1963

Die Umfahrungsstrasse Riehen

Max Wullschleger

Die sprunghafte Zunahme des Motorfahrzeugverkehrs seit Ende des Zweiten Weltkrieges hat die Verkehrsverhältnisse im Dorfkern Riehen unhaltbar gemacht. Glücklicherweise sind sich Behörden, Parteien und wohl die ganze Bevölkerung Riehens darüber einig, daß die bauliche Gestaltung des Dorfkerns in der ursprünglichen Form erhalten werden soll. Dieser Wille entspringt der Erkenntnis, daß Riehen nicht einfach zu einem Vorort der Stadt Basel degradiert werden soll, der sozusagen nur noch die Funktion eines Verkehrsweges zur Stadt erfüllen muß. Durch eine bewußte bauliche Gestaltung will Riehen auch in der Zukunft sein Eigenleben zum Ausdruck bringen. Ich glaube, diese Absicht ist von größter Bedeutung, denn nur so ist es möglich, den vielen Zugezogenen ein Heimatgefühl zu geben und sie im Dorfe und in der Dorfgemeinschaft Wurzel schlagen zu lassen. Riehen hat für diese schöne und wichtige Aufgabe in den letzten dreißig Jahren viele Millionen Franken ausgegeben. Zwischen der Stadt und Riehen ist ein Grünstreifen gelegt worden, und die besonders geschützte Altstadtzone wurde ausgedehnt. Auch wenn sich Riehen sehr stark entwickelt hat, bekommt man immer noch das Gefühl, in einem Dorfe zu sein, sobald man den Dorfkern betritt. Die Kirche bildet hier immer noch den Mittelpunkt, so wie das in früheren Zeiten schon der Fall gewesen ist. Die neuen Bauten im Dorfkern mußten sich dieser Maxime anpassen. Landgasthof und neues Gemeindehaus bilden eine natürliche Erweiterung dieses dörflichen Charakters.

Was nützen aber alle diese Anstrengungen, wenn wir weiterhin zulassen, daß der ganze gewaltige Durchgangsverkehr mitten durch diesen Dorfkern rollt? Besteht nicht die Gefahr, doch zu einem Vorort abzusinken, wenn man im Dorfkern zu gewissen Zeiten kaum mehr die Straße überqueren oder mit einem Bekannten einige Worte wechseln kann? Die Verkehrszählungen haben an einem Sommertag folgendes ergeben: Im Jahre 1956 sind in der Zeit von morgens 06.00 bis abends 22.00 Uhr 8100 Motorfahrzeuge durch Riehen gerollt. Im Jahre 1961 ergab die Zählung in der gleichen Zeit 14 000 Motorfahrzeuge, d. h. eine Zunahme von rund 80 Prozent/ Nach Auffassung von Straßenfachleuten ist die Kapazität einer zweispurigen Hauptstraße mit 15 000 Einheiten erschöpft. Wenn eine solche Hauptstraße noch zahlreiche Knotenpunkte aufweist, wie das in Riehen der Fall ist, so liegt die Tageskapazität unter 15 000 Einheiten. Nicht nur vom Standpunkt der Erhaltung des Dorfkerns aus betrachtet, sondern auch vom Standpunkt des Verkehrs sind heute die Verhältnisse in Riehen bereits unhaltbar geworden.

Entlastung, aber wie und wo?
Seit Jahren hat man dies kommen sehen, und die meisten Leute sind der überzeugung, es müsse eine Entlastung des Dorfkerns Riehen stattfinden. Doch über das Wie und das Wo war man sich keineswegs einig. So wie überall in unserem lieben Schweizerland geht es bei allen Diskussionen über Straßenführungen nach dem Prinzip «Lieber Sankt Florian, verschone mein Haus und zünde andere an.» Wir sollten jedoch einsehen, daß es hier um das Ganze geht, nämlich um den Dorfkern Riehen, und deshalb Sonderinteressen zurücktreten müssen. Wenn z. B. Geschäftsleute befürchten, ihre Geschäfte würden weniger florieren, wenn man den Durchgangsverkehr um das Dorf herumleitet, so denken sie sehr kurzsichtig. Ich behaupte, daß der starke Durchgangsverkehr heute schon viele, die in Riehen wohnhaft sind, abhält, im Dorfe einzukaufen. Wenn die Geschäfte auch in Zukunft florieren sollen, so muß dafür gesorgt werden, daß die in Riehen-Süd oder anderswo Wohnenden ungehindert vom Durchgangsverkehr einkaufen können. Man muß genügend Parkfläche zur Verfügung stellen und den Einkaufenden ermöglichen, ungefährdet und in Ruhe sich bewegen zu können. In Amerika gibt es sehr viele Beispiele von Cities, die völlig auf den Hund gekommen sind, weil sie im Verkehr erstickten. Die Ausweichung auf die sogenannten Shopingzentren außerhalb der Stadt war die notwendige Konsequenz. Gerade die Geschäftsleute im Dorfkern Riehen sind daran interessiert, daß der Fußgänger wieder zu seinem Recht kommt einerseits und anderseits der Motorisierte sein Vehikel abstellen kann, um die Geschäfte zu besuchen. Auch die Befürchtungen jener, die in der Nähe der künftigen Umfahrungsstraße wohnen, sind wegen des Lärms und der Abgase bestimmt übertrieben. Eine Straße mit flüssigem Verkehr, ohne Anhalten und Abfahren, macht bedeutend weniger Lärm als Straßen, wo an jeder Kreuzung angehalten und angefahren werden muß.

