1965

Das kantonale Erziehungsheim zur Hoffnung in Riehen

Alfred Kobelt-Leu

Anfangs der vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurde in Basel im Freundeskreis des Medizinalprofessors Dr. K. G. Jung festgestellt, daß es wohltätig wäre, wenn schwachsinnige Kinder einen geregelten, zweckmäßigen Unterricht erhalten könnten. Es wurde eine Vereinigung zur Errichtung einer Schule für schwachsinnige Kinder gegründet. Am 26. August 1839 berichtete Dr. Brenner den Freunden, daß es gelungen sei, die erforderliche Summe von Fr. 900.— zur Errichtung der Schule zusammenzubringen. Für die Oberleitung wurde eine Kommission gewählt, bestehend aus den Herren Prof. Jung, Joh. Braun, Prof. Wackernagel, Munzinger und Dr. Brenner. Es wurde bestimmt, daß vorerst nur zirka zwölf Knaben im Alter zwischen zehn und sechzehn Jahren aufgenommen werden sollten, gegen ein Schulgeld von Fr. 1.— monatlich. Am 1. November 1839 ließ die Vereinigung durch Prof. Wackernagel beim staatlichen Erziehungskollegium um Bewilligung zur Eröffnung einer Schule für schwachsinnige Kinder nachsuchen. Die Führung der Schule wurde dem Lehrer Nikiaus HaslerHegg übergeben. Bald wurden mehr als zwanzig Kinder gemeldet, und der Unterricht begann im Hause des Lehrers an der Rebgasse 206.

Die Resultate waren überraschend. Die Kinder lernten auf Ordnung und Reinlichkeit halten und hatten bald viele ihrer schlimmen Gewohnheiten abgelegt. Es war eine Freude zu sehen, wie glücklich die Kinder in der hellen und geräumigen Schulstube ihre Aufgaben verrichteten oder dem Unterricht des Lehrers folgten. Diese Schule hatte einen zweijährigen Bestand, als ihr leider der Tod des Lehrers ein Ende setzte. Das Haus wurde von dessen Erben verkauft, und die Bemühungen, ein anderes geeignetes Lokal zu gewinnen, blieben erfolglos. Ebenso wollte es nicht gelingen, einen neuen Lehrer zu finden. Als auch das letzte Mittel, die Gemeinnützige Gesellschaft der Stadt Basel für die Schule zu interessieren, nicht gelungen war, löste sich der Verein am 10. Oktober 1842 auf.

Gründung der Anstalt zur Hoffnung im Jahre 1857
Die erste Schule für schwachsinnige Kinder wurde von Prof. Jung und seinen Freunden als ein unglücklicher, aber nicht vergeblicher Versuch empfunden. Er ließ, wie er selber schrieb, bei ihm und seinen Freunden eine unerquickliche Erinnerung zurück, und man mußte sich vorwerfen, daß man eben doch nicht beharrlich genug gewirkt habe und zu bald entmutigt worden sei. Oft wurde von diesem und jenem von neuem wieder die Schule besprochen und der Pflicht gedacht, die man an schwachsinnigen Kindern zu erfüllen habe, und wie die Häufigkeit der Fälle ernst genug dazu mahne. Infolge der wiederholten Besprechungen hatte man die Uberzeugung erlangt, daß im Grunde mit einer bloßen Schule für solche Kinder doch nicht genug getan sei, sondern daß man sie ganz in die Hand bekommen müsse. Es werde sich deswegen bei einem späteren Unternehmen um eine Lehr- und Pflegeanstalt für schwachsinnige Kinder handeln müssen.

