1963

Die Diakonissenanstalt in Riehen

Fritz Hoch

Christian Friedrich Spittler, der Sekretär der Christentumsgesellschaft und der Gründer vieler christlichen Anstalten in Basel und Umgebung (Anm. 1), war gegen Ende seines siebenten Jahrzehnts öfters krank und erlebte als Witwer an sich selber den Mangel an guten Krankenpflegerinnen. Wohl hatte er mit Basler Pfarrern zusammen im Jahre 1842, als das Bürgerspital sein neues, schönes Heim im Markgräflerhof bezog, einen «Verein zu christlicher Krankenpflege» gegründet, und dieser hatte etliche Töchter nach Ludwigsburg in Württemberg gesandt, wo Dr. August Hermann Werner sie in seinem Spital zu Krankenpflegerinnen ausbildete. Aber manche von ihnen hatten sich seither verheiratet, andere den Beruf gewechselt, nur wenige standen im Dienst des Bürgerspitals und für Privatpflegen waren keine zur Verfügung. Da mag sich Spittler an die Vorträge erinnert haben, die Pfarrer Franz Härter aus Straßburg und Pfarrer Theodor Fliedner aus Kaiserswerth schon 1842 in Basel über die von ihnen gegründeten Diakonissenhäuser gehalten hatten, und es reifte in ihm die überzeugung, «daß eine nur zeitweise Hingabe an diesen Beruf nicht genüge, sondern man vielmehr solchen Jungfrauen, die mit Lust und Liebe bereit sind, den Krankendienst als Lebensaufgabe zu ergreifen, ein Mutterhaus zu öffnen schuldig sei, ein Mutterhaus, darinnen sie jeder anderen Sorge überhoben, untereinander als Geschwister, gleich einem festen Orden zusammengeschlossen, arbeiten, ruhen und aus- und eingehen können wie Kinder des Hauses» (2).

Nach seiner Genesung ging Vater Spittler alsbald ans Werk. In Riehen hatte er im «Klösterli» sein Sommerhaus. Er wußte, daß Pfarrer Johannes Hoch, der seit 1838 in der vom Stadtarzt Felix Platter Ende des 16. Jahrhunderts erbauten «Heusler-Roberti'schen Liegenschaft» (Oberdorfstraße 20) ein Knabenpensionat geführt hatte, zunehmender Altersbeschwerden wegen dieses Haus verkaufen wollte. Spittler fand, es eigne sich zur Einrichtung des geplanten Diakonissenhauses und kaufte es für 14 000 Franken «alter Währung». Die zur Bezahlung notwendigen 21000 Franken «neuer Währung» wurden ihm von Frau Elisabeth Burckhardt-Vischer, der Gründerin des Basler Kinderspitals, zinslos vorgeschossen und später geschenkt unter der Bedingung, daß Diakonissen in ihrem Kinderspital dienen sollten. Angesehene Basler Herren waren bereit, dem leitenden Komitee anzugehören: der damalige Stadtratspräsident Hieronymus Bischoff-Respinger als Vorsitzender, Dr. Ehinger-Sarasin als Schreiber, Herr Bischoff-Ehinger als Kassier, Dr. Martin Burckhardt-His als Hausarzt, dazu der Dorfpfarrer von Riehen, Christoph Stähelin, und der Spitalpfarrer Huber. Am 19. Februar 1852 tagte dieses Komitee zum erstenmal. In den Statuten, die es bald herausgab, heißt es: «Die Diakonissenanstalt zu Riehen bei Basel hat den Zweck, Diakonissen, d. h. Dienerinnen Jesu Christi, in Werken der barmherzigen Liebe zu bilden. Evangelische Diakonissen aber suchen in ihrem Berufe nicht ihr eigenes Verdienst, sondern eine Gelegenheit, sich dem dankbar zu erweisen, der sie erlöset hat. — Die Diakonissenanstalt beschränkt sich bei der Bildung von Diakonissen zunächst auf den Beruf der Krankenpflege. — Im Diakonissenhaus ist eine mit der Anstalt verbundene Heilanstalt, welche den Diakonissen Gelegenheit darbietet, neben dem theoretischen Unterricht durch den Hausarzt sich in der praktischen Krankenpflege zu üben.» Man wollte vorderhand nur etwa ein Dutzend Frauen und Kinder zur Pflege aufnehmen und dabei «chronische, verwirrte und venerische Krankheiten ausschließen.» Eine Oberschwester für das neue Unternehmen wurde in der damals in ihrem 27. Jahr stehenden «Jungfer Trinette Bindschedlèr» in Hagen im Wiesental gefunden. Ihr aus Männedorf stammender Vater war dort Direktor einer Textilfabrik. Die Tochter erkannte in der ihr angetragenen Aufgabe einen Ruf Gottes, dem sie zu gehorchen bereit war. In den Diakonissenhäusern in Kaiserswerth am Rhein bei Düsseldorf und in Straßburg ließ sie sich in ihren künftigen Dienst einführen. Am 7. Oktober 1852 zog sie in das Haus in Riehen ein, in dem sie die zweite Hälfte ihres Lebens zubringen sollte. Mobiliar konnte vom bisherigen Knabeninstitut übernommen werden. Das Komitee hatte ein Dutzend eiserne Krankenbetten angeschafft, die Frauen der Komiteeherren das nötige Bettzeug, Wäsche, Geschirr besorgt. Auf einen Aufruf im «Christlichen Volksboten aus Basel» hin gingen Gaben in Natura und in Geld ein. Für die Kranken wurde der westliche Flügel eingerichtet, der bisher als Schulhaus gedient hatte, und jetzt die Nähstube des Mutterhauses enthält. Schon am 13. Oktober trat die erste Kranke ein mit einem bösen Auge, anfangs November eine Kleinkinderschullehrerin aus Grenzach, dann eine unheilbar kranke arme Wäscherin aus Basel und am 6. November die erste Riehenerin «mit amputiertem Bein, krankem Arm, ganz hilflos; daheim keine reinliche Pflege.» Zwei aus dem Schwabenland stammende Schwestern und eine junge Tochter, die vorher in Straßburg gedient hatte, standen Schwester Trinette zur Seite bei der Pflege dieser ersten Patienten. Den Haushalt besorgte etwa noch ein Jahr lang Frau Pfarrer Hoch-Stehlin, und ihr Gatte hielt jeden Morgen und jeden Abend eine Hausandacht und gab auch den Schwestern Bibelunterricht.

