1963

Vom Wässern der Riehener Matten

Jakob Frey

«Wie de meinsch, se göhn mer denn dur d'Riechemer Matte», hat Hebel einst der Wiese zugerufen. Aber auch er berichtet, daß «Feldbergs Tochter» oft alles «us Weg goh» müsse. Das Hochwasser der Wiese verwüstete 1882 das Mattengebiet Riehens bis unterhalb der Dorfkirche. Beinahe wäre auch die Eigenständigkeit der verzweifelten und verschuldeten Gemeinde dieser Katastrophe zum Opfer gefallen. Ihr 1885 gestelltes Gesuch um Eingemeindung wurde aber von Basel mit verständnisvoller Hilfe beantwortet, und vor allem wurde der ungebärdigen Wiese 1896 — um mit Hebel zu sprechen — ein steinernes Mieder umgelegt. Seither grüßen sich Dorf und Wiese nur noch aus distanzierter Ferne.

Erst die Flußregulierung hat eine planmäßige Bewirtschaftung des Gebietes zwischen Riehen und Wiese ermöglicht. Indessen, das Hochwasser war gebannt, aber die Bewässerung der Matten durch die Wiese war nun gleichfalls verbaut. Der das Gelände durchfließende Teich, ein künstlicher Nebenarm der Wiese, schien natürlichen Ersatz anzubieten. Allein dieses Gewässer, das sich chamäleonartig Lörracherteich im Badischen, Riehenteich in Riehen und Kleinbaslerteich im Stadtgebiet nennt, war in Wirklichkeit ein Gewerbekanal der Kleinbasier Mühlen. Möglicherweise schon 1365, sicher aber seit 1730, benutzte deren Korporation das Teichwasser «aus eigenem zum Kanale ausgegrabenen Grund», das heute noch beim Basler Wuhr (sog. Schließe) und oberhalb Lörrach aus der Wiese abgeleitet wird. Da neben diesem Kleinbaslerteich auch der Weilteich den Wiesenfluß für Mühle und Felder beanspruchte und vor allem sämtliche Bauern von Schopfheim bis Riehen Wiesenwasser für ihre Matten ableiteten, kam es zu Konflikten. Diese «Irrungen», wie sie die Urkunde freundlich nennt, wurden durch den ältesten heute noch gültigen Staatsvertrag zwischen Basel und dem Markgrafen von Baden im Jahre 1756 beigelegt. Das Kleinbasier Gewerbe erzielte einen großen Erfolg, denn in «Zeit großer Dürre und Wasser Mangels» mußte die Wässerung von Basel bis Schopfheim eingestellt werden, um derart den Weiterbetrieb der Kleinbasier Mühlen zu gewährleisten. Noch Ende des neunzehnten Jahrhunderts stand die «Korporation der Gewerbsinteressenten am Kleinbasler Teich» in voller Blüte. Hinter farbig-mittelalterlichen Namen, wie Hammer- und Drahtzugsmühle, Rotochsenmühle, Sternenmühle, Blaueselmühle, Höllund Drachenmühle, verbargen sich bereits industriell geführte Chemieund Textilunternehmen.

Mit diesen mußten sich die Riehener verständigen. 1894 erwirkte der Gemeinderat für die Wässermattenbesitzer eine beschränkte Erlaubnis, Wasser zu Wässerungszwecken dem Teich zu entnehmen. Herablassend stellt die Teichkorporation fest, daß sie sich zu diesen «freiwilligen Konzessionen» nur unter der Voraussetzung entschließe, falls Riehen seinen Verpflichtungen getreulich nachkomme. Darunter fiel billigerweise das Instandstellen der Teich- und Uferbretter, hatte die Teichkorporation doch schließlich an diesen Vorrichtungen keinen eigenen Nutzen. Weiter ging, daß die Riehener, unter Berücksichtigung der Wünsche des von der Teichkorporation bestellten Wassermeisters, den Teich selbst zu reinigen und auszubessern hatten. Besonders genau hielt man es mit der Einhaltung der Wässerungszeiten. Das heute noch gültige Gemeindereglement von 1904 schreibt vor, daß die Uferbretter in Zeiten beschränkter Wässerung, Montag, Donnerstag und Freitag morgen 4 Uhr präzis abzuschließen und die Schlüssel «sofort» dem Gemeindepräsidenten in Verwahrung zu geben sind. Der damals amtende Gemeindepräsident Weissenberger, der solches anordnete, muß ein sehr eifriger Frühaufsteher gewesen sein!

