1963

Der Neuanfang der katholischen Gemeinde in Riehen

Hans Metzger

Riehen war mit der Stadt Basel, der es zu eigen gehörte, evangelisch geworden. In den darauffolgenden zwei Jahrhunderten werden keine Katholiken hier gewohnt haben und wenn doch, so nur höchst sporadisch und unter Aufgabe ihrer katholischen Glaubens-Praxis. Mit der Zeit lockerte sich dann die konfessionelle Abschirmung. Da und dort tauchte ein katholischer Bauernknecht oder eine katholische Hausmagd auf. Sie werden zumeist aus dem naheliegenden vorderösterreichischen Gebiet gekommen sein, etwa von Wyhlen, Inzlingen und Stetten.

Mit 1798 hob in der Schweiz das Zeitalter der Glaubensfreiheit an, und als dann noch das Prinzip der Niederlassungsfreiheit innerhalb der Eidgenossenschaft sich durchsetzte, war damit der Prozeß der konfessionellen Vermischung eingeleitet, dessen bisher höchsten Stand wir jetzt nach dem Zweiten Weltkrieg erleben.

Es lag in der Natur der Sache, daß die allmählich in Riehen auftauchenden Katholiken den sozial unteren Schichten angehörten und noch auf lange hinaus hier keinen Grund und Boden besaßen. Da seit 1798 in Basel eine Römisch-Katholische Gemeinde bestand, der die Regierung dann die alte Klosterkirche von St. Clara zur Verfügung stellte, war — wenigstens theoretisch — auch für die Katholiken in Riehen die Möglichkeit gegeben, dort die Gottesdienste mitzufeiern und die Sakramente zu empfangen. Der Weg war aber gar weit, und so werden sie die Kirche von Stetten vorgezogen haben.

Mit der Zeit jedoch gab es in Riehen auch katholische Familien, und damit wurde die Frage des Religionsunterrichtes für die Kinder akut. Zu einer nicht feststellbaren Zeit schickte der Pfarrer von St. Clara zu Basel einen seiner Vikare nach Riehen, um hier in der Wohnung des katholischen Bahnhofvorstandes Religionsunterricht zu erteilen. Es wird erzählt, daß er dort den Kindern auch die Beichte abnahm, wobei diese in der Stube sich vorbereiteten und — um des Beichtgeheimnisses willen — der Beichtvater im Schlafzimmer das Bekenntnis ihrer Sünden entgegennahm. Die Frau Vorstand soll auf diese Gelegenheit hin jeweils viele «Gutzi» gebacken haben, um den Kleinen die Religion zu versüßen.

Was aber noch immer nicht gelöst war, war die Frage des sonntäglichen Gottesdienstes. Als der Riehener Gottesacker von der Mohrhaldenstraße an den heutigen Friedhofweg an der Bahnlinie nach Stetten verlegt wurde, ergab sich eine reale Möglichkeit, die frei werdende Friedhofkapelle für den katholischen Gottesdienst benützen zu können. (Es handelt sich beim aufgegebenen Friedhof um die heutige Parkanlage an der Mohrhalde, deren Kapelle durch Ausbrechen der einen Längswand und Ausschmücken mit Bildern von Willy Wenk den Charakter einer Ehrenhalle erhalten hat.) Ein paar besorgte Familienväter taten sich zusammen zu einer «Kirchenkommission» mit dem Zweck, eine regelmäßige Gottesdienstgelegenheit für die Katholiken von Riehen zu schaffen.

