1965

Mir z'Rieche

Theo Schudel

Vor gut 45 Jahren erhielt ich von einem alten, ehrwürdigen «Riechemer» Bürger — er war übrigens Friedensrichter und seit menschengedenken Gemeinderat — eine saftige Ohrfeige mit der Bemerkung: «Du Schnuderi, chasch nit guete Tag Herr Fridesrichter sage». Das war liebenswerter, echter Dorfgeist. Damals habe ich es jedoch nicht als überaus liebenswürdig empfunden. Trotzdem, der alte Herr Friedensrichter kannte noch jedes Kind aus dem Dorf mit Namen, wußte über die Familien, ihre soziale Lage, über ihre Nöte und Möglichkeiten Bescheid.

Zwar war an dem für mich so denkwürdigen Tag Riehen längst kein Bauerndorf mehr. Schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts überwog die nichtbäuerliche Bevölkerung. Aber es war doch noch echtes Dorf. Denn Dorf ist dort, wo echte Gemeinschaft besteht, wo jeder jeden kennt und an seinen Freuden und Leiden teilnimmt. Dorf ist dort, wo jeder auf seine eigene Weise sich für das Ganze mitverantwortlich fühlt. Eine solche Dorfgemeinschaft ist aus jahrhundertealter Tradition organisch herausgewachsen. Diese Dorfgemeinschaft war stark genug, die spärlichen Zuzüger im Laufe der Jahre völlig zu assimilieren. Die profilierte Eigenwilligkeit und Eigenständigkeit unseres Dorfes war noch anfangs unseres Jahrhunderts so stark, daß der große Bevölkerungszuwachs bis in die zwanziger Jahre verkraftet wurde.

Diese urwüchsige Kraft darf wohl zu einem guten Teil den alten, aber in der damaligen Zeit noch sehr lebendigen Riehener Vereinen zugeschrieben werden, dem Verkehrsverein, Turnverein, Liederkranz, Männerchor, Musikverein und nicht zuletzt den kirchlichen Organisationen. Dann aber wuchs die Bevölkerung so stürmisch, daß es zu der heutigen modernen Wohn-Schlaf-Agglomeration kommen mußte. Das nun erwachsende neue Riehen hat seine Wurzeln zum großen Teil in der nahen Stadt, in diesem großen Sammelbecken der Regio Basiliensis. Hier sind die «unbegrenzten» Berufschancen, die Gymnasien, Fach- und Berufsschulen. In der Stadt drängt sich auf engstem Raum das ganze kulturelle Leben unserer Zivilisation in schier unerschöpflicher Fülle zusammen. Ganz natürlich, daß ein solch ausgeprägtes Kraftzentrum langsam aber sicher auch eine noch so individuelle, eigenständige Dorfgemeinschaft neutralisiert.

Man kann nun die Frage stellen: ist das ein echter Schaden, geht an Substanz etwas verloren, oder ist es nur eine natürliche Verlagerung?

Nun, in der Stadt ist das Teilnehmen am Schicksal des Nachbarn und das Mitverantwortlichsein nicht so sichtbar wie auf dem Dorfe. Trotzdem ist es da, doch mehr sporadisch, da und dort helfend. Man spricht von den «Heimweh-Baslern» und ihrer merkwürdigen Sehnsucht «non-em Rhy, no de Minstertirm, no de Trummle und Pfiffe, no de Basler Läggerli». Sie nennen diese Dinge, denken aber ohne Zweifel an die ganze Stadt, ihre Feste, ihre Sorgen, so lebendig nehmen sie daran teil, daß kein Basler seine Stadt vergessen kann. Sicher ist auch das lebendige Gemeinschaft. Den Baslern sind diese Dinge zu einem Gemeinschaftssymbol geworden.

Unser heutiges Riehen ist zu groß, um eine echte Dorfgemeinschaft zu bilden, und es fehlen ihm die Symbole, wie sie Basel in beneidenswerter Fülle besitzt. Diese hätten wir in Riehen dringend nötig. Es handelt sich also um ein geistiges Problem, das kein noch so idealer Gemeinderat bewältigen kann. Dazu hätten wir ja einen J. P. Hebel, einen Blasius oder einen Zunftmeister von altem Schrot und Korn nötig. Wir haben zwar unsern heimeligen Dorfchronisten und Dichter Edi Wirz, aber sein Herz und seine Liebe gehören dem Baselbiet. Es ist klar, solche Symbole kann man nicht kreiern, die wachsen organisch und brauchen viel Zeit und noch mehr Geduld.

