1965

Der Verkehrsverein Riehen

Robert Zinkernagel

Kein anderer Riehener Verein ist so eng mit dem Geschehen in der Gemeinde verbunden wie der Verkehrsverein Riehen. Keiner spiegelt die Probleme der Einwohnergemeinde, den Wandel der Ansichten, der Gewohnheiten, ihrer Einrichtungen und die Veränderung der Verhältnisse in unserer Gemeinschaft im Verlaufe der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts so wieder, wie die Geschichte des Verkehrsvereins Riehen (WR). Das Riehener Jahrbuch, ebenfalls ein Kind des WR, ist der Platz, an dem die Bedeutung des WR in den ersten fünf Jahrzehnten festgehalten werden soll.

Die wenigen Seiten können nur einen Hinweis auf die Tätigkeit des WR während der raschen Entwicklung unseres Dorfes von der landwirtschaftlichen Gemeinde zur stattlichen Wohngemeinde in der Regio Basiliensis geben. Sie mögen dazu beitragen, das Bild der Wandlung eines Dorfes im Sog der technischen Welt zu ergänzen. Sie sollen aber auch mithelfen, uns erneut bewußt zu werden, wohin sich unsere Gemeinschaft bewegt.

Die konstituierende Versammlung des WR fand am 19. Dezember 1899 statt. «Der Verkehrsverein Riehen verdankt seine Entstehung einer im Jahre 1898 veranstalteten Initiative zu Gunsten einer Straßenbahn von Basel nach Riehen», so ist im ersten Jahresbericht des WR für das Jahr 1900 zu lesen. Ein Initiativkomitee für den Bau einer Bahn von Basel über Riehen nach der Chrischona wollte eine Konzession bei den Basler Behörden erlangen. Die Absage der Kantonsregierung enthielt den Hinweis, daß der Staat selbst eine Tramlinie erstellen werde, wenn einmal dafür ein Bedürfnis bestehe; dieses sei aber noch nachzuweisen. Damals zählte Riehen etwa 2500 Einwohner und besaß lediglich die Bahnverbindung mit dem alten Badischen Bahnhof (heutiges Mustermesseareal, vergi. E. Wirz, Riehener Jahrbuch 1962, S. 25ff). Eine öffentliche Versammlung vom 20. November 1898 beschloß die Eingabe eines Initiativbegehrens an den Großen Rat für die Erstellung einer Straßenbahnlinie nach Riehen. Da sich auch Basler Einwohner, die Riehener Landbesitzer waren, dafür interessierten, kamen 3000 Unterschriften zusammen. Gleichzeitig reichte der Gemeindepräsident Heinrich Weissenberger-Wenk in der gleichen Sache im Großen Rat einen Anzug ein. Obwohl der Anzug als erheblich erklärt worden war, mußte Riehen weitere zehn Jahre bis zur Erfüllung seines Begehrens kämpfen.

Initiative Männer hatten sich zusammengetan, um das neue Transportmittel zu verfechten. Letzter Anstoß dazu und zur Gründung des WR gab die Kündigung des im Bahnhof der Wiesentalbahn untergebrachten Telegraphenbureaus durch die Großherzogliche Badische Bahnverwaltung auf den 1. Januar 1899. Die Eidg. Post- und Telegraphendirektion wollte daraufhin die Telegraphenverbindung mit Riehen kurzerhand aufgeben und durch eine Telephonverbindung ersetzen. So steht im Jahresbericht von 1900: «Gegen diesen Rückschritt lehnte sich das Aktionskomitee auf und beschloß, in einer Eingabe an die Telegraphendirektion in Bern um die Wiederherstellung des Telegraphenbureaus nachzusuchen. Dieses Vorgehen war von Erfolg gekrönt.»

