1965

Dr Martz in der Erinnerung seiner Mitarbeiter im Roten Kreuz

Magdelaine Comtesse

Von Magdelaine Comtesse, Krankenschwester. Da es mir vergönnt war, als Sekretärin der Kommission für Krankenpflege während fast zehn Jahren eng mit Dr. Martz zusammenzuarbeiten, wurde ich gebeten, dem Lebenslauf einige persönliche Erfahrungen beizufügen.

Es ist nicht leicht, von ihm ein Bild zu zeichnen; es war so vieles, auch Gegensätzliches, in ihm vereinigt, daß man ihm aus der Sicht eines einzelnen Menschen nur schwer gerecht werden kann. Er war von einer ungeheuren Vitalität, und Widerstände spornten seine Kämpfernatur zu Höchstleistungen an. Er trat an jede neue Aufgabe, die er als solche erkannte, ohne Vorurteil heran und erarbeitete sich zunächst dank seiner überragenden Intelligenz, seinem Einfühlungsvermögen und seiner Lebenserfahrung einen überblick. Trotz seiner raschen und oft intuitiven Auffassungsgabe überlegte er sich die Situation jedesmal sehr gründlich, verfolgte dann aber das Ziel mit Ausdauer, und wenn es sein mußte, hartnäckig und rücksichtslos. Seiner Weitsicht verdanken beide Rotkreuz-Pflegerinnenschulen, der Lindenhof in Bern, dem er ganz besonders zugetan war, und La Source in Lausanne, ihre Reorganisation, die ihnen die neue Entwicklung seit dem Zweiten Weltkrieg ermöglichte. Bis 1945 führte der 1910 gegründete Berufsverband der Krankenschwestern, der Schweizerische Krankenpflegebund, jährlich Prüfungen für Schwestern und Pfleger, die ihre Ausbildung mehr oder weniger autodidakt in den verschiedensten Spitälern erhalten hatten, durch. Auf Initiative von Dr. Martz wurde gleich nach dem Krieg beschlossen, auf dieses «Bundesexamen» zu verzichten.

Einsichtige Krankenschwestern und Oberinnen anerkannter Schulen hatten schon längst die Unzulänglichkeit dieser Berufslehre erkannt, aber ihre Aufhebung scheiterte am Widerstand der Spitäler, die den Verlust der billigen und willigen Arbeitskräfte, für die es keinen Schutz gegen die zuweilen krasse überforderung ihrer Kräfte gab, fürchteten und sich mit konservativen Elementen des Krankenpflegebundes verzweifelt gegen jede Neuerung wehrten. Bei Spitalverwaltern und einzelnen Sanitätsdirektoren war deshalb Dr. Martz eine Zeitlang wohl der bestgehaßte Mann. Er erzählte gelegentlich humorvoll von epischen Auseinandersetzungen mit solchen Herren, und man sah dem lustigen Funkeln seiner Augen an, daß ihm der Kampf noch in der Erinnerung Genugtuung bereitete. Er war kein bequemer Gegner. Seine Argumente kamen Schlag auf Schlag mit zwingener Folgerichtigkeit, und er erfaßte sofort jede schwache Stelle des Gegners und wußte sie schonungslos auszunützen. Er verstand jedoch auch die Gegenargumente und suchte immer nach einem gangbaren Weg, der, wenn er auch der Gegenpartei im Moment unmöglich erschien, in der Folge sich doch als richtig erwies. So haben sich verschiedene Spitäler, die früher größtenteils mit «Lehrtöchtern» arbeiteten, schon nach wenig Jahren eigentliche Krankenpflegeschulen angegliedert oder Abkommen mit bereits bestehenden Schulen geschlossen, die den Krankenhäusern nun Schülerinnen zu einem systematischen und überwachten Praktikum anvertrauten. Damit wurde nicht nur die Ausbildung verbessert, sondern die Qualität der Pflege ganz bedeutend gehoben. Oft pflegte Dr. Martz zu sagen: Die Krankenpflegeschule ist das Gewissen ihres Spitals!

