1961

Unsere heimatliche Landschaft

Ernst Erzinger

Der Mensch liebt es, das Formenbild der ihm vertrauten Landschaft als etwas Bestehendes und Unveränderliches zu betrachten. Bergformen und Geländelinien sind ihm in seiner sich ungeheuer rasch wandelnden Zeit zum Inbegriff des Festen, Bleibenden geworden. Mit menschlichen Maßstäben gemessen, mag diese Art der Betrachtung ihre Berechtigung haben. Gerne hören wir das wundervolle Lied Hermann Suters von den ewigen Bergen. In Wirklichkeit sind jedoch selbst die Landschaftsformen höchst wandelbare Gebilde. Sogar die stolzen und markanten Gestalten unserer Gebirge sind im Wechselspiel der unermesslichen Naturgewalten nur vergängliche und sich stets wandelnde Formen, die schließlich durch die abtragenden Kräfte der Verwitterung und der Erosion fast ganz verschwinden werden. Auch das Bild unserer Heimat hat sich im Laufe der erdgeschichtlichen Epochen stark gewandelt. Der Tüllingerberg und die von St. Chrischona ins Wiesental abfallenden Hänge müssen in früheren Zeiten der Erdgeschichte von anderer Gestalt gewesen sein, und sie werden in ferner Zukunft wieder neue Formen annehmen. Ja, es läßt sich sogar beweisen, daß sich die Ausformung unseres Talraumes aus dem Felsenkörper der Erdrinde vor verhältnismäßig kurzer Zeit vollzog. Die erdgeschichtliche Betrachtung gibt uns Aufschluß über den Formungsvorgang und hilft uns, die natürlichen Erscheinungen in der modernen Landschaft zu verstehen.

Gestaltende Kräfte
Das Meer Auch für den Kenner und Fachmann ist es nicht leicht, sich vorzustellen, daß da, wo wir heute unsere festen Wohnsitze, Gärten, Wiesen und Felder haben, wo Dörfer und Städte sich ausbreiten, einst die Wassermassen des Weltmeeres ruhten. Aber die Betrachtung der im Gelände anstehenden Gesteine mit der darin eingeschlossenen fossilen Tierwelt läßt keine andern Schlüsse zu. Der Muschelkalk, den wir am Grenzacherhorn in Steinbrüchen aufgeschlossen sehen und der das ganze Dinkelberggebiet zur Hauptsache aufbaut, besteht aus den Absätzen eines Flachmeeres, in dessen Lagunen das Salzwasser unter der Wirkung eines warmen Klimas verdunstete und Gips und Salz ausgeschieden wurden. Es war nicht nur ein einmaliges Einbrechen des Ozeanes, sondern als Folge von bedeutenden Niveauschwankungen der Erdkruste ein wiederholtes Kommen und Zurückweichen des Küstenbereiches. Nachdem rund 200 Meter mächtige Schichten des Muschelkalkes abgelagert worden waren — es mögen seither schätzungsweise 200 Millionen Jahre verstrichen sein —, bildete das Jurameer nach einer festländischen Zwischenpause die ebenso mächtigen Felsen der Jurakalke mit tonigen Zwischenlagerungen.

Nach den Zeiten des Absinkens mußten doch wieder intensive Hebungen eingetreten sein, so daß die marin gebildeten Gesteine wieder der Zerstörung ausgesetzt wurden. Wir müssen annehmen, daß die Schichten des Jurakalkes in den darauffolgenden langen Zeiträumen wieder abgetragen wurden. Heute noch können wir feststellen, wie dieses Werk der Zerstörung in eigenartiger Weise vor sich geht. Wie alle kalkigen Sedimente, so ist auch der Muschelkalk mechanisch nur schwer angreifbar. Dagegen ist dieses Gestein gegenüber der mit dem Sickerwasser ins Erdreich eindringenden Kohlensäure wenig widerstandsfähig und läßt sich leicht auflösen und zersetzen. Demzufolge bilden sich im Untergrund in zunehmendem Maße Hohlräume, in denen das Oberflächenwasser verschwindet. Die Dinkelberghochfläche ist arm an Bächen, aber reich an unterirdischen Wasserläufen und Höhlen, die gelegentlich einstürzen und dann an der Oberfläche Einsturztrichter und Wannen bilden. Wer hätte nicht schon von der Höhle bei Hasel, von dem geheimnisvollen See bei Eiken gehört, der zeitweise erscheint und wieder verschwindet, wenn der Wasserstand in den unterirdischen Räumen absinkt! Einen sehr großen Trichter beobachtet man in der Nähe des benachbarten Rührberg. Aber auch im Banne Riehen gibt es in unmittelbarer Nähe von St. Chrischona Stellen, wo das Wasser in Löchern verschwindet und sich solche Trichter oder Dolinen gebildet haben.

