1965

Freud und Leid mit Igeln

Kurt Gerhardt

«Als Gott den Igel schaffen wollte, gab er ihm in einer Minute schmunzelnder Schöpferlaune etwas Besonderes mit: ein struppiges Stachelkleid, das aber bei aller Unansehnlichkeit einen unschätzbaren Wert besaß. Es erlaubte nämlich dem kleinen Tier, vor seinen Feinden gleichsam an Ort und Stelle, ohne einen Schritt zu tun, zu fliehen, indem es sich einfach zu einer Stachelkugel einrollte und damit für den Gegner kaum noch erreichbar wurde.» So könnten wir die Kinder diese augenfällige Eigenheit des Igels verstehen lehren, leider aber müßten wir sogleich etwas Trauriges hinzufügen: das «Einigeln», das Jahrmillionen lang einen ebenso witzigen wie wirkungsvollen Schutz bot, wurde dem Igel zum Verhängnis, sobald es Autos gab. Wenn jetzt ein Igel solch ein schnelles Ungetüm nahen hört, rennt er selten beiseite, vielmehr flieht er «auf der Stelle» in seine Kugel — und wird überfahren oder, was noch schlimmer ist, angefahren und verletzt. So findet man denn in der Frühe am Rande der Landstraßen immer wieder tote Igel; wieviele blutend irgendwohin gekrochen sind, nimmt man nicht wahr. Mir gibt es immer einen Stich, wenn ich in einem Auto ausgerechnet die bekannte Meckipuppe als Maskottchen hängen sehe. Das «Große Igelsterben», wie oft mit erbärmlichem Pathos gesagt wird, gehört zu der anscheinend unaufhaltsamen Vernichtung aller noch frei lebenden Tiere durch den Menschen, insbesondere seitdem ihm Technik und medizinische Hygiene erlauben, die atmende Erde mehr und mehr zu betonieren, zu asphaltieren und seine eigene Kopfzahl schnell von Milliarde zu Milliarde anschwellen zu lassen. Jedoch will ich hierüber nicht weiter meditieren, nur dies sei noch gesagt: bei jeder Begegnung mit einem unserer Wildtiere stellt sich immer das Gefühl des Abschiedes ein, des letzten Abschiedes nicht nur von dem eben angetroffenen Einzeltier, sondern von allen Tieren, mit denen wir bisher die Erde geteilt haben; vielleicht mahnt hierin das schlechte Gewissen.

Unsere nähere Bekanntschaft mit den Riehener Igeln begann unverhofft: eines Frühjahrsabends hörten wir aus einem Gebüsch unseres Gartens ein eigentümlich kurzatmiges Schnaufen. Mit der Taschenlampe entdeckten meine Frau und ich zwei Igel, die vor- und zurückruckend sich umkreisten, wobei sich zumeist der eine Igel am gleichen Fleck drehte! Wir erlebten zum ersten Male die Vorspiele, die zum Paarungszeremoniell gehörten. Am gleichen Abend noch stellten wir einen Blumenuntersatz mit unabgekochter Milch an den Tanzplatz und hatten die Freude, schon nach wenigen Minuten einen schleckenden Igel an der Schale zu finden. Inzwischen sind drei Jahre vergangen. Jeden Abend erhalten die Igel kurz vor Beginn der Dämmerung ihre Milch, seit einem Jahre sogar drei Schälchen. Was wir während dieser Zeit beobachten konnten, schrieben wir in ein Tagebuch, und zwar möglichst sorgfältig, weil wir beim Nachlesen in zoologischen Fachbüchern feststellen mußten, daß der Wissenschaft vom Tier nicht gerade allzu vieles über den Igel bekannt ist, zur «Igologie» also noch manches beigesteuert werden kann. Was wir aufgezeichnet haben und weiterhin aufschreiben werden, solange unsere stachligen Gäste vom Stamme Erinaceus europaeus uns besuchen, handelt — wie könnte es anders sein — von Freud und Leid.