Am 11. November 1852, am Martinstag, war die feierliche Einweihung des Hauses im kleinen Kreis geladener Gäste. Der Präsident berichtete über die Absichten und Pläne der Gründer, Pfarrer Stähelin erbat den Segen Gottes über das ganze Werk und besonders über die Oberschwester, die in ihr Amt eingesetzt wurde; Pfarrer Härter aus Straßburg hielt die eindrückliche Festpredigt. Die ganze Feier stand unter dem Wort aus Hebräer 13, 8, das Wahlspruch des Hauses geblieben ist: «Jesus Christus gestern und heute derselbe und in Ewigkeit.»

So klein und bescheiden war der Anfang: ein Haus mit einer Oberschwester und drei Probeschwestern, einem Hausarzt und einigen wenigen Kranken. Im Lauf von 110 Jahren ist ein «Dorf der Barmherzigkeit» daraus geworden, in dem täglich über 600 Personen versorgt werden müssen. Wir skizzieren zunächst die Baugeschichte der Anstalt. (3) Schon bald beginnen die Klagen über Platzmangel. Zwar konnten nach dem Wegzug der Pfarrerfamilie Hoch auch im Haupthaus einige Zimmer für Kranke eingerichtet werden. Dr. Burckhardt hätte gerne ein Zimmer für Wöchnerinnen und Betten für Männer gehabt. Die Zahl der Pflegetage war von 3158 im ersten Jahr auf etwa 8000 gestiegen anno 1860. Das Komitee erwog Erweiterungspläne. Sie führten in den Kriegsjahren 1870/71 nach Plänen von Architekt Paul Reber zum Bau eines neuen Spitals. Es ist das in den letzten Jahren gründlich renovierte Haus Schützengasse 51, das als hervorragendes Beispiel der Architektur jener Zeit unter Denkmalschutz gestellt worden ist. Es enthielt 6 Krankensäle zu 5 und 14 Zimmer zu 1—2 Betten. In seinem Mittelpunkt stand die Kapelle der Anstalt. An den dort stattfindenden Gottesdiensten konnten auch die Patienten teilnehmen, indem ihre Betten in «Logen» geschoben werden konnten. Auch ein Speisesaal für die Schwestern war eingebaut. An die 281 000 Franken betragenden Baukosten wurden 105 000 Franken durch freiwillige Gaben, meist aus Basel, gedeckt. Da Dr. Burckhardt sein Domizil in der Stadt aufgeschlagen hatte, zog der spätere Professor Dr. L. G. Courvoisier als Hausarzt in das neue Spital.

Im obersten Stock dieses Krankenhauses wohnten anfangs noch Schwestern. Als die Zahl der Patienten neuerdings zunahm, wurde für sie 1888 ein eigenes Schwesternhaus gebaut (Schützengasse 49) und der obere Stock des Krankenhauses nun auch mit Kranken belegt.

