1962

Auf dem Wege zum Dorfmuseum

Paul Hulliger

Diese zuversichtliche überschrift darf heute gewagt werden, weil der Gemeinderat vor kurzem eine Museumskommission ernannt hat. Entsprechend dem Charakter des einstigen Bauern- und Winzerdorfes Riehen mit seinen 14 Herrschaftssitzen ist die Einrichtung von einer Bauernstube mit Küche, von zwei herrschaftlichen Räumen und einer Sammlung sowohl von bäuerlichen wie von Rebbaugeräten geplant.

Der Gedanke einer der Vergangenheit des Dorfes und seiner Bewohner gewidmeten Sammlung von einst wichtigen Gebrauchsgegenständen des täglichen Lebens nahm zunächst ohne bestimmte Absicht seinen Anfang mit der Instandstellung der Doppeladlertruhe von 1687, des 200 Jahre alten Rößlischildes und dem Einbau der 300 Jahre alten Decke aus dem Zaeslinschen Landgut ins neue Gemeindehaus. Ein angesehener Basler Antiquar schätzte übrigens jüngsthin den Wert dieser Decke auf Fr. 100 000.–.

Die Idee eines eigentlichen Museums entstand angesichts der Zeugnisse aus der Zeit einer blühenden Handwerkskunst, die in dem vor dem Abbruch stehenden, 200 Jahre alten Bauernhaus, Baselstraße 67, zugrunde zu gehen drohten. Durch das verständnisvolle Entgegenkommen von Herrn Direktor Emil Junker, dem derzeitigen Besitzer der Liegenschaft, konnten aus diesem Doppelhaus und der dazu gehörenden Scheune mehr als zwei Dutzend interessanter Gebrauchsstücke geborgen werden. Der schöne Steinguthafen, der aus dem Abfallhaufen im Hof hervorguckte, und die bald darauf an ihrer Schwere erkannte pechschwarze Messingpfanne regten zum Suchen an, das u. a. unter dem Gerümpel eines Bodenverschlages zum Auffinden eines gut verpackten Dreimaßölkruges führte.

Ein erfreuliches Verständnis für den ins Auge gefaßten Plan eines Museums bewies mit ihrer ganzen Familie auch die Riehener Bäuerin Frau L. Wunderli-Schweizer beim Abbruch ihres Hauses an der Wendelinsgasse. Ich erhielt nacheinander u. a. drei Dreschflegel, ein altes «Ankenmödeli», ein Waffeleisen, eine Kuhglocke mit breitem Riemen und Messingschnalle (eine Elsässer Arbeit), ein schweres Tierklistier aus Zinn, alte Gewichtsteine, je ein Kuh- und Pferdegeschell, ein Barometer, auf dessen Skala unter «Sturm» noch «Erdbeben» zu lesen ist.

— Durch weitere Zuwendungen zeichneten sich neben vielen andern aus der inzwischen verstorbene alt Landwirt Otto Schenkel an der Rößligasse, Kunstmaler Nikiaus Stöcklin, Verwalter Fritz Moor, Frau Pfarrer Sturm bei ihrem Auszug aus dem Wettsteinhaus und Frau Meyerhofer, Hinter der Mühle. — Von den Besitzern von neun Häusern, die nacheinander vor dem Abbruch standen, wurde mir ohne weiteres die Erlaubnis zuteil, die Gebäude unmittelbar nach ihrer Räumimg zu durchsuchen. Daraus ging neben anderm eine Sammlung von alten grünen Ofenkacheln hervor, die bereits 17 verschiedene Muster aufweist.

Öffentlich gedankt sei hier auch den Behörden von Riehen, besonders dem zuständigen Gemeinderatsmitglied Jules Ammann, dem die Beschaffung einer hölzernen Weintrotte gelang, für die verständnisvolle Unterstützung und großzügige Ergänzung der im Entstehen begriffenen Sammlung durch einzelne Ankäufe.

Es ist nicht zufällig, daß gerade in den letzten 50 Jahren in zahlreichen Dörfern der Schweiz — gewöhnlich handelt es sich um Mittelpunkte geschlossener, kleinerer Landschaften — Ortsmuseen entstanden sind. Auch das nahe Lörrach besitzt eine vorzügliche Sammlung älteren Gerätes. Vorbildlich eingerichtet ist das Dorfmuseum von Sissach, sehenswert das Museum des Schwarzbubenlandes in Dornach. Rheinfelden hält in seiner Sammlung Erinnerungen an das einst österreichische Fricktal fest.