Als Kuriosität sei nebenbei vermerkt, daß um die Jahrhundertwende das Teichwasser im Winter auch für die Eisproduktion auf die Felder geleitet worden ist. Hiefür mußte der Kleinbasler Teichkorporation pro Winter und Jucharte (36 a) bewässerten Landes eine besondere Taxe von Fr. 40 — bis 50 — bezahlt werden.

Hauptsorge der Kleinbasler Teichgenossenschaft war aber, daß bei Wassermangel weder in Riehen noch in der badischen Nachbarschaft gewässert wurde. Hatte man im Vertrag von 1756 diesen Zustand allgemeinverständlich als «Zeiten großer Dürre» beschrieben, so definierte ein Zusatzvertrag von 1894 dies entsprechend den veränderten Zeitläuften technisch-wissenschaftlich: wenn der Riehenteich unterhalb seiner Vereinigung mit dem Basler Einlauf (Schließe) eine Wassermenge von bloß 1,85 m3 oder weniger in der Sekunde führt. Andrerseits durfte bei «vollem Wasser», d. h. bei einer Teichwassermenge von 5,15 m3/sec. frei gewässert werden. Diese Regelung ist heute noch in Kraft. Im grauschwarzen Pegelhäuslein, dort wo der Riehenteich vor der Dienstwohnung des «Wasserknechts» die Promenade flankiert, wird festgestellt, ob und wie von Basel bis Schopfheim gewässert werden darf.

Wie schnell wandelbar industrielle Verhältnisse sind, zeigt die Geschichte des Riehenteichs. Schon 1906 übernahm das Wasserwerk Eigentum und Rechte der stolzen Teichkorporation, die sich kaum 10 Jahre früher noch ausbedungen hatte, durch ihren Wassermeister bis nach Schopfheim Wässerungsverbote zu beantragen. Bis 1918 wurden die Teiche größtenteils zugeschüttet, und nur drei private Wasserrechte, darunter die Eisfabrik, einstmals die Ziegelmühle, nutzen den Wasserlauf. Wie lange noch?

Ein neues Wasserkraftwerk vor der Pumpstation in den Langen Erlen nutzt das Gefälle. Vor allem aber ist das Teichwasser seit 1908 dazu bestimmt, den Grundwasserstrom zu verstärken, der im Riehener Bann das städtische Wasserwerk speist. Jedem Spaziergänger sind die Ableitungen beim Entenweiher und in den Breitmatten bekannt. Das Teichwasser wird damit hauptsächlich zur Trinkwassergewinnung verwendet. Der Badisch-Baslerische Staatsvertrag von 1756 ist trotzdem in Kraft geblieben. Das Wasserwerk hat 1947 (Juli bis November), 1949, 1950, 1952, 1957 und 1959 immer wieder Wässerungsverbote erlassen. Im Hinblick auf die Ernährungsschwierigkeiten der badischen Nachbarn wurden die Einschränkungen nach dem Kriege allerdings milde gehandhabt.

Aber schon stehen wir inmitten neuer Veränderungen. Das Teichwasser genügt mengenmäßig dem gewaltig gestiegenen Wasserbedarf der Stadt nicht mehr. Rohrleitungen werden erstellt und führen vorgereinigtes Teichwasser bis tief in das Gebiet Riehens, um das Grundwasser künstlich zu vermehren. Dazu kommt, daß das Teichwasser durch Industrieabwässer immer mehr verschmutzt wird und seine Verwendung für die Trinkwasseranreicherung oft fragwürdig geworden ist. Im zweiten Halbjahr 1959 konnte das Teichwasser aus diesen Gründen nicht mehr zur Trinkwasserspeisung verwendet werden.

Immer noch speisen aber der «Alte Teich», eine Ableitung des Riehenteichs, der Aubach und der Immenbach die Riehener Wassergräben. Wer offenen Auges im Brühl oder in Bachtelen herumgeht, erkennt da und dort größere und kleinere Gräben, Stellfallen, Teichbretter und Steckbretter, und bei näherem Zusehen sogar ein kunstvolles Netz von Haupt- und Seitenarmen, die gesamthaft ein planmäßiges Kanalsystem bilden. Der muntere Aubach spendet sein Wasser zunächst beiden Seiten des Autals, taucht im Bachtelengebiet wieder auf, verteilt dort erneut sein Naß und eilt — nicht genug der bereits erfüllten Pflichten — über das Erlensträßchen hinaus in den Brühl, um dort weitere Gräben zu füllen. Der Immenbach zeigt sich zuerst in dem nach ihm benannten Gäßlein beim Hause des Gemeindepräsidenten, verschwindet dann in Kanäle bis unterhalb der Tramstation Bettingerstraße. Von dort aus verteilt er fleißig seine Wasser bis hinunter zur Grendelgasse, ein gerne gesehener Gast der vielen Obstgärten. Quer zu diesen beiden «Bächlein» legt sich der wesentlich größere, aber eben sehr unzuverlässige Alte Teich und wässert die Matten vom Eisweiher bis zum Sportplatz. Der Riehenteich endlich wird im Gebiet der Teichmatten ebenfalls für landwirtschaftliche Mattenwässerung beigezogen.