Die neunziger Jahre brachten eine starke Vermehrung der Schwesternschaft. So konnte 1900 unter der energischen Führung des initiativen jungen Präsidenten Wilhelm Sarasin-Iselin ein vom damaligen Vorsteher, Pfarrer J. J. Kägi, längst gehegter Wunsch erfüllt werden: in der «Evangelischen Heilanstalt Sonnenhalde für nerven- und gemütskranke Frauen» wurde neben die staatlichen «Heil- und Pflegeanstalten» zum erstenmal in der Schweiz ein Haus gestellt, in dem evangelische Diakonie in Zusammenarbeit mit Arzt und Seelsorger den Gemütskranken zu dienen suchte. Das Land mußte aus vielen schmalen Streifen zusammengekauft werden. Die drei Villen für die Kranken wurden nach den drei Hügeln in der Umgebung Basels «Chrischona-, Margarethen- und Ottilienhaus» genannt. Daneben gab es noch ein ökonomiegebäude und ein Doktorhaus, in das als erster Arzt der Basler Dr. Gottlieb Burckhardt-Heusler einzog. Auch diesmal gingen wieder etwa 100 000 Franken an Liebesgaben ein. Zur Deckung der Bau- und Mobiliarkosten mußte aber eine Anleihe von 420 000 Franken aufgenommen werden. Wenige Riehener werden sich noch erinnern, daß da, wo jetzt ein Park mit herrlichen Bäumen den Patientinnen Gelegenheit zu Spaziergängen bietet, einst Acker- und Rebland war.

Unterdessen war auch das Krankenhaus wieder «veraltet». Seine hygienischen Einrichtungen genügten den Anforderungen nicht mehr — immer wieder hatte man mit Typhusepidemien zu tun! — Auch der eingebaute Operationssaal entsprach nicht mehr den Fortschritten der Chirurgie. Nach langen und schweren Beratungen — die so bedeutende Männer wie Dr. H. Christ-Socin und Th. Sarasin-Bischof zum Austritt aus dem Komitee veranlaßten! — wurde der Bau eines neuen Krankenhauses beschlossen. Es wurde in den Jahren 1904—1907 nach Plänen von Architekt Eduard Vischer erbaut und galt damals als Muster eines kleineren Krankenhauses mit etwa 100 Betten. An die auf 700 000 Franken veranschlagten Kosten wurden Gaben von über 200 000 Franken beigetragen. Als Hausarzt amtete damals Dr. Emmanuel Veillon-Stükkelberg, der 1903 als Nachfolger von Dr. F. Gutknecht und Dr. L. Rütimeyer gewählt worden war. Daß er neben seinem Dienst im Spital auch noch eine große Privatpraxis bewältigen konnte, ist uns heute kaum mehr verständlich. Dr. Veillon hat sich im Lauf der Jahre große Erfahrung und Geschicklichkeit in der Operation des Kropfes erworben, so daß Patienten von weither bei ihm Hilfe suchten und sogar gelegentlich Briefe kamen mit der Adresse: «An das Kropfspital in Riehen».

Das bisherige Krankenhaus wurde dann nach Einweihung und Bezug des neuen zum «Mutterhaus», d. h. zur Wohnung der Diakonissen, umgebaut, und das bisherige Schwesternhaus wurde das Heim der alten Feierabendschwestern, für die zu sorgen ja von jeher liebe Pflicht der Anstalt war.

Schon damals zeigte es sich, daß immer wieder Spitalbetten, die für Akutkranke zur Verfügung stehen sollten, durch Chronischkranke oft während Wochen und Monaten belegt waren. Es waren die Riehener Diakonissen selber, die Mittel für ein Haus für Chrorvischkranke zu sammeln begannen. Sein Bau — diesmal nach Plänen der Architektenfirma Burckhardt Wenk & Cie. — wurde durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges verzögert und mußte dann in einer der schwierigsten Epochen des Baugewerbes nach dem Kriege ausgeführt werden. 1919 konnte unter dem Namen «Moosrain» das am Chrischonaweg gelegene Pflegeheim für Alte und Chronischkranke eingeweiht werden. Um dieses Werk haben sich vor allem der damalige Kassier der Diakonissenanstalt, G. Gengenbach-Gysin, und der Vorsteher, Pfarrer August Schultze, verdient gemacht. Es bietet 50-60 Pflegebedürftigen Unterkunft.

In den zwanziger Jahren nahm die Zahl der alten, kranken, invaliden Diakonissen so sehr zu — das Haus war ja nun auch 70 Jahre alt geworden! — daß an den Bau eines zweiten Feierabendhauses für die Schwestern gedacht werden mußte. Unter dem Präsidium von Dr. Heinrich Iselin — dem späteren Armeekorpskommandanten — und den Pfarrern Fritz Hoch und Rudolf Stückelberger wurde dieses zweite Schwesternheim von der Firma Burckhardt Wenk & Cie. erbaut und 1932 eingeweiht. Es bietet 50—60 alten Schwestern in schönen Einzelzimmern Unterkunft. Im Souterrain dieses Hauses wurde auch eine den wachsenden Bedürfnissen entsprechende neue Küche eingerichtet.