Sein Ziel war: Die Verbesserung der Ausbildung und der Pflege, wodurch der Berufsstand der Krankenschwestern und ihr Selbstvertrauen gehoben wurde. Denn schon begann sich der kommende Schwesternmangel abzuzeichnen, zum Teil als Folge der schlechten Arbeitsbedingungen, die die frühere Oberin der Pflegerinnenschule Zürich, Dr. L. Leemann, die Dr. Martz hoch schätzte und mit der er eng zusammenarbeitete, aufgedeckt und bekannt gemacht hatte. Er förderte denn auch, unterstützt und ermutigt durch die Behörden des Schweizerischen Roten Kreuzes, alle Bestrebungen, die auf die Verbesserung der sozialen und wirtschaftlichen Stellung der Krankenschwester hinzielten, bis der mit seiner tatkräftigen Hilfe neuorganisierte Berufsverband diese Aufgaben selbständig übernehmen konnte.

Durch die Zusammensetzung der Kommission für Krankenpflege, die sich vor allem mit der Ausbildung an den anerkannten Krankenpflegeschulen befaßt, sicherte er den Krankenschwestern von Anfang an entscheidenden Einfluß, indem er ihnen die Mehrzahl der Sitze und die Vizepräsidentschaft zubilligte. Es ergab sich daraus eine sehr ersprießliche Zusammenarbeit von Schwestern und ärzten.

Die Examen der Schulen wurden auf seine Anregung abwechslungsweise von ärzten und Schwestern als Experten besucht. Er unterstrich immer wieder die Bedeutung der Schulschwestern, d. h. der Lehrerinnen an den Krankenpflegeschulen. Es lag ihm daran, daß die ärztlichen Experten des Schweizerischen Roten Kreuzes nicht nur den Prüfungen in den theoretischen Fächern beiwohnten, sondern daß sie die Schülerin und die Lehrerin auch in der praktischen Arbeit beobachteten. Mancher Schulschwester, die sich allein mit ihren Schwierigkeiten abplagte und für ihre Aufgabe im eigenen Spital wenig Verständnis fand, hat er dadurch den Rücken gestärkt und ihren pädagogischen Anliegen Gehör verschafft.

Wenn Dr. Martz offenen Kampf nicht scheute, ja gelegentlich daran sogar Vergnügen fand, so schmerzten ihn dagegen ungerechtfertigte Vorwürfe oder Mißtrauen. Es konnte ihn, der immer mit offenen Karten spielte und allen Menschen, mit denen er zusammenkam, a priori Vertrauen entgegenbrachte, tief verletzen, wenn dieses Vertrauen mißbraucht oder ihm unlautere Motive oder Machtansprüche untergeschoben wurden. Die Aufgaben, denen er sich mit ganzer Hingabe widmete, hatte er alle freiwillig und aus eigener persönlicher Initiative übernommen, einfach weil er sie erkannte und in sich die Kraft verspürte, zu ihrer Lösung beizutragen. Ich kann es nicht anders ausdrücken, als daß er sich dazu berufen wußte und dieser Berufung mit nie erlahmender Energie und mit hohem Verantwortungsbewußtsein folgte. Vielleicht ahnte er, daß ihm nur wenig Zeit vergönnt war, um sein Werk auszuführen; deshalb verfolgte er sein Ziel manchmal fast mit Ungestüm. Daß ihm bei der konservativen Einstellung der Schweizer — und vielleicht war diese gerade auf dem Gebiet der Krankenpflege besonders ausgeprägt — nicht jedermann folgen konnte, verstand er zwar, was nicht hinderte, daß die Ablehnung ihn zeitweise bedrückte. Nie jedoch trug er jemandem etwas nach.

Seine vornehme Gesinnung erlaubte ihm kein abschätziges Urteil über andere. Trotz seinem im Grunde genommen impulsiven Temperament ließ er sich nie dazu verleiten, jemandem, der ihn nicht verstand, anders als mit Achtung und Freundlichkeit zu begegnen. Geduldig suchte er Mißverständnisse aufzuklären und aus dem Weg zu räumen. In seiner überlegenen Güte und Menschenkenntnis war er fähig, das Wertvolle im Andern hervorzuheben, menschliche Schwächen hinzunehmen, sie durch sein Verstehen zuzudecken und zu verzeihen, auch wenn sie ihm weh taten.

