1965

Dr med Hans Martz

Hugo Remund

Die nachfolgende biographische Darstellung gründet sich auf den Nekrolog, den Prof. Wilhelm Lutz, Basel, in der Medizinischen Wochenschrift (84. Jahrgang 1954, Nr. 32, Seite 931) veröffentlicht hat, und folgt ihm stellenweise wörtlich. Ergänzungen erwiesen sich jedoch als notwendig.

Hans Martz wurde am 8. November 1888 in Grellingen (Berner Jura) geboren, wo sein Vater als Kaufmann in der dortigen Papierfabrik arbeitete. Die Familie zog aber bald nach Liesberg, weil der Vater Mitbegründer der dortigen Zementfabrik geworden war. In dieser ländlichen Umgebung verlebte Hans Martz mit Eltern und fünf Geschwistern fröhliche Jugendjahre und eine unbeschwerte erste Schulzeit.

Liesberg mit seinen ausgedehnten Weiden oberhalb des Dorfes war für Buben in jeder Jahreszeit ein herrlicher Tummelplatz. Im Herbst zog die ganze Familie aus, um die in Massen reifenden Hagebutten zu sammeln und beim Erlesen der Früchte und beim Bereiten des sogenannten Buttenmostes zu helfen; die Wintermonate brachten die ergötzlichen Schlittenfahrten vom hoch gelegenen Dorf hinunter zum Elternhaus, das tief am Wasser der Birs lag. Der Schulweg hinauf war lang, hingegen — als Kompensation — das Hinunterschlitteln beglükkend kurz. Wenn viel Schnee lag, durfte Martz über Mittag bei der Hebamme sich verköstigen.

In der streng katholischen Gegend waren der aus dem Neckartal zugewanderte Vater Martz und seine Gattin Sally, geb. Spiess, aus der Basler Landschaft Ormalingen, die einzigen Protestanten. Das jugendlich unbekümmerte Mitlaufen bei Prozessionen, das überall Dabeisein führte zu einem Verständnis, einer Duldsamkeit und Toleranz, die Hans Martz sein Leben lang begleiteten.

Der Eintritt ins Humanistische Gymnasium zu Basel bewirkte die Trennung vom geliebten Elternhaus und vom schönen Birstal, das für den jungen Mann Heimat geworden war. Wegen Krankheit des Vaters, der mehrere Schlaganfälle erlitten hatte, übersiedelten die Eltern 1907 ebenfalls nach Basel, um für die ärztliche Betreuung des Kranken besser sorgen zu können. Aber die Familie blieb nicht lange vereint, denn im gleichen Jahr 1907 starb der Vater mit 61 Jahren.

Die Krankheit und der Tod des Vaters waren schwere Eindrücke für den erst 19jährigen Hans; sie wurden noch schwerer lastend durch den Tod der über alles geliebten und verehrten Mutter, die 1910, nach relativ kurzem Kranksein, mit erst 56 Jahren an Magenkrebs verschied.

So war Hans Martz früh auf sich selbst gestellt, mußte selbständig handeln und seine Entscheidungen treffen. 1908 bestand er die Matura und wandte sich dem Studium der Medizin zu, das er zum größten Teil in Basel absolvierte. Er trat dem Zofingerverein bei und wurde, trotzdem er Abstinent war, paradoxerweise Fuchsmajor. Ein klinisches Semester brachte er in München zu, wo er sich als flotter, fröhlicher Student sehr glücklich fühlte, in der freien Zeit Bälle und gesellschaftliche Anlässe vergnüglich mitmachte und die Theater, Konzerte und Kunstsammlungen besuchte. Um dieselbe Zeit machte er mit seiner Schwester eine Reise nach der Türkei, bei der er für seine Person es durchsetzte, 3. Klasse zu fahren, weil er sich davon eine eingehendere Anschauung und Berührung mit der Bevölkerung versprach.

