1962

10 Jahre Kunst in Riehen

Robert Zinkernagel

1951 waren der Landgasthof und der Dorfsaal fertiggestellt und damit in unserem Dorfkern die Voraussetzung für ein Kulturzentrum geschaffen. Damals taten sich einige weitblickende und initiative Bürger zusammen, um den Dorfsaal neben den Vereinsanlässen auch seiner weiteren Bestimmung zuzuführen. Sie planten öffentliche Konzerte und Theateraufführungen zu organisieren. Es schien naheliegend, den Dorfsaal für solche kulturellen Veranstaltungen einzusetzen. Trug dies doch zu dem Bestreben unserer Behörden bei, Riehens Selbständigkeit zu erweitern und seine Eigenständigkeit zu betonen.

Bevor der Dorfsaal zur Verfügung stand, ließen sich in Riehen nur im Gasthaus zum Rößli seit dem Umbau dieses Wirtshauses im Jahre 1930 Vereinsanlässe durchführen. Vor dieser Zeit wurden die meisten Vereinsanlässe in dem 1955 abgebrochenen Gasthaus zum Ochsen an der Ecke Baselstraße/Erlensträßchen abgehalten. Auch der Verkehrsverein veranstaltete seine bei früheren Generationen so beliebten jährlichen Familienabende in diesen Gasthäusern. Mit der Entwicklung Riehens vom Bauerndorf zur modernen Wohn- und Vorortsgemeinde genügten diese Lokalitäten nicht mehr.

Seit der Dorfsaal fertig ist, lassen sich alle diejenigen Aufgaben, die einer modernen, aufgeschlossenen Gemeinde auf kulturellem Gebiete erstehen, erfüllen. Aber nicht nur die Lokalitäten, auch der Sinn für diese kulturellen Aufgaben muß vorhanden sein, um diese Seite der menschlichen Gemeinschaft pflegen zu können. Wir verdanken es dem Weitblick unserer politischen Behörden, daß wir heute in Riehen die äußeren Voraussetzungen für solche Betätigung vorfinden. Unsere Behörden haben aber nicht nur diese materiellen Möglichkeiten geschaffen, sondern die Bestrebungen, sie zu benützen, unterstützt und angeregt. Es ist daran zu erinnern, daß das Budget der Einwohnergemeinde seit Jahren einen Posten «Kunst» enthält. Daraus werden nicht nur eine Reihe Gemälde erworben oder Entwürfe für Skulpturen zum Schmuck öffentlicher Anlagen finanziert, sondern auch die «Kunst in Riehen» erhält jährlich einen namhaften Beitrag an das Defizit ihrer Organisation.

Wenn sich die «Kunst in Riehen» seit Jahren auf die Veranstaltung von Konzerten beschränkt und sich die Aufwendungen unserer Behörde regelmäßig in dieser Form der öffentlichkeit präsentieren, so sind sich Behörden und die Organisatoren der «Kunst in Riehen» bewußt, daß sie auch den anderen bildenden Künsten gegenüber Verpflichtungen haben. Die verschiedenen modernen öffentlichen Brunnen, der künstlerische Schmuck des neuen Gemeindehauses und andere Aufwendungen beweisen, daß die übrigen Kunstgebiete nach Möglichkeit beachtet werden. Auch hat die «Kunst in Riehen» einige Versuche unternommen, zu Theatergastspielen oder zu Schriftstellervorlesungen einzuladen. Diesen Bemühungen waren aus verschiedenen Gründen wenig Erfolg beschieden.

Die Idee, Konzertveranstaltungen in unserem Dorfsaal durchzuführen, ist eng mit der Person von Herrn Alfred Bossert-Matthey Doret verbunden. Herr Bossert konnte nicht nur wichtige Persönlichkeiten unseres öffentlichen Lebens für den Gedanken gewinnen, sondern er war selbst während nahezu zehn Jahren der Promotor und Mentor der inneren und äußeren Gestaltung dieser künstlerischen Veranstaltungen. Ihm gebührt das Lob und der Dank für seine Weitsicht und Initiative, auf dem kulturellen Gebiet für unsere Gemeinde während Jahren mit Begeisterung tätig gewesen zu sein. Neben Herrn Alfred Bossert sind als Gründer und Initianten der Konzertveranstaltungen die Herren Dr. Georges Ott-Heusser und Dr. Nicolas Jaquet-Dolder zu erwähnen. Der Sinn für unser Gemeinwesen gepaart mit der politischen Erfahrung der Herren Dr. Ott und Dr. Jaquet wiesen den richtigen Weg zur Verwirklichung der Konzerte im neuen Dorfsaal. Die Aufgabe der Organisation wurde dem Verkehrsverein Riehen übertragen. Damit war der «Kunst in Riehen» ein neutraler Boden gegeben und die Verbindung mit unseren Behörden gesichert, ist doch der Engere Gemeinderat von jeher namhaft im Vorstand des Verkehrsvereins vertreten. Der damalige Präsident des Verkehrsvereins, Herr Dr. N. Jaquet, übernahm die Verantwortung den Behörden gegenüber, und Herr A. Bossert organisierte die ersten Konzerte unter beträchtlichem persönlichem Einsatz während der ersten Jahre. Im Winter 1952/53 wurden die ersten erfolgreichen Abende im neuen Dorfsaal durchgeführt. Für diese Veranstaltungen hat sich der Dorfsaal glänzend bewährt. Die Akustik ist für musikalische Darbietungen derart günstig, daß seit Jahren im Dorfsaal Grammophonplatten bedeutender Gesellschaften aufgenommen werden.

