1963

Zum Gedenken an Arnold Hof

Paul Hulliger

Riehen ist ununterbrochen im Wachsen begriffen. Aus dem ehemaligen Bauern- und Winzerdorf mit seinen 14 städtischen Landsitzen wird Schritt für Schritt ein neuzeitliches Wohndorf, dessen Einwohner zum größten Teil in der nahen Stadt der Erwerbsarbeit nachgehen. Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg setzte die rasche Zunahme der Bevölkerung ein. Eine gedeihliche Entwicklung des neuen Gemeinwesens war nur dann möglich, wenn von Anfang an Alteingesessene und Neuzugezogene sich im Interesse der Bildung eines inneren Zusammenhanges zu gemeinsamer Arbeit zusammenfanden. Ein leuchtendes Beispiel solch fruchtbarer Zusammenarbeit bildet das Tun von Arnold Hof, wohnhaft gewesen an der Schäferstraße. Deshalb wird seiner im Jahrbuch gedacht.

Es ist eindrücklich zu erfahren, wie sich dieses Tun aus den besonderen Lebensumständen des am 5. März 1963 Verstorbenen ergeben hat. Arnold Hof wurde am 14. Mai 1887 in Niederbuchsiten im Solothurner Gäu geboren. Schon hier hebt das Ungewöhnliche seines Lebens an. Er wuchs nach seinen eigenen Worten ohne Geschwister, aber bei rechtschaffenen Bauersleuten auf. Das geschah in einer weiten, heiteren und fruchtbaren Landschaft, die er von Grund auf erlebte. Der Verstorbene sagte von seinem Schicksal: «Ich hatte keine Jugend wie andere; ich habe immer mit älteren verkehrt.» Auf diese Umstände seiner Kindheit, die schlichte, handgreifliche bäuerliche Arbeit mit ihrer einleuchtenden Notwendigkeit, ihren sichtbaren Ergebnissen, auf die Genugtuung und Anerkennung, die der Knabe an ihr und von seinen Pflegeeltern erfuhr, können wir, zusammen mit den Landschaftseindrücken, den Grundzug seines gütigen und heiteren Wesens zurückführen. Schon das Kind erlebte den Segen der freiwilligen Zusammenarbeit und gegenseitigen Hilfe. Die oft vor Sonnenaufgang einsetzenden, wechselvollen Erlebnisse der Landschaft im Licht des Tages, in Regen und Sturm formten zusammen mit der ruhigen, menschenfreundlichen Umgebung sein Gemüt. Ein Gemüt, das seine Heiterkeit durch alles hindurch, auch nach dem vor 10 Jahren erfolgten Tod der Lebensgefährtin, bis zum eigenen Lebensende zu bewahren vermochte.

Dieses Gemüt hielt ein erstes Mal etwas ungewöhnlich Schwerem stand, das sich dem Jüngling unmittelbar nach dem Verlassen der dörflichen Geborgenheit in den Weg stellte. Es war die an und für sich gründliche Lehre in allen Sparten des Berufes in einer Setzerei und Buchdruckerei in Balstal unter einem unmenschlichen Vorarbeiter, einem bösartigen, total verbitterten Menschen. Sechs Wochen vor der Abschlußprüfung läßt der Haß den Vorarbeiter zum völlig auf sich selbst angewiesenen, alles andere als streitbaren Jüngling sagen: «Hoffentlich fällst du an der Prüfung durch!» Der also Verfemte bestand sie mit Note 1,1. Erst als der nächste Lehrling sich wegen der schikanösen Behandlung durch den gleichen Vorarbeiter das Leben nahm, wurde der Unmensch fristlos entlassen. Unzweifelhaft schärften die ersten positiven Lebenserfahrungen des Knabens als Bauernbub und diese negativen des Jünglings das Gefühl für Recht und Unrecht.

In der Folge erlebte der junge Arnold Hof ähnliche Ungerechtigkeiten in politischer Beziehung. Der ausgelernte Buchdrucker war im nahen Rheinfelden von 1907 bis 1912 beruflich tätig. Im Jahre 1910 verheiratet er sich als Dreiundzwanzigjähriger mit einer Bernerin. Aber für die junge Familie war in Rheinfelden des Bleibens nicht. Im Städtchen gab es eine Sektion der Grütlianerpartei, die im Gegensatz zur damaligen sozialistischen die Landesverteidigung bejahte. Der junge Hof trat ihr bei, wurde schon nach einem Jahr ihr Präsident und blieb es bis zum unfreiwilligen Wegzug. Unter seiner Führung wurde an Stelle einer gegnerischen politischen Größe, einem Gerichtspräsidenten, ein Bahnarbeiter in den Aargauer Großen Rat gewählt. Das kostete ihn die Stelle, obschon sein damaliger Meister ihn ungern entließ. Nicht genug damit! Er kam auf die schwarze Liste, fand aber gleichwohl in Basel Beschäftigung. Das Leben der kommenden Jahre war für ihn schwer, denn er war Familienvater geworden und der Wucher mit Lebensmitteln trieb während des Ersten Weltkrieges die gleichen Giftblüten wie heute die Bodenspekulation. Dann aber erfolgte am 18. März 1918 die feste Anstellung an der National-Zeitung. 35 Jahre lang war Arnold Hof an ihr, erst als Setzer, dann als Metteur tätig.

