1963

Die Riehener Mühle

Otto Deisler

Im Mittelalter hatte das Kloster St. Blasien in Riehen einen ansehnlichen Grundbesitz, zu dem auch die Riehener Mühle gehörte. Wahrscheinlich war sie vom Kloster erbaut worden, denn sie wurde «Gotteshausmühle» genannt. St. Blasien besaß auch im benachbarten Weil einen Dinghof mit einer Mühle, die wie die beiden Stettener Mühlen ihren eigenen Mühlenteich mit Wiesenwasser hatte. Die Rechtsverhältnisse dieser Klostermühlen waren durch den Dingrodel genau geordnet. Die Mühle mit dem dazu gehörenden Besitz von Grund und Boden war Eigentum des Klosters, das jedoch dieses Mühlengut als Lehen gewöhnlich auf Lebenszeit an einen Müller verlieh. Dafür mußte er die im Mittelalter üblichen Abgaben an den Eigentümer entrichten. Bei übernahme des Lehens war der sogenannte Ehrschatz fällig. Es war bei St. Blasien ein Betrag von 10 fl nach den Akten aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Dazu kamen dann die laufenden Lehenszinsen aus Grund und Boden und der Mühle. Da die Riehener Mühle später auf Basler Gebiet lag, erhob die Stadt Basel von dieser Mühle nicht unerhebliche Bodenzinsen als Grundsteuer. Starb der Müller als Lehensträger, so wurde der Leibfall und aus seinen Lehensgütern der Güterfall erhoben. Die Mühlenlehen waren gewöhnlich sogenannte Schupflehen, d. h. das Lehensverhältnis erlosch mit dem Tod des Lehensträgers. Vielfach aber strebte eine Müllerfamilie darnach, daß die Mühle als Erblehen im Besitz der Familie und ihrer Nachkommen blieb, wogegen aber seitens der kirchlichen Stifte immer Widerstand geleistet wurde. Man wollte eben doch über die so wichtigen Mühlen ein gewisses Verfügungsrecht behalten.

Die Riehener Mühle griff infolge der Zugehörigkeit zum Mühlenteich, der ja auch die Stettener Mühlen trieb, in Stettener Verhältnisse ein. Der Riehener Müller besaß das Recht, an einer geeigneten Stelle ein Mühlenwuhr zu errichten und von dort das Wasser auf seine Mühle zu leiten. In diesem Recht stand er unter dem Schutz des Markgrafen zu Rötteln und mußte ihm dafür jährlich zwei Kapaunen liefern. Auf der Riehener Mühle lag ein Mühlenzwang für alle st. blasianischen Untertanen, die Klostergüter als Lehen bewirtschafteten im Bereich der Propstei Weitenau, zu der ausgedehnter Besitz im kleinen Wiesental und anderweitig gehörte, ferner für die Lehensgüter von St. Blasien, die dem st. blasianischen Amt in Basel unterstanden, und auch für die Güter des Klosters Berau. Alle diese Lehensgüter mußten das darauf erzeugte Getreide in Riehen mahlen lassen. Man nannte die Mühle deshalb auch «Bannmühle». Wenn jedoch nachweisbar der Müller sie schlecht bediente, so durften sie anderswo mahlen lassen; taten sie das aber ohne rechtlichen Grund, so mußten sie dem Riehener Müller den ihm entgangenen Mahllohn bezahlen. Zur Mühle in Weil gehörten auch Güter als st. blasianische Lehen auf Riehener Bann. Wenn infolge äußerer Hindernisse die Frucht aus diesen Gütern nicht nach Weil gebracht werden konnte, so durfte der Müller sie in Riehen speichern und in der Riehener Mühle mahlen lassen.

1651 berichtet ein Aktenstück, daß die Riehener Mühle schon lange stillgelegt sei, weil die Wasserzufuhr zerstört war. St. Blasien konnte dem Müller die Arbeit nicht zumuten und verlor dadurch die Lehenszinsen. Aber auch Basel ging der fälligen Grundsteuern verlustig. Der damalige Bürgermeister Wettstein wandte sich darum an das Stift und drang darauf, daß dieses seine Baupflicht erfülle; es geschah jedoch nichts, weil St. Blasien nach dem 30jährigen Krieg erschöpft war. 1658 war die Mühle wieder in Betrieb. Basel bestand auf der Abgabe des Bodenzinses mit 14 Sack Roggen und einem Pfund Basler Währung. Ein Hochwasser zerstörte das Mühlenwuhr allerdings wieder. Der Müller wollte im Stettener Bann den Teich neu graben lassen. Die Stettener waren zwar nach ihrem eigenen Geständnis vertraglich verpflichtet, das zu dulden, wehrten sich aber doch dagegen, daß ein «neuer» Teich durch ihren Bann geführt werde. St. Blasien lehnte die Baukosten ab, der Müller sollte die Besitzer der beanspruchten Geländestreifen entschädigen. Das neue Wuhr sollte an einer Stelle erbaut werden, die im Rodel von 1443 als das «Alte Eck» bezeichnet war. Niemand aber wußte, wo dieses Alte Eck zu suchen sei. Man vermutete eine Stelle bei den Reben der Fräulein von Schönau oder dort, wo die st. blasianische Zehntgrenze für Tüllingen an die Wiese stoße, weil alte Männer noch wußten, daß die Brückgasse auf das Alte Eck geführt hat. Dort scheint man das neue Wuhr erbaut zu haben. Aber es erfüllte seine Aufgabe nicht lange. Schon vor 1660 zerbrach das Hochwasser dieses Wuhr wieder.