Das oft gerühmte Ortsgedächtnis des Igels konnten wir immer wieder bestaunen, auch sein geradezu konservativ anmutendes Einhalten vertraut gewordener Wechsel fiel uns auf. Vom nördlich angrenzenden Nachbarsgarten könnten die Igel in einer etwa drei Meter breiten Strecke unter dem Lattenhag hindurch zu uns gelangen: sie wählen praktisch immer die gleiche Stelle und zwar — für unser Dafürhalten — eigentlich nicht die günstigste. Es war rührend mitanzusehen, wie eine tragende Igelin, die eines Tages zu füllig für die gewohnte Lücke geworden war, sich nur mit großer Mühe hindurchzwängte und nicht einen wenig weit davon entfernten höheren Durchschlupf nahm, obwohl sie den ganzen Zaun vom täglichen Entlanglaufen kannte. Auch der Platz der Milchschälchen wird genau gewußt und zumeist auf kürzestem Wege angestrebt; alte ortsgewohnte Igel erlauben sich allerdings manchmal, in einer geradezu verspielt anmutenden Wellenlinie, die aber als Ganzes regelmäßig ist, zu laufen. Muß dabei eine offene Rasenfläche überwunden werden, so wird eine pfeilgerade auf das Ziel weisende Richtung eingehalten. Das Weggehen von der Milch geschieht überwiegend nach zwei Möglichkeiten: entweder nimmt der Igel genau den gleichen Weg, den er gekommen ist, zurück und geht dann sofort zu seinem Unterschlupf oder er begibt sich auf die weitere Nahrungssuche und wählt dann eine Kombination von Wegstrecken, die möglichst gut gedeckt, das heißt von Sträuchern oder hochwüchsigen Blumen überwölbt sind. Wenn ein uns altbekannter Igelgast an einer bestimmten Stelle in ein Gebüsch hineinkriecht, können wir mit hoher Wahrscheinlichkeit angeben, wo er wieder herauskommen wird und dies wohlbemerkt, ohne daß die Austrittstelle sich vom übrigen Buschrande unterscheidet. Diese kombinierten Wegstrecken zeigen deutliche individuelle Unterschiede: der eine Igel durchquert regelmäßig einen Staudenhang, ein anderer wuselt immer an seinem untern Rande entlang. Zu gelegentlichen Ausnahmen verleiten die Plattenwege. Obwohl deckungslos, sind sie aus uns nicht klaren Gründen offenbar verlockend: nicht selten biegt ein Igel, der den vom Plattenweg senkrecht zu seiner Laufrichtung zweigeteilten Rasen eilig und schnurgeraden Wegs durchquert, mit einer plötzlichen Wendung um neunzig Grad in den Plattenweg ein, verläßt ihn dann aber nach einigen Schritten ebenso plötzlich in der alten Richtung, und der Plattenbelag unter dem Zaun gehört zu jeder individuellen Wegstreckenkombination. Völlig frei von jeder Gewohnheit und jeder Regel benahm sich nur ein besonders stattlicher alter Igel: nachdem er am Einschlupf in unseren Garten Kopf und Vorderkörper erhoben und mit hin- und hergeschwenkter Nase flüchtig den Wind geprüft hatte, flanierte er, sich dazu ausgiebig mitten auf dem offenen Rasen kratzend, lässig durch den Garten. Offenbar hatte er begriffen, daß ihm dort nichts Böses geschehen konnte. Ich möchte hier sogleich betonen, daß wir absichtlich keinen Versuch unternommen haben, die freien gesunden Igel zu zähmen. Uns leitete dabei die Einsicht, daß ein Tier sich am wohlsten fühlen dürfte, wenn es nach seiner eigenen Façon leben kann. Zähmung setzt aber mindestens eine zeitweilige Gefangenschaft voraus. übrigens bedarf es der polizeilichen Erlaubnis, einen wilden Igel zu fangen und in irgendeiner Weise freiheitsbeschränkt zu halten! Etwas anderes ist es natürlich bei kranken Igeln, die ohne menschliche Pflege rettungslos verloren wären: Helfen ist nicht verboten.