Der Hauptantrieb zur Errichtung von Ortsmuseen liegt m. E. in der sehr starken und sehr raschen Veränderung der menschlichen Arbeit, gerade auch der bäuerlichen, in der Art der Herstellung der Kleider und Geräte, des Wohnens und besonders eindrücklich in der Veränderung der Art des Verkehrs. In unserer Jugend um die Jahrhundertwende lernten wir noch den Umgang mit der Petroleumlampe, im Winter das Feuermachen in den Öfen. Wir holten in großen Kesseln das Wasser beim Brunnen und trugen das Holz zum Unterhalt des Feuers in die Küche. Wir sahen den Sämann gemessenen Schrittes den Samen ausstreuen, erlebten im Sommer das Abmähen großer Grasmatten und Getreidefelder zu vieren und sechsen mit der Sense, im Herbst das Graben der Kartoffeln, Staude um Staude mit dem Karst, gefolgt vom wochenlangen Dreschen der Frucht mit dem Flegel und vom Zurichten des Gespinstes aus selbst gezogenem Hanf und Flachs. Mit dem Spinnen im Winter kamen wir nur noch schwach in Berührung.

Das alles ist verschwunden. Unsere Kinder lernen bloß durch Drehen von Schaltern und Hahnen hellstes Licht, quellklares Wasser und Wärme nach Belieben wie im Märchen hervorzuzaubern. Doch wie viel schwerer hält es, ihnen die Herkunft und Entstehung dieser Wunderdinge verständlich zu machen als zur Zeit der Petroleumlampe, wo es kaum einer Erklärung bedurfte. Oder wie wurden wir Buben gefesselt durch das Schauspiel der starken Rosse, die sich mit Riesenkräften in die Geschirre legten, wenn es galt, den schweren Erntewagen bergan durch das große Dachtor eines Bauernhauses einzufahren. Der Traktor besorgt das spielend; es kostet ihn keine besondere Anstrengung, wenigstens keine sichtbare. Durch das Aufkommen des Benzin- und Elektromotors und einer Reihe weiterer Erfindungen steht die Menschheit der zivilisierten Länder einer Veränderung des Lebens gegenüber wie vor Jahrtausenden beim übergang von der Steinzeit zur Bronzeund Eisenzeit. Sehr viele Werkzeuge und Geräte, die in jahrhundertelanger Entwicklung im Gebrauch zu ihrer klassischen Form gelangten, stehen heute unbenützt herum, verrosten und vermodern. In wenigen Jahrzehnten kennt sie kaum mehr ein Mensch. So waren hier in Riehen hölzerne Heugabeln und Grasrechen nicht mehr aufzutreiben, geschweige denn «Hüfli»- und Walmrechen.

Die Dorfmuseen sammeln all das viele, außer Gebrauch gekommene Gerät. Sie ermöglichen damit, der Jugend kommender Geschlechter die unendlich viel einfachere, viel verständlichere, aber auch viel mühsamere Arbeit ihrer Vorfahren zu erläutern. Trotzdem jenen zur Herstellung ihrer Arbeitsgeräte nicht wie den heutigen Menschen die Rohstoffe der ganzen Welt zur Verfügung standen, waren sie nicht weniger erfinderisch und einfallsreich, im Gegenteil! Ihr praktischerSinn ist staunenswert; die abwegigsten Dinge, ein Kuhhorn, eine Schweinsblase, wurden unter ihren Händen zu Gebrauchsformen. Die handwerkliche Verarbeitung des einheimischen Holzes zu den mannigfachsten Geräten und Werkzeugen erweckt immer wieder neu unsere Bewunderung. Sie wurde erst mit dem Aufkommen der Eisenbahnen vor 100 Jahren durch das fremdländische Eisen zurückgedrängt, das aber noch lange die übliche handgeschmiedete Form behielt. Die Art der Verarbeitung des Holzes kann auch unserer Zeit noch zum Vorbild dienen, weil ihre Erzeugnisse nicht nur zweckmäßig sind, sondern auch schön; Gefühl und Verstand waren in gleicher Weise an der Herstellung beteiligt. Das gibt ihnen den Ausdruck schlichter, echter Menschlichkeit. Ihr Anblick erfreut das Auge wie gute Musik das Ohr. Mit dem Aufkommen der maschinellen Herstellung gingen die Schönheitswerte der meisten Gebrauchsgegenstände fast schlagartig verloren. Das bedeutete eine entschiedene Verarmung des Lebens.

