1963

Die Wäscherinnen

Eduard Wirz

Die Sonne neigte sich den Bergen des Elsaß zu, aber noch immer lag ihr Licht über der weiten Ebene zwischen dem Dorfe Riehen und dem Fluß, in der die Fruchtfelder in der Stille der späten Stunde standen. Das goldene Meer der Halme war regungslos, als schlafe es. Nur ein schmaler Wellenschlag lief mitten durch und näherte sich dem Dorf. Dahinter aber verharrten die Halme von neuem in ihrer Ruhe und trugen die schwere Bürde der reifgewordenen ähren. Die kleine Welle, die durch die Kornfelder schlug, rührte von zwei Menschen her, die einem Pfad folgten, der mitten durch die äcker führte. Er war so schmal, daß das Mädchen und der Bursche, obwohl sie hintereinander gingen, zu beiden Seiten an die Halme stießen und sie in Bewegung brachten. Etwa schien es, als sei ein Stein in das Meer geworfen worden, denn die Welle lief nicht mehr in einer Richtung weiter, sondern breitete sich ringsum in immer schwächer werdenden Kreisen aus. Das geschah, wenn die beiden Menschen in ihrem Gang innegehalten hatten und zueinander traten und der Bursche seinen Arm um des Mädchens Schulter legte und sie sich küßten.

«Vreni, Schatz.»

«Lieber.»

«Sie werden Augen machen, wenn wir beide miteinander kommen.»

«Und nicht vom Dorf her. Wir sollten —.»

«Was sollten wir, Vreni?» drängte der Bursche.

«Wir könnten es doch so einrichten, daß wir nicht miteinander bei der Waschanstalt sind. Du könntest eine kurze Zeit warten, oder ich.»

«Das tue ich nicht!»

«Klaus! — Ich meinte nur.»

«Getraust du dich nicht, Vreni? Hast du Angst vor deiner Mutter?»

«Ich meinte nur, wenn sie es merken, daß wir zusammen durch das Korn gegangen sind.»

«Sie dürfen es merken, deine und meine Mutter!» brauste der Bursche auf.

«Klaus.»

«Ja, Vreni?» «Du bist ein Lieber.»

«Und du?»

«Ich weiß es nicht.»

«Du bist der allerliebste Schatz, den es auf Gottes Erdboden gibt.»

«Gehen wir?»

«Miteinander?»

«Miteinander!»

Der Wellenschlag lief weiter durch die Kornfelder.

Um diese Zeit waren die Mütter der beiden Jungen noch eifrig an ihrem Werk. Frau Müller hatte ihrem Sohn und Frau Meyer ihrer Tochter gesagt, sie sollten sie, wenn sie abends von der Arbeit in der Stadt nach Hause kämen, abholen und den Karren mit der nassen Wäsche heimstoßen helfen. Es war immerhin eine ordentliche Strecke bis zum Sternengäßlein hinauf. Die beiden Frauen waren die einzigen, die heute in der Waschanstalt tätig waren. Vor ihnen strömte das rasche Wasser des Teiches, dunkel und kühl, denn nicht nur das Dach der Hütte, sondern auch das Gebüsch und die Erlen und Eichen am anderen Ufer hielten das Licht zurück, das noch immer auf dem Weizenfeld lag, das sich vor ihnen bis zur Straße hinauf hinzog. Wenn eine der Wäscherinnen für einen Augenblick den müden Rücken reckte, sah sie wohl das Leuchten über dem Fruchtfeld, aber sie achtete es nicht.

Frau Müller klatschte eben mit Wucht ein Männerhemd auf das Brett. Frau Meyer, die am anderen Ende der Hütte stand, blickte hinüber.

«Ist es so schmutzig?»

Frau Müller antwortete nicht.

«Gehört es dem Sohn?»

Frau Müller tauchte das Hemd von neuem ins Wasser, legte es darauf wieder auf das Brett und führte mit energischer Hand ein Seifenstück darüber. Dann verschnaufte sie, blickte sich suchend in der Hütte um und rief: «Bethli! Bethli!»

Nach einer Weile hüpfte ein achtjähriges Mädchen in das Dunkel. «Ja, Mutter?»

«Wo steckst du auch?»

«Am Bach.»

«Ich will nicht, daß du am Bach spielst, hörst du? Wenn du noch einmal am Bach bist, mußt du ohne Essen ins Bett! Verstanden?!»

«Ja, Mutter.»

«Du kannst auf dem Weg spielen. Der Klaus kommt bald. Dann kannst du ihm ein Stück weit entgegengehen, aber nicht zu weit, hörst du?»