Während er sich im Sommer 1914 auf das Staatsexamen vorbereitete, brach der Erste Weltkrieg aus, und er mußte einrücken. Im Herbst wurde er beurlaubt und bestand das Staatsexamen. Als Arzt eines Feldartillerie-Regimentes absolvierte er lange Dienstperioden und arbeitete in der Zwischenzeit als Assistent an der medizinischen Klinik in Basel unter Prof. Rudolf Staehelin; sodann war er einige Monate bei Prof. Roux (Chirurgie) in Lausanne als Assistent tätig und machte einen längeren Studienaufenthalt in Straßburg bei Prof. Fehling (Gynaekologie). 1916 verehelichte er sich mit Marta Forrer aus Rorschach, die ihm das ganze Leben hindurch eine verständnisvolle und aufopfernde Gattin war.

1918, als der Krieg zu Ende ging, wurde er als ärztlicher Leiter an das Sanatorium Erzenberg in Langenbruck gewählt. Er übernahm damit auch die ärztliche Praxis für das Dorf und die Umgebung. Es war eine anstrengende Tätigkeit - weit herum, auf und ab, zu Fuß, per Velo, Leiterwagen oder Bauernbreak -, die er etwa drei Jahre lang ohne Auto bewältigen mußte. Diese Landpraxis bereitete Martz große Befriedigung. Auch in die ärztlichen und organisatorischen Aufgaben, die ihm das Sanatorium stellte, lebte er sich leicht und gern ein. Mit Langenbruck und den dortigen Werken blieb er auch nach seinem Wegzug noch lange Jahre in Verbindung als Mitglied der Kommission für die Kinderheilstätte. Die Jahre in dieser romantischen Juragegend empfanden Martz und seine Gattin stets als besonders beglückende Zeit ihres Lebens. Seit seiner Kindheit in Grellingen und Liesberg liebte Martz die Landschaft des Jura und fühlte sich mit dessen Bewohnern innig verbunden. Ihr einfaches Leben fand Anklang bei ihm, er teilte ihren ungebundenen Sinn, ihre freiheitliche, gelegentlich aufrührerische Ader, er war begeistert von der stillen Schönheit ihrer einsamen Weiden und tiefen Schluchten. Diese Liebe zum Jura blieb in seinem Herzen beschlossen.

1935/36 baute er sich in Sceut (in der Nähe von Glovelier) hoch über den spärlichen Siedelungen, mit dem Blick auf die waldigen Höhenzüge der Franche-Comté, ein Ferienhaus, in dem er Erholung von der aufreibenden Arbeit fand und besinnliche Ruhe in den Monaten seiner Krankheit.

1924 übersiedelte Martz mit seiner Familie, einer Tochter und zwei Söhnen, nach Riehen. Er war von seinem Freunde Dr. Veillon, der in Riehen praktizierte und seiner wachsenden Praxis kaum mehr genügen konnte, aufgefordert worden, sich in Riehen niederzulassen. Martz kaufte das Haus an der Ecke Bettingerstraße/Grenzacherweg, das er bis zu seinem Tode bewohnte.

Er erwarb sich sehr rasch eine ausgedehnte Praxis, die er mit großer Freude ausübte. Sein ruhiges, zielsicheres Wesen flößte seinen Patienten Vertrauen ein, und das feinfühlige Verständnis, das er einem jeden entgegenbrachte, sicherte ihm alsbald ihr volles Vertrauen. Er war der Typus des echten Hausarztes, der seinen Patienten und ihrer Familie weit über die ärztliche Tätigkeit hinaus zum getreuen Berater auch in vielen anderen Fragen wurde. Kennzeichnend für ihn war, daß er — auch bei stärkstem Inanspruchgenommensein — sich für jeden, der ihn aufsuchte, einfach Zeit nahm und ihm voll und ganz zur Verfügung stand, solange es sich als notwendig erwies. Nächtelang konnte er bei den Patienten sitzen, wenn ein Herzanfall sie aufgewühlt und in Angst versetzt hatte; er blieb, solange es ihnen nicht gut ging. Mit Leib und Seele war er Arzt: Noch am Morgen des Sonntags, an dem er abends zur ewigen Ruhe eingehen sollte, äußerte er sich, er sei stets gerne Arzt gewesen. Er habe dadurch viele gute und liebe, wertvolle und tapfere Menschen kennengelernt. Er würde, falls er nochmals vor die Wahl des Berufes gestellt wäre, ohne Bedenken sich wieder für den des Arztes entscheiden.