Einem Dorfmuseum kommt in Riehen im Gegensatz etwa zu Sissach oder Rheinfelden noch eine besondere Bedeutung zu. Das Dorf hat sich in den letzten 50 Jahren sowohl nach der Zahl seiner Bewohner wie nach der Art ihrer Betätigung grundlegend verändert. Aus einem Bauern- und Winzerdorf ist ein Wohndorf geworden. Um die Jahrhundertwende zählte der Ort rund 2500 Einwohner (50 Jahre früher rund 1600). Um diesen neben den Bewohnern der alten Riehener Landsitze stark bäuerlichen Kern legte sich bis 1960 ein sechsfacher Mantel von 15 000 Neuzugezogenen, die, soweit sie dem Verdienst nachgehen, zum größten Teil außerhalb der Gemeinde in Arbeit stehen. Schritt um Schritt nahmen ihre Häuser und Gärten die einst im Frühling von blühenden Kirschbäumen bestandenen Matten, die äcker mit wogenden Kornfeldern im Sommer, das im Herbst von fröhlichen Menschen belebte Rebgelände im Niederholz, im Kilchgrund und Esterli, in der Bachtelen und an den Hängen des Hackberges, des Moos-, Au- und Hungerbachtälchens ein.

Riehen ist heute nach der Zahl seiner Einwohner zur ansehnlichen Größe eines Ortes wie Solothurn aufgestiegen. Was aber der Siedlung noch fehlt, ist die Kraft und Geschlossenheit eines Glied um Glied organisch gewachsenen Gemeinwesens. Es ist eine ihrer wichtigsten Aufgaben, die jetzt noch deutlich gesonderten Teile des alten Dorfkerns und seiner neuen Umgebung zu einer lebendigen Einheit zu verschmelzen. Das ist nur möglich, wenn gleichzeitig ein entsprechend starker wirtschaftlicher und geistiger Mittelpunkt, ein Einkaufs- und Bildungszentrum, sich entwickelt. Das Problem ist ungemein vielschichtig; doch ist ein guter Anfang bereits gemacht. Ich denke an die jetzt schon sichtbar vom neuen Gemeindehaus ausgehenden wirtschaftlichen Impulse, an die vom Verkehrsverein organisierten, alle Dorfteile zusammenführenden, hochstehenden musikalischen Darbietungen, an das lebhafte kirchliche Leben und an die Anlässe der Schule. Diesen bindenden Kräften wird mit der Schaffung eines Dorfmuseums ein geschichtliches Glied beigefügt, das die lebende Generation mit dahingegangenen Geschlechtern, mit den frühern Bauern und Winzern verbindet.

Jedes Museum lenkt die Gedanken seiner Besucher in die Vergangenheit der Menschen und regt damit zu einem Vergleich mit der Gegenwart und Zukunft an. Aus solchem Vergleichen geht die Entwicklung des Menschengeschlechtes hervor. Es ergeben sich Fragen, welche das menschliche Dasein als Ganzes berühren: Wer setzt die Entwicklung in Gang? Wohin geht sie? Was ist ihr Sinn? Solche und ähnliche Fragen sind nicht bloß ein Anliegen der Philosophie und Theologie; der einfache Mensch kann sie auf seine Art ebenfalls stellen und beantworten, wie es das Appenzeller-Landsgemeindelied aufs schönste bestätigt.

Zum Schluß seien noch drei praktische Punkte berührt.

1. Wir können unmöglich nur landwirtschaftliche Geräte und Werkzeuge sammeln, die in Riehen selbst hergestellt und gebraucht wurden, schon deshalb nicht, weil vier Fünftel der ehemaligen Bauernbetriebe verschwunden sind. Dann gab es in unserm Dorf bestimmt nie einen Zinngießer, Glockengießer oder Kupferschmied, wohl auch keinen Töpfer. Fraglich sind auch der Gerber, Seiler und Leinenweber, denn die Stadt war nicht weit.