«Ja, ja!» Die Antwort kam nicht mehr aus der Hütte.

«Die heutige Jugend», stellte die Meyerin fest.

«Es ist ein Wirbel, das Bethli, aber sonst ein liebes Kind», verteidigte Frau Müller.

«Ihr werdet es nicht immer leicht haben, da es keinen Vater mehr hat.»

«Einstweilen bin ich ihm noch immer Meister geworden», entgegnete die Müllerin. «Ein tausendwöchiges Mädchen zu hüten, ist wohl weniger leicht.»

«Was soll das heißen?»

«Ich meine nur.»

«Wenn Ihr etwa die Vreni meint, die ist nicht so. Die läßt sich mit keinem Burschen ein.»

«So?»

«Was so?»

«Ich meine nur. Ich habe die Vreni vorgestern im Tram gesehen. Sie saß neben einem Burschen.»

«Oder der Bursche neben ihr!»

«Der Bursche saß am Fenster. Da hat sich das Mädchen wohl zu ihm gesetzt.»

«Sie hat den Platz nicht auslesen können!»

«O doch! Es waren noch viele Plätze frei.»

«Das Donnersmädchen!»

«Sie ist nicht ins Dorf gefahren. Sie ist schon vorher ausgestiegen.»

«Das geht Euch wohl nichts an!»

«Der Bursche ist mit ihr ausgestiegen. Sie haben mich nicht geachtet.»

Frau Meyer antwortete nicht. Aber sie packte mit kräftigen Händen eine Männerhose, die Hose ihres Mannes an. Frau Müller war noch immer mit dem Hemd beschäftigt. Für eine Weile verstummte das Gifteln der Nachbarinnen. Dann begann Frau Meyer wieder: «Ich muß der Vreni den Kopf beizeiten zurecht setzen. Da hat sie. eine schöne Stelle in der Stadt, eine feine Stelle in einem Laden.»

«Wo denn, wenn man fragen darf?»

«Beim Marktplatz. Man geht dort die Straße rechts und dann links und — ich weiß nicht, wie sie heißt. Aber es ist ein vornehmer Laden. Sie haben sie gern. Sie ist auch ein anstelliges Mädchen. Sie sind zufrieden mit ihr. Sie muß jetzt oft Überstunden machen.»

«Der Klaus auch. Er kommt oft auch später heim als früher.»

«Seid Ihr sicher, daß er nicht noch im Wirtshaus sitzt? Ein Schmied oder ein Schlosser, was er ist, bekommt bei seiner schmutzigen Arbeit doch Durst.»

«Vielleicht hat die Vreni auch Durst», stichelte die Müllerin.

Frau Meyer schlug die Hose klatschend auf das Brett. «Kommt mir nicht so! Die Vreni ist ein anständiges Mädchen.»

«Das hoffe ich auch.»

«Überhaupt geht Euch die Vreni nichts an!»

Frau Müller gab keine Antwort. Die Frauen vertieften sich wieder in ihre Arbeit. Man hörte nur die Geräusche ihrer Geschäftigkeit und das leise Rauschen des Wassers .

«Die Vreni soll mir einmal in die Stadt heiraten. Sie paßt nicht aufs Land, so eine feine, wie sie ist», nahm nach einer Weile die Meyerin das Gespräch wieder auf. «Der junge Herr im Laden würde zu ihr passen.»

«So?»

«Was so?»

«Dann ist etwas im Tun?»

«Das nicht. Aber man kann nachhelfen.»

«Man kann nachhelfen.»

Frau Meyer spürte den Hohn. «Euch geht es jedenfalls nichts an!»

«Aber die Vreni!»

«Der will ich die Augen schon öffnen.»

«Vielleicht hat sie sie schon offen.»

«Was soll jetzt das heißen?»

«Ich meine nur.»

«Ich meine nur! Ich meine nur! Ihr wollt es ihr einfach nicht gönnen.»

«Was soll ich ihr nicht gönnen wollen?»

«Daß sie ihr Glück macht.»

«Ich hoffe, sie macht ihr Glück.»

«Aber nicht mit einem aus dem Dorf. Oder mit einem, der so schmutzige Wäsche heimbringt wie —.» Sie verstummte.

Frau Müller hakte ein: «Wie, wie? Wen meint Ihr mit dem wie?»

«He, wie ein Schmied oder ein Schlosser.»

«Der Klaus ist auch Schlosser und allem Anschein nach ein guter Schlosser, sonst wäre er nicht seit zwei Wochen Vorarbeiter in seiner Werkstatt.»