Bei den vielseitigen Interessen, die Hans Martz für Geschichte, Literatur, Kunst, überhaupt für alle Bereiche der Kultur hatte, ergab es sich von selbst, daß sich zu vielen seiner Patienten auch Beziehungen freundschaftlicher und persönlicher Natur entwickelten. Es erwuchsen ihm daraus in seinem schönen Heim mit dem prächtigen, von seiner Gattin liebevoll und mit großer Kenntnis gepflegten Garten viele frohe Stunden einer anregenden Geselligkeit, die ihm eine willkommene und geschätzte Erholung von der strengen Berufsarbeit bedeuteten.

Jahrelang war er Mitglied einer Lesegesellschaft in einem Freundeskreis. In diesen Leseabenden wurde alles Aktuelle und Interessante in die Lektüre einbezogen. Und trotz der großen beruflichen Belastung suchte Martz den Leseabend wie ein heiliges Offizium freizuhalten.

Das erfolgreiche und glückliche Leben in Riehen wurde in tiefe Trauer versetzt durch die schwere Krankheit und den Tod des Sohnes Ulrich, der 1936 im Alter von 15 Jahren an Kinderlähmung erkrankte und nach vielen Tagen hoffnungslosen Krankseins starb. Beide Eltern waren dem kranken Knaben in seine Isolierung ins Bürgerspital gefolgt und nicht von seinem Bette gewichen. Der Tod dieses hoffnungsvollen Sohnes warf einen tiefen Schatten auf das Leben beider Eltern, die den Verlust nie ganz verwinden konnten. Eine Erfüllung jedoch waren ihnen die beiden anderen Kinder: Die Tochter Salomé, die im Lindenhof Bern sich zur Krankenschwester ausbildete und später einen Arzt heiratete, und der Sohn Georg, der Arzt wurde, ebenfalls eine Familie gründete und die wissenschaftliche Laufbahn wählte.

Gastlichkeit und Hilfsbereitschaft waren seiner Gattin und ihm aufrichtiges Bedürfnis. Und so öffneten sie, als die Weltlage sich zusehends verdüsterte, manchem der unglücklichen Opfer jener Zeit ihr Haus, boten ihnen jahrelang ein Heim und die Gelegenheit, sich eine neue Existenz aufzubauen. Darin zeigte sich auch die Größe von Frau Martha Martz, daß sie den erweiterten Haushalt in aller Stille und mit Umsicht führte und ihrem Gatten, dessen Bedeutung sie genau kannte, die häuslichen Bedingungen schuf, die ihm seine vielfältige Tätigkeit ermöglichten.

Besondere Freude bereitete es Hans Martz, neben der Praxis auch Unterricht zur Ausbildung der Schwestern an der Diakonissenanstalt Riehen erteilen zu dürfen. Ferner stellte er sich dem Samariterverein Riehen als Kursleiter zur Verfügung und stand ihm während vieler Jahre als Präsident vor. Der Verein ernannte ihn in Anerkennung seiner Verdienste zum Ehrenpräsidenten; auch wurde ihm die Henri Dunant-Medaille des Schweizerischen Samariterbundes zugesprochen. — Gerne versah er schließlich das Amt des Hausarztes am Alters- und Pflegeheim Moosrain in Riehen.

So war der Tag erfüllt von Arbeit, und der Lebensgang schien sich einer gewissen Abrundung zuzuneigen. Da wies der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges seinem Leben unvermutet eine ganz neue Richtung und stellte ihn vor eine Aufgabe, der er sich fortan mit voller Hingabe immer mehr und mehr widmen sollte.

Im August 1939 rückte Major Martz als Kommandant der internen Sektion der Militär-Sanitäts-Anstalt 5 in Luzern ein. Manche werden sich dieser Zeit wohl erinnern, als es galt, mit einem Minimum an Material und mit einem noch nicht organisierten und nicht eingearbeiteten, zum großen Teil überhaupt noch nicht ausgebildeten Personal in möglichst kurzer Zeit eine leistungsfähige Spitalabteilung einzurichten. Dank den umsichtigen generellen Dispositionen des MilitärSanitäts-Anstalts-Kommandanten Oberst Hörni, den initiativen Anstrengungen der Sektionskommandanten und dem guten Willen aller ließen sich aber überraschende Fortschritte erzielen. Major Martz legte für die Sektion die Dispositionen klar auf das Ziel hin an, einen nach klinischen Vorbildern gestalteten und funktionierenden Betrieb aufzubauen. Innerhalb des von ihm festgelegten Rahmens ließ er den Mitarbeitern volle Handlungsfreiheit, so daß jeder die eigene Initiative voll ausnützen konnte. Aus dieser verständnisvollen und intensiven Zusammenarbeit erwuchs ein ganz ausgezeichneter Geist der Kameradschaft, der allen nicht nur die Arbeit erleichterte, sondern ihnen auch hie und da einmal einen heiteren, geistvollen, unbeschwerten Abend bescherte, an dem alle von Herzen vergnügt sein konnten. Die Arbeit unter Major Martz in der MSA III/5 ist allen in bester Erinnerung geblieben.