2. Es ist für den Ungeübten nicht leicht, im Gerümpel das Wertvolle und Wertlose zu unterscheiden. Ein ungepflegtes Aussehen kann trügen. Uns übergebene, beschädigte Stücke lassen wir instandstellen, sofern sie nur schwer mehr zu bekommen und die Kosten nicht zu groß sind. Uns stehen — das ist entscheidend für den zukünftigen Wert eines schadhaften Fundstückes — erfahrene und von der Liebe zu wertvollem Gut geleitete Handwerker zur Seite, die so instandzustellen wissen, daß auch unansehnlich gewordene Objekte ihre ursprüngliche Schönheit wieder erlangen.

3. Werden Gegenstände aus handwerklich schöpferischer Vergangenheit dem im Entstehen begriffenen Museum geschenkt, ist Gewähr geboten, daß sie der Nachwelt erhalten bleiben. Die Gabe wird gebührend verdankt und bleibt an den Namen des Schenkenden gebunden; denn jedes Stück wird auf einem besonderen Blatt zusammen mit dem Namen des Schenkenden vermerkt, mit Angaben über Zweck und Gebrauch, über Alter, Herkunft und verwendetem Stoff. Verehrter Leser, hilf auch Du mit an einem Gemeinschaftswerk, das der ganzen Gemeinde und den zukünftigen Geschlechtern zugute kommt.

Von einem Kleinbasler Trödlergeschäft, das im Zusammenhang mit einem Umzug seine Bestände abzustoßen suchte, erhielt der Schreibende ein günstiges Angebot für ein 13teiliges, bemaltes Kaffeeservice, das in Riehen gebraucht wurde und aus dem Wiesental stammen soll.

Gemeinderat J. Ammann bewilligte nach einer Besichtigung rasch entschlossen die Kaufsumme. Der Brot- oder Gebäckteller mißt 30/18 cm und ist 4 cm tief, der Butterteller 21/13 cm. Der Rückseite ist ein Stempel eingebrannt mit einem Tännchen und den Bezeichnungen «SME, Schramberg, handgemalt, Dec. Kathrein». Das Service dürfte noch vor 1800 entstanden sein. Ob es auf einem der 14 ehemaligen Landgüter oder in einem Bürger- oder Bauernhaus Riehens gebraucht wurde, war nicht zu erfahren. Es ist weißes Steingutgeschirr mit guten zweckdienlichen Formen und mit frischem und doch nicht aufdringlichem Blumendekor, das den verschiedenen Objekten gut angepaßt ist. Die Farben ockergelb, kornblumenblau, ein warmes Grün, bräunlichrosa und dunkel- und hellgelb vereinen sich zu immer neuen guten Klängen. Die oberen Ränder sind wie mit einem feinen Schwämmchen rötlichbraun betupft. Sie rahmen dergestalt die Blumengebilde und bringen die Formen jedes Stückes auf einem weißleinenen Tischtuch gut zur Geltung. Bei den größeren Objekten wie dem Brot- und Gebäckteller kommt noch ein Ringmuster dazu.

Unser jüngst verstorbener Mitbürger, Otto Schenkel, erhielt den Sack von seinem Nachbarn, Bahnwärter Simon Bolli, dem Vater des langjährigen Universitätssekretärs, geschenkt, weil er ihn nicht brauchte. Simon Bolli hatte ihn von seinem Vater, Heinrich Bolli, Landwirt in Beringen, Kanton Schaffhausen, geerbt. Solche Korn- und Mehlsäcke ließen sich früher, wie ich von einem weiteren Nachfahren der Bolli, dem gegenwärtigen Gemeindeschreiber von Beringen, Kurt Bolli, erfahren konnte, Neuvermählte im Hochzeitsjahr selbst oder kurz darauf anfertigen. Sie mußten mit dem Namen ihres Besitzers versehen sein, um Verwechslungen vorzubeugen. Mit dem A hinter Heinrich Bolli ist auf die Stammfamilie Apostel verwiesen; in den Zeichen MRB erscheint die Ehefrau des Heinrich Bolli, Margarethe Bollinger. Auf der Rückseite stellt sich mit HEB A nochmals der Ehemann, Heinrich Bolli-Apostel vor.

