1965

Die bauliche Entwicklung Riehens - eine Zwischenbilanz

Gerhard Kaufmann

Die Wende
Ziemlich genau mit der Jahrhundertwende setzte in Riehen eine starke Aufwärtsentwicklung der Bevölkerungszahl ein, verbunden mit einer baulichen Expansion. Die Kantonale Brandversicherungsanstalt erfaßte in den Jahren vor und nach 1900 folgende Anzahl versicherter Gebäude in Riehen: 1884 623, 1894 672, 1904 991, 1914 1187.  Heute bilden die noch aus dem letzten Jahrhundert stammenden Häuser eine verschwindend kleine Minderheit innerhalb der im 20. Jahrhundert entstandenen Bauten. Bis ins 19. Jahrhundert war Riehen ein Bauern- und Winzerdorf, eine Lebens- und Siedlungsgemeinschaft also, bei der für den einzelnen der Arbeitsort identisch mit dem Wohnort war, wobei im wirtschaftlichen Bereich fast jedermann Selbstversorger war. In einem allerdings hat sich Riehen schon früh von andern Bauerndörfern in der Umgebung Basels unterschieden: unser Gemeindebann beherbergte eine verhältnismäßig große Zahl baslerischer Landgüter, deren Besitzer mit Vorliebe die Sommermonate in ländlicher Umgebung verbrachten.

Mit dem Aufkommen moderner Verkehrsmittel (Bahn 1862, Tram 1908) war der erste Schritt in der Entwicklung vom Bauerndorf zur stadtnahen Wohnsiedlung getan. Es war fortan möglich, in der Stadt dem Erwerb nachzugehen, ohne das Wohnen in der angestammten Umgebung aufgeben zu müssen. Umgekehrt setzte von der Stadt her ein starker Zuzug ein; die neuen Verkehrsmittel erlaubten der städtischen Bevölkerung, die Wahl des Wohnortes unabhängig vom Standort des Arbeitsplatzes zu treffen.

Pläne und Planung
Erste Ansätze für eine Zonenplanung gehen auf das Jahr 1904 zurück. Durch Großratsbeschluß wurde damals für Riehen eine sogenannte Villenzone geschaffen. Diese erstreckte sich von der Böschungskante des Gstaltenrains bis zur Linie Schmiedgasse—Chrischonaweg und von der äußern Baselstraße bis zum Waldrand. Die Vorschriften für diese Zone lauteten wie folgt: — Gruppenbauten bis höchstens 35 Meter Länge, — nicht mehr als 3 Wohngeschosse (Bauhöhe nicht beschränkt!), — Giebel müssen als Fassaden ausgebildet werden.

Außerhalb dieser Vorschriften war das Bauen in bezug auf Abmessungen, Abstände etc. frei, d. h. es galt einzig das Hochbautengesetz vom Jahre 1865, das vorwiegend Vorschriften feuerpolizeilicher, bauhygienischer und konstruktiver Art enthielt. Erst das Jahr 1930 brachte für Riehen einen eigentlichen Zonenplan, der Vorläufer des Planes von 1939, der in verschiedentlich abgeänderter Form heute noch gültig ist.

Hier nun, im Zonenplan von 1930 ist der größte Widerspruch zu der sonst in Riehen verfolgten baulichen Konzeption zu finden, ein Widerspruch, der noch heute immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Bauschaffenden und Behörden führt. Das hervorstechendste Merkmal des Zonenplanes von 1930 ist die Tatsache, daß das engere Dorfgebiet in die Zone der 3—3.5 geschossigen Bauweise, fast der ganze übrige baulich nutzbare Gemeindebann, mit Ausnahme der Lörracherund Bäumlihofstraße, in die Zone der 2V2geschossigen Bauweise versetzt wurde. In Gebieten also, die damals noch weitgehend unbebaut waren, und in denen großzügige Uberbaungsprojekte durchaus realisierbar waren, entstanden über weite Strecken niedrige Reihenhausquartiere. Umgekehrt lagen die Verhältnisse im alten Dorfteil. Sein Charakter war geprägt durch die fast ausschließlich auf ehemalige Bauernhäuser zurückgehenden zweigeschossigen Bauten. Der von dem zusätzlich bewilligten Stockwerk ausgehende Anreiz räumte nun sehr rasch mit dem vorhandenen Baubestand auf, wie das am besten an der Oberdorfstraße zu verfolgen ist. Man ist schließlich auch behördlicherseits auf diesen Widerspruch zwischen Heimatschutzidee und Zonenplan aufmerksam geworden und hat sozusagen in letzter Minute die Bauzeilen beidseits der Baselstraße in die sogenannte Altstadtzone versetzt. Ob damit etwas gewonnen wird, ist zweifelhaft, bestimmt aber ist die Rechtsunsicherheit in bezug auf die bauliche Nutzung noch größer geworden.