Zum zweiten ist es ein Zeitproblem. Riehen braucht mindestens zwei bis drei Generationen, um diese «überwucherung» zu assimilieren. Doch entscheidend wird die Frage sein: sind diese Generationen bereit, die profilierte Eigenständigkeit zu pflegen und mit den geeigneten Mitteln zu wahren? Was Riehen in Zukunft sein wird, ob ein undefinierbares Agglomerat oder eine profilierte Stadt, das entscheidet sich in unserer Generation, das ist unsere Verantwortlichkeit.

Diese Sachlage — so scheint mir — hat die Gemeindebehörde klar erkannt, und wir haben allen Grund, ihr dafür dankbar zu sein. In diesem Zusammenhang ist auf folgende Unternehmungen hinzuweisen: 1. Der Dorf kern. Seit Jahrzehnten haben die Behörden von Riehen mit großer Umsicht einen prächtigen Dorfkern geschaffen. Es begann mit dem Bau des Landgasthofes und des Dorfsaals. Als nächstes wurde das Gelände der alten Taubstummenanstalt (das ehemalige Zaeslinsche Gut) erworben, auf dem heute das schöne Gemeindehaus mit Bürgersaal, Verwaltungsgebäude mit Archiv, Gemeindebibliothek, Schulzahnklinik und Mütterberatungsstelle stehen. Man schuf die prächtigen Anlagen hinter dem Landgasthof, die schon heute von Müttern mit Kindern, aber auch von ganzen Familien für Picknick und Spiel benützt werden. Zur glücklichen Arrondierung wurde die «Schlipferhalle», die heute als Gemeindestube dient, dazu gekauft. Ferner kamen die Wettsteinhäuser in den Besitz der Gemeinde. (Das eigentliche Wettsteinhaus soll in ein Dorfmuseum umgewandelt werden.) Der alte «Ochsen» wurde zum neuen Heim der Polizei und Feuerwehr. Die Wenk'schen Häuser wurden mit Hilfe der Gemeinde teils neu gebaut oder renoviert. Man gestaltete den Kirchplatz der alten Martinskirche (Dorfkirche) neu. Das unschöne Gebäude, das heute als Zweigstelle dem Schweiz. Bankverein gehört, wurde schon vor Jahren dem Dorfbild angepaßt. Auf diese Weise hat der Gemeinderat dafür gesorgt, daß hier ein schmuckes Zentrum entstand, das weit und breit seinesgleichen sucht. Hier wurde großzügig und auf weite Sicht geplant, eine Planung, die erst in der ferneren Entwicklung unseres Dorfes seine volle Bedeutung erlangen wird.

2. Vor fünfzehn Jahren rief man die Organisation «Kunst in Riehen» ins Leben, die später vom Verkehrsverein übernommen wurde. In breiten Schichten unserer Bevölkerung haben die jeden Winter stattfindenden fünf Konzerte, die von hohem, künstlerischem Können zeugen, großen Anklang gefunden. Finanziell werden diese kulturell wertvollen Veranstaltungen von der Gemeinde getragen.

3. Das Jahrbuch «z'Rieche» wird vom Verkehrsverein herausgegeben und von der Gemeinde finanziell gestützt. Ein besseres Mittel zur Verwurzelung und Festigung einer profilierten Eigenständigkeit kann kaum gefunden werden, vorausgesetzt, daß es den Herausgebern gelingt, die besondern Riehener Anliegen herauszukristallisieren.

4. Die Gemeindebibliotheken (im Gemeindehaus und im Wasserstelzenschulhaus). Sie gehören ohne Zweifel zu den schönsten in unserem Land. Sie stehen allen Bewohnern unseres Dorfes offen.

Es wäre des weitern noch die prächtige Sportanlage in den Grendelmatten, das Schwimmbad an der Weilstraße und anderes mehr anzuführen. Dies alles unternahm die Behörde von Riehen, um die Verwurzelung der Wohnbevölkerung in unserm Dorfe zu fördern.