Ordnung muß auch beim Wässern herrschen, und die relativ kleinen Zuflüsse können natürlich nicht gleichzeitig von sämtlichen Anwändern in Anspruch genommen werden. Deshalb sind die Hauptschleusen (Stellfallen) mit Malschlössern versehen, und der Gemeindebammert wacht darüber, daß nach Vorschrift der «Kehrordnung» gewässert wird, was heißt, daß bei der obersten zunächst dem Hauptbett gelegenen Matte begonnen und dann der Reihe nach Matte für Matte durchwässert wird. Aber nicht alle sind geduldig, und gar mancher hat den Turnus auf eigene Art befördert, wie etwa jener liebe Bekannte, der stundenlang im Geäst einer Weide lauerte, bis endlich spätabends der unter ihm an der Stellfalle wachende Bammert seinen Posten verlassen hatte.

Diese strenge Disziplin ist nicht unangefochten geblieben. Anfangs dieses Jahrhunderts schüttete ein Grundstückbesitzer seinen Wässergraben zu und verunmöglichte damit die Wässerung für die Unterlieger. Mit feinem historischen Verständnis schützte das Appellationsgericht die Geschädigten und bedeutete dem Streitsamen, daß seine Nachbarn auf keine Servitut angewiesen wären, da er, wie jene, durch alte Gemeinschaftsrechte (Genossame) verbunden sei. So gehören denn richtig besehen die Wässermattenbesitzer einer stark verkümmerten Genossenschaft an. Die Wässerungskasse bildet ihr Vermögen, und das von der Gemeinde nachgeführte Verzeichnis der Wässermattenbesitzer ist ihr Mitgliederbuch. Die Geschäfte aber führt der Gemeinderat, wobei dahinsteht, ob dies früher je anders gehandhabt worden ist. Endlich haben die Wässermattenbesitzer auch ihr Pflichtenheft, die Wässerungsordnung, die das Instandhalten und Reinigen der Haupt- und Nebengräben, des Uferschutzes und der Landfesten, vorschreibt.

Die Gräben sind heute teilweise arg vergrast, was nicht nur dem Mangel an Arbeitskräften zuzuschreiben ist. Das Interesse an der Mattenwässerung nach altem Brauch schwindet. Sah man noch vor wenigen Jahrzehnten den Lauf des kleinen Immenbächleins als sakrosankt an und mußte deshalb die Schlosserei Heller (äußere Baselstraße 52) über dem Wasserlauf errichtet werden, so ist dem heute anders. Grabenzuschüttungen haben ganze Gebiete abgetrennt, so kürzlich die Schrebergärten bei den Habermatten, die durch einen Ausläufer des Alten Teichs bewässert worden sind. Es ist eben einfacher, den Gartenschlauch oder die direkt an den Teich angeschlossene Motorpumpe in Gang zu setzen, als den Turnus der Kehrordnung abzuwarten. Wässern auf Vorrat im Frühsommer erzeugt angeblich eine Mückenplage, sicher aber Reklamationen der nächsten Hausbewohner. Das Wässern im Hochsommer hingegen ist in Riehen, jedenfalls im Teichgebiet, stets problematisch gewesen, weil gerade in Zeiten der Dürre nach dem alten Badisch-Baslerischen Staatsvertrag das Wasser nicht zur Verfügung steht. Der Gartenschlauch hingegen versagt bei der zureichenden industriellen Wasserversorgung auch in Dürrezeiten nicht — jedenfalls nicht nach dem Eindunkeln.

So stehen wir wohl wiederum an einer Wende im Wässerungswesen. Hoffen wir, daß die modernen Rheinwasserinfiltrationen es ermöglichen, daß das Teichwasser wieder vermehrt und zuverlässiger zur Wässerung der Riehener Matten benützt werden kann.

Anstoß zu dieser Arbeit gab die Dissertation «Die Gemeinde Riehen und ihre Stellung im Kanton Basel-Stadt» von Dr. Peter Wenk. Der Verfasser dankt ferner den Herren Vizedir. Dr. W. Hunzinger vom Wasserwerk, Gemeindeverwalter R. Schmid und Hans Sulzer, Flurbannwart, für ihre freundlichen Hinweise.

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