Im Lauf der Jahre waren auch noch einige weitere Liegenschaften in den Besitz der Anstalt gekommen: 1894 das einstige Sommerhaus Chr. Fr. Spittlers, das «Klösterli» bei der Dorfkirche, das 20 Frauen als Altersheim dient; 1896 das Ferienheim Kilchzimmer bei Langenbruck im Basler Jura, in dem viele Schwestern, Rekonvaleszenten und Ruhebedürftige in stiller, herrlicher Landschaft neue Kräfte schöpfen durften; 1918 ebenfalls als Ferienhaus der Diakonissen das «Taubenhaus» in Adelboden. 1928 übernahm die Diakonissenanstalt, etwa zum halben Preis des Verkehrswertes, das Landgut des «Volksboten» Th. Sarasin-Bischoff von dessen Erben. Das alte Herrschaftshaus wurde als «Damenstift» eingerichtet, das Häuschen an der Baslerstraße als «Kinderheim». Da es mit der Zeit allzu baufällig und lärmig wurde, wurde das Kinderheim ins «Schlößli» nach Benken im Baselbiet verlegt (1956). Der Park mit seinen alten Bäumen dient seither Schwestern und Kranken als Erholungsort; er ist als Baulandreserve für künftige bauliche Entwicklungen gedacht.

Etwa seit 1934 mußte sich das Komitee neuerdings mit der Frage beschäftigen, wie das Krankenhaus den modernen Entwicklungen der Medizin wieder angepaßt werden könnte: es fehlten genügende Räume für das Röntgenkabinett, das Laboratorium, die physikalische Therapie, die Verwaltung und die ärzte. Schon damals wurde die Frage erwogen, ob nicht ein Neubau im Sarasin'schen Park gewagt werden solle. Nach reiflichen überlegungen wurde aber beschlossen, die vorliegenden Probleme durch einen Anbau an der Schützengasse zu lösen. Er wurde nach Plänen der Architekten E. und P. Vischer erstellt. Zugleich mußte auch für die Wäscherei, Glätterei und Näherei der ganzen Anstalt ein neues «ökonomiegebäude» an der Ecke Oberdorfstraße/ Schützengasse erbaut werden. An die Baukosten, die diesmal 2 Millionen überstiegen, erhielt das Diakonissenhaus Subventionen vom Bundeskredit für Arbeitsbeschaffung, vom Basler Arbeitsrappen und vom Kanton Basel-Stadt (speziell für eine Luftschutzsanitätsstation) im Gesamtbetrag von ca. 665 000 Franken. Etwa 300 000 Franken konnten aus Gaben und Legaten und eigenen Mitteln gedeckt werden. Für den noch großen Rest mußte eine Obligationenanleihe erhoben werden, die in den Kriegs- und Nachkriegsjahren als schwere Schuldenlast auf der Anstalt lag. — In dem erweiterten Spital amtete noch einige Jahre Dr. E. Veillon mit seinen Freunden Dr. Achilles Müller und Dr. J. Karcher, der die seit 1933 bestehende medizinische Abteilung leitete. Seit 1943 traten an ihre Stelle die Herren Dr. C. F. Geigy als chirurgischer Chefarzt, Dr. A. Stähelin als chirurgischer Oberarzt und Dr. A. E. Vischer als medizinischer Chefarzt.

Seit 1938 werden in der «Marthaschule» jährlich etwa 30 junge Mädchen praktisch und theoretisch in die Aufgaben des Haushalts und des christlichen Lebens eingeführt. Für sie wurde das «Heimetli» an der Oberdorfstraße 24 ausgebaut.