Die Erfahrungen, die Martz bei der Organisation seiner Sektion in der MSA 5 hatte sammeln können, sowie die Einblicke und Erkenntnisse, die er in den beiden Schwesternschulen Lindenhof Bern und La Source in Lausanne, in deren Direktionen er berufen worden war, gewonnen hatte, wurden für ihn von außerordentlicher Wichtigkeit, als er Ende 1941 zum Stellvertreter des Rotkreuz-Chefarztes ernannt wurde.

Er nahm diese Funktion nur an unter der Bedingung, daß er in den Problemen, die der Rotkreuz-Chefarzt ihm zur Lösung übergebe, die Kompetenz erhalte zu freiem selbständigem Handeln im Rahmen festgesetzter Richtlinien.

Die erste große Aufgabe, die Dr. Martz zufiel, war der Neuaufbau des freiwilligen Krankenpflegewesens für die Bedürfnisse der Armee. Er erkannte sofort, daß eine einheitliche Ordnung und Neugestaltung nur möglich war auf eidgenössischer Basis, und daß das Schweizerische Rote Kreuz die einzig mögliche Instanz war, um in seiner politischen und konfessionellen Neutralität die 25fache legislative Hoheit der Kantone abzulösen. Es war ein dornenvoller Weg, den Martz damit betrat, und in Würdigung der unsäglichen Schwierigkeiten sprach Dr. Picot in seinem Nachruf auf Dr. Martz von der «Croisade pour le personnel infirmier, dans laquelle il fut un promoteur, un organisateur, une conscience et un chef». Martz erreichte in zielbewußter Arbeit, daß auf dem ganzen schweizerischen Territorium das Schweizerische Rote Kreuz als die Instanz anerkannt wurde, welche die Richtlinien für die Ausbildung der Krankenschwestern und des Pflegepersonals aufstellt. Nur so konnte eine Zusammenfassung der heterogenen Elemente und ein einheitlicher Aufbau des ganzen Krankenpflegewesens erreicht werden.

Die wenigsten machen sich heute einen Begriff, welch großes Können, welch diplomatische Fähigkeit und welche unermüdliche Arbeit es brauchte, dieses Ziel zu erreichen. Martz besuchte alle Krankenpflegeschulen und kannte ihre Organisation in allen Einzelheiten, wußte Bescheid über die meisten Spitäler, verhandelte mit den Hilfsorganisationen des Schweizerischen Roten Kreuzes, mit den Sanitätsdirektoren der einzelnen Kantone. Eine riesige Korrespondenz gibt Zeugnis von seinem unermüdlichen Einsatz.

1944 wurde auf seine Initiative in der Geschäftsstelle des Schweiz. Roten Kreuzes in Bern ein Schwesternsekretariat (heute Abteilung für Krankenpflege) eröffnet und unter seine Leitung gestellt, eine zentrale Stelle der Dokumentation und der Beratung in allen Belangen der Ausbildung und Tätigkeit der Krankenschwestern und Krankenpfleger.

1945 schuf das Schweizerische Rote Kreuz auf seinen Vorschlag die «Kommission für Krankenpflege», die unter seiner ideenreichen Führung nicht nur in langen, schwer beladenen Sitzungen die Fragen der Ausbildung der Krankenschwestern und Pfleger behandelte und in Richtlinien zusammenfaßte, sondern auch die verlorengegangene Verbindung zwischen Krankenpflege, Pflege von Nerven- und Gemütskranken und Wochen-, Säuglings- und Kinderpflege wieder herstellte.