«Schlosser bleibt Schlosser und schwarz bleibt schwarz. Für einen Schlosser ist meine Vreni zu gut.»

«So?»

«So?!» Jäh fuhr die Meyerin auf. «Ihr wollt doch nicht sagen, daß der Bursche im Tram euer Klaus war?!»

«Und wenn es der Klaus war?»

«Sagt nein!» schrie die Erboste und ging auf die Müllerin zu. In ihrer Hand schwang sie drohend die nasse Männerhose. «Steckt am Ende Ihr dahinter?»

Frau Müller hob zur Abwehr das triefende Hemd.

In diesem Augenblick ertönte ein Kinderschrei, der plötzlich abbrach, als ob eine Hand den Mund geschlossen hätte.

«Bethli!» rief Frau Müller. Sie ließ das Hemd los und humpelte dem Ausgang der Hütte zu. Sie kam nur langsam vorwärts, denn vor Jahren hatte sie bei einem unglücklichen Sturz eine schwere Hüftverletzung erlitten, so daß sie nur mit Mühe gehen konnte. Frau Meyer hatte die Hose auf das nächste Brett geworfen und eilte suchend dem Teich entlang. Frau Müller sah, wie ihre Nachbarin auf einmal niederkniete und sich dann ins Wasser gleiten ließ. Die Mutter konnte vor Schreck keinen Schritt mehr tun. Hatte sie das Kind gefunden und konnte sie es retten? Sie sah, wie sich Frau Meyer aufrichtete, und, ja, sie hielt Bethli in den Händen und stieß das Kind über den Uferrand und klammerte sich an der Grasböschung fest und suchte sich heraufzuziehen. Plötzlich sah sie die Frau nicht mehr. Frau Müller schrie laut auf und ging, so schnell sie konnte auf die Stelle zu, wo ihr Kind lag und wo die Nachbarin wieder ins Wasser geglitten war. Ehe sie den Ort erreicht hatte, rannte ein Bursche aus dem Kornfeld.

«Klaus!»

Der Bursche sah seine kleine Schwester auf dem Boden liegen und beugte sich über sie. Da stand auch die Mutter neben ihm.

«Was ist geschehen?»

Sie achtete nicht auf die Frage, sondern zeigte zum Teich. «Dort! Dort! Frau Meyer!»

Klaus entdeckte die Frau, die eine Strecke abwärts versuchte, dem Wasser zu entkommen. Sie hielt sich verzweifelt an der Böschung fest, aber sie hatte die Kraft nicht, und der hier schneller fließende Bach drohte, sie erneut mitzureißen. Er sprang ins Wasser, hielt die Strauchelnde fest und hob sie, wie sie es zuvor mit seinem Schwesterchen getan, aufs Ufer und kletterte ihr nach.

«Klaus! Mutter!» Vreni war dem Burschen gefolgt.

Frau Meyer hatte sich aufgerichtet und saß hustend am Wegrand.

«Aber Mutter, was machst du auch?!»

«Machst du auch! Machst du auch! Du siehst es ja.»

Frau Müller trat zu der Gruppe. Sie trug ihr Kind, das weinte, auf dem Arm. Es hatte seine ärmchen um ihren Hals geschlungen und den Kopf auf ihre Schulter gelegt. Die Mutter achtete es nicht, daß das Wasser in ihr Kleid drang.

«Frau Meyer, ich danke Euch, Ihr habt dem Bethli das Leben gerettet.» Sie streckte der Nachbarin die Hand hin. Sie ergriff sie und sagte: «Ich konnte das arme Würmlein doch nicht ertrinken lassen.»

«Das hast du getan, Mutter? Das ist lieb, lieb von dir.» Vreni umarmte sie und wandte sich dann der Kleinen zu und fuhr ihr über die tropfnassen Haare: «Du armes, liebes Wassermäuslein, du.»

Frau Meyer reichte dem Burschen die Hand: «Es hat nicht mehr viel gefehlt, Klaus. Du bist gerade zur rechten Zeit gekommen.»

«Es ist nichts zu danken, Frau Meyer, es war doch selbstverständlich», erwiderte der Bursche.

«Doch, doch!» mischte sich Vreni ein. «Du bist ein Lieber, Klaus.» Das Mädchen trat zu ihrem Freund.

Die Meyerin unterdrückte den Husten und sagte: «Daß ihr zur gleichen Zeit gekommen seid?! Mußtest du wieder Überstunden machen, Vreni?»

«Nein, nein», flüsterte der Bursche dem Mädchen zu, da er dachte, man müsse das Eisen schmieden, so lange es warm sei, und tapfer gestand Vreni: «Nein.»