So weit, so gut! Aber an einem Punkte haben unsere Gemeindebehörden nicht klar gesehen, nämlich in der Bedeutung der Bus-Verbindungen von den Außenquartieren ins Dorfzentrum. Ja, es scheint, daß auch heute dieser Frage noch viel zu wenig Bedeutung geschenkt wird. Was für Gewicht solche Verkehrsverbindungen haben, möge das Beispiel der Bernina-Bahn zeigen. Dort haben Bund und Kantone klar erkannt, daß die schweizerische Eigenständigkeit im entlegenen Puschlav nur mit einer festen, wintersicheren Bahnverbindung gewahrt werden kann. Nicht die Frage der Rentabilität war entscheidend, sondern das Bewußtsein, für die Wahrung des Schweizertums verantwortlich zu sein. Und Riehen? Mit dieser Frage, die unserm Dorf auf viele Jahrzehnte das selbständige Leben und Gepräge geben wird, plempert man im Gemeinderat und bei der BVB herum ohne jegliche innere überzeugung und Durchschlagskraft. Man plempert so lange, bis im Dorfzentrum keine Möglichkeit mehr besteht, eine Bus-Ausgangsstation zu schaffen, die den gegebenen Verhältnissen auf lange Sicht entsprechen kann. Von Parkplätzen, die in fünf bis zehn Jahren dringend gebraucht werden, ist schon gar nicht die Rede! Noch auf einen weitern Mißstand sei hingewiesen: In den Außenquartieren von Riehen gibt es praktisch keine öffentlichen Lokale (Restaurants, Cafés etc.). Ein bedeutender Marktforscher und Planer tat kürzlich den träfen Ausspruch: «Wo krakeelt wird, da hat sich die Bevölkerung assimiliert!» Es muß ja nicht gerade zum Krakeelen kommen, aber wie sollen sich in den Außenquartieren Vereine (kultureller, politischer oder sportlicher Prägung) ohne wirkliche Unterkunftsmöglichkeiten bilden können? Selbstverständlich können solche Unternehmungen nur aus privater Initiative entstehen, aber die Gemeinde muß zum mindesten eine gewisse Planung vorsehen.

Nach all diesen Feststellungen möchte ich zum Schluß die Frage stellen: Wie kann der einzelne Bürger und Einwohner von Riehen zur Mitverantwortung und lebendiger Anteilnahme an unserem Heimatdorf herangezogen werden? Als Antwort möchte ich einige praktische Hinweise geben.

1. Besuchen Sie die Bürgerversammlungen. Bei dieser Institution der direkten Demokratie kann der Einzelne — er muß aber Bürger von Riehen sein — direkt an seine Behörden Fragen stellen, Auskünfte verlangen und Anregungen unterbreiten. Hier ist der Ort, wo der Kropf — sogar der berüchtigte Riehener Kropf! — geleert und der «Volkszorn» sich Luft machen kann.

2. Werden Sie Mitglied des Verkehrsvereins oder der Bürgerkorporation. Diese beiden Vereine verfolgen die gleichen Ziele. Sie haben sich im Laufe der Jahre zu «zwischenbehördlichen» Organen entwickelt. Hier können in einem unpolitischen Rahmen aktuelle Riehener Probleme offen diskutiert werden. Wieviele gute Anregungen, die aus diesen Gruppen stammen, sind an die Gemeindebehörden gelangt und verwirklicht worden!

3. Werden Sie Mitglied einer Partei in Riehen. Ohne das Spiel der Parteien wäre das Funktionieren unserer heutigen Demokratie nicht denkbar. Hier wird das freiheitliche Denken des Einzelnen in strukturelle, klar durchdachte Systeme gelenkt, die dann durch ihr Mehrheitsgefälle das nötige Gewicht bei den Behörden erreichen. Den Parteien sei nahegelegt, in den Außenquartieren Satellitengruppen zu bilden. So werden sie starken Zuwachs finden und das verantwortungsbewußte Mittragen in diesen Wohnsiedelungen festigen.

Natürlich könnte man die Liste noch beliebig verlängern. Wir wollen es nicht tun. Nur wäre vielleicht noch anzufügen, daß auch das Einkaufen oder der Besuch bei einem Handwerker zu den schönen Beschäftigungen gehört, die uns mit dem Dorf verbinden. Und schließlich soll nicht vergessen werden, daß unser «Dorfblettli», die RiehenerZeitung, jede Woche bunt und anschaulich zu berichten weiß, was in unserem Dorf läuft und geht und so als Bindeglied einen wertvollen Dienst tut. Seit bald einem halben Jahrhundert steht es tapfer für die Eigenständigkeit unseres Dorfes ein.

Sie sehen, es gibt auch für den Einzelnen Möglichkeiten, sich Gehör in unserer Gemeinde zu erwirken. Nur aus der aktiven Teilnahme am kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Leben einer Wohngemeinde erwachsen die Wurzeln zur lebendigen Heimat. Riehen ist mir persönlich darum so wert, weil hier das klare, aufrichtige Wort des einzelnen noch zählt, doch muß es am rechten Ort gesprochen sein. Versuchen Sie es, so werden auch Sie eine lebendige Dorfgemeinschaft finden; sie ist nicht organisiert, sie heißt ganz schlicht: «Mir z'Rieche».

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