Merkwürdigerweise ist die Akustik des Dorfsaales für das gesprochene Wort schlecht. Die Bemühungen der Landgasthofkommission, die Sprechakustik zu verbessern war bisher erfolglos.

Die ersten Konzertwinter wurden administrativ von Herrn Ernst Wenk betreut. Die Vielseitigkeit der Organisation zwang aber von 1954 an, eine spezielle Kommission mit weitgehender Selbständigkeit einzurichten. Die Mitglieder dieser Kommission, bestehend aus den Herren Alfred Bossert, Theo Schudel und Robert Zinkernagel, gehörten dem Vorstand des Verkehrsvereins als ordentliche Mitglieder an und waren unter sich als Subkommission des Verkehrsvereins konstituiert und dem allgemeinen Vorstand des Verkehrsvereins verantwortlich.

Die Kommission «Kunst in Riehen» wandte sich an die Basler Konzertagentur Pio Chesini mit dem Anliegen, die Organisation der einzelnen Konzerte zu übernehmen. Dieser Schritt war notwendig geworden, nachdem die Veranstaltung der Konzerte, die anfänglich ausschließlich von den Herren A. Bossert und E. Wenk durchgeführt worden war, eine untragbare Belastung geworden war. So sind die Konzerte der Jahre 1955—1958 von der erwähnten Konzertagentur eingerichtet worden. Die ständig mehr defizitären Abschlüsse der Konzertsaisons zwangen die Organisatoren, Mittel und Wege zu suchen, das Unternehmen aus eigener Kraft zu erhalten, um die Subvention der Gemeinde rechtfertigen zu können. Es war im wesentlichen der Tatkraft und dem Organisationstalent des Herrn Theo Schudel zu verdanken, daß es gelang, die Organisation der Konzerte in eigener Regie durchzuführen.

Bisher war viel von dem rein Organisatorischen die Rede. Dem Kunstliebhaber mag dies unwichtig erscheinen. In der Tat war die gute Organisation die Voraussetzung für das Gelingen der Veranstaltungen während der letzten Jahre. Da die «Kunst in Riehen» mit der Saison 1961/62 das zehnte Jahr ihres Bestehens abgeschlossen hat, ist ein Rückblick auf diese speziellen Bemühungen des Verkehrsvereins auf kulturellem Gebiet gerechtfertigt.

Es ist oft im Schöße der Kommission und im Vorstand des Verkehrsvereins über die Bedürfnisfrage dieser Konzerte diskutiert worden. Stützt man sich auf den finanziellen Erfolg, d. h. auf den Zuspruch, den die Riehener Konzerte bei unserer Einwohnerschaft gefunden haben, und zieht man die in der nahen Stadt gebotenen Veranstaltungen in Betracht, so ist es verständlich, daß die Veranstalter Mut und Ausdauer aufbringen mußten, um diese Konzerte durchzuführen. Verschiedentlich ist neben dem Lob auch die Kritik laut geworden, die die Konzerte im Dorfsaal in Riehen als eine überschätzung der eigenen Kräfte bezeichnet. Man empfand es als unnötig, in Riehen hohe Kunst zu pflegen und es nicht bei der in vielen Vereinen gepflegten Volkskunst zu belassen. Warum sollte in Riehen der Kunst ein Staatstribut geleistet werden, wo ihr in der Stadt Basel so viele Beiträge zufließen? Daß wir Politik treiben, daß wir uns mit Verkehrstechnik befassen, daß wir den Sport fördern und die wirtschaftlichen Interessen unserer Mitbürger vertreten, wird als eine Selbstverständlichkeit unserer politischen Behörden betrachtet. Vor der Kunst wird aber in vielen Kreisen Halt gemacht. Und doch ist Kunst eine der markantesten menschlichen äußerungsformen. Im Kunstwerk konzentrieren sich ästhetisches, rhythmisches und harmonisches Empfinden und Können des schaffenden Menschen, und es regt das entsprechende Empfinden beim betrachtenden Mitmenschen an. Der künstlerische Ausdruck gehört wahrscheinlich seit der Existenz des Menschen zu seiner Ausdrucksform und ist mit dem geistigen, religiösen und manuellen Schaffen der Menschheit innig verquickt.