Das Bedeutungsvolle und Ungewöhnliche am Leben des Dahingeschiedenen ist nun aber, daß er sich mit der Sicherung seiner Existenz nicht zufrieden gab, wie es so mancher andere an seiner Stelle nach den gemachten Erfahrungen getan hätte. Etwas in ihm verband ihn dauernd mit seinen Mitmenschen, vor allem mit denen, die nicht auf Rosen gebettet waren. Was es letzten Endes war, das ihn zu weiterer sozialer Betätigung drängte, wissen wir nicht. So viel ist gewiß, daß er nicht aus bloßem Geltungsbedürfnis handelte, sondern aus einem innern, echten Drang zu helfen, gepaart mit der Einsicht eines klaren Verstandes, der im Zusammenschluß mit Gleichgesinnten die Möglichkeit erkannte, Ziele zu erreichen, deren Verwirklichung die Kraft des Einzelnen überschritt.

Im gleichen Jahr 1918 war der rastlos Tätige Präsident der Pflanzland-Genossenschaft Horburg geworden. Er und seine Kameraden, alles junge Familienväter, mußten mehrfach erleben, wie ihnen das kaum erschlossene Pflanzland wegen Bauvorhaben von neuem verloren ging. Der Gedanke eines eigenen Heims tauchte auf. Noldi Hof wurde Präsident der Heimstätten-Genossenschaft Niederholz im südlichen Riehen. Nur Fr. 4.20 kostete sie damals der m2 Boden, Straßenbau- und Kanalisationsbeiträge dazu gerechnet Fr. 7.-. Durch das Los wurde jedem Genossenschafter eine Parzelle zugeteilt; 22 klardurchdachte Doppelhäuser entstanden; sie konnten am 1. Oktober 1922 bezogen werden.

Diese erste Arbeitersiedlung auf Riehener Boden war der damaligen Gemeindebehörde eher ein Dorn im Auge. Das hinderte die mit Mißtrauen Betrachteten nicht, einen Beitrag für den Straßenbau von Fr. 10000-, den die Behörde zu fordern vergessen hatte, in Erinnerung zu rufen und zu bezahlen. Damit war unbeabsichtigt eine erste positive Beziehung zwischen Arnold Hof und seinem neuen Wohn- und Wirkungsbereich geschaffen. In den 40 folgenden Jahren nahm der Verstorbene einen so starken Anteil am Geschick der im Werden begriffenen großen Wohngemeinde, daß sie ihm zur eigentlichen Heimat wurde. Ihr in vielseitiger Art im besten Sinn des Wortes zu dienen, wurde ihm echtes Anliegen.

Im Jahr 1924 schloß sich der Siebenunddreißigjährige der unter der Führung des späteren Regierungsrates Dr. Fritz Ebi sehr rührigen Sozialdemokratischen Partei Riehen an. Sein offenes, leutseliges und doch wieder kritisches Wesen und sein unermüdlicher Arbeitswille verschafften ihm rasch die Zuneigung seiner Mitbürger. Er wurde in den Weiteren Gemeinderat gewählt, dem er in ununterbrochener Folge 25 Jahre lang angehörte und den er auch zweimal präsidierte. Er war Mitglied der Kommission des Landpfrundhauses, des Riehener Bürgerrates und des Großen Rates. Während 17 Jahren, von 1942 bis 1959, stand Arnold Hof-Roth der Schulinspektion von Riehen und Bettingen als Präsident vor.

Es waren seine außerberuflichen Neigungen und Interessen, die ihn in enge Verbindung mit der alteingesessenen Bauernbevölkerung Riehens brachten. Anfangs der 30er Jahre trat der einstige Bauernbub der Obst- und Gartenbaugesellschaft Riehen bei. Später wurde er Mitglied der Kantonalen Obstbaum-Kommission, in der auch der Landwirtschaftliche Verein Riehen vertreten war. über beide Vereinigungen kam es für Noldi Hof zur guten und fruchtbaren Zusammenarbeit mit dem verstorbenen Obstbau-Fachmann Robi Wenk, dem gleichfalls dahingegangenen Landwirt Joggi Sulzer und dem noch lebenden Landwirt Hans Fischer. Die unablässigen Bemühungen galten der richtigen Düngung der Obstbäume und ihrer Pflege. Jeden Winter wurden Baumschnittkurse durchgeführt. Noldi Hof war der allgemein geschätzte, immer wieder aufgesuchte, bereitwillige und uneigennützige Berater der Baumbesitzer, der Pflanzer und der Rosenliebhaber. Eine Urkunde der Riehener Obst- und Gartenbau-Gesellschaft verdankte dem Verstorbenen, unter gleichzeitiger Ernennung zum Ehrenmitglied, die der Gesellschaft in 25 Jahren als Präsident geleisteten Dienste. Ob all dem vernachlässigte aber der Dahingeschiedene die eigene Familie nicht; er ließ seinen drei Kindern eine sorgfältige Ausbildung zuteil werden.

Wir werden alle einmal alt, aber auf verschiedene Art. Arnold Hof war ein Beispiel dafür, daß ein Altern des Leibes nicht auch ein Altern von Seele und Geist nach sich zu ziehen braucht. Dem Besucher verrieten es gleich seine leuchtenden, blitzenden Augen hinter den goldgeränderten Brillengläsern. Die Klarheit des Verstandes verminderte sich bei ihm nicht um ein Jota. Sein Humor überstrahlte Dinge und Menschen wie eh. Wem verdankte er diese Gabe? Es lag daran, daß er seiner überzeugung praktisch nachzuleben trachtete, daß wir alle aufeinander angewiesen sind, der Einzelne auf das Ganze, das Ganze auf den Einzelnen.

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