Der Sack ist mit einer durchgeformten, klaren Frakturschrift und mit Antiquamajuskeln aus dem 18. Jahrhundert bedruckt. Die Schrift hat die rechte Größe; mit ihren vier horizontal laufenden Bändern und dem Stern in der Mitte wird eine wohltuende Wirkung erzielt. Bei den Frakturformen der beiden oberen Bänder dominiert die Senkrechte entsprechend der Sackform.

Der flach hingelegte, aus Hanfgarn gewobene Sack ist 99 cm lang und 56 cm breit. Ungewöhnlich ist der Schnabel oben links, ähnlich dem eines Milchtopfes. Er erleichtert das sorgfältige, dosierende Ausschütten des kostbaren Mehles.

Aus meiner Jugendzeit vor 1900 erinnere ich mich noch an die Hanfund Flachsplätze meines bernischen Heimatdorfes Grafenried. Der mehr als meterhohe Hanf mußte seiner dicken Stengel wegen besonders lange auf einem freien Mattenstück an der Sonne getrocknet werden. An einem sonnigen Septembernachmittag erfolgte dann die «Brachete» vor und neben der Brechhütte beim Erstwäldli. Diese Hütte war eine auf drei Seiten von schräg aufsteigenden Sandsteinquadern begrenzte, vorn offene Feuerstelle, etwa 4 m lang und in 1,5 m Höhe von einem waagrechten Holzrost überdeckt. Ihr Schindeldach war zuvor zur Seite getragen worden. Den eingetieften Boden bedeckte bereits eine mächtige Glutschicht, als die Männer begannen, die herbeigeführten Hanfstengel auf dem Holzrost auszubreiten, um sie noch völlig auszudörren. Gegen zwei Dutzend scherzende und lachende Bäuerinnen standen bei ihren Brechen bereit; sie nahmen den Männern die klipperdürren Hanfbüschel aus den Händen, hoben und senkten die klappernden Lamellendeckel ihrer Brechen, um die Bastteile der aufgelegten Stengel zu zerbrechen und zu zerbröckeln. So bekamen sie die schmiegsamen Hanffasern frei. Bündelweise wurden diese später durch die Hechel gezogen und im Winter mit dem Rad zu Garn gesponnen. Die Bäuerin brachte das Gespinst in die Stadt zum Weber, um später das druckfertige Sacktuch holen zu können.

Die 12 Maß fassende Weinstize kam seinerzeit beim Abbruch des Gasthofes «Zum Ochsen» in dessen Keller mit stark verrosteten Reifen zum Vorschein. Die beiden besonders schadhaften untersten ersetzte Küfermeister Walter Lang, Basel, mit großem Verständnis und unentgeltlich durch in seinem Besitz befindliche passende Stücke. Der Griff aus Eisen ist handgeschmiedet. Ein besonderer Ausguß fehlt. Der Leib der 43 cm hohen Stize mit ihrer 23 cm breiten öffnung erinnert an die Hälfte eines in der Mitte entzweigeschnittenen Fasses. Die breite Bodenfläche sichert den guten Stand des aus 16 Eichendauben von 1,5 cm Dicke gearbeiteten Gefäßes, das im wesentlichen zum Umschütten von Kellerwein diente. Der Wirt, der viel Gäste zu bedienen hatte, mag auch etwa dem Schankburschen befohlen haben, gleich eine Stize Wein aus dem Keller heraufzubringen.

Das Schöpfchübeli (Schöpfer, Gelte), ein Geschenk von Frau Wunderli-Schweizer, ist mit JS bezeichnet. Als Griff dient die gerundete Verlängerung einer der neun Eichendauben von 1,5 cm Dicke. Das Geschirr mißt außerseits oben 22/14 cm, unten 21/13 cm, ist 14 cm hoch, mit dem Griff 27,5 cm. Die ovale Form eignet sich zum Ausschöpfen besser als eine runde.