Die Verhaltensregeln, nach denen sich mehrere Igel einen begrenzten Lebensraum teilen, sind kaum bekannt. Auch wir haben nur wenige Einblicke erreichen können, sie sind allerdings bemerkenswert genug. Wir konnten feststellen, daß ein jeder derjenigen Igel, die sich offensichtlich nebeneinander im Garten dulden, mit erstaunlicher Ausnahmeseltenheit nur aus seinem Schälchen trinkt. In einer Gartenecke haben wir zwei Schälchen dicht nebeneinander gestellt. Aus dem linken trank unser Igel Primo, der bei uns überwintert hatte, und nur aus diesem. Hatte ein fremder Milchräuber - Igel oder Nachbars liebes Kätzchen - die Schale vor ihm geleert, trottete er sofort in seinen Bau zurück, ohne je die dicht daneben stehende, noch mit Milch gefüllte Schale zu berühren. Aus der rechten Schale trank ein Gastigel aus dem Nachbarsgarten, er hielt es genau so wie Primo. Trafen sich beide bei den Schalen, nahm jeder ruhig seinen Platz ein und labte sich. Offenbar verlief die Territoriumsgrenze der beiden Igel genau zwischen den beiden Schalen. Auf der anderen Seite des Gartens beachtete der Weidenigel, so genannt nach dem Baum bei der Milchschale, nur seine Schleckerei; geriet er bei der Nahrungssuche in die Nähe der anderen Milchplätze, schnüffelte er wohl, ging dann aber vorbei. Tritt Nachkommenschaft ein, so trinken Mutter und Kinder oder junge Geschwister, wenigstens eine Zeitlang, aus der gleichen Schale, entweder gleichzeitig oder, wie wir einmal beobachteten, in einem bestimmten Ritus nacheinander: erst trank die Mutter, während ihre beiden kleinen Kinder hinter ihr warteten, dann ging die Mama einige Schritte beiseite und sofort steckten beide Jungen ihre Zunge in die Milch, schließlich wichen die Jungen ein Stückchen zurück, und die Alte trank noch ein zweites Mal, bevor die Familie sich trollte. Da immer mehr Igel zu uns kamen und kommen, als Schalen vorhanden sind, Rempeleien um die Milch aber selten zu beobachten waren, mußte noch eine weitere Regelung wirken. Es war schwer dahinterzukommen. Die Möglichkeit hierzu bot der ausgesprochene Zeitsinn der Igel. Primo kam immer um 20 Uhr, bei trübem Wetter oder im Herbst ging seine Milchuhr etwas vor, aber nicht viel. Etwas früher traf sein Kumpan vor der Nachbarschale ein. Ganz junge Igel, die von ihrer Mutter verlassen worden sind, helfen sich nun damit, daß sie sehr früh erscheinen, oft noch am hellen Tage. Der Schalenbesitzer kann sie nicht verjagen, weil er sie gar nicht bemerkt. Aufschlußreich ist dabei noch, daß diese jungen Vorkoster regelmäßig aus der einmal gewählten Schale stibitzen. Auch andere sozusagen exterritoriale Igel nutzen die zeitliche Fixierung der Stammigel aus und kommen auf diese Weise ohne Prügel zu der begehrten Milch. Erwischt aber einmal der Besitzer den Eindringling, dann rennt er ihm zornig in die Seite oder ins Gesicht, manchmal derart heftig, daß sich der andere Igel seitlich überschlägt. Offenbar stärkt die Nähe des eigenen Baus den Mut: Primo griff auch viel größere Igel sofort an, der Eingang von seiner Laubhütte ist nur einen halben Meter von seiner Schale entfernt, schlimmsten Falles schob er sich wütend fauchend vor dem zurückstoßenden Störenfried mit dem Hinterkörper in das Einschliefloch. Nur der schon erwähnte Riese kümmerte sich auch hier um keinen Komment: er trank aus jeder Schale, einige Male setzte er sich sogar in die Milch der einen und soff aus der anderen. Nur selten erleben wir den Zusammenbruch der ganzen Ordnung: am Abend nach sehr heißen trockenen Tagen rennen die Igel fast gleichzeitig durch den Garten, oft genug uns vor die Füße, und stürzen sich nebeneinander auf die Schalen; Zänkereien beschränken sich dann auf gelegentliche kurze Boxhiebe, die zumeist keine Wirkung haben. Es sei hier angefügt: nach unserer Erfahrung bewähren sich als Milchschalen Blumenuntersetzer mittlerer Größe aus Glas, sie sind erheblich schwerer als solche aus Kunststoff. Da die Igel die Angewohnheit haben, wie beim Suchen von Würmern auch beim Trinken mit den Vorderbeinen Scharrbewegungen zu machen, kippen sie aus Versehen die zu leichte Schale um. Zudem sollte man die Schalen in seitlich umgelegte Blumenkästen, wie man sie unter die Fenster hängt, stellen: bei Regenwetter bleibt die Milch unverdünnt, und der Milchplatz bleibt trocken, was der Igel schätzt, wenigstens sitzen bei feuchtem Wetter unsere Igel immer seitlich der Schalen im Kasten.