Eine Telephonverbindung mit der Stadt Basel bestand um die Jahrhundertwende bereits in wenigen Privathäusern. Der WR setzte sich bei den zuständigen Behörden in Basel für die Verlegung eines zweiten Drahtes nach Riehen ein. Die Kosten dafür mußten die Telephonabonnenten allerdings selbst tragen. Als besondere technische Errungenschaft wird im Bericht des WR von 1900 die Einrichtung eines Telephons im Riehener Polizeiposten erwähnt, «was im Hinblick auf vermehrte Sicherheit und die Möglichkeit auch zur Nachtzeit mit der Stadt verbunden werden zu können, sehr zu begrüßen ist». Ob die Nachtverbindung je funktioniert hat, ist fraglich. Noch im Bericht des WR von 1922 wird Klage darüber geführt, daß sonntags noch keine Telephonverbindung mit der Stadt bestehe. Der Gemeinderat mußte jährlich Fr. 100.— an die Unkosten beisteuern, damit von 1923 an Riehen auch an Sonntagen an den Telephondienst angeschlossen wurde.

Der WR setzte sich immer wieder für die Verbesserung der Postverhältnisse ein, diskutierte über Postzustellung und Briefkasten bis kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges. Als besonderen Erfolg buchte der WR die Anbringung eines ersten Briefkastens am alten Gemeindehaus im Jahre 1909. Das war um so bedeutender, als sich dieser Briefeinwurf in nächster Nähe der Tramhaltestelle befand.

Das führt uns zur Straßenbahnverbindung Basel—Riehen zurück. Dieses Thema war ein derartig bedeutendes Traktandum für Riehen und ist mit der Tätigkeit der ersten zehn Jahre des WR so verbunden, daß die Eröffnung der Linie im August 1908 als Wendepunkt in Riehens Entwicklung angesprochen werden muß. Mit welchem Einsatz vom WR an diesem Projekt gearbeitet wurde, beweist u. a. daß am 26. Oktober 1902 vom VVR «voll energischer Einmütigkeit» beschlossen wurde, einem in Riehen wohnhaften Juristen (vermutlich Dr. Hermann Christ-Socin) zu beauftragen, «eine nach Inhalt erschöpfende und durchschlagende, nach Form gewinnende und überzeugende Denkschrift an die h. Regierung und den Großen Rat auszuarbeiten um die Bewerbung um Anschluß an die Basler Straßenbahn vom 20. November 1898 nachdrücklichst zu erneuern». Weitere Enquêten folgten, bis dann im November 1905 der Ratschlag über den Bau der Straßenbahn nach Riehen vom Großen Rat beschlossen wurde. Am Abend des 9. November 1905 versammelte sich ein großer Teil der Bevölkerung unter den Klängen der Musik auf dem Gemeindehausplatz, wo der Präsident des WR, Herr Sekundarlehrer Johann Rausser, die Bedeutung des neuen Verkehrsmittels für das Dorf beleuchtete und den Behörden den Dank für ihr Entgegenkommen aussprach. Mit dem Bahnbau war auch eine Straßenkorrektur der damaligen «Riehenstraße» verbunden. Die 22 m breite Anlage mit dem eigenen Bahnkörper und den beiden Straßen rechts und links der Geleise sowie dem Trottoir und der Bepflanzung mit amerikanischen Eichen waren damals projektiert und im Verlauf von 7 bis 8 Monaten erstellt worden. Für die feierliche Eröffnung am 6. August 1908 waren große Vorbereitungen getroffen worden; die ganze Gemeinde bereitete sich für einen Festtag vor. Die Freude und der Jubel muß an jenem Mittwoch, dem 6. August 1908, in Riehen groß gewesen sein. Die Feierlichkeit wurde auf Kosten der Gemeinde durchgeführt und gestaltete sich zu einem großen Volksfest. Wie es dabei zu und herging, läßt sich in dem Aufsatz «Eröffnung der Straßenbahn Basel-Riehen», verfaßt vom damaligen Präsidenten der WR, Johann Rausser, im Anhang zum Jahresbericht für 1908 des WR lesen. Auch die Basler Presse würdigte die Eröffnung der Tramlinie mit spaltenlangen Artikeln. Vergessen wir aber nicht, daß auch diese Tramverbindung nicht die Bequemlichkeit aufwies, wie wir sie heute als selbstverständlich hinnehmen. Die Tramverbindung reichte nur bis zur Isteinerstraße, d. h. nördlich des alten Bad. Bahnhofes. Dort mußte man mühsam eine immer wieder beanstandete Passerelle, die über die Bahngeleise führte, übersteigen, um einerseits den Bahnhof, andererseits die Straßenbahnlinie nach der Innerstadt über die Mittlere Brücke, bzw. über die Wettsteinbrücke zu erreichen. Ein direkter Anschluß an die städtische Straßenbahn wurde erst durch die Eröffnung des neuen Bad. Bahnhofes (15. September 1913) verwirklicht. Die Tramtarife und der Tramfahrplan waren immer wiederkehrende Traktanden des WR.

