1963

Alte Riehener Strassensorgen

Eduard Wirz

Straßensorgen hat es immer gegeben, sogar in der «guten alten Zeit». Da müssen wir allerdings zum vornherein das Wörtlein «gut» streichen. Zwar lesen wir in einer Eingabe eines Landbesitzers aus dem Jahre 1686, daß «der Weg von Basel auf Riehen eine gerade, lustige, Zeit Regenwetters als Sonnenscheins zum Ryten und Fahren harte und kombliche Straße seye, ist dermaßen Statt und Land kündig, daß es weitläufigen Ausführens nicht bedarf f.» Dieses Lob scheint aber wohl eher nur das Straßenstück in der Nähe der Stadt betroffen zu haben; für unser Dorf selbst müssen wir uns besser an das Schreiben des Landvogts Ulrich Schnell vom 24. Januar 1755 halten, in dem es heißt: «Das Abwasser der sämtlichen Brünnen verursachet in Sommerszeit in der Straße den meisten Morast, in Winterszeit aber ein häufiges Eis, welches für Menschen und Vieh sehr gefährlich ist.» Und 1851 steht in einem Schreiben des Baukollegiums, «daß sich die Gemeinde Riehen seit Jahren in der Unterhaltung ihrer Wege höchst nachlässig gezeigt hat.» Zur Ehrenrettung Riehens ist zu betonen, daß diese Klagen aus allen Gegenden der Landschaft immer und immer wiederkehrten, unser Dorf hat hier nicht etwa eine besonders unrühmliche Rolle gespielt.

Wenn wir die Straßenakten durchblättern, so will es uns oft scheinen, als habe so etwas wie ein förmlicher Kampf zwischen Dorf und Stadt, genauer gesagt, zwischen den Bauern, die andere und dringendere Sorgen und Arbeiten hatten, und den Behörden stattgefunden. Ein Beispiel mag das zeigen.

Am 10. Mai 1805 teilte der Präsident des Land. Collegii mit: «Die Gemeinde Riehen ist angewiesen, die Straße vom Stettener Bann an durch ihr Dorf bis an den Hügel, wo die Reben ein End nehmen und ein Ruhbänklein steht, in Stand zu stellen und zu unterhalten. Die Straße ist zu überführen und beidseits die Gräben zu öffnen.» Kaum zwei Wochen später vernahm Präsident Merian, daß die Straßenarbeit noch nicht begonnen worden sei. Er gab aber seiner Hoffnung Ausdruck, daß bis zum Heuet diese Arbeit vollendet sein werde. Widrigenfalls erfolge Anzeige an die Regierung wegen Widersetzlichkeit. Doch es geschah nichts, und Merian verlangte in einem Schreiben vom 5. Juni Bericht, ob die Gemeinde mit ihrem Straßenbau angefangen habe. Wenige Tage darauf stellte er fest, daß er von der Gemeinde die verlangte Erklärung nicht erhalten habe, und daß diese es sich also selbst zuzuschreiben habe, was er nun weiter verfügen werde.