Man kann die Veranstaltungen der «Kunst in Riehen» mit der Begründung ablehnen, daß wir in Riehen keine organisierte Kunst nötig hätten. Dem ist aber die Tatsache entgegenzuhalten, daß heutzutage die künstlerische Entwicklung ohne die Beihilfe der öffentlichkeit verkümmern muß; die Mäzene sterben aus und das Künstlertum kann unter dem Druck der Not nicht entstehen und wachsen. So wollen wir auch an dieser Stelle denjenigen in unseren Behörden herzlich danken, die in unserer Gemeinde die Kunst zum Ausdruck kommen lassen; auch die «Kunst in Riehen» wäre ohne dieses öffentliche Wohlwollen schon lange in den finanziellen Nöten untergegangen.

Herr Joseph Bopp hat sich während der verflossenen zehn Jahre in besonderer Weise um das musikalische Programm unserer Riehener Anlässe bemüht. Er war stets bestrebt, das Niveau der Veranstaltungen zu heben. Und wenn es dieser starken Künstlerpersönlichkeit nicht immer gelungen ist, seine Vorschläge in der Kommission durchzusetzen, so waren es im wesentlichen die finanziellen Mittel, die den Plänen Schranken auferlegt haben. Wir sind diesem hervorragenden Künstler für sein freundschaftliches Interesse, das er trotz seiner weiten Verpflichtungen Riehen entgegengebracht hat und weiterhin entgegenbringt, zu Dank verpflichtet.

Während der ersten zehn Jahre «Kunst in Riehen» wurden in den Konzerten im Dorfsaal bis in den Winter 1957/58 mehrere weltbekannte Solisten nach Riehen eingeladen, z. B. die Sopranistinnen Elisabeth Schwartzkopf und Carmen Prietto, der Geiger Joseph Szigeti, der Flötist Jean-Pierre Rampal, der Cellist Paul Tortelier u. a. m. Von 1958 an wurde versucht, die Künstler unserer näheren Umgebung nach Riehen zu bitten. Es ist keine Saison verflossen, in der nicht Joseph Bopp mit dem Orchester der Basler Mozart-Gemeinde in Riehen konzertiert hätte. Joseph Bopps Auftreten im Dorfsaal gehört nicht nur zu den immer wieder begrüßten Ereignissen der Riehener Konzertveranstaltungen; seine Konzerte gehören auch zu den künstlerischen Höhepunkten. Mit seinem Orchester hat er auch namhafte Künstler nach Riehen gebracht. Hier seien nur die Sopranistin Maria Stader und der Basler Pianist Peter Zeugin genannt.

Den Riehener Veranstaltungen sind bezüglich Raum und Mittel Grenzen gesetzt. Daher ist es verständlich, daß die Konzerte mehr der Kammermusik als dem Orchesterkonzert gewidmet waren. So haben seit 1958 folgende Ensembles und Solisten in Riehen konzertiert: Das Basler Collegium Musicum, das Vegh-Quartett, das Strauss-Quartett, das Brenner-Quartett, das Manoliu-Quartett, das Basler Streichorchester, das Solistenensemble der Schola Cantorum Basiliensis, die Bläservereinigung der Basler Orchester-Gesellschaft, das Schneeberger-Trio, der kleine Chor des Basler Gesangvereins, der Lehrergesangverein Baselland, die Solisten Peter Zeugin, Paul Baumgartner, Joseph Bopp mit dem Pianisten Charles Dobler, der Geiger Hans Heinz Schneeberger und die Pianistin Rosemarie Stucki, um nur die wichtigsten zu nennen.

Wir wollen uns der Erwartung hingeben, daß die «Kunst in Riehen» weiterhin das Verständnis unserer Behörden und die Gefolgschaft der Riehener Einwohner finde; hoffen wir, daß wir immer wieder auf Mitarbeiter zählen dürfen, die den Mut und den Enthusiasmus mitbringen, diese Veranstaltungen durchzuführen.

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