Im Jahre 1857 meldete sich unversehens Joh. Böpple von Basel bei Prof. Jung. Böpple erklärte sich bereit zur Errichtung und vorderhand unentgeltlichen Führung einer solchen «Lehr- und Pflegeanstalt für schwachsinnige Kinder», wenn ihm für das Weitere die Unterstützung teilnehmender Freunde zugesichert würde. Daß es daran nicht fehlte, dafür sorgte der menschenfreundlich-besonnene Prof. Jung an der Spitze einer Reihe treuer Helfer. Nachdem die Personalfrage gelöst und die Notwendigkeit klar war, ging Jung über die Bedenken seiner Kollegen in bezug auf die Finanzierung einer solchen Anstalt rasch hinweg. Er legte ein Fünffrankenstück auf den Tisch mit den Worten: «Mit diesem Fünffrankenstück gründe ich auf Hoffnung eine Anstalt für schwachsinnige Kinder, für das Weitere wird auch jemand sorgen.» Dieses Fünffrankenstück krönt als erster Einnahmeposten das Kassabuch am 7. Mai 1857.

Sofort ging Jung ans Werk. An der Grenzacherstraße, vor dem Riehentor, mietete er eine geräumige, helle Wohnung. Von seinen nächsten Verwandten und Freunden wurden Betten, Möbel, Haus- und Küchengeräte herbeigeschafft. Anfangs Juni 1857 trat das erste Kind ein, und die Anstalt zur Hoffnung war eröffnet. Es währte nicht lange, so waren alle zwölf Betten besetzt. Alle Tage besuchte Jung seine Zöglinge, und welche Freude bereitete es ihm, auch nur den geringsten geistigen oder leiblichen Fortschritt an den Kindern wahrzunehmen, der ihn ermutigte, das angefangene Werk fortzusetzen.

Die Anstalt in Basel von 1857—1905
Schon im dritten Jahre reichten die Anstaltsräume an der Grenzacherstraße nicht mehr aus, es mußte eine andere Wohnung gesucht werden. Damals wurde gerade der sogenannte Doktorgarten am Petersgraben leer, und das Spitalpflegamt räumte bereitwillig einen Teil dieser Räumlichkeiten seinem Chefarzte Jung gegen einen jährlichen Mietzins von Fr. 500.— für die Anstalt ein. Im Sommer 1860 siedelte sie mit ihrem Hausvater Böpple dorthin über; man hatte hier Platz für 25 Kinder. Das Gebäude war vom Spitalgarten abgeschlossen, so daß nur ein kleines Höflein als Spielplatz übrig blieb; auch der Wassermangel war sehr fühlbar. Außer den Unterrichtsstunden mußten die Kinder meistens mit Roßhaarzupfen beschäftigt werden, was ihrer körperlichen Entwicklung nicht förderlich war. So dankbar auch Jung für die überlassung dieses Lokals sein durfte, so seufzte er doch immer nach dem Besitz einer eigenen Liegenschaft vor dem Stadttor, in freier Luft, mit Feld und Garten. Die Erfüllung seines Lieblingswunsches sollte er nicht mehr erleben. Der Gründer wurde der Anstalt am 12. Juni 1864 durch den Tod entrissen. Aber sein Werk sollte nicht untergehen. Es war auf den Glauben an die christliche Liebe gegründet und hatte sich schon allzusehr in den Kranz der wohltätigen Anstalten Basels eingefügt, als daß es nach dem Tode des Stifters wie ein loses Blatt hätte herausfallen können.

Zuerst übernahm Stadtrat Hagenbach-Merian das Präsidium des Komitees. Nachher trat Dr. Iselin-Passavant an dessen Stelle. Für die Anstalt traten bald erhebliche finanzielle Nöte ein, die deren Weiterbestand ernstlich bedrohten. Da erließ die Medizinische Gesellschaft Basel im Jahre 1866 einen Aufruf zur Gabensammlung, um das Denkmal ihres Nestors zu erhalten. In kurzer Zeit flössen der Anstalt Fr. 18000- Kapital und Fr. 1800- Jahresbeiträge zu. Damit konnte ein Landgut vor dem St.-Johanns-Tor mit zirka zwei Jucharten Garten für Fr. 25 000.- erworben werden. Die bewährte Freundin der Anstalt, Frau Holzbacher-Merian, schoß das Kapital zu einem neuen Anstaltsgebäude vor, das auf Fr. 38 000 — zu stehen kam. Es war zur Aufnahme von 25 Kindern berechnet. Am 10. Oktober 1867 wurde die neue Anstalt von den Hauseltern Meier bezogen, denen nach kurzen Versuchen mit andern im Jahre 1868 die Familie Nehracher-Gilbert folgte. Die Anstalt konnte sich nun 38 Jahre in diesem ersten eigenen Heim an der Elsässerstraße Nr. 23 einer ruhigen Entwicklung erfreuen, davon 33 Jahre unter dem Vorsteher Matthias Nehracher. Immer wieder flössen der Anstalt von edlen Wohltätern die nötigen finanziellen Mittel zu. Zum 25jährigen Jubiläum anno 1882 war die Kapitalschuld völlig abgetragen.