Tiefenkräfte der Erdkruste
Es liegt nahe anzunehmen, daß auch die Hochflächen jenseits der Wiese, also im Gebiete des Tüllingerberges, von derselben Art wären, und daß diese merkwürdigen Erscheinungen der «Verkarstung» auch dort beobachtet werden könnten. Dies ist aber nicht so. Riehen liegt nicht nur an einer politischen Grenze, es befindet sich auch auf dem Grenzstreifen zweier verschiedener Landschaften. Diese Landschaftsgrenze zieht sich zum Teil sichtbar, zum Teil verdeckt vom Hornfelsen dem Talhang entlang, überquert bei Lörrach das Wiesental und wird am Schloßfelsen der Burg Rötteln wieder sichtbar und verläuft dann über Kandern gegen Badenweiler, wo sie den Granitblock des Schwarzwaldes von der Grabenscholle des Rheintales trennt. Längs dieser Linie ist die Landschaft, die man als Oberrheinische Ebene bezeichnet, gegenüber der Dinkelbergplatte und der noch höher liegenden Scholle des Schwarzwaldes abgesunken. Die Gesteinsschichten des Muschelkalkes biegen hier aus der tafelartigen Lagerung in steilem Winkel ab und streichen in einer Tiefe von sicher mehr als 1000 Metern unter der Rheinebene hindurch. Natürlich drang nun das Meer in diesen zwischen Schwarzwald und Vogesen absinkenden Trog wieder ein und füllte ihn mit jenen blauen Tonen und sandigen Bildungen auf, die wir in den Gruben von Allschwil so schön aufgeschlossen sehen. Die Abdrücke von kleinen Meerfischlein, in Sand eingelagerte Blätter von Weiden und Zimtbäumen, Haifischzähne und andere Zeugen dieses «Rheintalmeeres» deuten darauf hin, daß es sich bei den «Blauen Letten» um Absätze des jüngsten Zeitabschnittes der Erdgeschichte handelt (Tertiärzeit). Man schätzt das Alter dieser Bildungen, an deren Basis übrigens bei Mülhausen die Kalisalze gefunden werden, auf 20 Millionen Jahre. Die Blauen Letten bilden, von Rheinschottern überdeckt, die Unterlage der Stadt Basel. Sie ziehen auch in unsere Gemeinde hinein und tragen unter den Schottern den Grundwasserspiegel der Wiese. Allmählich verwandelte sich das Meer in dem großen Graben zwischen Vogesen und Schwarzwald in einen von Flußwasser aufgefüllten See. über den Blauen Letten wurden nun Kalk mit Süßwasserschnecken und Zwischenschichten mit wasserundurchlässigen Tonen abgesetzt. Nachdem diese Ablagerungen der Tertiärzeit (Oligocaen) wieder Festland geworden waren, wurden in der Umgebung Basels die obersten Schichten der Süßwasserbildungen wieder abgetragen. Am Tüllingerberg jedoch blieben sie davon verschont. Die Tonschichten bilden dort Quellhorizonte. Die Wasseraustritte am Berghang längs der Wiese verursachen Schlipfe und Rutschungen. Die Kalkpakete bilden über den Schichtterrassen steile Böschungen. So ist also das Material, aus dem der Berg von Tüllingen aufgebaut ist, jungen Datums.