An diesem Punkt setzen die Protokolle der neuen katholischen Gemeinschaft von Riehen ein, die wir hier veröffentlichen. Wir lassen dabei die ganze Holprigkeit in der Ausdrucksweise und die vielen Fehler in der Rechtschreibung stehen, weil gerade sie in einer rührenden Art zeigen, wie die ganz schlichten Leute es waren, welche die Grundlage des heute wieder blühenden katholischen Lebens in Riehen schufen. Der öfters erwähnte Geistliche, Alois Lötscher, Vikar zu St. Clara, war später jahrzehntelang Pfarrer und Dekan in der thurgauischen Hauptstadt Frauenfeld, die ihn zu ihrem Ehrenbürger ernannte; er kehrte später nach Basel zurück als Pfarrer der St. Marienkirche und Dekan des Priesterkapitels Basel-Stadt; er ruht auf dem Gottesacker am Hörnli (also wieder auf Riehener Boden) im Priestergrab der RömischKatholischen Gemeinde Basel. In Frauenfeld ging der jetzige katholische Pfarrer von Riehen zu ihm in den Religionsunterricht; er erinnert sich noch heute an einen alten Klappstuhl im Gang des Frauenfelder Pfarrhauses, den laut Protokoll die Riehener Katholiken ihrem ersten Seelsorger bei seinem Abschied von Basel verehrt hatten.

1898 Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, amen.

Schon seit längerer Zeit machte sich in Riehen unter den hiesigen Katholicken das Bedürfnihs nach einer Kirche, wenn vorläufig auch nur Kappelle, fühlbar. Es ist schon seit Jahren daran gearbeitet worden, um zu einer Erreichung einer solchen, immer aber wieder zerfielen die ersten Fundamentesteine, die dazu gelegt wurden.

Nun haben sich am 9. September des Jahres 1898 eine Anzahl Männer, alles gute Katholicken, Abends um 8 1/2 Uhr präzis, in einem Nebenzimmer des Gasthauses zum Ochsen in Riehen, zusammengefunden, und haben in guter Treue gerathen und gesprochen, wie mann zu einer Kirche oder Kappelle kommen könne.

Diese Zusammenkunft der Männer wurde Kommission genannt. Römisch-Katholische Kirchenbau-Kommission Riehen. Dies geschah in Gottes heiligem Willen und Lenkung seiner Allmacht. Diese Kommission bestand aus folgenden Männern:
1. Herrn Alois Loetscher, röm. Kath. Vickar in Basel, welcher liebe und gute Herr, den Kath. Knaben und Mädchen Unterricht in der reformierten Gemeinde Riehen leitete. Dieser gute und fromme Herr übernahm in sehr zuvorkommender und verdankungswerther Weise die Präsidenten Stelle und war auch zugleich Kassier.

Die Andern Mittglieder waren folgende Männer: Herren:
2. „ Palatini-Böhler, Luigi, aus Italien, Spezierer und Erdbauunter nehmer, sowie auch Baumeister!

3. „ Bolzfieler Jakob, geb. 1864 Landwirth in Riehen wohnhaft.

4. „ Stationsvorstand Eisinger aus dem Badischen.

5. „ Kaiser-Hodapp Malermeister aus dem Schwarzwald auch in Riehen wohnhaft.

6. „ Landjäger: Gottlieb Pfäfferli-Schaltenbrand von Wangen b. öl ten Kt. Solothurn geb. am 6 August 1863 und wohnhaft in Riehen.

7. Herrn Landjäger Jacob Vogel aus dem Thurgau, geb. 1857.

In der Sitzung waren folgende Männer anwesend: 9 September 1898. Herrn Vickar Alois Loetscher „ Palatini, Luigi „ Polzm. Pfäfferli „ Kaiser, Malerm. „ Bolzfieler Jakob „ Eisinger verreist „ Vogel Nachtdienst Herr Loetscher Alois Vickar u. Priester sowie Gotti. Pfäfferli Landjäger und Jakob Bolzfieler Landwirth waren ehemalige Schüler der röm. Kath. Knabenschule in Basel. 1870 bis 1878.

In der Sitzung vom 9 September 1898 wurde folgende Tracktanten besprochen: Wahl der Mitglieder des Präsitenden des Kahsiers und Acktuars.

Die Sitzung hat folgendes beschlossen: Herrn Alois Loetscher als Präsitend und Kassier. Gottlieb Pfäfferli Polizeimann als Acktuar.