Natürlich spielt neben dem Zonenplan die Anlage des Straßennetzes für die städtebauliche Qualität eines Siedlungsraumes ebenfalls eine entscheidende Rolle. Es fällt dabei auf, daß unsere wichtigsten Quartierstraßen (Steingrubenweg, Mohrhaldenstraße, Grenzacherweg, Chrischonaweg) ehemalige Feldwege waren. Die Bedürfnisse der Felderbewirtschaftung (und nicht städtebauliche überlegungen!) haben also die Grundzüge unseres Straßennetzes bestimmt!

Ein erster Bebauungs- und Straßenlinienplan stammt aus dem Jahre 1908 und hatte den damaligen Stadtingenieur Riggenbach zum Verfasser. Dieser Plan ist seither immer wieder bruchstückweise umgearbeitet worden. Daß trotz Bebauungsplan die bauliche Entwicklung schon früh als nicht befriedigend empfunden wurde, zeigt folgender Passus in einem Bericht des technischen Arbeitsdienstes aus dem Jahre 1934: «Die Bauentwicklung zeigt, daß die Bodenbeschaffenheit ausschlaggebend war für die Wahl der Bauplätze. Zuerst wurden die schönsten und aussichtsreichsten Punkte gewählt, somit liegt das Landhaus planlos auf der weiten Flur zerstreut. Von der Baselstraße bis hinauf zur Waldgrenze stehen isolierte Landhäuser, von nicht baureifen Parzellen umgeben... In Riehen wird der erste Bebauungsplan vom Jahre 1908 zur Zeit (1934) revidiert, so daß zu hoffen ist, daß die Bebauung in neue gesundere Rahmen geleitet wird ...»

Als größter Mangel in Riehens Straßenplanung empfinde ich die Tatsache, daß das Straßennetz der südlichen Quartiere in absolut keiner Beziehung zum Dorf als dem natürlich gewachsenen Zentrum steht.

Riehens Baugeschichte der letzten 60 Jahre weist aber auch positive Momente auf. Dazu zähle ich die in den zwanziger Jahren nach einheitlichem Plan entstandenen Siedlungen beidseits der Morystraße und im Gebiet der Schäferstraße. Man war damals in Riehen über diesen Zuwachs nicht begeistert. Man darf aber nicht übersehen, daß es sich bei den genannten Siedlungen um erste Ansätze einer über den eigenen Gartenhag hinausgehenden Planung im Sinne des damaligen Gartenstadt-Gedankens handelte. Bei den nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Quartieren sind vor allem die Straßenzüge Rainallee—Supperstraße bemerkenswert. Trotz der Einheitlichkeit in den Bauformen ergeben sich durch die Stellung der Baukuben und die geschweifte Führung der Straßen interessante Perspektiven. Einzig vom höher gelegenen Plateau der Morystraße wirkt diese Siedlung durch die Einförmigkeit der Dächer etwas monoton; dieses Gebiet hat aber durch das Wasserstelzenschulhaus in neuester Zeit einen erfrischenden Akzent erhalten.

Für den alten Dorfteil erwähnenswert ist die Tatsache der Erhaltung und Erneuerung — vielfach auf privater Basis — fast aller historisch bedeutsamer Bauten. Im engeren Dorfkern schließlich, wo die Gemeinde für einmal baulich mündig und unabhängig vom Kanton war, sind Baugruppen und Anlagen entstanden, um die Riehen von auswärtigen Besuchern - Laien und Fachleuten - mit Recht benieden wird.

Riehen erhielt verhältnismäßig früh einen Bahnanschluß. Wie am Beispiel des Wiesentals und der an Bahnlinien gelegenen Vororten Basels zu ersehen ist, folgte die Ansiedlung von Industrien dem Bahnbau auf dem Fuß. Es ist also gar nicht selbstverständlich, daß in Riehen diese Industriealisierung ausgeblieben ist und damit ein altes städtebauliches Postulat, nämlich die Trennung von Industrie- und Wohnquartieren, verwirklicht werden konnte. Vorübergehend war zwar ein bedeutender Teil des Stettenfeldes der Industriezone zugewiesen worden, und nur der hartnäckige Widerstand Riehens haben das Stadtplanbüro bewogen, dem Großen Rat die Rückversetzung dieses Gebietes in die Wohnzone zu beantragen.