Die Ausbildung der Diakonissen
Der Riehener Bevölkerung war von allen diesen Häusern das Spital aus begreiflichen Gründen immer am besten bekannt: hier wußte sie ihre Kranken in treuer ärztlicher und schwesterlicher Pflege. So heißt denn von jeher die ganze Anstalt in Riehen «das Spital». Auf den ursprünglichen Sinn und Zweck des ganzen Diakonissenwerkes gesehen, dienen alle diese Häuser der praktischen Ausbildung der Diakonissen in der Pflege der leiblich und seelisch Kranken, der Alten und der Kinder. Von Anfang an war das Komitee sich dessen bewußt, daß zu dieser Ausbildung auch theoretischer Unterricht nötig sei. Zu einer Zeit, da es in der deutschen Schweiz noch nirgends eine Krankenpflegeschule gab, unterrichtete Dr. Burckhardt seine jungen Schwestern in seinem eigenen Hause in Anatomie, im Spital selber in Krankheits- und Verbandlehre; er gab ihnen Anschauungsunterricht bei Sektionen und bei Operationen. Dazu wurde auch der Oberlehrer von Riehen beauftragt, sie im Singen, in den Elementarfächern und in den Realien zu unterrichten. Zumal bei Töchtern, die vom Lande kamen, stand es mit der Schulbildung manchmal nicht eben gut. Und Unterricht in Bibelkunde, Glaubenslehre, Kirchengeschichte gab in den ersten Jahren der Riehener Dorfpfarrer, später Pfr. Samuel Barth aus Basel, und seit 1875 übernahmen die Pfarrer, die im Dienst des Hauses standen, diese Aufgaben. Gewiß blieb dafür manchmal wenig Zeit, weil der Dienst an den Kranken alle Kräfte beanspruchte. Aber immer wieder wurden Wege gesucht, wie dieser Unterricht besser ausgestaltet werden könne. In den Kliniken von Basel und Bern hatten Riehener Diakonissen durch Jahrzehnte hindurch Gelegenheit, sich als Gehilfinnen hervorragender Professoren der Medizin weiterzubilden. Als dann seit 1900 die freien Krankenpflegeschulen in der Schweiz entstanden — der Lindenhof in Bern, die Pflegerinnenschule in Zürich — brachten diese neue, gute Anregungen zum Ausbau des Schwesternunterrichts. Unter ihrem Einfluß wurden seit etwa 1920 für die jungen Schwestern eigentliche Kurse eingeführt, während denen sie von der praktischen Arbeit völlig befreit, sich ganz dem Lernen widmen konnten. Unter Dr. E. Veillon, der ein begnadeter Lehrer war, der viel Anschauungsmaterial für die Riehener Krankenpflegeschule anschaffte und dem es ganz besonders am Herzen lag, die jungen Schwestern zum selbständigen Denken zu erziehen, wurde ein zunächst internes Examen eingeführt, zu dem etwa der Basler Physikus eingeladen wurde. Seit 1940 gehört die Riehener Krankenpflegeschule zu den vom Schweizerischen Roten Kreuz anerkannten Schulen und hält sich an die von diesem aufgestellten Normen für den Unterricht; am Krankenpflegeexamen nehmen jeweils vom Roten Kreuz bestimmte Experten teil. Schon in den ersten Jahren nach der Gründung kamen hie und da auch Töchter, die sich eine Zeitlang in der Krankenpflege umsehen und ausbilden lassen wollten. In den letzten Jahrzehnten wurden mehr und mehr solche «freie Schülerinnen» aufgenommen, so daß sich ein besonderer «Verband freier Riehener Schwestern» bildete. Während die Diakonissen in steter Verbindung mit dem Mutterhaus bleiben und von ihm aus ihre Arbeit zugewiesen bekommen, können die «freien Schwestern» ihren Arbeitsplatz selber suchen. Im April beginnt jeweils ein neuer Krankenpflegekurs, der drei Jahre dauert. In den letzten Jahren sind es 15—20 Schülerinnen, die daran teilnehmen, darunter 2—3 aus dem benachbarten Diakonissenhaus St. Chrischona. Seit kurzem haben die Schülerinnen im «Park» in zwei Pavillons eine moderne, schöne Unterkunft mit Zweierzimmern.

Auch die «Sonnenhalde» wurde gegründet, um Diakonissen in der Pflege der Nerven- und Gemütskranken ausbilden zu können. Auch hier wurde von jeher durch die ärzte, die Herren Dr. C. Bach, Dr. E. Sikemeier und ihre Assistenten und wird noch heute durch Dr. D. Preiswerk den Schwestern theoretischer Unterricht erteilt. Es sind meist nur wenige Schülerinnen. Sie legen ihr Examen vor den von der Psychiatrischen Gesellschaft ernannten Experten ab. Das entsprechende Diplom haben im Lauf der Jahre eine ganze Reihe Riehener Diakonissen erworben, dazu auch freie Schülerinnen.

Eine eigene Ausbildungsstätte für Kinderpflege besitzt das Riehener Mutterhaus nicht. Doch stand früher während Jahren die Hebammenschule des Basler Frauenspitals und die Schule für Kinder- und Säuglingspflege des Basler Kinderspitals unter der Leitung von Riehener Diakonissen. Noch heute bilden Riehener Diakonissen im «Mütter- und Säuglingsheim Pilgerbrunnen in Zürich» junge Mädchen in der Wochen- und Säuglingspflege in evangelischem Geiste aus.