Ganz im Sinne des Stifters wurde aus den stets zahlreichen Aufnahmegesuchen die Auswahl so getroffen, daß die Anstalt nicht den Charakter eines Versorgungsheimes, sondern den einer Bildungsanstalt beibehielt. Aufnahme sollten schwachsinnige Kinder finden, die noch für einen gewissen Grad von Bildung «Hoffnung» gaben. Der Unterricht wurde vom Vorsteher und zwei erwachsenen, Schwachbegabten Zöglingen in den Fächern Biblische Geschichte, Deutsch, Lesen, Zeichnen, Schreiben, Singen und Turnen erteilt. Knaben erwiesen sich bildungsfähiger als Mädchen.

Den Jahresberichten dieser Periode ist zu entnehmen, daß die Anstaltsarbeit schöne Früchte zeitigte, und daß der weitaus größere Teil der Ausgetretenen nützliche und lohnende Beschäftigung fand in der Landwirtschaft, in Gärtnereien, Fabriken und Haushaltungen. Diese offensichtlichen Erfolge haben der Anstalt stetsfort Wohltäter zugeführt.

Die Anstalt in Riehen von 1905-1914
Schon Mitte der neunziger Jahre wurde eine Verlegung der Anstalt aus der Stadt in Erwägung gezogen. Das Komitee schreibt hierüber in seinem Jahresbericht von 1896: «In den letzten Jahren sind in unserer Nachbarschaft viele Bauten entstanden, die mehr oder weniger unerfreulicher Natur sind. Da anzunehmen ist, daß in dem betreffenden Quartier weiter gebaut wird, würden wir nach und nach gänzlich in die Stadt einbezogen. So haben wir die Frage zu prüfen, ob nicht eine Verlegung der Anstalt ins Auge gefaßt werden sollte.»

Im Frühjahr 1903 fand diese Absicht rasche Verwirklichung, indem in prachtvoller, unverbaulicher Lage auf der Mohrhalde in Riehen ein Areal von rund 10 000 Quadratmetern zum Preise von Fr. 45 160 — erworben werden konnte. Im Sommer des folgenden Jahres wurde mit dem Neubau begonnen, und am 17. Oktober 1905 konnte das stattliche neue Heim bezogen werden. Es war wiederum für 25 Zöglinge berechnet. Die Kosten des Neubaus, der von Architekt Eduard Vischer ausgeführt wurde, kamen insgesamt auf Fr. 128 136 — zu stehen.

Die Verstaatlichung der Anstalt im Jahre 1914
Die Betriebskosten der Anstalt erlitten durch das neue, geräumigere Heim eine wesentliche Erhöhung. Im Verlauf eines knappen Jahrzehnts wurden die finanziellen Verhältnisse untragbar, so daß die Kommission 1913 dem Regierungsrat von Basel-Stadt die übernahme des Hauses beantragte. Da für den Kanton eine solche Anstalt unerläßlich war und er durch die übernahme vorteilhaft in den Besitz einer derartigen Institution kam, nahm der Regierungsrat das Angebot entgegen und unterbreitete am 14. Januar 1914 dem Großen Rat den entsprechenden Ratschlag mit einem empfehlenden Gutachten von Physikus Dr. Hunziger und Schularzt Prof. Villiger. Dazu berichtete er: «Die Erfahrung hat erwiesen, daß sich in den Hilfsklassen Schüler und Schülerinnen befinden, die zwar in einer Anstalt ebensoweit gefördert werden könnten wie die weniger schwach begabten Mitschüler, für die aber die intermittierende Schulerziehung nicht ausreicht. Aus dieser Tatsache leiten wir eine Verpflichtung des Staates ab, durch eine eigene Anstalt auch für das Wohl und die Erziehung der schwachsinnigen Kinder zu sorgen. Würde die vollbesetzte Anstalt eingehen, ohne daß Ersatz geschaffen würde, so wäre eine äußerst empfindliche Lücke da. Wir glauben daher, es sei bei dieser Sachlage Sache des Staates, sie auszufüllen.» Am 12. Februar 1914 genehmigte der Große Rat die Gesetzesbestimmungen zur übernahme der Anstalt durch den Staat. Am 1. April 1914 erfolgte rechtskräftig der übergang an den Kanton Basel-Stadt.