Die weitere Entwicklung bis ins beginnende 19. Jahrhundert war wie vorher schon wesentlich beeinflußt vom Wasserstand der Wiese. Es kamen Jahre mit Wasserklemme, wie in den 40erjahren des 18. Jahrhunderts mehrfach, dann aber immer wieder Jahre mit Hochwasser. So war infolge der schweren Beschädigungen des Riehener Wuhres 1688 wieder eine Vereinbarung zwischen Riehen und Stetten nötig. Fest stand die Vereinbarung von 1667, wonach der Riehener Mühle das Wuhrrecht auf Stettener Bann anerkannt blieb, aber auch das Recht auf den Riehener Teich, während die Stettener das Recht aufrecht erhielten, bei Trockenheit zur Wiesenwässerung aus dem Riehener Teich Wasser zu entnehmen. Dem Recht auf das Wuhr und den Teich entsprach anderseits die Pflicht, beides in gebrauchsfähigem Zustand zu erhalten, wobei die Stettener jeweils im Bedarfsfall bei Beschädigung des Wuhrs Hilfe leisteten. 1750, 1760 und 1802 wurde nach schwerem Hochwasser diese gegenseitige Hilfe notwendig.

Mit dem Jahre 1803 wurde auch an der Riehener Mühle infolge der Säkularisation die Rechtslage verändert. War bis dahin der Fürstabt von St. Blasien der Lehensherr gewesen, so ging dieses Recht der Lehenshoheit nun auf den Großherzog von Baden über. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die Riehener Mühle im Besitz eines Theobald Höner. 1814 wurde ihm durch Hochwasser das Wuhr zerstört. Er versuchte es aus eigenen Mitteln wieder aufzubauen, erwartete aber, daß er seitens der Mattenbesitzer und der Kantonsregierung von Basel für seine beträchtlichen Kosten Beihilfe bekäme. Sein diesbezügliches Bittgesuch wurde abgeschlagen. Das brachte den sehr reizbaren, gewalttätigen, rachsüchtigen und neidischen Mann in immer größere Verbitterung hinein. Daß man ihm nicht half, hatte seinen Grund in seiner unglücklichen Veranlagung, durch die er sich eben immer wieder neue Gegner schuf. Mit seiner Frau lebte er in Unfrieden und später in Scheidung. Nun zerstörte er unsinnigerweise das Wuhr vollends, so daß es gänzlich unbrauchbar blieb. 1824 wurde dann die Erbmühle allodifiziert. Die darauf ruhenden Lasten wurden abgelöst. Rückwirkend von Martini 1821 an wurde die Mühle freies Eigentum des Müllers gegen die Entrichtung der Ablösungssumme von 3014 fl. Die Mühle blieb in ihren Rechten, war jedoch von da an gerechnet nicht mehr badisches Staatseigentum, sondern freies Eigentum des Besitzers. Höner hat die Ablösungssumme entrichtet, hat aber im November 1824 seinem Leben durch Selbstmord ein Ende gemacht.