Neuerdings ist im Pflegeheim Moosrain eine Schule für Alterspflegerinnen eröffnet worden. Die Ausbildung zu diesem heute sehr notwendigen Beruf dauert V/2 Jahre und stellt wohl an das theoretische Wissen geringere Anforderungen als die Krankenpflegeschule, aber an die Hingabe, Geduld und Ausdauer der Pflegerinnen große Ansprüche. Diese Alterspflegerinnen tragen eine vom «Roten Kreuz» eingeführte schmucke Tracht mit blauem Häubchen.

Zu allen diesen Pflegeberufen an körperlich und seelisch Kranken, an Alten und Kindern gehört aber nicht nur theoretisches Wissen und praktisches Können, sondern auch eine innere Ausrüstung mit Gaben der Liebe, der Geduld, des Umgangs mit Menschen, der Fähigkeit zu seelsorgerlicher Hilfe. Es ist die überzeugung aller evangelischen Diakonie, daß solche Kräfte aus dem Evangelium von Jesus Christus fließen. Darum wird im Diakonissenhaus der Tag mit einer kurzen Sammlung um Gottes Wort im Lobgesang und im Gebet begonnen und beschlossen. Darum werden auch in der neuen Kapelle, die als Ort stiller Sammlung von Architekt Steiger aus St. Gallen gestaltet worden ist, Sonntagsgottesdienste gehalten für die Hausgemeinde und die Kranken, die durch eine Höranlage daran teilnehmen können. Die besondere Erziehungsaufgabe an den Diakonissen liegt vor allem in den Händen der Oberschwester und ihrer Gehilfinnen. Auf Schwester Trinette Bindschedler, die mit großer Demut und ganzer Hingabe den Grund gelegt hatte, folgte die Schaffhauserin Hanna Kirchhofer, dann einige Jahre die aus der Schwesternschaft selber hervorgegangene Diakonisse Bertha Bauer, dann die sicher auch manchen Riehenern noch in guter Erinnerung stehende Pfarrwitwe Helene Claus-Auberlen, die bis ins hohe Alter ihren Schwestern eine treue, liebende, feinsinnige Mutter war, und nun seit 1935 die frühere Lindenhofschwester Marguerite van Vloten, die aus innerster überzeugung die Grundsätze der Mutterhausdiakonie ihren Schwestern weitergibt. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Diakonisse Hanna Flury als «Probemeisterin» die jungen Schwestern erzogen, und als stellvertretende Oberschwester und als Feierabendschwester ihren Mitschwestern durch Wort und Tat den rechten Weg gewiesen.

In den 111 Jahren seit der Gründung des Hauses sind 1620 Schwestern eingetreten; sie kamen aus fast allen Kantonen der Schweiz, aus dem benachbarten Wiesental, aus Basel selber und einige wenige auch aus Riehen. 560 sind als Diakonissen gestorben, die meisten von ihnen fanden auf dem Riehener Gottesacker ihre letzte Ruhestätte. Manche sind im Lauf der Jahre aus den verschiedensten Gründen wieder ausgetreten. 1942 erreichte die Zahl der zum Haus gehörenden Schwestern beinahe die Zahl von 600. Seither sind aber die Eintritte junger Töchter stark zurückgegangen. Die Zahl der Schwestern hat abgenommen. Sie beträgt heute nur noch 455, und von diesen sind über 100 im Feierabend, krank oder beurlaubt.