Bauformen
Einheitlich wie die Arbeits- und Lebensform ihrer Bewohner waren bis in die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts auch die Bauformen der Häuser; es herrschte das dreisäßige, zweigeschossige Giebelhaus mit relativ großem Trauf- und sehr knappem Giebelgesims vor. über Jahrhunderte unterlagen die Architekturdetails der Bauern- und Taglöhnerhäuser nur geringen Veränderungen, im Gegensatz zu den entstandenen Basler Landsitzen, die das deutliche Gepräge ihrer jeweiligen Stilepoche tragen.

Mit dem Erlöschen der Tradition fanden auch in Riehen alle möglichen Bauformen Einlaß. Die Nähe der Stadt und zweier Landesgrenzen sowie neue Baustoffe und Baumethoden begünstigten diese Entwicklung noch. Während des Zweiten Weltkrieges zeichnete sich unter dem Einfluß des «Heimatstils» eine gewisse Beruhigung und Vereinheitlichung ab; seit Beginn der fünfziger Jahre setzte erneut eine Entwicklung ein, welche die Extreme stärker als je zuvor auseinanderklaffen läßt und die als chaotisch zu bezeichnen wäre, würde die üppige Vegetation unseres klimatisch begünstigten Landstriches nicht manches wohltätig verdecken.

Ich glaube, daß es richtig ist, wenn ich an dieser Stelle das Problem «Flachdachhaus» anschneide. Das sogenannte «neue Bauen» Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre hat Riehen eine Reihe guter Flachdachhäuser gebracht, so u. a. an der Hackberg-, der Wenkenstraße und am Sandreuterweg. Die Auseinandersetzung mit dieser für unsere Gegend neuen Bauform wurde leidenschaftlicher geführt, als es eine rein ästhetische, bzw. technisch-konstruktive Frage gerechtfertigt hätte; es ging um eine Architektur-Ideologie, wohl nicht zuletzt deshalb, weil der Nationalsozialismus mit seiner Blut- und Bodentheorie das Flachdach als artfremd ablehnte.

Während der vierziger Jahre wurde, wie gesagt, die Entwicklung wieder etwas zurückgedreht. Inzwischen war das jeweils oberste Stockwerk eines Hauses dank reduzierter Stockwerkhöhe und Treppenlänge und infolge seiner guten Besonnung und Aussichtslage zum begehrten Wohngeschoß geworden. Die alte Scheu vor dem Flachdach führte nun gerade bei diesen Dach- oder Attika-Wohnungen zu sehr gekünstelten Lösungen: Satteldächer mit überdimensionierten Dachausschnitten, die das angestrebte Steildach zu einer Giebelattrappe degradieren, zwei- und dreigeschossige Baukuben mit aufgesetzten Kleinhäusern, die ihrerseits ein Ziegedach tragen, nur um ja nicht ein «Flachdachhaus» zu sein.

Es ist durchaus richtig, wenn z. B. das Gebiet Bettingerstraße / Brühl / Inzlingerstraße / Schützengasse von Flachdachhäusern freigehalten wird. Diese gebotene Rücksichtnahme auf den alten Dorfkern ist aber kein Grund, das Flachdach überhaupt aus unserer Gegend zu verbannen. Viel eher sollte gegen die oben beschriebenen Zwittererscheinungen, wie sie momentan in der Gegend des Hirshalms aus dem Boden schießen, angekämpft und dafür gesorgt werden, daß überall dort, wo das Ziegeldach zur Anwendung kommt, dieses architektonisch einwandfrei gestaltet und nur von wenigen gut proportionierten Dachaufbauten unterbrochen wird.

Ist Riehen eine «Schlafstadt»?

