1962

Zum Gedenken an Dr Hermann Geiger

Alice Geiger

Im April dieses Jahres ist im 92. Lebensjahr ein zwar zugezogener, aber 32 Jahre lang in Riehen ansäßiger Mitbewohner gestorben, Dr. Hermann Geiger. Seine Jugend fällt in eine uns immer ferner rückende Zeit, aber sein Alter verbrachte er noch mit voller Anteilnahme in der Gegenwart. Hermann Geiger ist am 10. September 1870 in Basel geboren. Sowohl väterlich- als mütterlicherseits waren seine Vorfahren mit den Naturwissenschaften eng verbunden. Sein Vater war der Inhaber der Goldenen Apotheke. Schon als Schüler des Gymnasiums zeigte sich beim jungen Hermann ein lebhaftes Interesse für Naturwissenschaften. Er schloß sich der damaligen Schülerverbindung «Natura» an. Nicht das spekulativ Denkerische war sein Hauptinteresse, sondern das Sichtbare, Pflanzen und Mineralien. Außerhalb des Schulbetriebes wurden von den «Naturanern» im Sommer Exkursionen gemacht, auf denen sie oft durch ihren verehrten Rektor Dr. Fritz Burckhardt begleitet wurden, und im Winter hielten sich die Buben am Samstagnachmittag Vorträge über ihre Spezialinteressen. Einen ganzen Winter lang führte Hermann Geiger seine Kameraden in die Grundlagen der Kristallographie ein und zeigte ihnen seine schon damals gesammelten Mineralien und Versteinerungen. Im Alter knüpfte er dann bei der Mineralogie wieder an.

Alles, was später sein Hauptlebensinhalt neben Beruf und Familie war, nahm in früher Jugend seinen Anfang. So auch sein musikalisches Interesse. Mit 10 Jahren wurde er gefragt, ob er ein Musikinstrument erlernen wolle. Er wählte das Cello, ging in die Musikschule und übte wenig, was er später oft bereute. Er war sehr musikalisch, durfte als Schulbub schon die Symphoniekonzerte besuchen und hörte große Künstler musizieren (Brahms, Clara Schumann, Davidoff, den Meister des Cellos, und viele andere). Mit 15 Jahren wurde er von Prof. Hagenbach-Burckhardt aufgefordert, im Kirschgarten mit Gleichaltrigen unter der Leitung von Bargheer an regelmäßigen Quartettübungen mitzuwirken. Das war begeisternd, denn Bargheer war ein lebensvoller und genialer Musiker. Bis in Hermann Geigers Alter wurde in wechselnden Zusammenstellungen jede Woche gespielt, mit guten Geigern am 1. Pult. Musizieren war das Bindeglied aller seiner Freundschaften, auch seine Lebensgefährtin lernte er beim Musizieren kennen. Nach seinem Apothekerstudium übernahm er das väterliche Geschäft, da sein Vater früh verstorben war. Da wachte spontan sein ausgesprochener Selbständigkeitstrieb auf, seine große berufliche Gewissenhaftigkeit und — was ihn sein Leben lang erstaunte — sein kaufmännischer Erwerbssinn. Er sagte gelegentlich: «Wenn man Kaufmann sein will, muß man diesen Sinn besitzen.» Trotz seinem idealistischen Wesen dachte er stets ganz realistisch. 1910 überließ er seinem Bruder die Apotheke und baute eine Fabrikation von pharmazeutischen Spezialitäten auf, die spätere Gaba. überall wo er wirkte, war er voller Initiative.

Dies alles spielte sich aber außerhalb des Hauses ab. Inzwischen war eine Familie mit 3 Kindern entstanden, und Arlesheim wurde früh Hermann Geigers zweite Heimat, zuerst im Sommer in Miete bei Bauern, später im eigenen Haus. Das erste Spielen der Kinder war Kühe hüten, zur Tränke treiben, Milch vertragen, heuen, auf dem Heuwagen heimfahren, herbsten und vieles andere. Am Sonntag aber ging man mit Papa spazieren, auf alle umliegenden Schlösser, den Gempen, weit herum im Birseck und im Schwarzbubenland, und da wurde botanisiert. Unzählige Standorte von seltenen Pflanzen wußte Papa, man lernte Pflanzen bestimmen, die Kinder wußten früh von Körbchenblütlern, Schmetterlingsblütlern, von Nachtschattengewächsen, sie kannten die Bäume. Und lustig war es, so zu spazieren. Sträuße, die Papa von einsamen Gängen nach Hause brachte, waren etwas Besonderes; lauter unbekannte, feine, eher unscheinbare Blumen waren es, mit Liebe gesucht, das spürte man.

Mit 75 Jahren, nach einem arbeitsreichen Leben in Kriegs- und Krisenjahren, trat Hermann Geiger in seinen Ruhestand, begann aber sogleich sein Jugendinteresse zu vertiefen, die Mineralogie. Er studierte neuerschienene Literatur und begann Kontakt zu nehmen mit verschiedenen, in den Alpen lebenden Strahlern, die bald seine lieben Freunde wurden. In der damaligen Zeit kam er von Ausflügen nicht mit einem duftigen Strauß in der Hand zurück, sondern gebeugt unter der Last eines mit Steinen gefüllten Rucksackes. Er sammelte mit Umsicht und System. Gewisse Alpengebiete, wie das Tavetsch, die Tessiner Alpen und das Goms, kannte er wie seinen Hosensack und versuchte, in diesen Gebieten die vorliegende Mannigfaltigkeit der Kluftmineralien möglichst vollständig zu erfassen. Alles war sorgfältig katalogisiert und ist nach seinem Wunsch der Universität geschenkt worden. Prof. Wenk vom Mineralogischen Institut hat dieses Legat, das den Grundstock einer regional geordneten Alpensammlung bildet, gerne angenommen. 1962 beschloß Hermann Geiger sein überaus tätiges Leben.

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