Wie das Dasein vor fünfzig Jahren noch technisch einfach und mühsam war, wie man sich kleine Verbesserungen der Lebenshaltung abringen mußte und technische Fortschritte erdauert wurden, mögen andere Beispiele aus der Tätigkeit des VVR bezeugen.

Nach langen Diskussionen, ob Gas oder Elektrizität die geeignete Energie sei, und nachdem man «durch Augenschein der Beleuchtungsanlagen im benachbarten Stetten und durch Unterhaltungen mit dem Rheinfelder Werke und der löblichen Regierung fördernd auf die Angelegenheit eingewirkt hatte (1900)», wurde durch Einführung des elektrischen Stromes die Beleuchtungsfrage auf moderne Weise entschieden. Doch ging man bei der Straßenbeleuchtung sehr viel bescheidener vor als heutzutage. Es wurde zuerst um Anbringung einzelner Beleuchtungskörper, erst während der späteren Jahre um mehrere Lampen für einzelne Straßen verhandelt. Der WR setzte sich für solche Bestrebungen stets ein und brachte auch finanzielle Opfer. Von 1905 bis 1910 leistete er jährlich einen Beitrag von Fr. 25 — an die Beleuchtung der Burgstraße. 1911 verpflichtete sich der Verein in gleicher Weise, bei der Beleuchtungsanlage der oberen Rößligasse mitzuhelfen, und übernahm auch noch 1915 ähnliche Verpflichtungen für die Kilchgrundstraße und die Weilstraße.

Die Gemeindebehörde war in den ersten Dezennien dieses Jahrhunderts bemüht, Neusiedler zu gewinnen, um Riehen neue Steuereinnahmen, vermehrten Anschluß an die Stadt und damit der Bevölkerung, speziell dem Gewerbe, vermehrten Verdienst zu verschaffen. Der WR ließ sich in seiner Tätigkeit weitgehend von dem Gedanken leiten, alles zu tun, was zur Verbesserung der Wohnverhältnisse beitragen konnte, und dies in weitgehendstem Sinne. Von den vielfältigen Problemen lassen sich nur wenige andeuten.

Die Kommission besprach die Erschließung der nächsten Umgebung durch neue Straßen, sie befaßte sich mit der Frage von Straßenerweiterungen; so war z. B. eines der Anliegen der Jahre 1911, 1914 und 1915 die Erweiterung und Verbesserung der Bettingerstraße in seinem unteren Teilstück. Die Kommission beschäftigte sich mit der Grundstückumlegung (1914), mit der Verschönerung des Kirchplatzes, des Ochsenbrunnens, mit der Verkehrsregelung, mit der Schnakenplage und der Viehtränke an öffentlichen Brunnen. Fast wehmütig liest man im Jahresbericht 1909 des VVR über die Autogefahr: «Leider mußte man noch öfters wahrnehmen, daß die Warnungstafeln mißachtet und die vorgeschriebenen 10 km Fahrgeschwindigkeit erheblich überschritten wird.»

Die von der Kantonsregierung projektierte Kanalisationsführung war am 31. Mai 1910 mit 122 gegen 66 Stimmen in Riehen verworfen worden. Der WR setzte sich für die Aufklärung über die Vorteile einer Kanalisation ein. Am 14. Dezember 1911 war vom Großen Rat eine neue Kanalisationsvorlage genehmigt worden. In Riehen enttäuschte sie allerdings wegen der großen finanziellen Belastung von Gemeinde und Privaten.

