des Grundes zum Besuch anschlössen, waren mehr den Problemen seiner Aufträge oder fehlenden Aufträge gewidmet. Gelegentlich bat er um die photographische Aufnahme eines seiner Tonmodelle, womit er nur zögernd herauskam, weil er hinter den Photographen die anmaßende Konkurrenz witterte. Photographieren sei ein Handwerk und keine Kunst, attackierte er. Nach eingehender Debatte einigte man sich etwa dahin, daß die künstlerischen Möglichkeiten dieser Branche lediglich selektiver Natur seien, und ihre Produkte nur Projektionen in die Ebene, während der Bildhauer im dreidimensionalen Raum schöpferisch gestalte. Schmunzelnd nahm Roos aber auch die Gegenattacke hin, daß mancher Bildhauer froh sein könne, vom Photographen liebevoll selektiv reproduziert zu werden. Und dann machte man sich gemeinsam hinter die Aufnahme von «Schäfer mit Hund» und erlebte hinterher die Freude, daß Maillol sich zu dem Werk lobend äußerte und empfahl, es in roten Sandstein zu hauen. Das geschah nie; die Zeit war nicht dazu angetan, Auftraggeber für ein solches Symbol vollendeten Abendfriedens zu begeistern.

In roten Sandstein gehauen wurde dagegen damals die Maria mit Jesuskind nach einem Gipsabguß der alten Mittelfigur an der Außenseite des Spalentors im Zuge von dessen Restaurierung. Wir erlebten es mit, wie der Bildhauer mit äußerster Gewissenhaftigkeit Punkt um Punkt vom Modell auf den Stein übertrug. Roos erwärmte sich auch für diesen Auftrag: man gewinne dabei manche Erkenntnis, wie eine immer aus der Froschperspektive betrachtete Plastik zu behandeln sei. Die alten Bauhütten hätten da Erfahrungen besessen, die längst verloren seien.

Keine der vor unseren Augen entstandenen Arbeiten erinnert aber so lebhaft an die Begegnungen mit unserem Nachbarn wie das eine seiner zwei Säulenkapitäle in den Arkaden das Basler Kunstmuseums: Da ist der Landwirt, der unterhalb der Roosschen Liegenschaft am Grenzhag seinen Pritschenwagen wendet, zum klassischen Rosselenker idealisiert; da nimmt wirklich plastisch der Moment Gestalt an, in dem die Kräfte von Mensch und Tier während des spannenden Manövers einen Augenblick lang im Gleichgewicht zu sein scheinen. Das Kapitäl ist von Roos ohne fremde Hilfe in monatelanger Arbeit im Bretterverschlag oben an der Säule aus dem harten CastioneGranit herausgehauen worden; und nach dem harten Tagewerk hörten ihn die Nachbarn noch nach Sonnenuntergang an seiner Feldesse im Schlipf Spitzeisen und Meißel nachschmieden, härten und schleifen — genau nach den Anweisungen eines alten Dorfschmiedes im Mattertal, «der sein Handwerk noch von Grund aus beherrschte».

Nachträglich erscheint es mir als eine etwas unüberlegte Herausforderung, daß ich ihm in der Zeit in der er sich so an seinen Kapitälen abmühte, die fünf Zentimeter hohe Büste eines unnachahmlich frechen Dorfbuben ins Atelier brachte, die eines der Kinder leichthin aus Schlipfer Ton geknetet und mit Wasserfarben bemalt hatte. Aber Roos wußte offenbar noch um ein Anderes, was uns verloren gegangen ist: mit wachsender Bewunderung besah er sich das kleine Kunstwerk von allen Seiten und meinte: «In ein paar Jahren kann es das nicht mehr: das bringt nur ein ganz unbefangenes Kind fertig; das müssen wir später mit unendlicher Mühe wieder erarbeiten.» Eine im Jahr darauf auf ähnliche Weise entstandene Gänseherde ließ er in Zinn abgießen, und als einer der silbernen Vögel auf rätselhafte Weise verschwand, gab's eine Familientragödie. Das war Kunstfrevel im eigenen Hause; das war unerträglich, auch wenn es um das Werk eines Kindes ging.

Schon früher hatte Roos gerne am Bieler See gemalt. Um dem sich täglich steigernden Kriegslärm zu entgehen, zog er kurz vor dem Zusammenbruch Frankreichs mit Familie, Pinsel und Palette für ein paar Monate wieder dorthin; es wurde eine Zeit beschwingten malerischen Schaffens. Ruhe vor dem Kriegsgeschehen fand Roos allerdings auch dort nicht; denn bald nach seiner Ankunft wurde das Seeland mit polnischen und französischen Internierten belegt. Zufällig begegnete er unter diesen ein paar Spahis, die durch ihr Artilleriefeuer aus der Maginot-Linie auf unsere Gegend mitgeholfen hatten, ihn von daheim zu vertreiben. Aquarelle von diesen Afrikanern enthielt die ansehnliche Sammlung von Gemälden und Zeichnungen, mit denen er nach Riehen zurückkehrte.

Der inzwischen entstandene Stacheldraht-Grenzhag dicht neben seinem Hause und die Unheil verkündende Stille dahinter verdarben ihm das Konzept zu weiterer malerischer Betätigung im Schlipf. Kam ihn die Lust dazu an, so zog er darum frühmorgens ins nähere Birstal, wo er begeistert malte, solange das Licht das erlaubte, um erst spät und müde heimzukehren. Gegen Kriegsende mehrten sich zudem seine Abwesenheiten wegen Krankheit und Rekonvalszenz, bis schließlich ein wohl zu spät erkanntes Leiden uns den lieben und guten Nachbarn auf immer entführte.

Otto Roos, Bildhauer und Maler, 1887-1945. Eine ausführliche Würdigung seines künstlerischen Schaffens findet sich im «Basler Stadtbuch 1966».

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