Die Stationen des Diakonissenhauses
Von Anfang an war vorgesehen, daß die Diakonissen in Spitäler und Anstalten aller Art ausgesandt werden sollten. In den ersten Jahren waren sie vor allem als Privatpflegerinnen in Familien Basels und Umgebung, aber auch in der ganzen Schweiz und selbst im Ausland begehrt. Dann fanden sie Arbeit im Basler Bürgerspital, im Kinderspital und später auch im Frauenspital, in Bern im Burger-, Insel- und Jenner-Kinderspital, in Schaffhausen im städtischen und später kantonalen Spital, wie auch im Kinderspital und verschiedenen Altersheimen, im Thurgau im Kantonsspital in Münsterlingen. Bald meldeten sich auch die Bezirks- und Gemeindespitäler, wie Burgdorf, Langnau, Sumiswald, Münsingen und Wattenwil im Kanton Bern, das Kinderspital Brugg im Aargau, Heiden, Trogen, Teufen im Appenzellerland, Grabs im Kanton St. Gallen. Auch im Kampf gegen die Tuberkulose beteiligten sich die Riehener Diakonissen in der Basler Heilstätte in Davos und im Sanatorium Erzenberg in Langenbruck. Seit 1856 dienten immer 2—3 Riehener Diakonissen den Gefangenen in der Basler Strafanstalt als Wärterinnen auf der Frauenabteilung, als Pflegerinnen der Kranken, als Führerinnen des Haushalts. Neuerdings stehen sie mit Diakonissen aus Bern und Bethanien-Zürich zusammen in dem neuerstellten Frauengefängnis in Hindelbank im Kanton Bern. Auch in der Fürsorge- und Erziehungsarbeit an der gefährdeten, verwahrlosten weiblichen Jugend betätigten sie sich im Asyl am Nonnenweg (später an der Engelgasse) in Basel und im Pilgerbrunnen in Zürich sowie einige Jahre an der Mitternachtsmission in Basel. Den unehelichen Müttern und ihren Kindlein dienen sie im Mütter- und Säuglingsheim Bethesda in Basel und im Pilgerbrunnen in Zürich, den gesunden Kindern in verschiedenen Kinderkrippen in Basel, früher auch in Schaffhausen, Neuhausen und Burgdorf. Während vieler Jahre führten auch Riehener Diakonissen den Kindergarten in Riehen, der ursprünglich seine Unterkunft in der Liegenschaft des Herrn Bischoff-Respinger gefunden hatte. Zurzeit ist eine Riehener Diakonisse Leiterin des evangelischen Kindergärtnerinnenseminars in Bern. Schon früh fanden sie auch Aufgaben in den Kirchgemeinden von Basel als Gemeindeschwestern, auch in Riehen selber, und mit der Zeit fanden Riehener Diakonissen als Gemeindeschwestern Eingang in Gemeinden des Baselbietes, des Aargaus, der Kantone Bern, Schaffhausen, Thurgau, St. Gallen, Appenzell, gelegentlich auch Zürich, sogar bis nach Lugano. Auch in der welschen Schweiz waren früher Riehener Schwestern in verschiedenen Aufgaben tätig, zuletzt noch in La Chaux-de-Fonds in der Gemeindepflege und neuerdings wieder in der evangelischen Heimstätte «Righi vaudois» in Glion bei Montreux. Auch in der badischen Nachbarschaft in Lörrach gab es zeitenweise «Stationen» des Riehener Mutterhauses, und seit 1890 ist auch Neapel ihr Tätigkeitsfeld: die evangelische Gemeinde von Neapel und die dortige Schweizer Kolonie begehrten ihre Hilfe für das Home für stellensuchende Mädchen, alleinstehende und durchreisende Frauen am Arco Mirelli, für das evangelische Spital und die Gemeindepflege. In den letzten Jahrzehnten standen auch immer etwa 2 Riehener Diakonissen im Dienst der Basler Mission in Spitälern in Indien und Ghana. Und je und je wurden Schwestern mit besonderen Gaben auch besondere Aufgaben anvertraut, so z. B. die Fürsorge für Alkoholkranke, für Taubstumme in Basel und ähnliches. Die drei ersten Oberschwestern des Zürcher Diakonissenhauses Neumünster stammten aus dem Riehener Diakonissenhaus, und in den letzten Jahren übernahm eine Schwester aus Riehen das Amt der Oberin im elsässischen Diakonissenhaus Neuenberg in Ingwiller. überall, wo diese Diakonissen hinkamen, wurde auch der Name des Dorfes Riehen bekannt als des Sitzes ihres Mutterhauses, ihrer Schwesternheimat. Das Merkmal der Diakonissen war von jeher ihre Tracht, an der im Lauf der Jahre nur wenig geändert wurde. Sie ist das Zeichen der steten Dienstbereitschaft. Ob eine Riehener Schwester bald nach dem Krieg zwischen Rom und Neapel freudig von deutschen Soldaten begrüßt wurde oder ob eine andere in Hamburg in allerlei Aufträgen durch einen Diakonen willkommene Hilfe erfuhr, ob eine alte Schwester auf einem einsamen Spazierweg an einem Kurort von einem Herrn ohne Arm gebeten wurde, sie möchte ihm doch seine Zigarre anzünden, immer war es die Tracht, an der die Diakonisse erkannt wurde und die Vertrauen für sie warb.

Der Rückgang der Eintritte junger Diakonissen, das vermehrte Bedürfnis nach Schwestern zwang das Mutterhaus besonders in den letzten 20 Jahren seine Schwestern aus vielen Stationen zurückzuziehen. Landspitäler, die einst zur Zeit ihrer Gründung mit 2-3 Schwestern hatten versorgt werden können, brauchten jetzt 20-30 Schwestern infolge von Neubauten und der ganzen Entwicklung des modernen Spitalwesens. Da war das Mutterhaus froh, wenn jüngere Diakonissenhäuser oder auch freie Schwesternverbände ihm seit Jahren übertragene Aufgaben abnehmen konnten. Es gab da manch schmerzliches Abschiednehmen von liebgewordenen Aufgaben. Auch manche Gemeindepflegen können nicht mehr besetzt werden, wenn eine Schwester wegen Krankheit oder Alter zurücktreten muß.