Am gegenüberliegenden Talhang, im Gebiete der großen Abbiegung (Flexur), hat die Wiese in ihrem Tiefenschurf die steil gestellten Schichten angeschnitten. Dadurch wurden auch die unter und über den Muschelkalkschichten liegenden Gesteinshorizonte freigelegt. So konnte am Talhang des Aubaches gegen Inzlingen der rote Buntsandstein als ältestes Sediment unserer Gegend aufgeschlossen werden. Da sich diese Schichten als Bausteine bewährten, entstanden am Steinbühlweg und am Westhang des Maienbühls große Sandsteinbrüche, die das Material für den Bau des Münsters und anderer Bauwerke lieferten. In Riehen stammen die Fensterrahmen, welche die alten Häuser durch ihre rote Farbe zieren, aus dieser Gegend. Heute sind diese Gruben allerdings aufgegeben. Sie werden mit Abraum zugeschüttet, was verhütet werden sollte, weil diese Aufschlüsse sehenswert sind und in ihrem feuchten Grunde interessante Pflanzen und Tiere beherbergen. Das Wirken dieser energiestarken Kräfte der Erdkruste macht uns die merkwürdige Tatsache verständlich, daß auf dem rechten Talhang der Wiese die jüngsten Formationen, auf dem linken jedoch die ältesten Gesteine unserer Gegend anstehen.

Das fließende Wasser
Bei Niederwasser führt die Wiese 2 m3/sek., der Rhein 200 m3/sek. Die mittleren Abflußmengen für den Rhein betragen 1028, für die Wiese 15 m3/sek. überaus groß sind die Abflußmengen bei Hochwasser. Sie betragen 5700 für den Rhein und 400 m3/sek. für die Wiese. Diese Zahlen zeigen, daß die Wiese in Trockenzeiten den hundertsten, bei Mittelwasser jedoch den achtundsechzigsten Teil der Abflussmenge des Rheines mit sich führt. Für die gestaltende Kraft des Wassers sind aber die großen Regenzeiten wichtig, denn bei Hochwasser ist die Erosionsleistung erstaunlich viel höher als sonst. In solchen Zeiten wälzt die Wiese den vierzehnten Teil des Abflusses des Rheines talwärts. Daraus schließen wir, daß auch die Wiese in den entscheidenden Phasen der Erosionsleistung eine ganz enorme Kraft entfalten kann und damit gar nicht mehr so weit hinter dem Rheine zurücksteht.