Im vorigen Herbst beschlossen wir, ein paar der Igel zum überwintern in unserem Garten zu veranlassen, auch bewegte es uns, wie schwer es heute Igel haben müssen, in den meistens geleckten Gärten ein genügendes Winterquartier zu finden. Ausreichende Angaben über die Einrichtung einer Igelwohnung fanden wir in keiner Schrift. Wir bauten also nach eigener Vorstellung und wie sich zeigte, igelgemäß. Da ich um Nachahmung werben möchte, sei die Errichtung geschildert: unten auf den Erdboden kommt eine Lage grober Steine, um die Bodenfeuchtigkeit fernzuhalten. Sodann wird ein kastenförmiger Korb oder ein ähnlicher schwer oder nicht faulender Behälter, dessen eine Seite offen ist oder eine mindestens zwanzig Zentimeter breite öffnung hat, bis auf das Loch mit einer Plastikhülle fest und spaltenlos umwickelt und dann so auf die Steine gestellt, daß die offene Seite von der Winterwindrichtung abgekehrt ist. Auf diese Weise wird verhindert, daß Schmelzwasser oder sonstige Nässe einsickert und der Eiswind durchdringt. Das Innere dieser eigentlichen Wohnung wird mit ganz trockenem und nicht hartem Heu ausgefüllt und zwar soll man es etwas zusammendrücken: der Igel wühlt sich selbst die richtige Höhlung und liebt es, ganz umhüllt zu schlafen; er schätzt es gar nicht, nur auf einer Heuunterlage in einem sonst leeren Behälter zu liegen.

über dieses «Zimmer» schüttet man eine etwa dreißig Zentimeter dicke Heuschicht, die auch die Seiten gleichmäßig bedeckt. Darüber kommt vorsichtshalber eine genügend breite und lange Plane aus ölpapier, aus dem manche Kunstdungsäcke bestehen, und zuletzt wird das Ganze mit sehr viel Laub, am besten Buchenlaub, zu einem mehr als meterhohen Haufen aufgeschichtet. Es empfiehlt sich sehr, ringsum und oben drauf kräftige Zweige zu stecken und zu legen, denn sonst weht der Wind den ganzen schönen Bau auseinander und auch die Amseln bringen es in kurzer Zeit fertig, bei der Suche nach Nahrung tiefe Höhlungen in den Laubhaufen zu wühlen. Ganz zum Schluß bohrt man mit dem Arm einen Gang bis in das «Zimmer». Diese Anweisung klingt nach viel Arbeit, es ist aber gar nicht so schlimm. Am meisten Sorge bereitete es uns, genügend trockenes Laub zu finden. Aus unserer Verlegenheit half uns eine Riehener Familie, die uns eigentlich noch gar nicht richtig kannte und dennoch in liebenswürdiger Weise nicht nur im eigenen Garten Laub sammelte, sondern es auch noch in vielen Säcken zu uns brachte. Daß unser Vorhaben glückte, wird auch für diese lieben Igelfreunde eine Genugtuung sein. Ein solcher Bau sollte in der Nähe eines alten Igelweges errichtet werden, wenn möglich zwischen Sträuchern. Wenn diese im Sommer Blätter tragen, wird der braune Haufen fast völlig verhüllt und kann ohne Störung des Gartenbildes auch als Sommerunterschlupf für einen oder mehrere Igel erhalten bleiben. Wir haben zwei derartige Winterwohnungen gefertigt. Wenige Stunden danach war die eine bereits von einem mittelwüchsigen Igel bezogen, den wir deshalb Primo nannten, der andere Haufen einige Tage später. Beide Igel gingen keineswegs sogleich schlafen. Aber sie entfernten sich nur bis zur nahen Milch. Die Vorsicht war richtig, denn es versuchten mehrmals andere Igel, die Wohnungen zu requirieren. Erst am 9. November erschien der Rosenkavalier, den wir nach dem Rosenstrauch dicht bei seinem Bau auf diesen Namen tauften, nicht mehr, er hatte den Eingang mit Pfingstrosenblättern von innen verstopft. Endlich am 24. November verschloß auch Primo sein Haus. In den Nächten seit dem Einzüge war die Temperatur mehrmals bis nahe Null Grad gesunken, dennoch kamen beide Igel heraus. Dieser Beginn des Winterschlafes lag ungewöhnlich spät. Vielleicht hatten wir ihn mit den Milchgaben hinausgezögert. Als erster erwachte Primo: am 14. März dieses Jahres saß er bei schönster Sonne vor seinem Hause. Er sträubte nur symbolisch die Stirnstacheln, als meine Frau ihm einen ersten Begrüßungstrank warmer Milch dicht vor die Nase setzte; zunächst läppte er langsam, dann aber mit starker Gier. Und wir standen dabei und freuten uns.