Zukunftsfragen
Und heute steht die Leitung der Anstalt bereits vor der Frage, ob wegen der immer mehr zurückgehenden Zahl der arbeitsfähigen Diakonissen auch die Arbeit in den eigenen Häusern in Riehen reduziert werden muß. Der neue Präsident des Komitees, Dr. Alfons BurckhardtHis, und der derzeitige Vorsteher, Pfarrer Hans Pachlatko, haben am Jahresfest 1962 (4) die Gründe dargelegt, weshalb das Diakonissenhaus sein seit 110 Jahren geführtes Krankenhaus in den kommenden Jahren in ein Pflegeheim für Chronischkranke wird umwandeln und vielleicht auch noch andere Arbeitszweige wird aufgeben müssen, z. B. das Altersheim Klösterli. Das Diakonissenhaus wird weiter bestehen, auch seine Krankenpflegeschule wird es weiter führen können. Aber die Gemeinde Riehen verliert ihr Spital für Akutkranke, falls sie nicht selber für Ersatz sorgen will. Sollte es so unmöglich sein, daß die wachsende Gemeinde Riehen mit ihren guten Steuereinnahmen die Aufgabe lösen kann, die die kleine Schar der Diakonissen mit ihrem Freundeskreis durch mehr als ein Jahrhundert hindurch auf sich genommen hat? Die Gemeinde Riehen hat, ohne daß es sie etwas kostete, durch Jahrzehnte hindurch ein gutgeführtes Spital in ihrer Mitte benützen können! Vermag sie nun nicht selber dafür zu sorgen, daß sie auch in Zukunft im Genuß eines eigenen Krankenhauses für ihre Patienten bleiben kann? (5) Seit 1861 gehört das Diakonissenhaus Riehen der sogenannten «Kaiserswerther Generalkonferenz» an, in der sich viele Diakonissenmutterhäuser aus Deutschland, Frankreich, der Schweiz, österreich, Finnland, Schweden, USA, Brasilien, neuerdings auch Indien und Japan zusammengeschlossen haben. Früher gehörten ihr auch noch Anstalten in Dänemark, Norwegen, Holland, Polen, selbst Rußland und Ungarn an. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand auch ein «ökumenischer Bund von Diakonissengemeinschaften», genannt «Diakonia», dem auch Diakonissen aus England und Australien angehören. In beiden Verbänden haben sich Vorsteher und Oberschwestern aus Riehen eifrig beteiligt. In allen diesen über die ganze Welt zerstreuten Diakonissenhäusern ist der Name Riehen bekannt geworden durch sein Mutterhaus. So kommt es, daß der deutsche Dichter Wilhelm Raabe in einer seiner Novellen von einer dienstbereiten Schwester schreibt, sie sei wohl von Kaiserswerth, Berlin oder — Riehen gekommen! (6) Gebe Gott, daß das Diakonissenhaus in Riehen seinen Dienst zum Heil vieler Kranker und zur Ehre Gottes durch neu eintretende Schwestern auch in Zukunft weiterhin ausrichten darf!

Anmerkungen 1) Siehe das Bildnis von Chr. Fr. Spittler in «z'Rieche» 1962, Seite 17.

2) Aus einer handschriftlichen Geschichte der Gründung des Diakonissenhauses Riehen von unbekanntem, aber jedenfalls Spittler nahestehenden Verfasser im Nachlaß von Spittler. — Zum ganzen ersten Abschnitt vgl. Artikelserie «Vor 100 Jahren» im «Diakonissenboten aus Riehen», Jahrgang 1942.

3) über die Geschichte der Diakonissenanstalt in Riehen orientieren die drei Jubiläumsschriften : Eben-Ezer. Das Diakonissenhaus Riehen 1852—1902, aufgezeichnet von J. J. Kägi, Pfarrer.

Ein neues «Eben-Ezer, 1852—1927 geschildert von Pfarrer Karl Stückelberger. Hundert Jahre Diakonissenanstalt Riehen 1852—1952, aus Dokumenten der Gründungszeit, Beiträgen von Schwestern und Mitarbeitern des Werkes in der Gegenwart, zusammengestellt von Fritz Hoch.

Die 3 Schriften sind bei der Verwaltung der Diakonissenanstalt, soweit der Vorrat reicht, zu beziehen.

4) Siehe Jahresbericht über das Jahr 1962, zu beziehen beim Diakonissenhaus.

5) Ein sehr erfreulicher Anfang ist gemacht worden durch den Beschluß des Weiteren Gemeinderates von Riehen, dem Diakonissenspital Fr. 100 000 — an sein Betriebsdefizit von 1962 zu spenden.

6) In der Novelle «Ungebetene Gäste» von Wilhelm Raabe.

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