Beide Flüsse sind an der Gestaltung unserer Landformen in der Gemeinde Riehen beteiligt, der Rhein viel stärker als man dies auf Grund des Uferanteiles unseres Bannes annehmen könnte. Welcher Fluß ist der ältere? Eine komische und doch berechtigte Frage. Denn selbst ein Fluß hat eine Lebenszeit, während der er wirkt und existiert Versuchen wir zu prüfen, in welchem zeitlichen Verhältnis Rhein und Wiese zueinander stehen. Eine merkwürdige Erscheinung deutet darauf hin, daß die Wiese schon lange vor dem Rhein südwärts geflossen ist und eine Abdachung entwässerte, die sich von den Höhen eines damals wohl noch wenig tief durchtalten Schwarzwaldes in jene Gegend absenkte, in der dann kurz vor der Eiszeit die Ketten und Tafeln des Juragebirges aufgebaut wurden. Da findet man nämlich auf der Kastelhöhe unweit von Grellingen grobe Gerolle, die ihrer Herkunft nach aus dem Wiesental stammen müssen. Diese Gerölle aus dem Buntsandstein können weder von der Birs abgelagert worden sein, noch von einer Wiese, die vom Rheine aufgenommen wurde. Die Gesteinsplatte, auf der die kristallinen Gerölle aus dem Buntsandstein aufgeschüttet wurden, mußten früher Bestandteil einer Abdachung gewesen sein, die vom Schwarzwald und auch von den Vogesen her gegen das schweizerische Mittelland und zur Donau entwässert wurde. Wenn auch die Altersfrage dieser sogenannten «Wanderblöcke» auf der Kastelhöhe etwas umstritten ist, so haben wir doch Anhaltspunkte, um sagen zu können, daß diese uns merkwürdig berührenden Landschaftsverhältnisse gegen das Ende der Tertiärzeit zur Wirklichkeit geworden waren. Im östlichen Jura unweit des Bözberges finden wir in der Juranagelfluh die kristallinen Geschiebe aus dem Schwarzwald im Schichtverbande auf den Kalktafeln liegen. Die Vogesenflüsse, die heute teilweise zur Rhone, teilweise zum Rhein entwässern, schwemmten ebenfalls in einem späten Abschnitt der Tertiärzeit große Massen von Sanden und Gerollen kristallinen Ursprungs in den Jura hinein, der damals entweder eingeebnet war oder überhaupt nicht aufgefaltet sein konnte. Die Tierwelt dieser Epoche ist bekannt und hochinteressant. Fossilien in den Vogesensanden der Ajoie deuten auf das Vorkommen des Schreckenstieres hin, einer elefantenartigen Tiergestalt mit mächtigen Zähnen am Unterkiefer. Elefanten mit vier Stoßzähnen mußten in unserer Gegend gelebt haben, wie auch zierliche wilde Pferde, deren Hufe noch nicht voll entwickelt waren, deren Füsse vielmehr noch drei Zehen besaßen. Es war die Zeit, die einer letzten starken Faltung des Juragebirges und dann auch der nachfolgenden Eiszeit vorausging.

Gewaltige und folgenschwere tektonische Ereignisse müssen daraufhin zu einer weitgehenden Umbildung des geschilderten Gewässernetzes geführt haben. Eine mächtige Belebung der Erosion war ausgelöst worden, die nun zu einem verhältnismäßig raschen Eintiefen der Flüsse in die Gesteinsmassen führte. Die Kalkschichten der untern Teile der großen Abdachung bäumten sich auf und wurden zu Gewölben und hochliegenden Tafelbergen geformt. Im Gebiete des Rheintalgrabens kam es zu neuen Absenkungen, so daß ein großer Teil der Flüsse mit dem alpinen Rhein in diese Niederung hineingezogen wurde. Gleichzeitig verschlechterte sich das Klima. Die Alpentäler füllten sich mit Eismassen, die zur Zeit der größten Ausdehnung den Jura überbordeten, die Ausmündung des Ergolztales fast erreichten und im Rheintal in der Gegend des heutigen Möhlin abschmolzen. Die Wiese empfing ihren Impuls zum Eintiefen vom Rheine her. Wie die andern Zuflüsse tat sie das in einem eigenartigen Rhythmus von Tiefenschurf und Seitenerosion. In einer ersten Phase der angebrochenen Eiszeit räumte sie den Talzug bis auf das Niveau der Bischoffshöhe, der Mohrhalde und der Wenkenterrasse aus. In einer weiteren scharfen Belebung der Erosion vermochte sich der Fluß bis in die Tiefe der heutigen Wiesenniederung zu graben. Diese Eintiefungsphasen waren unterbrochen durch Aufschüttungsvorgänge. Die ausgeräumten Taltröge wurden in großer Breite und Tiefe wieder mit Gerollen aufgefüllt. In diese Schotterböden grub sich der Fluß dann abermals ein und schwemmte einen großen Teil der vorher abgesetzten Ausfüllung wieder fort. So entstanden als Reste der alten Talböden die Terrassen, die in der Anlage der spätem Kulturlandschaft von großer Bedeutung waren. Reste der alten hoch am Talhang hinaufreichenden Auffüllung finden wir heute noch am Horngraben. Bei den Erweiterungsarbeiten des Hörnlifriedhofes im «Finstern Boden» wurde diese Terrasse von zu Nagelfluh verkitteten Schottern auf breiter Front aufgeschlossen. Diese «Nagelfluh» bildet die Hangstütze unter dem Schellenberg, sie dürfte am Moosrain und auch bei der Bischoffshöhe anstehend sein. In der gegen den Rhein zu gelegenen Hangzone setzen sich die Gesteine aus alpinen Gerollen zusammen, während talaufwärts gegen Stetten das Material einheitlich aus Schwarzwaldkristallin besteht. Der Rhein mußte also in der mittleren Phase der Eiszeit um den Hornfelsen herum geflossen und dann erst weiter nördlich gegen den Hang des Tüllingerhügels abgeschwenkt sein. Die Schotterauffüllung der letzten Phase der Eiszeit füllte den Taltrog des Rheines in seiner ganzen Breite auf 280 m ü.M. Nach der Eiszeit räumten Wiese und Rhein diese Auffüllung bis 270 m ü.M. wieder teilweise aus. Wie mit dem Spaten gestochen, bildeten die Flüsse beim Eintiefen Geländekanten. Der Abfall dieser Stufe auf die Wiesenniederung ist an vielen Stellen scharf geformt, z.B. beim Pfaffenloh, beim Sonnenbühl an der öffnung des Bahndurchstiches oder an der Morystraße.