An Schulkonferenzen konnten Leiterinnen und Leiter der verschiedenen Krankenpflegeschulen ihre Auffassungen vertreten und Belehrungen und Anregungen austauschen.

Nebenher gingen die Bemühungen zur besseren Ausgestaltung der Blätter für Krankenpflege, zur Ordnung der Verhältnisse für die Krankenschwestern im Militärdienst, ferner die Sorge für alte, kranke und arbeitsunfähige Schwestern, — alles mit dem Ziel, den Stand des Krankenpflegepersonals zu einer Einheit zu gestalten, ihn zu heben, besserzustellen und ihm das ihm gebührende Ansehen zu verleihen. In all diesen vielseitigen Bemühungen war Martz die treibende und belebende Kraft.

Dabei dachte er nicht nur an das nächstliegende, das so rasch als möglich zu Gestaltende. Er wußte, daß bei den gesteigerten Anforderungen, die infolge der rapiden Entwicklung der ärztlichen Wissenschaft und Technik an das Pflegepersonal gestellt werden, dieses seinen Aufgaben nur gerecht werden könne, wenn ihm Gelegenheit geboten werde, in Fortbildungskursen seine Kennmisse aufzufrischen und sich das neu hinzukommende Wissen anzueignen. Auf seinen Vorschlag beschloß das Schweizerische Rote Kreuz, eine Fortbildungsschule für Krankenschwestern und Krankenpfleger zu errichten und die dazu nötigen erklecklichen Mittel bereitzustellen. Nur der hinreißenden überzeugungskraft von Dr. Martz, seinem umfassenden Wissen und seinen fundierten Begründungen war es zu verdanken, daß die Direktion des Schweizerischen Roten Kreuzes das Wagnis einging, diesem kostspieligen Unternehmen, das damals noch keiner Unterstützung durch die öffentliche Hand teilhaftig war, zuzustimmen. Noch kurz vor der Sitzung hatte ein namhafter Universitätskliniker dem Roten Kreuz geschrieben, daß er es als eine Verkennung der weiblichen wie der eidgenössischen Psyche betrachte, wenn man glaube, Oberschwestern außerhalb der Schule, aus der sie herausgewachsen waren, ausbilden zu können.

Diese Schule mit Sitz in Zürich für die deutsche Schweiz und Lausanne für die französische Schweiz, kann nun auf ihr 15jähriges erfolgreiches Wirken zurückblicken. Sie ist in Idee und Durchführung das Werk von Dr. Martz und krönte sein unablässiges Bemühen um das Wohl des Krankenpflegepersonals.

Man steht vor dem Rätsel, wie Martz diese dauernde unglaubliche Leistung überhaupt vollbringen konnte, die er in den ersten Jahren neben seiner Praxis durchführte. Oft mußte er, wenn er am Abend von einer langen, ermüdenden Sitzung kam, noch seine Patientenbesuche erledigen. Für die riesige Schreibarbeit opferte er die verdiente Nachtruhe. Erst als er im Sommer 1946 an einer heftigen und langwierigen epidemischen Leberentzündung erkrankte, mußte er die praktische Tätigkeit einschränken. Schließlich mußte er sie völlig aufgeben, als er 1948 eine erste, 1952 eine zweite, besonders heftige Herzattacke erlitt, die ihn während Wochen an den Rand des Grabes brachte. Aber kaum hatte er sich jeweils von diesen schweren Krisen einigermaßen erholt, wandte er sich - noch vom Rekonvaleszenzlager aus wieder seiner organisatorischen Arbeit zu. Immer wieder drängten sich ihm neue Ideen zur weiteren Vervollkommnung seiner Pläne auf; immer wieder sah er Lücken, die noch ausgefüllt werden mußten. Ohne Rast noch Ruh und ohne Rücksichtnahme auf seine Gesundheit widmete er sich dem Werk, dessen Notwendigkeit er klar erkannt hatte und das nach Möglichkeit zu vollenden er für seine Aufgabe und Pflicht hielt.