Da sich nun in der gleichen Zeit, in welcher wir um ein Gotteshaus umschauen in Riehen das Bedürfnihs geldent macht einen neuen Gottes-Acker anzulegen, so war denn Letzteres vom hohen Reg. Rath in Basel beschlossene Sache.

Dieser neue Gottes-Acker welcher in der Richtung nach Stetten, nahe der Landes-Grenze, neben der Bahnlienie zu liegen kam, wird wahrscheinlich bis Ende Ocktober 1898 fertig sein. (Nachtrag von anderer Hand: Bis Anfang Februar 1899 fertig erstellt).

Da kam mir denn der Gedanken daß die alte reformirte Kappelle auf dem alten reformirten Gottesacker, für uns gut wäre vorläufig.

Malermeister Kaiser war auch der gleichen Meinung, und so wurde denn dieses dem verehrten Herrn Vikar und Priester Alois Loetscher mitgetheilt, welcher unsere Ansicht theilte. Es wurde nun von der Hohen röm. Kath. Geistlichkeit in Basel, ein Gesuch an den Hohen Reg. Rath in Basel geschrieben, welches die frohe Mitheilung machte, dahs die genannte Kappelle uns vorläufig zur Verfügung stünde, und Sie uns nach Kräften unterstützen wolle.

Diese frohe Botschaft wurde von Herrn Alois Loetscher Vikar und Priester, schon in unserer ersten Sitzung mitgebracht und verlesen, was zu unserem großen Erstaunen sehr begrüßt und bereitwillig angenommen wurde.

Ferner wurde in dieser Sitzung noch besprochen und berathen wie wir zu einer Kirche oder Kappelle kommen könnten etc.

Herrn Palatini Luigi erbot sehr bereitwilligst schon für 1000 franken Baukredit, was von den übrigen Mitglieder unter größten Verdankung angenommen wurde.

Herrn Alois Loetscher Vickar und Priester glaubte damals, daß wir schon Ende Ocktober 1898 die erste Mehse abhalten könnten.

Diese erste Sitzung welche am preitag am 9 Sept. 1898 Abends um 8 1/2 Uhr präzis, im Gasthaus zum Ochsen, im Nebenzimmer rechts vom Eingänge, in der linken vordem Ecke dem Brunnen zu, hinter verschlosenen Fensterläden geheim, abgehalten wurde, endete um IO 3/4 Uhr gleichen Abends.

Der Gasthofwirth hieß Johann Hess-Stump war vorher Engelwirth in Basel.

Herr Alois Loetscher weil in Basel wohnhaft, gieng um 10.25 mit dem Eisenbahnzug der Wiesenthalbahn, in Gottesnamen nach Hause, sowie die Andern Kommissions-Mitglieder um 10 3/4 Uhr.

Zweite Sitzung Februar 17. 1899 Freitag Abends um 8 Uhr wurde im Gasthof zum Röhsli in Riehen die 2te Sitzung abgehalten.

Anwesend waren sämmtliche Mitglieder, nebst Herrn Felder Landwirth und Milchhändler in Riehen.

Herr Vickar Loetscher aus Basel brachte viele gedruckte und von siner hohen Persönlichkeit selbst verfaßte «Einladungen» mit, welche in der Sitzung in Couverts verpackt und an die hiesigen Kath. Einwohner versendet wurden. Es muhste dies in aller Eile geschehen, da am darauffolgenden Sonntag die Kappelle eingeweiht und der erste Gottesdienst darin abgehalten wurde. Weiteres wurde noch von der zukünftigen Einrichtung der Kappelle besprochen, etc.

Wir waren alle sehr erfreut darüber und giengen frohen Herzens um 10 1/4 Uhr als die Sitzung beendigt war, nach Hause.

Herr Pfarr-Vickar Loetscher ging mit Zug 1025 (Kurszug) wieder nach Basel, in Gottes Namen.

Einweihung der Kappelle Sonntag den 19 Februar 1899 Es war an diesem Sonntag schönes prachtvolles Wetter ohne Schnee, u. trocken auf dem Boden, aber ein wenig frisch, nicht kalt, ohne Nebel.