Wer etwas Phantasie besitzt, wird am Terrassenrande in der Böschung, die steil ins Schwemmland der Wiese abfällt, das alte, vom Fluß unterspülte Ufer erkennen, obwohl der Wasserlauf sein Bett schon lange anderswohin verlegt hat. Vom Berghang des Hörnli zieht dieser Stufenabfall durch den Friedhof und setzt sich über der Rainallee in einem prächtigen Bogen fort, springt in Richtung Niederholz gegen die Talmitte vor und flacht sich dann auf einem Sporn ab. Die Baselstraße benützt diesen Abstieg, um von der Dorfstraße sachte aufs einstige Schwemmland in der Richtung Eglisee abzusteigen. Talaufwärts setzt der Stufenabfall wieder ein und ist bei der katholischen Kirche besonders gut ausgebildet. Im Bereiche des alten Dorfes ist diese Terrassenkante durch die Anschwemmungen der Seitenbäche etwas verwischt. Eine ähnliche Stufe ist auch auf der rechten Seite der Wiese klar und weit entwickelt und trägt dort das alte Dorf Weil. Die neuen Quartiere markieren mit ihren weithin leuchtenden Häuserfronten den Stufenabfall. Die Terrassenkanten laufen jenseits der Wiese vom Schlipf aus parallel zum kanalisierten Flusse. Beim «Sohl» biegt die Stufe in rechtem Winkel um, wird von der großen Geleiseanlage bei Leopoldshöhe durchschnitten und setzt sich dem Rheine entlang talabwärts fort. Eindeutig gibt sich diese Geländestufe westlich von Haltingen als altes Rheinufer zu erkennen. Auch im Gebiete der Gemeinde Riehen wurde diese Böschung, die längs der Rainallee zum Sonnenbühl zu einem großartigen Prallhang ausgebildet ist, vom Rheinstrom bearbeitet. Die Wiese mündete zwischen Niederholz und Sohl. Dementsprechend dürften die neuen Quartiere im Gebiete des Niederholzes auf Rheinschottern aufgebaut sein. So haben also beide Gewässer, Rhein und Wiese, das Formenwerk der heimatlichen Landschaft gestaltet.