So kam dieser Besitz in die Hand der Basler Familie Balthasar Burkhard und Sohn, die die Mühle weiterführte. Höner hatte eine Knochenmühle zur Herstellung von Knochenmehl betrieben. Burkhard hatte nun die Absicht, aus der Mühle eine Seidenweberei zu machen. Er ließ das zerstörte Wuhr und den Riehener Teich mehr und mehr verwahrlosen, da er kein Interesse daran hatte. Die Mattenbesitzer waren dadurch im Wässern geschädigt. Darunter waren auch Stettener Bürger, die immer wieder Klage führten. Die Stettener Gemeinde machte Burkhard wiederholt darauf aufmerksam, daß er entsprechend seinem Wuhr- und Teichrecht auch die Pflicht habe, diese Objekte in gebrauchsfähigem Zustand zu erhalten. Es blieb bei Versprechungen, ohne daß etwas geschehen wäre. Der Teich verschlammte und wurde von Schilf überwuchert; die zum Schutz der Uferböschungen gepflanzten Erlenbüsche überwuchsen alles. Stellenweise wurden die Böschungen durchstochen, an anderen Stellen Staudämme aufgeworfen zur Wässerung. Von der Wiese kam fast kein Wasser mehr herein, das Wässerungswasser floß wieder in den Teich und hatte keinen Abfluß. Der Teich versumpfte und barg Schwärme von Schnaken und eine Unzahl von Fröschen. Stetten beschwerte sich 1828 erneut und erklärte, daß wenn Burkhard den Teich nicht endlich in Stand setzen lasse, sie selbst Hand anlegen wollten, wozu er wenigstens die Erlaubnis geben solle. 1829 kaufte sich Burkhard als Genosse der Gewerbeteichgenossenschaft Lörrach ein. Er erklärte nach Stetten, er habe wohl das Recht auf Wuhr und Teich, aber nicht die Pflicht, sie in brauchbaren Zustand zu setzen. Das Bezirksamt Lörrach ließ die Dinge treiben. 1829 erklärte es dem Stettener Vogt, sie hätten, statt fortgesetzter Worte und Mahnungen eben selber Abhilfe schaffen sollen. Stetten habe zwar kein Zwangsrecht, aber das Polizeirecht und könne Beschädigungen des Teiches oder auch Unterlassungen, die zu Beschädigungen führen, polizeilich bestrafen. 1835 war der Zustand nicht behoben, sondern entsprechend der Zeit noch schlimmer geworden.

Wegen eines Todesfalls in der Familie verkaufte Burkhard 1835 die Mühle an einen Basler Sensal Wenk-Brandmüller. Dieser nahm sich nun der Wuhr- und Teichangelegenheit an. Burkhard erklärte ihm, er wolle auf seine Kosten die Instandsetzung übernehmen. Wenk setzte sich mit der Gemeindevertretung Stetten in Verbindung. Der damalige Vogt Widmer verlangte von Wenk den Ausweis, daß er zum Riehener Teich berechtigt sei, wie auch das Bezirksamt seine Ausweisung verlangte. Es kam dann zu einer Augenscheinnahme zwischen Wenk und Vertretern von Riehen einerseits und der Vertretung von Stetten und dem Bezirksamt anderseits, wobei der damalige Amtmann lächelnd Wenk ins Gesicht sagte, es handle sich wohl bei der Sache um eine Konzession, aber nicht um ein Recht. Wenk brachte nun mit viel Fleiß die Beweise aus der Vergangenheit auf, daß Teich und Wuhr ein Recht der Mühle sei. Dies wolle er nicht preisgeben. Beide beabsichtige er in Stand zu setzen und zu benützen. Man beschloß, die ganze Rechtsangelegenheit an das Kreisdirektorium in Freiburg und nötigenfalls an das Innenministerium gelangen zu lassen, das nun zunächst Erhebungen machte über den Zusammenhang zwischen dem Lörracher-Stettener Gewerbeteich und dem Riehener Mühlenteich. Aus einer ausführlichen Darlegung Wenks ging hervor, daß seit unvordenklichen Zeiten der Lörracher Teich in den Stettener Teich einmündete, dann durch den Stettener Bann in den Bann von Riehen floß und dort die Riehener Mühle betrieb. Als zweite Tatsache stand fest: Das Riehener Wuhr war quer durch die Wiese gebaut, sollte dem Weiler Müller durch eine Stellfalle das ihm zustehende Wasser sichern und auf der Stettener Seite der Wiese den Riehener Teich füllen. Dieser große Wasserbedarf für die Riehener Mühle war notwendig, weil von jeher mit der Mühle eine ölmühle (unter Höner noch eine Knochenmühle zur Herstellung von Kunstdünger) verbunden war, vor allem aber weil die Mühle mit drei Mahlgängen und vier Wasserrädern und zusätzlich einem fünften Rad für eine Hanfreibe arbeitete, worauf die Mühle immer ein Recht hatte. Die Frage der Kreisregierung, wann der Riehener Teich entstanden, wann er mit dem Stettener Teich zu einem einzigen Lauf unweit der Stettener Hammerschmiede vereinigt und wann dieser vereinigte Teich an der Riehener Mühle vorbeigeführt worden sei, konnte Wenk nicht beantworten. Zur Erhaltung eines guten nachbarlichen Verhältnisses erklärte sich Wenk dazu bereit, auf seine Kosten den alten Riehener Teich wieder in Stand zu setzen und von Schlamm und Gesträuch zu säubern, die kleinen Querdämme im Kanalbett wegzuräumen, die Uferböschungen wieder herzustellen. Anderseits aber müßten dann alle Verunreinigungen und Beschädigungen bestraft werden. Die Kreisregierung Freiburg verlangte darauf die Aufklärung der Angelegenheit durch Augenscheinnahme und Bericht. Das entsprechende Blatt hat oben den Vermerk Ad acta 15. April 1851. Offensichtlich war man aber nicht von der Notwendigkeit überzeugt, das alte Riehener Wuhr und den alten Riehener Teich wieder aufrichten zu lassen.

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