Im nächsten Jahr begann das Spiel von neuem. Am 3. Juli ersuchte Merian den Statthalter, ihm spätestens bis zum kommenden Montag zu berichten, ob und wann die Herren von Riehen und Bettingen ihre Straßenbezirke zu überführen gedenken. «Ich erwarte bestimmte und schriftliche Erklärung. Der Herr Statthalter werde selbst einsehen, daß die Obrigkeit sich nicht mit Versprechungen der Canzlei Riehen begnügen, sondern den Tag bestimmt wissen wolle, wann diese Arbeit solle vollendet sein.» Am Sonntag wurde das Antwortschreiben des Statthalters der ganzen Gemeinde verlesen, «welche wegen unverschieblichen Landgeschäften und der nächst eintrettenden Erndte die Unmöglichkeit vorschützte, dieses Geschäft dermalen vor die Hand zu nehmen.» Dazu wurde noch der «sehnliche Wunsch» geäußert, «daß man doch die Gütigkeit haben möchte, den Rest des ihr noch zugutkommenden Straßengeldes gefälligst einzusenden.» Diese Antwort brachte Merian außerordentlich in Harnisch: «Die Gemeinde sucht nichts als Ausflüchte. Es ist nirgends der Brauch, daß man eine Arbeit bezahle, die nicht gemacht worden ist.» Basel bezeugte nun dem Gemeinderat von Riehen wegen der unterlassenen Straßenherstellung sein Mißvergnügen und befahl ihm, innert drei Wochen die Landstraße instand zu setzen. Aber noch nach dieser Frist mußte festgestellt werden, «daß die Gemeinde Riehen noch nicht angefangen hat, der Erkanntnuß vom 19. Juli Folge zu leisten und die so sehr anbefohlene Straßenarbeit vorzunehmen.»

Der Statthalter befahl nun dem Gemeinderat, sich bei ihm zu bestimmter Stunde einzufinden. Diese Unterredung fand am 11. August nachmittags 2 Uhr statt. Der Bericht, den Statthalter Gengenbach an den Bürgermeister schickte, zeigt, wie geschickt die Riehener Gemeinderäte zu argumentieren wußten. Sie erklärten nämlich, nicht Ungehorsam und strafbare Widersetzlichkeit gegen die hochobrigkeitlichen Befehle hätten die Verzögerung der anbefohlenen Straßenarbeit verursacht; sie seien vielmehr durch folgende Umstände ganz außer Stand gewesen, auch mit dem besten Willen dem erhaltenen Befehl nachzukommen: 1. sei bekannt, daß die diesjährige Ernte, die gerade in den anberaumten Termin gefallen sei, sich durch die anhaltende nasse Witterung sehr in die Länge gezogen habe. 2. sei keine Griengrube vorhanden. Nach langem Nachsehen habe sich nun endlich ein Mann erboten, ungefähr ein Viertel Jucharten Land um einen hohen Preis abzutreten. Der Zufuhr wegen brauche man noch ein Stück benachbartes Land, aber es bestehe kaum die Hoffnung, daß dessen Besitzer sich zum Verkauf gegen einen billigen Preis bequemen werde. 3. hätten die zur Arbeit aufgebotenen Bauern, die nicht erschienen seien, dem Bannwart erklärt, man solle mit ihnen machen, was man wolle, allein ehe sie nicht wie die andern Gemeinden des Kantons ihre rückständige Bezahlung für die Jahre 1804 und 1805 erhalten hätten, würden sie nicht auf die Straße fahren. Der Gemeinderat habe nämlich nur Fr. 300 — für das Jahr 1805 auf Abschlag empfangen, und von der ganzen Gemeinde, als man die Verteilung habe vornehmen wollen, die Weisung erhalten, mit dem Austeilen abzuwarten bis der überrest auch eingegangen sei, sonst würde es sich nicht der Mühe lohnen.

Auf diesen Bericht hin befahl der Rat neuerdings, daß die Straßenüberführung ungesäumt vorgenommen werden müsse. «Diejenigen Fuhrleute und Handarbeiter, die sich bei der Arbeit nicht einfinden, sind sofort anzuzeigen, damit dieselben vom Statthalter zum Gehorsam gewiesen und bestraft werden könnten.» Diese amtliche Weisung wurde den Bauern früh morgens um 6 Uhr bekannt gegeben, und der Gemeinderat habe es nicht daran fehlen lassen, seinen Mitbürgern, «den darinnen enthaltenen Ernst deutlich zu machen, wenn aber», so fügte er im Bericht nach Basel bei, «wie wir sehnlich wünschen, gutes Wetter eintreten würde, so haben wir den ämtet auf dem Hals. Alsdann stehen wir in der getrosten Hoffnung, Sie würden eine kleine Pause gütigst bewilligen.» Einige Wochen später mußte der Gemeinderat dem Statthalter eine Liste einreichen, die die Namen der «fehlbaren Bürger mit den Gründen» enthielt. Eine Witwe hatte z. B. an Stelle ihres Sohnes ihre Tochter geschickt, «welche aber wieder zurückgewiesen wurde, weil bei dieser Arbeit keine Weibspersonen angenommen werden können.»