Lange Zeit wurde die Idee propagiert, die Umfahrungsstraße möglichst weit weg zu legen, um allen Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen, und zwar rechts der Wiese, zur Hauptsache auf das deutsche Staatsgebiet. Dieser Idee, so bestechend sie vielleicht auf den ersten Blick sein mag, konnten die Behörden nicht zustimmen, denn eine Umfahrungsstraße wird nur vom Verkehr angenommen, wenn sie günstig liegt, d. h. keinen Umweg bedeutet. Die Führung der Straße Richtung Otterbach hätte aber zweifellos dazu geführt, daß viele Grenzgänger, die jeden Tag zweimal durch unser Gebiet fahren, weiterhin durch den Dorfkern Riehen rollen würden, um möglichst rasch auf die St.Alban-Brücke zu kommen, weil ihr Arbeitsplatz im Industriegebiet von Schweizerhalle, Münchenstein, Muttenz-Pratteln liegt. Zudem haben die deutschen Behörden von Anfang an sich entschieden geweigert, auf ihrem Gebiet die Umfahrungsstraße Riehen zuzulassen.

Die projektierte Entlastungs- und Umfahrungsstraße
Nach umfangreichen Arbeiten des Tiefbauamtes, des Stadtplanbureaus und eines privaten Ingenieurbureaus und nach mehrmaligen Verhandlungen zwischen Baudepartement, Engerem Gemeinderat Riehen, Wasserwerk und Zollbehörden ist nun ein Projekt entstanden, das allen gestellten Anforderungen entspricht. Die Straße verläuft außerhalb der Wasserschutzzone. Mit Rücksicht auf die Wasserschutzzone sind die Zollanlagen rittlings der Grenze vorgesehen und die Straße ist in jenem Gebiet abgebogen worden. Bei der Weilstraße ist ein kreuzungsfreier Anschluß vorgesehen zur Lörracherstraße und gleichzeitig zum Gebiet von Stettenfeld, wo eine überbauung vorgesehen ist, die dort eine Bevölkerung von rund 8000 Menschen konzentrieren wird. Es ist also darauf geachtet worden, daß diese zusätzliche Belastung des Durchgangsverkehrs in der Zukunft ebenfalls auf die neue Straße geleitet werden kann. Erlensträßchen, Grendelgasse und Breitmattenweg werden unter der Straße durchgeführt, um den ungehinderten Zugang für die Spaziergänger und für die landwirtschaftlichen Nutzfahrzeuge zum Gebiet der Langen Erlen und der Wiese zu ermöglichen.

Schwierigkeiten bereitete die Einführung der Straße in die Bäumlihofstraße und in die Baselstraße. Im Gebiet zwischen Rauracherstraße und Keltenweg ist die Bäumlihofstraße zu einer Wohnstraße geworden mit einer intensiven Randbebauung. Was wir vom Dorfkern fernhalten wollen, das dürfen wir nicht diesen Anwohnern in Riehen-Süd zumuten, nämlich einen noch gesteigerteren Durchgangsverkehr. Deshalb wurde davon abgesehen, die neue Straße direkt in die Bäumlihofstraße einzuführen. Der kreuzungsfreie Anschluß ist unterhalb den Habermatten vorgesehen, und zwar an die äußere Baselstraße und an die Bäumlihofstraße. Zu diesem Zwecke werden die äußere Baselstraße und das Tramtrasse etwas gehoben und unterfahren.

Die Umfahrungsstraße wird vierspurig und richtungsgetrennt. Sie wird mit Grünpflanzungen abgedeckt, wodurch die Langen Erlen als Spaziergängergebiet absolut geschont werden können. Zwischen allen Beteiligten ist über dieses Projekt eine Einigung erzielt worden, so daß das Baudepartement den Ratschlag ausarbeiten konnte und demnächst Regierung und Großem Rat unterbreitet. Da zur Verhinderung der Umfahrungsstraße eine Initiative eingereicht wurde, in der eine Ausdehnung des Wasserschutzgebietes verlangt wird, muß über dieses Projekt wahrscheinlich eine Volksabstimmung durchgeführt werden. Es sei denn, die Initianten kommen zur Einsicht, man habe ihren Wünschen doch weitgehend Rechnung getragen und es gehöre auch zur Aufgabe des Natur- und Heimatschutzes, für die Erhaltung des Dorfkerns Riehen einzutreten, und ziehen deshalb ihre Initiative zurück.

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