Der Wind
Wer hätte auf Spaziergängen über die Terrassen unseres Dorfes nicht schon beobachtet, wie tiefgründig das Gelände mit einer Schicht gelbbrauner Erde überdeckt ist! Bei der regen Bautätigkeit, die mehr und mehr auch im Gebiete der Hangzonen bis zum Waldrand ausgeübt wird, tritt klar zutage, daß es sich hier nicht bloß um eine Verwitterungsschicht handelt. Diese geröllfreien Schichten sind derart mächtig, daß auf den Anhöhen gegen Außerberg - Wenken - Moosrain - Lichsen Bischoffshöhe die anstehende Felsunterlage, sei es nun Muschelkalk oder Schotter, gar nicht mehr angetroffen wird. Das Material läßt sich in trockenem Zustand zu feinem Staub zerreiben und leicht aus der Hand wegblasen. Die Korngröße der Partikelchen beträgt kaum mehr als einige Hundertstelmillimeter. Da alle wichtigen Mineralien, vor allem Kalk und Silikate, in dieser Erde enthalten sind, erweist sich dieser Boden als sehr fruchtbar. Dazu nimmt er große Mengen an Sickerwasser in sich auf, und in trockenen Zeiten steigt das Wasser durch die feinen Poren kapillar wieder in die Wurzelregion der Vegetationsdecke auf. Die ersten Besiedler unseres Landes waren keine Geologen. Aber mit feinem Spürsinn haben sie die großen Vorzüge dieser Böden für den Ackerbau erkannt, den Wald auf diesen Terrassenflächen auf die felsigen Zonen der höhern Hangpartien zurückgedrängt und darauf die Zeigen des Dreifeldersystems angelegt. Gelegentlich findet man in den 10 bis 20 Meter mächtigen Schichten, die als Löß bezeichnet werden, Knochen und Zähne von Mammut, Pferd und Bison. Der Umstand, daß der Löß — in Riehen heißt er auch Lichsen — ungleichmäßig abgesetzt ist und am Berghang in verschiedenen Höhenzonen einsetzt, schließt die Ablagerung in einem Meere aus. Wäre die Lößdecke ein Werk des fließenden Wassers, so müßten darin gerollte Gesteine vorkommen. Die Naturforscher fanden für die Entstehung dieses Lößes nur eine Deutung: er ist das Werk des Windes. Aber woher stammen die gewaltigen Massen von Staub, die im Bereiche der ganzen Oberrheinischen Tiefebene ausschließlich über den höheren Terrassen nach der Art der Schneeverwehungen abgesetzt wurden? Die Fossilien sprechen eindeutig für eine eiszeitliche Ablagerung.

Wir müssen uns vorstellen, daß zur Zeit der weitesten Ausdehnung der Gletscher ein großer Teil der ganzen Schweiz unter dem Eise begraben lag. Noch viel ausgeprägter als heute mußten damals die sommerlichen Hochwasser, die durch die Schmelzwasser bereichert waren, den Rhein zum Anschwellen gebracht haben. In einem ungeheuer stark verwilderten und in viele Arme aufgelösten Entwässerungssystem wälzten der Strom und die Wiese die trübe Gletschermilch über die ganze Breite der Talsohle dahin. In den langen Wintermonaten wehten dann die Stürme den abgesetzten feinen Schlamm der weithin ausgetrockneten Flußniederung auf und verbreiteten ihn auf den umliegenden Höhen. Die Seitenbäche, die gegen das Ende der Eiszeit die Täler, in denen Inzlingen, das Moos und Bettingen heute liegen, ausgeräumt hatten, unterteilten die längs des Wiesentales geformte Hochterrasse in die uns bekannten und schon oft genannten Sporne: Bischoffshöhe, Moosrain, Mohrhalde und Wenken. Aus diesen Zonen schwemmten sie auch beträchtliche Massen von Löß auf die untere Stufe, auf der das Dorf Riehen entstanden ist. Darum finden wir überall auf den Schotterlagern der Dorfterrasse ziemlich mächtige Schichten von verschwemmtem Löß. In den Baugruben längs des Schellenbergs, im Gebiete der Grenzacherstraße und überall dort, wo ein Bächlein über diese Terrasse rinnt, liegt ein tiefgründiger Boden. Das Sickerwasser löst auf seinem Wege durch die Schichten den Kalk, nimmt ihn mit in die Tiefe und lagert ihn dort in Form von Kongressionen wieder ab. Deshalb findet man in einer gewissen Tiefe der Lößablagerungen die merkwürdigen Formen der Lößpuppen. Entkalkter Löß büßt die Eigenschaft der Wasserdurchlässigkeit ein und wird zu Lehm. Der Lößlehm bildet schwere, für die Landwirtschaft etwas weniger günstige Böden, wird aber in den Ziegeleien zur Herstellung von Backsteinen verwendet. Auf dem Talhang der Wiese ob Stetten befindet sich eine Ziegelei, und auch in Riehen sind in früheren Zeiten Ziegel gebrannt worden.