Seine überlegenheit zeigte sich in der Art, wie er Sitzungen und Versammlungen leitete. Er bereitete sich immer auf das sorgfältigste darauf vor. Soweit das möglich war, überließ er nichts dem Zufall.

Jedes Traktandum leitete er mit einer kurzen übersicht ein und ließ dann der Diskussion freien Lauf. Jeder konnte seine Meinung ungehemmt äußern, mit seiner eigenen hielt sich Dr. Martz zurück, um niemanden zu beeinflussen. Er faßte das Diskussionsergebnis knapp und prägnant zusammen und zog daraus den Schluß. Stets war er bereit, seine eigene Ansicht zu revidieren, wenn die Argumente der andern ihn überzeugten. War dies nicht der Fall, so gelang es ihm meist, sie für seine Auffassung zu gewinnen. Aber er konnte auch warten und in Fragen, die keine sofortige Lösung verlangten, die Zeit arbeiten lassen, auf weitere Entwicklungen zählen oder für eine nächste Sitzung die Fragen neu abklären lassen. Das Ziel behielt er immer im Auge und lenkte konsequent die Arbeit seiner Kommission in dieser Richtung. Phrasen und schönen Redensarten oder auch Wünschen und Ambitionen, die er für wirklichkeitsfremd hielt, war er abhold. Er hörte ihnen, wenn es sein mußte, geduldig zu und schrieb auf seinen Notizblock «Sprüche».

Dr. Martz hatte mündlich und schriftlich eine äußerst klare und knappe Ausdrucksweise. Er schrieb ein meisterhaftes Deutsch, sei es in seinen Briefen oder in Reglementen und Berichten. Während in unserer Zeit die Zucht der Sprache nachzulassen droht, hielt er ihre Reinheit hoch und bemühte sich um den präzisen deutschen Ausdruck. Es war oft ein hartes Mühen. Er gab nichts aus der Hand, das nicht bis ins Letzte ausgefeilt war, wenn es sich um Schriftstücke von einiger Bedeutung handelte. Wir im Sekretariat seufzten oft, wenn seine Entwürfe immer wieder, von seiner markanten Handschrift korrigiert und ergänzt, neu geschrieben werden mußten. Erhielt aber einmal eine Arbeit sein «Gut zum Druck», so hatte sie Bestand.

Er hielt sehr darauf, daß alles, was herauskam, möglichst rasch ins Französische übersetzt wurde. Er war stolz auf die schweizerische Mehrsprachigkeit und liebte die welsche Art. In der Suisse Romande wurde er gut verstanden, oft besser als diesseits der Saane. Er fand es z. B. ganz in der Ordnung, daß der französisch sprechende Teil der Schweiz in den Kommissionen des Schweizerischen Roten Kreuzes übervertreten war, «denn», sagte er, «die Schweiz hat das Vorrecht, ihre Minderheiten verwöhnen zu können».

Dr. Martz wußte sich im Tiefsten verbunden mit der Res publica und für sie mitverantwortlich. Alle paar Jahre abonnierte er eine andere Zeitung, um verschiedene Richtungen in der Politik zu studieren. Ich erinnere mich an heftige Diskussionen, die in Basel wegen neuen Kirchenfenstern für das Münster geführt wurden. Um sich seine eigene Meinung zu bilden, nahm Dr. Martz sich die Zeit, die ausgestellten Cartons des Malers gründlich zu betrachten, worauf er ins Münster ging und versuchte, sich die modernen Scheiben in die Fenster hineinzudenken. Da sei ihm, erzählte er später, die Gewißheit geworden, daß die Ideen des Künstlers richtig seien und die neuen Glasfenster wirklich dorthin gehörten. Er stimmte denn auch für die Ausführung der Entwürfe.

In seinen schlaflosen Nächten — es kam vor, daß die Nachtigall im Garten sang und ihn nicht einschlafen ließ — arbeitete er oder las, was an bedeutenden Neuerscheinungen auf kulturellem oder historischem Gebiet herauskam. Mit großer Anteilnahme vertiefte er sich in die Erinnerungen von Churchill, für den er eine ganz große Verehrung, ja beinahe Liebe hegte. All das gehört mit, scheint mir, zu der für Dr. Martz so typischen Gesamtschau, die Kennzeichen dieser bedeutenden Persönlichkeit war.

^ nach oben