1905 stellte der VVR im Einvernehmen mit der Behörde auf dem Kirchplatz ein Wetterhäuschen auf, das den älteren Riehenern noch gut in Erinnerung sein dürfte. «Diese Zierde unserer Ortschaft», wie es im Jahresbericht des WR von 1905 heißt, war für die damalige Zeit, die ohne Wetterdienst und ohne Radio auskommen mußte, eine bedeutende Errungenschaft.

Eine weitere technische Neuerung war die Anschaffung eines Projektionsapparates im Jahre 1907. Nach langen Beratungen kam der Ankauf zustande, wie es im Jahresbericht 1907 heißt: «In den Kommissionssitzungen beschäftigte uns in erster Linie eine an den Verein zu leitende Vorlage betreffend den Ankauf und die Benutzung eines Projektionsapparates. In durchaus sachkundiger und überzeugender Weise referierte darüber Herr Dr. Veillon. Seine Anträge fanden in der außerordentlichen Hauptversammlung vom 26. Januar 1907 einstimmige Annahme, und einhellig wurde ein Kredit von Fr. 400.- für Erwerbung eines Projektionsapparates bewilligt. Dieses zeitgemäße Veranschaulichungs- und Bildungsmittel kam letzten Winter zweimal zur Anwendung ... und befriedigte allgemein. Für die Benutzung desselben außerhalb des Vereines wurde ein besonderes Reglement aufgestellt, und der Apparat steht nun auch anderen Vereinen, Schulen und Vortragenden zur Verfügung.»

Ein uns heutige Menschen beeindruckendes Kuriosum, das den Wandel der Dinge und besonders der Stellung der Schweiz im Handelund Bankwesen charakterisiert, ist die Tatsache, daß sich der WR 1902/1903 dafür einsetzen mußte und mit der Bahnverwaltung der Großherzoglichen Bad. Bahn Verhandlungen darüber führte, daß die schweizerischen Banknoten an dem Bahnschalter in Riehen als Zahlungsmittel anerkannt wurden; das war zur Zeit der Münzunion!

Es läßt sich anhand der Jahresberichte des WR verfolgen, daß sich der Verein mit allen möglichen sozial-technischen Problemen befaßte, die heutzutage von den Behörden der Einwohnergemeinde behandelt werden. Die finanziellen und organisatorischen Möglichkeiten setzten dem Verein natürlich enge Grenzen. Seine Anregungen wurden in den meisten Fällen von dem Gemeinderat bereitwilligst aufgenommen. Die Kommission des WR sorgte durch sorgfältige Enquêten dafür, daß ihre Vorschläge fundiert und begründet waren. Es stellte sich aber die grundlegende Frage, wie es möglich war, daß ein Verein zu einer so einflußreichen Stellung in einem Gemeinwesen gelangen konnte, wie der WR im ersten Quartal des zwanzigsten Jahrhunderts in Riehen.