Der Mensch Winde und Stürme, Flüsse und auch das unendliche Meer waren am Aufbau des heimatlichen Formenwerkes beteiligt. Zu den gestaltenden Kräften gehörte aber auch der Mensch, der in das Werk der Schöpfung eingriff und die Naturlandschaft in eine Kulturlandschaft umformte.

Auf der Talsohle der Wiese bestand bis vor wenigen Jahrzehnten ein wildes Schwemmland, in dem das Gewässer, in mehrere Arme aufgelöst, seinen Lauf immer wieder änderte. Reiche Fischzüge brachten den Dorfbewohnern damals große Beute. Auf den kärglich bewachsenen Sandbänken weideten die Schafe. Während Jahrhunderten transportierten die Flößer das Holz aus dem Schwarzwald auf der Wiese zum Rhein hinunter. In Seitenkanälen wurde das Wasser am Rande der Dörfer Weil und Riehen vorbeigeführt und in Mühlen genutzt. Die Dorffrauen schleppten ihre Wäsche zum Mühlenteich und reinigten sie dort in einem besonders für sie hergerichteten Schuppen. Gegenüber den kalkhaltigen Gewässern des Dinkelberggebietes hatte das Wiesenwasser den Vorzug großer Weichheit. Diese Eigenschaft wirkte sich entscheidend für die spätere Gestaltung der Wiesenniederung aus. Dieses vorzügliche Grundwasser wurde für Basels Trinkwasserversorgung reserviert. Die Auenlandschaft, die wahrscheinlich überbaut worden wäre, wandelte man zur Schutz- und Erholungszone um.

Die erste Stufe, die sich in geringer Höhe über der Wiesenniederung ausbreitet, wurde zum Hauptsiedlungsraum. Der alte Dorfkern entstand dort in unmittelbarer Nähe des fließenden Wassers, aber doch in hochwassersicherer Lage. Auf dem tiefgründigen Boden wurden Bünten, weite Rebgärten und auch eine Zeige angelegt. Erst in neuerer Zeit begann der Mensch, die aussichtsreichen Terrassenränder zu besiedeln, und wandelte dieses Gebiet in eine Gartenstadt um. Hoch über dieser Dorfterrasse fanden die rodenden Siedler einst die fruchtbaren Lößflächen. Diese Hochterrasse, die in der Bischoffshöhe, dem Moosrain, der Mohrhalde und dem Schellenberg klar erhalten ist, eignete sich ganz besonders für den Anbau des unentbehrlichen Getreides. Noch heute erkennen wir in den Flurnamen «Oberes und mittleres Feld» die Zeigen des Dreifeldersystemes. An den steilen Hängen des Dinkelberges blieb auf dem felsigen Boden des Muschelkalkes Raum für den Wald. Dieser mußte den Holzbedarf der Gemeindebürger decken und diente auch dem Weidgang des Viehs. Im Rutschgebiet des Schlipfes auf dem gegenüberliegenden Talhang,welcher der Sonnenbestrahlung stark ausgesetzt ist, lohnte es sich, den Weinbau zu pflegen. So erweist sich das bunte Bild der alten Kulturlandschaft als wohlgeordnetes Gefüge, in dem die Gesetze, welche die Natur dem Menschen aufdrängt, deutlich erkennbar sind. Was für ein herrliches Bild der vielseitigen und weiten Landnutzung bietet der Anblick des Gemeindebannes von Riehen dem prüfenden Auge! Möge es dem planenden Geiste gelingen, auch im modernen Siedlungsgefüge etwas von der Harmonie und der Ordnung, die in der untergehenden bäuerlichen Kulturlandschaft zum Ausdruck kommt, zu erhalten.

^ nach oben