Herr Pfarrer Jurt Burkard, schon über 40 Jahre Pfarrer in Basel, ein herzensguter und sehr thüchtiger sowie sehr beliebter Seelsorger, kam in Begleitung des üben und frommen Herrn Pfarr-Vikar Alois Loetscher mit Zug 930 ab Basel, 943 nach Riehen. Der Gottesdienst wurde um 10 Uhr angefangen und endete das «erste Mal» um ll1/4 Uhr.

Die beiden Herren Seelsorger fuhren dann in einer Droschke welche sie in Basel schon bestellt hatten um ll 1/4 Uhr nach Basel in Gottes Namen. Weil halt erst um 1237 Minuten wieder ein Zug vom Wiesenthal her nach Basel fuhr, so hätten die Herren Seelsorger lange warten mühsen, was Jhnen dehshalb nicht angenehm war, und Sie nicht in ein Wirthshaus wollten, deren es in Riehen im Jahre 1898 und 1899 leider nur 13 sage dreizehn gab, für ein Dorf mit circa 2200 bis 2500 Einwohner.

Auch ein Zeichen dieser Zeit.

Doch zum Gottesdienst.

Selbigen Sonntag als die Kappelle eingeweiht wurde 19 Februar 1899 eintausend 8hundert neun u. neunzig, war das Kirchlein schon ganz angefüllt von Katholicken, bis auf den letzten Platz.

Männer welche sonst nur wenig oder gar nicht zur Kirche giengen, konnte mann sehen darinnen.

Kinder, Frauen, Jungfrauen und junge und ältere Männer waren vertreten.

Es war eine helle Freude dies anzusehen.

Herr Pfarrer Jurt Burkard, hielt die Einweihungs-Predigt, eine ergreifende, schöne, u. passende Predigt.

Herr Pfarr-Vikar Loetscher Alois, hielt das heilige Mehsopfer, resp. die heilige Mehse.

Ein Büblein des Commissions-Mitgliedes Namens Palatini war Minisstrant, (oder Mehsdiener) (Nachtrag von späterr Hand: Max).

Das Kirchlein enthielt einen schönen Altar, und einige Heiligenbilder.

Am 3 Sonntag hatten wir auch ganz nçue Bänke, jedoch noch unangestrichen. Dieselben wurden von Malermeister u. Kommissions-Mitglied Herr Joh. Kaiser angestrichen, u. lakirt.

Den Schlüssel zur Kappelle, sowie zum Gottesacker nahm die gute Frau des Kommissions-Mitgliedes Herrn Eisinger in Verwahrung, welche auch in verdankungswerther Weise die Reinigung u. Besorgung der Kappelle übernommen hatte.

Der Kelch u. die Werthsachen wurden ebenfalls bei Ihr verwahrt, in Ihrer Wohnung im Eisenbahnstationsgebäude Riehen, allwo es vor Schelmen u. schlechten Leuten sicher war. Denn in unserer Zeit 1898, 1899 etc. gab es so viele Einbrecher u. schlechte Leute, daß Alles was nicht Niet und nagelfest war, nicht sicher war.

Da die Kappelle etwas abseits vom Dorfe lag so war dehshalb Vorsicht für geboten.

Von den Reformirten Bevölkerung in Riehen wurden wir unbehelligt gelahsen, dieselben thaten uns nichts zu leide, sie Uesen uns machen, sie hatten aber auch nichts dazu zu sagen, das Kirchlein sammt Gottesacker gehört der hohen Regierung von Basel-Stadt, bezw. dem Staate, und da hatten wir mit der rohen Bevölkerung von Riehen nichts zu thun. Die Riehemer Gemeinde führte für sich ein besonderes Gemeindewesen, das Gottes-Ackerwesen aber im ganzen Kanton Basel-Stadt zu welch Letzterm auch Riehen gehört war dem Titl. Sanitätsdepartement von Basel-Stadt unterstellt.

I.N.R.

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