Riehen besaß damals noch kein Parlament. Die Geschäfte der Gemeinde wurden in der Einwohner-Gemeindeversammlung durch die Vertreter der Bürgergemeinde bestimmt. Die Neuzuzüger, die in ihrer Mehrheit vielleicht andere Ansprüche an die Wohnverhältnisse stellten als die Mehrheit der ansäßigen Dorfbewohner, hatten kaum Gelegenheit, ihre Wünsche und neuen Ideen in der Gemeindeversammlung erfolgreich anzubringen. Im Gemeinderat saßen aufgeschlossene und weitblickende Persönlichkeiten, die die Entwicklung des Dorfes fördern wollten. Das Bestreben der Behörde, aus der Stadt Neusiedler für Riehen zu gewinnen, verlangte Neuerungen, Modernisierung, siedlungstechnische Entfaltung. Die politische Struktur und die finanziellen Mittel der Gemeinde verhinderten gewisse Neuerungen. Da war es das sich im Jahre 1898 zusammenschließende Aktionskomitee für die Initiative zugunsten einer Straßenbahn, das eine Wende herbeigebracht und durch die Gründung des WR ein Forum geschaffen hatte, das neue Ideen diskutierte und bearbeitete. Aus den Akten geht genügend hervor, daß der WR gar nicht in allen Bevölkerungskreisen Riehens geschätzt und eher als unliebsamer Neuerer angesehen und als Gesellschaft der «Besseren» verpönt war. Die maßgebenden Behördemitglieder waren sich aber der neuen Kraft bewußt. Es ist nicht zufällig, daß von jeher Gemeindepräsidenten und andere initiative Gemeinderäte Mitglieder und Präsidenten der Kommission des WR waren. Weitblickende Persönlichkeiten waren von Anfang an bestimmend an der Entfaltung und am Programm des WR beteiligt. Es fällt schwer, sie alle aufzählen zu wollen. Wir nannten schon die Gemeindepräsidenten Heinrich Weissenberger-Wenk, Otto Wenk-Faber und den ehemaligen Chefarzt des Diakonissenspitals, Dr. Emanuel Veillon-Stückelberger, auch den Sekundarlehrer Johann Rausser. Zu erwähnen sind auch Herr Apotheker W. Kratz, Gemeindepräsident Jakob Mory-Stump und Dr. Nicolas Jaquet-Dolder, Oskar Bertschmann-Weissenberger, Hans Lengweiler, Hans David-Menton, Dr. Jakob Frey-Clavel, Otto Wenk-Wenk und noch viele andere, die sich während Jahren für den WR und damit für die Gemeinde Riehen eingesetzt haben.

Wenn wir heutigen Riehener die prächtigen und gepflegten Spazierwege in unserem Bann begehen, ist kaum einem Wanderer bewußt, mit wieviel Mühe und ideellem Einsatz diese Wege vom WR in den ersten Jahren seines Bestehens erdauert und erarbeitet werden mußten. Schon gleich zu Beginn der Tätigkeit des WR bemühte sich die Kommission um einen Spazierweg auf die Chrischona. Nicht alle Parzellenbesitzer konnten anfänglich für die Idee gewonnen werden. Daß ihre Skepsis berechtigt war, beweisen die Klagen wegen randalierender und landschadenverursachender Ausflügler, die die Ruhebänke und Abschrankungen zerstörten, Klagen, die bis 1922 in den Jahresberichten immer wieder angeführt sind. Am 24. April 1904 wurde der erste Chrischonaspazierweg von Mitgliedern der Kommission des Verkehrsvereins und den Vertretern der mitzahlenden Vereine von Basel und Lörrach offiziell übernommen. «Der Weg wurde mit Ruhebänken und Wegweisern reichlich versehen» (Bericht 1904). Damit hatte der WR mit der Plazierung von Bänken und Wegweisern begonnen, eine Tätigkeit, die bis 1954 zu einer wichtigen Sparte seines Aufgabenkreises gehörte. Heute wird sie von der Einwohnergemeinde Riehen, bzw. vom Verein «Wanderwege beider Basel» weitergeführt. Die letzte vereinseigene Aktion zur Eröffnung von Spazierwegen war die Einrichtung des Fußweges «zwischen den Bergen» ob Bettingen; der Landeigentümer bezog für dieses Servitut eine jährliche Entschädigung.

Schon früh, im Jahresbericht 1904, wird auf die Arbeiten zur Erstellung einer Eisbahn hingewiesen. Nach langen Verhandlungen mit dem Sanitätsdepartement und den Lörracher Fabrikbesitzern, die das Teichwasser benötigten und regulierten, und nach vielen Vorbereitungen konnte am 9. Januar 1911 die erste Eisbahn in den Mühlematten eröffnet werden. «Der 15. Januar 1911, ein prachtvoller Wintersonntag, brachte vormittags 300, nachmittags hingegen die ungeahnte Zahl von 2360 Besuchern», wird berichtet. Mit wechselndem Erfolg wurde der «Eisweiher» in Riehen zum großen winterlichen Anziehungspunkt für Riehen und Basel; er erhöhte die Personenfrequenz der Straßenbahn beträchtlich. 1926 wurde der neue Eisweiher am Erlensträßchen von der Einwohnergemeinde eingerichtet und betrieben.