Die staatliche Anstalt, 1915-1928
Die Verstaatlichung brachte für die Anstalt mehrfache äußere und innere Reorganisationen. Eine vom 15. Februar 1915 datierte regierungsrätliche Verordnung reglementierte die Organisation und Verwaltung der Anstalt. Diese wurde der Oberaufsicht der Vormundschaftsbehörde Basel-Stadt unterstellt. Im Frühjahr 1915 fand auch eine änderung in der Anstaltsleitung statt, indem an Stelle des bisherigen Vorstehers Erwin Burckhardt (1902—1915), der an die Hilfsschule wechselte, Ernst Mosimann-Hadorn gewählt wurde.

Für den Unterricht wurde ein besonderer Lehrplan geschaffen. Die bisher bloß zweistufige Anstaltsschule wurde zur Ermöglichung einer bessern individuellen Behandlung der Schüler um eine dritte Schulklasse erweitert. ältere ehemalige Zöglinge, die in der noch privaten Anstalt als Hilfskräfte vorhanden waren, wurden durch Angestellte ersetzt.

Die Zahl der vorhandenen 25 Plätze erwies sich bald als zu klein, so daß die Bettenzahl unter größtmöglicher Ausnützung des beschränkt vorhandenen Raumes auf 36 Betten, für 24 Knaben und 12 Mädchen, erweitert werden mußte.

Auch in baulicher Hinsicht waren verschiedene, teilweise umfangreiche Verbesserungen dringend nötig. Im Jahre 1918 wurde an Stelle der Einzelöfen die Zentralheizung mit einem Trockenraum installiert, ein neues Badezimmer und vermehrte Angestelltenräume geschaffen, im folgenden Jahre die Kanalisation verlegt und hygienische Toilettenräume und Aborte eingerichtet. Im Jahre 1921 wurde ein ökonomiegebäude mit Holzschopf, Werkstatt und Schweinestall erstellt und 1928 ein neues Waschhaus. Alle diese verschiedenen baulichen Verbesserungen und Erweiterungen waren aus erzieherischen und betriebstechnischen Gründen nötig gewesen.

Angliederung einer Pflegeabteilung für Bildungsunfähige im Jahre 1928
Die Anstalt war im Sinne des Stifters ausschließlich für bildungsfähige Geistesschwache bestimmt. Aber schon in den ersten Jahren machte sich das Bedürfnis nach Aufnahme nicht-bildungsfähiger Kinder geltend. Im Jahresbericht von 1865 wird richtig bemerkt, die Grenze zwischen beiden Schwachsinnsformen sei praktisch nicht leicht zu finden. Unter Bildungsfähigkeit hat man von Anfang an die Fähigkeit verstanden, einem auf die Bedürfnisse von Schwachsinnigen besonders eingestellten elementaren Schulunterricht folgen zu können. Wo aber diese Fähigkeit fehlt, ist es vielfach doch noch möglich, zurückgebliebenen Kinder gewisse manuelle Fertigkeiten beizubringen und sie durch Anstaltserziehung auf eine Stufe zu heben, die sie in ihren Familien nicht zu erreichen vemöchten. Man ging nun daran, in der Anstalt auch eine Aufnahmemöglichkeit für bildungsunfähige, pflegebedürftige Kinder zu schaffen. Im März 1927 erwarb der Kanton die Nachbarliegenschaft am Sandreuterweg. Diese umfaßte ein Areal von 2446 Quadratmetern mit einem geräumigen und geeigneten Gebäude. Der Kaufpreis betrug Fr. 118 000.-. Dazu bewilligte der Große Rat einen Kredit von Fr. 56 000.— zur Einrichtung des Hauses. Dieses bot Platz für eine Mädchen- und eine Knabenfamilie mit je 12 Kindern.