Die Behörden zeigten weiterhin Geduld. Der Statthalter ermahnte die Fehlbaren noch einmal, das Versäumte nachzuholen. Viel nützte es wohl nicht, denn bald darauf nannte eine zweite Liste sechs Namen, darunter die Herren Hofmann und Burckhardt und Herrn Ratsherr Heussler, «die nicht an die Straße gefahren sind, als ihnen dahin geboten wurde.» Es war nicht das erstemal, das Riehen sich über Stadtbürger beschwerte, die Häuser und Güter im Bann besaßen und sich weigerten, die Fronen zu leisten. Diese Liste enthielt aber auch das Verzeichnis von zehn Leuten, die ihre Straßenarbeit jedesmal gewissenhaft erledigt hatten, wenn sie der Gemeinderat dazu aufforderte, nun aber verlangten, daß man die Säumigen sogleich anhalte, ihre Pflicht zu erfüllen. Kurze Zeit darauf schrieb Präsident Merian in Basel dem Statthalter, daß er wie bei den andern Gemeinden des Kantons den Befehl gegeben habe, das öffnen der Gräben längs der Straßen auf Kosten der Fehlbaren verrichten zu lassen. Den Rest des Schreibens werden die Riehener mit Schmunzeln vernommen haben. «Obschon sonst an keinem Ort der Welt eine Arbeit bezahlt wird, die nicht geleistet wurde, die Gemeinde Riehen in den Jahren 1804 und 1805 ein beträchtliches Stück Straße niemals überführt und also zur Bezahlung dieser nicht geleisteten Arbeit nicht den mindesten Anspruch machen kann, so will ich doch um diese Sache zu berichtigen, die der Gemeinde Riehen zurückbehaltenen Fr. 100 — von den Jahren 1804 und 1805 bezahlen.» Für die im Jahre 1806 geleistete Straßenarbeit kamen Fr. 200.– zur Verteilung, und zwar 9 Päcklein zu Fr. 10.– und 22 Päcklein zu Fr. 5.–.

Stets waren es Landarbeiten, die die Riehener Bauern von der Straßenarbeit abhielten. Daß sie deren Dringlichkeit gelegentlich zu stark betonten, ist kaum zu bezweifeln. Sicher war das Landkollegium in der Stadt dieser Meinung, denn man wurde gelegentlich böse über die «Herren von Riehen». Die Riehener aber schrieben: «Wir können nicht begreifen, wer sich rastlos zu bemühen scheint, die Gemeinde Riehen in Betreff der ihr obliegenden Straßenarbeiten als eine der nachlässigsten abzuschildern, um ihr dadurch das schätzbare Wohlwollen unserer Hochgeachten und Hochgeehrten Herren zu entziehen.» Und Gemeindepräsident Samuel Wenk zählte am 23. Herbstmonat 1808 der Regierung wieder einmal mehr die «unaufschiebbaren Geschäfte des Landmanns» auf und unterstrich dabei fein säuberlich den Satz: «Wer nicht säet, der kann auch nicht ärndten.»

1842/43 wurde eine umfassende Straßenkorrektion vorgenommen. Riehen hatte von nun an nur noch das Material für den Straßenunterhalt zuzuführen und den Schlamm abzutransportieren. Für die übrigen auf dieser Landstraßenstrecke erforderlichen Unterhaltungsarbeiten sorgte in Zukunft das Baucollegium. Die Riehener waren damit von einem großen Teil ihrer Straßensorgen befreit.

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