So reihen sich die Erlebnisse mit dem struppigen Igelvolk. Natürlich fehlt auch der ärger nicht. So ließ sich ein besonders dreister Igelmann in wenigen Tagen zweimal in unser natürliches Terrarium fallen, worin wir fünf Blindschleichen hüteten. Jedesmal wenn ich ihn herausholte und tüchtig ausschimpfte, unterließ er nicht nur das Einkugeln, sondern er grunzte erbost zurück. Ohne Reue verschwand er betont langsam im Gebüsch. Die Bescherung war dann, daß einer der Blindschleichen der Schwanz fehlte und eine andere mit mehreren Bißlöchern herumkroch. Schlimm war aber das Miterleben des Krankseins und des Sterbens der Igel. Einmal fanden wir an einem verregneten Tage mitten auf dem nassen Rasen einen torkelnden Igel, dem die Stacheln über der Stirn mitsamt der Haut weggerissen waren. Da unsere Igel die arglose Angewohnheit haben, gelegentlich nachts auf der Straße spazieren zu gehen, mußten wir annehmen, daß der Schwerverletzte von einem Auto erfaßt worden war. Wir pflegten ihn lange in meinem Arbeitszimmer, aber er starb schließlich doch und zwar nicht an der gut heilenden Kopfwunde, sondern an Lungenentzündung. Er dürfte sie sich geholt haben, als er lange in der nassen Gosse lag. Aber noch eine andere schaurige Todesart rafft mehr und mehr Igel dahin. Es sind dies die Schneckenkörner, die überall in den Gemüsebeeten verstreut werden. Wenn der Igel diese Körner oder eine damit vergiftete Schnecke frißt, ist er rettungslos verloren. Mehrmals schon krochen Igel am hellen Tage durch den Garten, mühsam und sich immer wieder auf die Seite legend, um doch wieder ein Stückchen weiterzuschwanken. Wir konnten ihnen nicht helfen, auch der wahrhafte Freund der Tiere Carl Stemmler-Morath, den wir immer um Rat und Belehrung bitten, konnte nur mit den Zähnen knirschen. Eine warme Decke als Unterlage, das war alles, was wir klugen Menschen zu bieten hatten. Wer diese Schneckenkörner herstellt und verkauft, sollte einmal zusehen, wie der damit vergiftete Igel sich in Krämpfen windet, stunden- und tagelang, er sollte das jammernde Stöhnen hören müssen, bis der kleine gequälte Körper sich in einem jähen letzten Krampf zusammenzieht und das aufgerissene Mäulchen verstummt. Igel sind Säugetiere, Schnecken sind Mollusken, stehen also im natürlichen System weitab. Es sollte bei einiger Mühe möglich sein, ein spezifisches Schneckengift - und zwar eins, das sofort tötet und nicht totmartert — zu finden, das dem Igel nichts antun kann. Haben wir nicht eine mächtige reiche chemische Industrie? Verfügt sie nicht über modernste Labors und große Stäbe von ausgezeichneten Chemikern? Auch unsere Mitbürger, die in ihren Gemüsebeeten Schneckenkörner streuen, sollten sich die gar nicht beabsichtigten Folgen gesagt sein lassen. Aber bitte nehmen Sie als Ersatz dafür nun nicht Meta, wie uns kürzlich eine Bekannte beruhigenwollend versicherte: dies ist ja gerade das mörderische Zeug Methylaldehyd, was in den Schneckenkörnern so grausig wirkt!

Nun ja, es ist doch nur ein kleiner Igel! So höre ich's. Gewiß. Aber das Maß, mit dem wir leichtfertig die schlichte Kreatur messen: wenden wir es dann nicht auch ebenso unbedenklich in Gedanken und Taten auf die Mitmenschen an?

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