Einen besonderen Höhepunkt für die Gemeinde und für den WR brachte die 400-Jahrfeier der Vereinigung von Riehen mit Basel; wegen der besonderen Verhältnisse wurde diese nicht 1922, sondern vom 22. Juni bis 1. Juli 1923 abgehalten. Viele der Mitglieder des WR waren an den Vorbereitungen des Festes intensiv beteiligt. Der Heraldiker Hans Lengweiler, der damalige Aktuar des WR, ist in erster Linie hier zu nennen. Diese Erinnerungsfeier ist wohl das größte Fest, das je in Riehen abgehalten worden ist. Der Brunnen an der Ecke Burgstraße/ äußere Baselstraße erinnert an die Vereinigungsfeier 1923. Der Gemeinderat hatte für diesen Brunnen die Landabtretung und Katasterregulierung, das kantonale Wasserwerk die Wasserzuleitung und den Brunnenstock mit Brunnenbecken übernommen, und der WR die vom hier ansäßig gewesenen Künstler Hans Frei geschaffene Broncefigur gestiftet. Der Brunnen konnte 1925 der Gemeindebehörde offiziell übergeben werden.

Der WR hat der Gemeinde auch später noch zweimal sinnvolle Geschenke machen können, so 1951 zur Eröffnung des Dorfsaales und Landgasthofes zwei Zinnkannen und 1961 zur Einweihung des neuen Gemeindehauses eine Präsidentenglocke für die Sitzungen des Weiteren Gemeinderates.

Bis zu Beginn des Zweiten Weltkrieges waren die im Februar jährlich organisierten Familienabende das große Vereinsereignis des Jahres. Manch älteres Vereinsmitglied wird sich an diese frohen und verbindenden Feste erinnern und wird bedauern, daß sie heute überlebt sind. Auch die Familienbummel und die Herrenbummel waren Ereignisse, die das Gemeindebewußtsein und die Verbundenheit wie wenig andere gesellschaftliche Anlässe förderten. Auch sie gehören der alten Zeit an. Wie wenig der WR der heutigen Bevölkerung näher gebracht werden konnte und wie mangelhaft sie seine Verbundenheit mit dem Dorfgeschehen kennt, beweist die Tatsache, daß der WR seit 20 Jahren etwa die gleiche Anzahl Mitglieder zählt, obwohl unser Dorf inzwischen zu einer stattlichen Gemeinde von 20 000 Einwohnern herangewachsen ist.

Die Organisation der 1.-August-Feier, die der WR seit 1900 bis Anfang des Ersten Weltkrieges und dann wieder seit 1923 betreut, die unter dem Namen «Kunst in Riehen» seit zwölf Jahren veranstalteten Konzerte im Dorfsaal und die als «Film am Samstag» vorgeführten Kulturfilme sind Tätigkeiten, die beweisen, daß dem WR gewisse kulturelle Aufgaben verblieben sind. Gelegentlich bietet er auch eine überparteiliche Plattform für Diskussionen, wie z. B. die öffentliche Versammlung zur Orientierung und Aussprache über die Umfahrungsstraße (1964).

Eine Aufgabe, die der VVR früher schon übernommen hatte, die heute wieder neu erkannt worden ist, ist die Herausgabe lokaler, volkskundlicher, historischer und registrierender Publikationen. überblicke über die Entwicklung unseres Dorfes wurden in den Jahresberichten 1910 und 1912 veröffentlicht. Andere Aufsätze über besondere Ereignisse und Neuerungen sind ebenfalls in den Jahresberichten von 1909 bis 1913 zu finden. Die Anfänge der von Pfarrer D. Emanuel Iselin zur 400Jahrfeier der Vereinigung von Riehen mit Basel bearbeiteten und 1922 veröffentlichten «Geschichte des Dorfes Riehen» sind als «Anhang» der Jahresberichte 1904, 1906 und 1909 des WR erschienen. Das Riehener Jahrbuch, dessen erster Band 1961 veröffentlicht wurde, verspricht diese Tradition fortzuführen und ein echtes Kind des WR zu werden. Es ist zu wünschen, daß dieses Jahrbuch viel von dem zu sammeln vermag, was andernfalls aus dem Gedächtnis der Riehener verloren ginge.

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