Organisatorisch wurde die Pflegeabteilung mit der bisherigen Erziehungsanstalt verbunden. Im übrigen waren aber die Insassen der beiden Gebäude gesondert, um den Charakter der bisherigen Bildungsanstalt nicht zu schädigen.

Das Pflegeheim wurde am 15. März 1928 mit 17 Kindern eröffnet, und bis zum Herbst waren die vorhandenen 24 Plätze alle belegt. So besaß Basel durch diese Anstaltserweiterung endlich auch eine Fürsorgestätte für die bildungsunfähigen, pflegebedürftigen Kinder.

In den ersten 75 Jahren seines Bestehens hat das Heim, wenn auch von zeitweise sehr starken finanziellen Sorgen überschattet, eine gute Entwicklung durchgemacht. Der Bericht des damaligen Vorstehers E. Mosimann-Hadorn zum 75jährigen Jubiläum im Jahr 1932 zeigt uns aber, daß wieder bauliche Erweiterungen notwendig geworden waren. Er klagte über die unzulänglichen Schulräume, die zu engen Wirtschaftsräume und über das Fehlen eines Krankenzimmers.

Aus der dringendsten Raumnot heraus half im Jahre 1936 der Ankauf der Herlanschen Liegenschaft an der Wenkenstraße 33, die es ermöglichte, die Vorsteherwohnung, das Büro und Angestelltenzimmer aus dem Hauptgebäude herauszunehmen. Dadurch konnten die Knaben in zwei Gruppen aufgeteilt werden, wobei jeder Gruppe ein Schlafsaal und ein Wohnzimmer zur Verfügung standen. Der Raumgewinn war sehr zu begrüßen. Durch die Verlegung der Hauselte rnwohnung und des Büros in ein separates Gebäude wurde jedoch eine für die Erziehungsarbeit günstige Lebens- und Arbeitsgemeinschaft gestört. Die natürliche, stetige Begegnung der Hauseltern mit Mitarbeitern und Kindern wurde erschwert; der Betrieb verlor die Ambiance des mittelgroßen Heimes, ohne schon ein mit allen entsprechenden Konsequenzen ausgebautes Großheim zu sein.

Der Bedarf an Plätzen für geistesschwache Kinder wuchs ständig. Darum wurde, als sich im Jahre 1943 eine Gelegenheit bot, eine weitere Liegenschaft an der Wenkenstraße 27 dazu gekauft. Hier wurde eine Gruppe mit kleinen und ganz schwachen Kindern untergebracht.

Das Größenwachstum vollzog sich folgendermaßen: 1905 Bau des Anstaltsgebäudes 24 Plätze Ausbau des Dachstockes + 12 Plätze = 36 Plätze 1927 Eröffnung der Pflegeabteilung + 24 Plätze = 60 Plätze 1936 Ankauf der Herlanschen Liegenschaft (Vorsteherwohnung, Büro, Angestelltenzimmer) 1946 Eröffnung des Hauses Wenkenstraße 27 + 18 Plätze = 78 Plätze Damit war die Lebens- und Arbeitsgemeinschaft des Heimes in vier Häuser zerteilt. Die Erweiterung fand nun ihren Abschluß. Die Verteilung der verhältnismäßig vielen Kinder in die vier verschiedenen Häuser hat ihr Schönes und Wohltuendes. Darum wurde die so gewachsene Anstalt in ihrer Art auch anerkannt. Innerlich mußten sich aber Schwierigkeiten zeigen, wie sie das ursprüngliche Heim nicht besaß. Es war außerordentlich schwer, aus den in den verschiedenen Häusern lebenden Mitarbeitern und Kindern eine Heim- und Arbeitsgemeinschaft zu formen, wie sie im Erziehungsheim erforderlich ist. Vor allem boten die zugekauften Liegenschaften, wenn man sie der großen Nachfrage nach Plätzen wegen mit Kindern belegen wollte, keine Wohnmöglichkeiten für langjährige verheiratete Mitarbeiter. Bei dieser Aufteilung des Heimes in kleinere Lebensgemeinschaften hätten unbedingt eine bis zwei Mitarbeiterwohnungen bereitgestellt werden müssen. Doch das war aus baulichen Gründen nicht möglich.