Unsere Sammlung von Rebbaugeräten und Weingefäßen steht zu dem in der Einleitung erwähnten, einst umfangreichen Rebgelände Riehens, das heute überbaut oder sonst verschwunden ist, noch nicht in einem befriedigenden Verhältnis. Immerhin ist der Erwerb einer Trotte gelungen. Anderes Geschirr fehlt dagegen noch. Ich besitze z. B. einen handkolorierten Druck von 1828, der die Weinernte darstellt. Darauf ist zu sehen, wie in einem auf zwei kräftigen Latten ruhenden kleineren Bottich über einer bis 1,5 m breiten, mit besonders starken Holzreifen versehenen «Bütte» ein größerer Knabe mit seinen nackten Füßen auf den eben in den Bottich geschütteten Trauben herumtritt. Man sjeht den roten Rebensaft aus dem gelochten Boden des Bottichs in die Bütte hinunterrinnen. Gemeinderat Rudolf Rinklin teilte mir in einem Gespräch mit, daß seine Mutter zu berichten wußte, wie noch in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts zur Zeit des Herbstens auf dem Platz unter dem Schlipf, wo jetzt die «Badi» sich befindet, viele Wagen mit großen Bottichen standen, in denen Knaben barfuß den Saft der hineingeschütteten Trauben aus den Beeren quetschten.

Die beiden Gefäße auf unserm Bild sind ohne die geringste schmückende Zutat. Sie sind zu nichts mehr geschaffen als den Zwecken, denen sie dienen sollen. Daher finden wir sie schön wie Naturformen.

Die beiden oberen Türbeschläge ohne Nägel stammen von der Türe eines halbzerfallenen Kastens, der auf der Westseite der inzwischen abgerissenen Scheune von Baselstraße 67 stand. Die Türe lag, dem Wetter ausgesetzt, abseits am Boden; entsprechend waren die Bänder verrostet. Sie messen ohne Scharniere 38,5 und 40,5 cm in der Länge, in den Verbreiterungen 6, 4,5 und 6 cm und sind 3 und 2 (Verbreiterungen) mm dick.

Das unterste, einzelne Türband auf der Leiste aus Eichenholz eines Fensterladens, der auf dem Estrichboden von Baselstraße 67 lag, mißt 45,5 cm in der Länge; es verbreitert sich dreimal auf 5, 4,5 und 4 cm.

Die beiden oberen Bänder laufen bis zur Spitze gradaus; sie sind älter als das einzelne, in einer Ranke endende, das rund 200 Jahre alt ist (Entstehungsjahre des Doppelhauses 1745 und 1788). Das Besondere aller drei Türbänder sind vor allem die unserer Zeit unnötig scheinenden Verbreiterungen. Wir würden bloß drei Bandeisen mit einer ersten Maschine zurichten und mit einer zweiten die Löcher bohren, in die sich die Köpfe der Schrauben versenken ließen. Was braucht es mehr! Die beiden Schmiede, die unsere Bänder in Auftrag bekamen, hatten auf der Wanderschaft gelernt, die Kraft von Beschlägen, welche Türen oder Fensterladen mit den Angelstöcken verbinden, sichtbar zu machen. Sie taten es in der Nachbildung eines starken Armes mit Schultergelenk, Ellbogengelenk und Hand. Und wahrhaftig, ihre Gebilde leben; sie haben Seele! Die handgeschmiedeten, großen Nagelköpfe des untersten Bandes bringen ihrerseits zum Ausdruck, daß es die Eichenleiste sicher hält. Die Ränder der «Gelenke» sind noch zusätzlich zentriert.

So unscheinbar die drei Türbänder sind, sie zeigen uns das Wesen der künstlerischen Arbeit, in der wie in ihrem Urheber selbst, Leib und Seele zu einer Einheit verbunden sind.

Dieses alte, stattliche Bauerngeschirr wirkt eindrucksvoll durch seine elementaren Formen und Farben sowie durch seine schönen Maße.

Wasserkrug und Ölchruse. Der Wasserkrug mit dem warmen, sonnigen Gelb ist 30 cm hoch und faßt drei Maß; das sind 4,5 Liter. Die Maß war früher ein in Baden und in der Schweiz gebräuchliches Hohlmaß. Landwirt Schenkel nahm den Krug noch mit aufs Feld. Er ist standfest und zeigt neben den gut empfundenen Maßen auch in den schön gebildeten Henkelansätzen alte Töpferkunst.

Die Ölchruse mit der herrlich dunklen, blau-violett irisierenden Farbe mißt 25 cm in der Höhe und faßt zwei Maß. Von den beiden Henkeln, die an aufgestützte Arme erinnern, ist der eine höher und größer, woran man abermals die Handarbeit erkennt. Der kräftig ausladende Leib geht nach oben in die anmutig gebildete Halsform über, mit dem dem kostbaren Inhalt entsprechenden kleinen Ausguß im feingebildeten Halsrand (hängt der Name «Öl-Chruse» mit «Halskrause» zusammen?). Zwei in der Höhe der oberen Henkelansätze ringsum laufende Rillen verbinden die Henkelarme und schließen den Leib nach oben ab. Um den Fuß, über die Henkelarme und den Halskragen laufen zwischen kräftigen Rillen gegensätzliche, formbetonende Rippen.