Aber neben der gewaltigen Hauptarbeit für das Krankenpflegepersonal standen noch die andern Aufgaben, die er als Vertreter des Rotkreuz-Chefarztes durchzuführen hatte. Er nahm an allen Sitzungen teil, befehligte Einführungskurse für Frauenhilfsdienst (Gattung Sanität) in Flüelen, organisierte und beaufsichtigte am Ende des Krieges 1945 während zwei Monaten ein Notspital in Meran, das die aus Deutschland rückflutenden italienischen Arbeitskräfte auffangen und betreuen mußte.

Er leitete die Arbeitskonferenz der nationalen Rotkreuzgesellschaften in Genf im Herbst 1945, ebenso nahm er teil an der zwei Wochen dauernden Konferenz der Liga der Rotkreuzgesellschaften 1946 in Oxford.

Für seine großen Verdienste, die er dem Schweizerischen Roten Kreuz geleistet hatte, ernannte die Delegiertenversammlung des Schweizerischen Roten Kreuzes ihn 1953 zum Ehrenmitglied. Damit wurde das Werk dieses Mannes gebührend geehrt, der immer bereit war, vor den anderen zurückzustehen und ihnen die Ehren zu überlassen, der mit Selbstverständlichkeit ohnegleichen alle schweren Aufgaben und Belastungen auf sich nahm, dessen Voten stets einen die Probleme klar durchdenkenden, überlegenen und humorvollen Geist verrieten, der unbeirrbar das Ziel vor sich sah und die geeigneten Mittel suchte, um es zu erreichen. Im November 1953 erlebte er die große Freude, im Kreis seiner Familie und seiner lieben Freunde heiter und herzlich vergnügt seinen 65. Geburtstag feiern zu können. Martz war eine frohe, lebensbejahende Natur und stets bereit, besondere Begebenheiten festlich zu feiern. Bei solchen Familienanlässen redete er treffend, mit Witz und Humor und in netter, ansprechender Art. Seine große Güte, die in allen seinen äußerungen durchschimmerte, war bekannt.

Unentwegt blieb er an seiner Arbeit. Aber im Frühjahr 1954 machten sich vermehrte Herzbeschwerden geltend. Uber seinen wahren Zustand täuschte er sich als erfahrener Praktiker nicht. Er fühlte, daß sein schwer leidendes Herz auf die Dauer nicht standhalten würde, und Schritt für Schritt nahm er Abschied von allem, was ihm lieb war. Er übergab seine Praxis dem Schwiegersohn und zog mit seiner Frau in den obern Stock seines Hauses. Er disponierte seinen ihm so lieben Garten neu, konnte sich noch über die wohlgelungene änderung freuen.

Ende April nahmen die Beschwerden zu. Nach einer qualvollen Nacht diktierte er seiner Frau Briefe an einige seiner Freunde und unterschrieb noch selber; dann entschlief er friedlich am selben Abend des 2. Mai 1954.

Sein Hinschied löste tiefe Trauer unter allen denen aus, die ihm in der Armee, im Roten Kreuz, in der Krankenpflege, in allen Schwesternschulen, im Lindenhof, in der La Source nähergetreten waren; nicht zuletzt aber auch unter seinen Patienten, denen er Helfer und Stütze gewesen war. Wie sehr er auch in der welschen Schweiz anerkannt und geschätzt war, kommt in den tiefempfundenen Worten seines Kollegen Dr. L. Picot in Lausanne zum Ausdruck: «C'est non seulement douloureux de pleurer un ami, mais c'est angoissant de mesurer l'étendue de la place vide. - Il n'y a pas de remplaçant de sa taille. Personne n'a mûri tous ces problèmes comme lui, personne ne connaissait chaque école, chaque hôpital comme lui. Peut-on rendre plus bel éloge à un homme que de constater combien il était indispensable et de haute stature? Parti d'une petite école de diaconesses et d'une petite section d'ESM, il se haussa à la tête d'une organisation nationale. Son sens de l'humain et de l'humain malade, son amour du prochain, sa perspicacité d'intelligence, mais aussi d'artiste novateur, le mirent au-dessus des autres auxquels il a rendu un service incalculable.»

Für das Schweizerische Rote Kreuz und damit für die Allgemeinheit hat Martz in der kurzen Spanne von 12 V* Jahren eine ganz außerordentliche Leistung vollbracht. Das Andenken an den Verstorbenen wird nicht nur bei seinen Patienten, sondern auch in dem großen Werke, das er für die Krankenpflege schuf, weiterleben.

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