In der Mitte der vierziger Jahre begann eine eigentliche Leidenszeit für das Heim. Die Nachfrage nach Plätzen wurde größer und größer. Diesem Druck nachgebend, wurde jeder verfügbare Platz ausgenützt, die Kinderzahl stieg bis auf 105 interne Zöglinge und 20 externe Schüler. Die in den dreißiger Jahren schon notwendig gewordenen Erweiterungen der Schul- und Wirtschaftsräume wurden nicht mehr bewilligt, weil inzwischen im Kanton Basel-Stadt das Bauland knapp geworden war und darum eine Freigabe des Anstaltsareals zu Wohnbauzwecken gefordert wurde. Zeitweise wurden kaum mehr die notwendigen Unterhaltsarbeiten in und an den Häusern vorgenommen, weil immer wieder von einer Verlegung des Heims geredet wurde. In dieser akuten Not feierte das Heim im Jahre 1957 das Jubiläum seines hundertjährigen Bestehens ohne Aussicht auf eine baldige Verbesserung seiner baulichen Situation.

Im Jahre 1959 trat der Vorsteher W. Musfeld-Meier nach neunzehnjähriger Tätigkeit in den Ruhestand, nachdem er die Bewilligung zum Bau eines provisorischen Wohnpavillons noch erreicht hatte. Mit der übernahme des Heimes durch die neuen Hauseltern T. und A. KobeltLeu begannen auch sofort die Gespräche über den Neubau des Heimes an einem neuen Standort wieder lebendig zu werden. Trotzdem war es notwendig, die Situation in den bestehenden Gebäuden gründlich zu überprüfen und die Aufgabe den gegebenen räumlichen Verhältnissen anzupassen. Der bewilligte Pavillon wurde sofort gebaut und konnte im Frühjahr 1960 mit einer Mädchengruppe belegt werden. Dadurch war es möglich, den Dachstock des Hauptgebäudes, der seinerzeit für 12 Mädchen eingerichtet worden und zuletzt mit 24 Mädchen besetzt war, ganz wesentlich zu entlasten. Das Heim wurde wieder ausschließlich für Kinder aus dem Kanton Basel-Stadt reserviert.

Wenn auch das bauliche Größenwachstum nicht so günstig verlaufen ist, wie es für die Erfüllung der Aufgabe an den Kindern notwendig gewesen wäre, so hat sich die Arbeit im Heim doch stark differenziert, wie es allgemein im Anstaltswesen in den letzten 30 Jahren geschehen ist. Die Kindergruppen wurden kleiner und die Betreuung individueller. Das zeigt sich deutlich in der Zahl der Mitarbeiter.