Taufzettel. Schade, daß die mit Rot, Gelb, Blau und Grün von Hand kolorierten Täubchen, Blumengewinde, Blumenzweige und gefüllte, antike Blumenvasen nicht farbig wiedergegeben werden konnten. Sie wirken zusammen mit dem Weiß des Papiers, dem Schwarz des Drukkes und dem umschließenden, ordnenden und gliedernden Rahmenwerk auf ein empfängliches Gemüt wie ein schöner Sommertag. Diese Heiterkeit gilt ja auch einem neugeborenen Kindlein, das zur Taufe gebracht wird. Ebenso die Gebete, welche sein «allergetreuester Taufzeuge» ihm auf dem «Zedel» weiht, mitsamt seinem guten Rat.

Manche mögen die Achseln zucken ob diesem verloren gegangenen Brauch. Es war ein schöner Brauch; er hielt in künstlerischer Form an einem tieferen Sinn des Lebens, an einem verantwortungsbewußten Leben fest. Die aufkommende Industrie des 19. Jahrhunderts hat ihn, wie so manchen anderen Brauch, mit ihren billigen, geistlosen und reichlich geschmacklosen Massenerzeugnissen vernichtet. Besinnlichkeit und Geschäft sind eben zweierlei.

Das Blatt stammt von jenseits des Jura. Doch waren diese Taufzettel seinerzeit über die ganze Schweiz verbreitet.

Stickeisen. Wozu dient dieses zackige Eisen? Selbst Museumsleiter vermochten keine Antwort auf die Frage zu geben. In Riehen braucht man nicht lang zu fragen. Unsere Sammlung besitzt zwei nicht ganz gleiche Formen. Die eine stammt wieder von Landwirt O. Schenkel, samt einem drei Meter hohen Rebstecken aus Eichenspaltholz. Die abgebildete fand der Schreibende im Gerümpel eines verlassenen Hauses. Der defekte Riemen wurde durch Sattlermeister Alb. Wüst, Lehrer an der Allg. Gewerbeschule Basel, nachgebildet.

Die Fußplatte des Eisens mißt in der Länge 23 cm, der Tiefe zu 5 bis 6 cm. Der innere Teil des Lederriemens müßte eigentlich auf dem Eisen aufliegen. In die so gebildete öffnung schob der Rebbauer den beschuhten Fuß und schnallte das Gerät an ihm fest. Rechts endet die Fußplatte in 24 pyramidenförmigen Spitzen. Sie und das gegenüberstehende, 7 cm entfernte, 5 cm höher liegende, gedrehte Vierkanteisen hielten den auf die Erde gesetzten Rebstecken fest, sobald die durch sie gebildete Zange ihn umfaßte, der Rebbauer mit seinem ganzen Gewicht auf dem Eisen stand und den Rebstecken in den Boden zwang. Oft dürfte das Stickeisen zwei- bis dreimal angesetzt worden sein. Aber weshalb mußte der gedrehte Stabteil 5 cm höher stehen als die 24 eisernen Zähne? Ich möchte die Beantwortung dieser Frage dem Leser überlassen. In dieser Verschiebung der Angriffspunkte liegt das Geniale der Erfindung, die mit einem bescheidenen Aufwand an Material in der gleichen Zeit eine bedeutend größere Arbeitsleistung ermöglichte. Wieso? Was wäre sonst zu tun gewesen?