Als im Jahre 1946 die bauliche Expansion der neuesten Zeit einsetzte, zählte Riehen gegen 8000 Einwohner, heute sind es deren 20 000, ohne daß in dieser Zeit die Zahl der Arbeitsplätze wesentlich vermehrt worden wäre. Riehen ist aber deswegen noch lange nicht eine «Schlafstadt» wie beispielsweise die im Einzugsgebiet von Paris, London usw. aus dem Boden gestampften Satellitenstädte. Es darf aber nicht übersehen werden, daß die Zahl derer, die zu Riehen als Wohngemeinde keine Beziehung finden können und in unserem Dorf nicht ihre eigentliche Heimat, sondern lediglich ein Außenquartier der Stadt sehen, ständig zunimmt. Diese Erscheinung ist unter anderem eine Folge der forcierten baulichen Entwicklung und der damit verbundenen überproportionalen Bevölkerungszunahme.

Zunahme der Wohnbevölkerung 1950—1960 Ganze Schweiz 15,1% Basel-Stadt 14,8% Riehen 45,8% Man redet heute viel von der Infrastruktur eines Landes, eines Kantons oder einer Region. Auf Gemeindeebene umfaßt dieser Begriff meiner Ansicht nach auch die Dienstleistungsbetriebe des täglichen Lebens, das Gewerbe, sowie überhaupt alle Institutionen und Einrichtungen menschlicher Begegnung, seien sie religiöser, kultureller oder politischer Natur. Ein Grund, die bauliche Entwicklung unserer Gemeinde noch mehr zu beschleunigen, besteht im Hinblick auf die nur bedingte Anpassungsfähigkeit der Infrastruktur nicht. Bei aller wünschbaren Flexibilität in der Planung ist es nämlich richtig, wenn öffentliche Bauvorhaben, die mehreren Generationen zu dienen haben, im Hinblick auf den Vollausbau unserer Gemeinde disponiert werden. Daß ein solides Vorgehen — im Hoch- wie im Tiefbau — mehr Zeit braucht als billige Improvisationen, liegt auf der Hand. Was die Erschließung der restlichen Wohngebiete betrifft, so werden auch hier uns die zukünftigen Generationen dankbar sein, wenn nicht im Goldgräbertempo, sondern gründlich und mit überlegung vorgegangen wird.

Schlußfolgerungen In sechseinhalb Jahrzehnten ist die Einwohnerzahl Riehens von 2600 auf 20 000 Seelen angestiegen. Noch ehe dieses Jahrhundert zu Ende geht, werden in unserem Gemeindebann 40 000 Menschen leben. Es scheint mir daher berechtigt, Rückschau zu halten und zu versuchen, die Route der nächsten 30 bis 40 Jahre abzustecken, denn mit großer Wahrscheinlichkeit wird dieses Jahrhundert für Riehen in baulicher Hinsicht das bewegteste seiner Geschichte sein. Sofern es überhaupt möglich ist, das vielschichtige Problem in wenigen Sätzen zu umschreiben, sei dieses nachstehend unternommen, und es lauten demnach die Forderungen, die an die für Riehens bauliche Entwicklung Verantwortlichen zu stellen sind, wie folgt:

1. Wahrung des Gleichgewichtes zwischen kollektiver und individueller Sphäre.

2. Ausbau und damit Aufwertung des Dorfkernes als dem natürlich gewachsenen Zentrum des voll ausgebauten Siedlungsraumes Riehen.

3. Suchen nach neuen Lösungen bei der überbauung der noch verbleibenden Freiflächen unter geschickter Ausnützung der meistens vorhandenen Hanglage, wobei es gilt, sich in erster Linie vom herkömmlichen Schema Hauszeile / Straße / Hauszeile zu lösen.

4. Hervorheben (anstatt verwischen) der natürlichen Geländeformen durch Aufforstungen entlang der Bachläufe, Freihalten von markanten Hügelkanten, Anpassen der Straßenführung an die Topographie.

5. Wahrung des überlieferten Maßstabes im Bereich des alten Dorfes (Einfügung des Spital-Neubaues?).

6. Herausnehmen des Durchgangsverkehrs aus den Wohngebieten. Kollektivlösungen für den ruhenden Verkehr.

7. Vermeidung des Zusammenwachsens mit benachbarten Siedlungsgebieten durch frühzeitige Sicherung entsprechender Grünflächen und Mitarbeit in regionalen Gremien.

Literatur: S. Giedion «Architektur und Gemeinschaft» 1957; Technischer Arbeitsdienst «Riehen seit 1825» 1935; Statistisches Jahrbuch der Schweiz 1964. Herrn Alt-Baupolizei-Inspektor W. Eichenberger danke ich für seine wertvollen Auskünfte.

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