«Was soll das heißen?»

Frau Müller ersparte dem Mädchen die Antwort, indem sie sich an ihre Nachbarin wendete: «Wir sollten Feierabend machen. Das Bethli gehört ins Bett.»

«Ja, Mutter, du solltest dich auch umziehen, sonst erkältest du dich noch», unterstützte Vreni.

«Und die Wäsche?»

«Bleibt ihr beide da. Die besorgen wir schon, oder nicht, Klaus?»

Ohne auf eine Einwendung zu warten verschwanden die Jungen in der Hütte.

«Das Sitzen geht für das Stehen», meinte die Müllerin. Sie ließ sich mit der Kleinen am Wegbord nieder, und da Frau Meyer noch immer unschlüssig stehen blieb, mahnte sie: «Kommt doch, sie werden schon fertig damit»

«Was ist nur in die gefahren?» wunderte Frau Meyer, als sie zögernd der Einladung folgte. Sie blickte mißtrauisch zur Hütte hinüber, und nach kurzer Zeit stand sie wieder auf: «Ich muß doch sehen, ob sie es recht machen.» Sie konnte im Dunkel der Hütte, das tiefer geworden war als zuvor, da die Sonne das Tal nicht mehr mit ihrem Licht erfüllte, die beiden nicht sofort erkennen. Dann sah sie sie über einen Korb gebeugt. Ihre Köpfe waren nahe beieinander. Das Mädchen entdeckte die Angekommene zuerst. «Nein, Mutter, du brauchst uns nicht zu helfen, wir sind gerade fertig.»

Sie trugen den Korb aus der Hütte und stellten ihn auf einen Karren.

«Hast du die Seife nicht vergessen?»

«Sie liegt neben der Wäsche.»

Darauf holten sie den zweiten Korb und stellten ihn auf seinen Karren und stießen beide nacheinander auf den Weg hinauf.

«Einsteigen, wer mitfahren will!» rief fröhlich das Mädchen.

«Was schwatzest du? Ich werde doch nicht fahren.»

Sie hielten vor Frau Müller.

«Und überhaupt, ich werde hier warten, bis es dunkel ist. So kann ich doch nicht ins Dorf.»

«Daß man beim Waschen nicht trocken bleibt, das weiß man, Mutter.»

«Aber nicht wie ich.»

«Nein, Mutter. Aber wenn die Leute wissen, warum du so naß bist, werden sie nicht lachen. - Du, Klaus, du könntest dich allerdings nicht mit dem Waschen herausreden.»

Der Bursche lachte: «Ich glaube, das Bad wird mir gut tun.»

«Das hoffe ich auch», stimmte Vreni zu.

Frau Müller hatte sich auf ihren Karren gesetzt. Sie hielt das Kind, das eingeschlafen war, im Arm.

«So hast du zu schwer geladen, Klaus», wehrte sich das Mädchen. «Wir können Bethli zu uns nehmen. Die Mutter wird nebenhergehen und es halten.»

«Was denkst du, Vreni! Das Gewichtlein zählt nicht. Aber gehen wir jetzt?»

Frau Meyer sträubte sich noch eine Weile, dann gab sie nach, als sie sah, wie der Abend immer mehr in den Schatten der Nacht hinüberglitt. Der Himmel war noch blau. Aus den Fruchtfeldern strömte die Wärme des Sommertages und der Duft des reifen Kornes.

Der kleine Zug setzte sich in Bewegung. Frau Meyer half Vreni stoßen, denn sie wollte von den andern wegkommen, da sie ihrer Tochter eine dringende Frage zu stellen gedachte. Jetzt hielt sie den Abstand für angemessen.

«Du hast also heute keine Überstunden gemacht?»

«Nein.»

«Und der Klaus auch nicht?»

Zögernd kam die Antwort: «Nein, Mutter.»

«Ihr habt überhaupt keine Überstunden gemacht?»

Das Mädchen schwieg.

«Rück aus!»

«Nein.»

«Soso?!»

«Vergiß nicht, Mutter, was du und der Klaus heute getan haben, Mutter!»

Der zweite Karren hatte aufgeschlossen. Frau Meyer setzte das Gespräch nicht fort. Das Mädchen bangte vor der Auseinandersetzung und schämte sich seiner Lüge. Aber da sah es, wie die nahende Nacht über einer dunklen Baumspitze schon einen Stern ausgehängt hatte. Es hielt ihn für ein Glückszeichen, das ihm Mut und die Überzeugung gab, daß alles noch zu einem guten Ende kommen werde.

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