Glätteisen. An diesem Museumsstück mögen dereinst Frauen und Töchter den großen Fortschritt ermessen, den die Elektrizität im Glätten der Wäsche gebracht hat. Dieses noch unseren Großmüttern wohlbekannte, ihnen unentbehrliche Glätteisen mit Holzgriff wiegt volle 4 kg. Ich fand es, innen und außen total verrostet, im Estrich eines im Abbruch stehenden Hauses, dicht daneben den Eisenrost. Das eigentliche Glätteisen ist 20 cm lang, 10 cm breit und 10,5 cm hoch, den Griff eingeschlossen 22,5 cm. Die Keilform ermöglicht das Ausplätten von Ecken und Spitzen. Der Griff aus Ahornholz ist der Hand angepaßt. Um ihn zu schonen, mußte übrigens aller Rost innen und außen von Hand entfernt werden, was über drei Tage Arbeit erforderte. Wurde der kleine Griff der Verschlußvorrichtung des Deckels um 90 Grad gedreht, ließ sich dieser aufklappen und der Boden des Glätteisens zunächst mit Herdglut belegen. Den noch leeren Raum darüber füllte die Hausfrau mit beim Krämer gekauften Glättkohlen aus Buchenholz, die von irgendeinem fernen Köhler stammten. Durch Schwingen des wiedergeschlossenen Eisens in der Luft wurden die Kohlen rascher zum Glühen gebracht. Die frische Luft strömte durch die fünf halbkreisförmigen Löcher ein und oben die verbrauchte durch die öffnungen zwischen den gekerbten Lappen des Deckels aus. Der entstandene Luftzug hielt die Kohlen in Glut, bis sie versengt waren. Nur schon diese Bedienung des Eisens verlangte große Aufmerksamkeit, um es eben recht heiß zu bekommen. Zudem bestand ständig die Gefahr der Bildung von Kohlenoxydgasen. Es wurde deshalb, wenn immer möglich bei offenem Fenster geglättet. Es ist verständlich, daß die Hausfrau gern die erfahrene Glätterin des Dorfes nach der früher üblichen großen Wäsche in ihren Dienst nahm.

Weshalb ist der kleine Griff des Riegels, der unten an der Hinterwand des Eisens die rechteckförmige öffnung zum Hinausschütten der Asche verschließt, nicht aus Holz? Das Glätteisen setzt sich aus zwölf Gußstücken zusammen, wovon eines, der Querriegel des Verschlußhebels auf der Unterseite des Deckels, unsichtbar bleibt. Einzig die Dübel sind auf der Innenseite von Hand vernietet.

Zum Schluß sei auf die sehr einfache, klare Form des Gerätes verwiesen. Der gut gegliederte, kräftige Griffträger über dem Deckel sagt uns, daß das Stück noch aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammt.

Die Kuhglocke mit dem 9 cm breiten, mit einer Messingschnalle geschlossenen Lederriemen ist 10 cm hoch und unten 12,5 cm breit; die Glocke ist aus Bronze, der Schwengel aus Eisen. Wegen eines Spaltes verlor sie den Klang. Die Glocke ist oben und unten mehrfach ringsum gerillt, bald kräftiger, bald feiner. Die beiden reliefartig gebildeten Rebblätter und die zwei Trauben auf dem mittleren flachen Teil kehren auf der Rückseite wieder. Links tritt noch ein Teil eines Kruzifixes in Erscheinung, rechts der Reliefrand einer umgekehrten Herzform, die vermutlich das Wappen des Glockengießers enthält. Er dürfte in einem katholischen Nachbarland zu suchen sein.

Das Kuhgeläute. Der ursprüngliche Halsriemen war bei einem der Glöcklein durchgerissen; das Glöcklein selbst fehlte. Ein gleich klingendes war nicht aufzutreiben. Der neue Riemen ist dem alten genau nachgebildet, trägt aber nur noch fünf Glöcklein mit 8 cm Abstand statt vorher 6. Ein sanfter Klang zeichnet das Geläute aus.

Das Pferdegeschell. Ein ungewöhnlich heiteres Geklingel, dessen Frohmut, sooft ich es höre, mir unfehlbar eine der farbenfrohen ländlichen Schlittenfahrten in Erinnerung ruft, welche in meiner Jugendzeit die weiten Schneelandschaften meiner Heimat durchzogen. Das Geschell der in raschem Trab befindlichen Kutschenpferde warnte rechtzeitig Mensch und Tier vor dem lautlos herannahenden Gefährt. Von den 13 Rollschellen von je 32 mm Durchmesser war eine beschädigt; sie konnte durch eine 3 mm breitere, die siebente, ersetzt werden. Der ebenfalls erneuerte Riemen ist 1 m lang und 4 cm breit, die Schnalle ist wie beim Riemen des Kuhgeläutes die ursprüngliche.

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