Im Gesetz betreffend eine kantonale Erziehungsanstalt für bildungsfähige schwachsinnige Jugendliche vom 12. Februar 1914 heißt es: «Die unmittelbare Leitung und Verwaltung liegt einem Hausvater ob. Demselben stehen ein oder zwei Gehilfen oder Gehilfinnen zur Seite.» Unter Gehilfen und Gehilfinnen verstand man damals Lehrer und Lehrerinnen. Eine Arbeitszeitregelung und eine Arbeitsteilung gab es noch nicht. Abgesehen von wenigen freien Halbtagen im Monat standen alle immer in der Arbeit. Der Gehilfe war damals Lehrer, Erzieher, Gärtner, Haushalthilfe, Reparateur, Heizer und Pfleger in einer Person. Man trachtete daher auch immer nach jungen und ledigen Lehrern. Erst in den vierziger Jahren wurden die Forderungen nach einer gewissen Arbeitsteilung und Arbeitszeitregelung dringlicher. Je mehr die Lehrerschaft von außerschulischen Aufgaben im Heim entlastet wurde, desto größere Bedeutung bekam der Beruf der Heimgehilfin. Früher war der Lehrer der eigentliche Träger der erzieherischen Verantwortung in der Gruppe; die Heimgehilfin arbeitete unter seiner Führung und Anleitung und löste ihn an seinen freien Tagen ab. Die wachsende Einsicht, daß auch der Mitarbeiter im Heim ein Anrecht auf eine geregelte und begrenzte Arbeitszeit hat, und der sich ständig verschärfende Lehrermangel veränderten die Aufgabenverteilung ganz wesentlich, bis die Lehrkräfte vollständig von den außerschulischen Aufgaben entlastet waren und heute unter denselben Bedingungen ihre Aufgabe erfüllen wie an den übrigen Schulen des Kantons. Damit wurde die erzieherische Verantwortung in der schulfreien Zeit ganz auf die Gruppenleiterin übertragen. Der frühere Beruf der Heimgehilfin wurde damit zum anspruchsvollen Beruf der Heimerzieherin.

Die veränderte Berufssituation und die steigende Nachfrage nach pädagogisch ausgebildeten Mitarbeitern riefen einer weiteren Ausbildungsmöglichkeit für diesen Beruf. In Basel schloß sich ein Kreis von Heimen zusammen und gründete unter der Initiative von Waisenvater A. Schneider die «Berufslehre für Heimerzieherinnen und Heimerzieher», in der die jungen Leute, wie das in andern Berufen ebenfalls geschieht, in der praktischen Berufssituation in einem dreijährigen praktischen und theoretischen Lehrgang ausgebildet werden. Wir haben uns an dieser Institution gerne beteiligt, denn gerade unser Heim mit seinen geistesschwachen Zöglingen ist darauf angewiesen, daß die jungen Erzieher und Erzieherinnen eine genügend lange Praxis bekommen im Umgang mit geistig gebrechlichen Kindern. Wir freuen uns darum über die neue Aufgabe, die dem Heim mit der Erzieherausbildung entstanden ist.

Aus der seinerzeitigen kleinen Arbeits- und Lebensgemeinschaft ist im Laufe der Zeit, durch die Vergrößerung des Heimes, durch die Arbeitsteilung und Arbeitszeitverkürzung, die auch vor den Türen der Heime nicht Halt gemacht haben, eine Arbeits- und nur noch teilweise Lebensgemeinschaft von 53 Mitarbeitern entstanden, die sich auf die verschiedenen Arbeitsgebiete, Erziehung, Schule, Pflegeabteilung, Garten, Haushalt und Büro verteilen. Es ist selbstverständlich, daß das Heim nicht alle Mitarbeiter intern wohnen lassen kann. Das Heim selber bietet nur 13 ledigen und 2 verheirateten Mitarbeitern Wohnmöglichkeit. Alle andern wohnen im Dorf.

Wenn diese Geschichte unseres Heimes erscheint, werden die Planungsarbeiten für den Neubau am neuen Standort schon wieder weiter gediehen sein, und das Heim wird in absehbarer Zeit die vierte Verlegung vorbereiten müssen. Wir bedauern den Abschied von Riehen, weil wir alle, Kinder und Mitarbeiter, uns in dem schönen Dorf wohlgefühlt haben. Für unsere geistig Behinderten sind die vielerlei Beziehungen, die das Heim zum Dorf pflegt, eine notwendige Ergänzung zur Erziehungsarbeit und oft schon die erste Brücke zum Leben. Natürlich freuen wir uns auf das neue Heim, das hoffentlich allen Ansprüchen nach Plätzen und mit seiner zweckmäßigen und schönen Anlage allen heutigen Anforderungen der Heimerziehung genügen wird. Doch schwer fällt uns der Abbruch aller Bindungen persönlicher, kultureller und wirtschaftlicher Art, die sich zwischen dem Heim, seinen Mitarbeitern und dem Dorf im Laufe der Zeit gebildet haben.

Wir danken dem Dorfe Riehen für das mehr als sechzig Jahre gewährte Heimatrecht.

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